Der große Pan ist tot

Abstract / DOI

«The great god Pan is dead»: A Lecture on Poetics and Religion. In this lecture the Swiss author Thomas Hürlimann offers insight into his experience as a pupil of a Catholic convent school, where he not only received a Catholic education but also had a first contact with atheism and fundamental doubts. His later studies and his life in Berlin led him to a critique of a modern society which has discarded metaphysics.

Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann hat im Rahmen der Wiener Poetikdozentur«Literatur und Religion» am 31. Mai 2016 einen autobiographisch gefärbten Vortrag gehalten, den wir hier dokumentieren. Seine Erfahrungen – zunächst der Bruch des Einsiedler Klosterschülers mit der katholischen Herkunftswelt, dann die immer lauter werdenden Zweifel des Westberliner Studenten an einem Atheismus, der die metaphysischen Antennen eingefahren hat, schließlich die Begegnung in Berlin Kreuzberg mit einem ferngesteuerten Islam, der den Alltag seiner Anhänger immer stärker durchreguliert, bei gleichzeitig spürbarem Einflussverlust des Christentums – diese Erfahrungen und Wahrnehmungen zeigen wie in einem Brennglas gesellschaftliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Kann der Ruf «Der große Pan ist tot» heute auf das westeuropäische Christentum bezogen werden?

Am Altar brannten die Kerzen gelbe Kleckse ins Dunkel, dann flammte in der Apsis die Rosette auf und legte über den eisigen Chorboden einen rötlichen Schimmer. Die schwarz bemalten Bänke bekamen einen narbigen Glanz. Engelsflügel und Marmorbeine wurden lebendig, Gold leuchtete auf, Perlen blinkten, grünblaue und rotgelbe Lichtflüsse stürzten aus gotischen Fenstern ins Innere, und das Kirchenschiff, ein Schiff aus Stein, legte ab. Es war der schönste Raum der Welt, denn hier kniete der Knabe neben seiner Mutter, die ein weißes Hütchen trug, wie eine Pillenschachtel, und die betenden Lippen hinter einem Schleierchen verbarg.

Die Mutter lehrte den Knaben reden und beten. Er glaubte ihr aufs Wort. Wenn sie sagte, auch die Kirche sei eine Mutter, erst noch eine heilige Mutter, war das keine unverständliche Behauptung, sondern eine Verheißung voller Geheimnisse und heiliger Worte: Kyrie eleison, Christe eleison, et cum spiritu tuo. Das Parfüm der heiligen Mutter, die Mixtur aus Weihrauch, heißem Kerzenwachs und blühenden Blumen, roch der Knabe sogar lieber als das Chanel der richtigen Mutter. Und wer trug in diesem Raum, der auch an einem Wintermorgen einen Sommerzauber entfaltete, die prächtigsten Gewänder? Nicht sie, die ihre Kostüme in Luzern kaufte, bei einer berühmten Modistin, sondern der Priester am Altar.

Bald war der Knabe zu groß, um wie früher neben der Mutter zu knien. Betraten sie das Schiff, musste sie nach links gehen, auf die Frauenseite, er nach rechts, zu den Männern. Der Priester nahm am Altar die Mitte ein. Zwischen den beiden Bankreihen, zwischen den beiden Geschlechtern, war er ein Mann im Rock, Mann und Frau zugleich, also etwas Drittes, Schwebendes, von den Stufen Erhöhtes, der im Namen der versammelten Gemeinde zu Gott sprach: Hochwürden Stocklin, der Herr Pfarrhelfer.

Hochwürden Stocklin lehrte uns im Religionsunterricht, wie man zu beichten habe. Nachdem er das Verfahren und den Sündenkatalog erklärt hatte, sollte sich einer melden und vor der Klasse probehalber eine Beichte ablegen. Ich meldete mich, und da es ja nur eine Probe war, keineswegs der Ernstfall, fabulierte ich ein buntes Sündenregister zusammen. Als ich bekannte: Ich habe insgesamt dreimal die Frau Malermeister Bertschi begehrt, brannte Hochwürden Stocklin die Sicherung durch. Er zerrte mich an den Haaren, bis ich blutete. Heulend bin ich zu meiner Mutter gerannt, aber als tapferer Bub präsentierte man seine Wunden mit einem gewissen Stolz, und niemandem wäre es damals in den Sinn gekommen, Stocklins Jähzorn mit dem Zölibat oder sexuellen Frustrationen zu erklären. Vor fünfzig Jahren war es selbstverständlich, dass Hochwürden Stocklin am Altar ein anderer war, ein Herr der Wandlung, der aus Wein Blut, aus Brot den Leib machte. Als Wandler wandelte er über uns, auch über der eigenen Sündhaftigkeit, und es war der Wandler, nicht der Jähzornige, der am Altar die Hand zum Segen hob. Ite missa est. Deo gratias.

Mit elfeinhalb Jahren wurde ich Zögling der Stiftsschule Einsiedeln. Wir trugen bodenlange Kutten, die wir von Vorgängern übernahmen, und bildeten, nach Größe geordnet, ein namenloses Carrée. Wir waren Glieder eines Massenkörpers und sollten in der Wiederholung des stets gleichen Tages einen Vorschein der Ewigkeit erfahren. Wir schliefen in Schlafsälen, Gitterbett an Gitterbett, und nachts nahm man teil an einem Traum, den der Massenkörper träumte: von Titten, von Autos, von Schokolade und Schnitzeln. Damals, in den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, lebten zweihundert Mönche im Kloster, dreihundert Zöglinge und fünfzig Brüder. Jeweils nach der Vesper zogen wir vor die Schwarze Madonna, die im hinteren Teil der barocken Stiftskirche einen gotischen Tempel aus schwarzem Marmor bewohnte. Jeden Morgen wurde sie vom Vestiaribruder, ihrem Kammerdiener, eingekleidet, und ihre Gewänder hatten jene Glockenform, die im Escorial Philipp II. bei den ersten Damen Mode gewesen war. Das Carrée verneigte sich in Ehrfurcht, von den Jüngsten, die noch Kinder waren, bis zu den Ältesten, greisen Mönchen, hinter denen, wie geflüstert wurde, der Tod lauerte mit Stundenglas und Sense. Das Carrée bestand nur aus Männern, aber über den gebeugten Nacken schwebte die Madonna, die Heilige Mutter mit dem Kind, umkränzt von einem Gewitter aus Blattgold, das flache, aus Ebenholz geschnitzte Gesicht eine Maske des lächelnden Schweigens. Salve Regina, mater misericordiae, sei gegrüßt, Königin, Mutter der Barmherzigkeit.

Mit fünfzehn Jahren gehörte ich zu den Gründern eines Atheisten-Clubs. Wer Mitglied werden wollte, musste eine Prüfung ablegen. Während des sonntäglichen Pontifikal-Amtes hatte man in den Dachstuhl der Klosterkirche zu steigen und durch ein Loch in der Weihnachtskuppel einen Papierflieger hinunter segeln zu lassen, mit einem atheistischen Satz beschriftet. Auf meinem Flieger stand: «Religion ist der Wille zum Winterschlaf, Nietzsche», und Sie können sich vorstellen, wie dieser Satz in der frommen Wallfahrtskirche einschlug. Entsetzen machte sich breit, und natürlich hatte es der nächste Zögling, der, um in den Club aufgenommen zu werden, seinerseits einen Flieger mit Sprengsatz absenden musste, bereits schwerer als der Präsident, der den Anfang gemacht hatte, und ich, der Aktuar, dem diese Prüfung eingefallen war. Das Sonntags-Amt wurde spannend wie ein Krimi. Unter den Gläubigen waren lauter Sub-Präfekten postiert, die wie Flabschützen in die Höhe starrten, zum Gewölbe hinauf, aus dem früher oder später etwas Weißes herausflügelte. Der Heilige Geist war es nicht, aber wieder ein geistvoller Satz, denn unter der Anleitung unseres Präsidenten lasen wir fleißig Feuerbach und Sartre. Als ich diese Lektüre in den Sommerferien fortsetzte, verschlug es dem Vater die Sprache. Doch nicht genug damit. Die Satzung des Atheisten-Clubs verbot es mir, zuhause die Messe zu besuchen, und natürlich hielt ich mich daran, schließlich hatte ich die Satzung gemeinsam mit dem Präsidenten entworfen. Die Mutter weinte bittere Tränen. Sie leide an einer großen Schuld, gestand sie mir, sie habe zwei tote Kinder geboren. Da ungetauft, seien sie von der Auferstehung der Toten ausgeschlossen und müssten ewig im Limbus verharren. Das Wort kannte ich. Der Limbus war nicht Himmel, nicht Hölle, nicht Fegefeuer, aber erst durch die schluchzende Mutter nahm der Nicht-Ort Form und Gestalt an. Nun war er auch für mich wie für die Mutter ein im Jenseits gelegenes Embryonen-KZ. Als Freigeist kommst du in die Hölle, schrie die Mutter, das Fleisch von meinem Fleisch ist verdorben. Um sie zu beruhigen, versprach ich, am Samstag zur Beichte zu gehen. Mein Vater, der das Unglück kommen sah, machte den Vorschlag, ich möge meine Beichte wie er und seine politischen Freunde bei Pater Othmar ablegen – Pater Othmar, ein uralter Kapuziner mit wallendem Bart, war vollkommen taub und der bevorzugte Beichtvater der oberen Funktionäre der Christlichen Volkspartei. Aber in meinem pubertären Stolz ging ich zu Hochwürden Stäuble, dem Dekan und Stadtpfarrer. Ich beichtete, ich hätte einen Atheisten-Club gegründet und würde für einen Gott, der schuldlose Embryonen bestrafe, nichts als Verachtung übrig haben. Hinter dem Gitter, das ich beflüsterte, hörte ich Laute der Entrüstung. Dann fragte mich Hochwürden Stäuble, ob ich mir ernsthaft einbilde, dass man für seinen Abfall von Gott von diesem absolviert werden könne. Ich antwortete, Atheisten-Club-geschult: Wenn er tatsächlich allgütig und allmächtig ist, dann kann er das. Hochwürden Stäuble warf mich raus, und nie werde ich den Kopf vergessen, aus dem Beichtstuhl hervorgereckt, eine violette Stola um den Hals, der mit großen, vom Entsetzen geweiteten Augen mir nachgestarrt hat.

1974 wurde ich Student an der Freien Universität Berlin. Religion existierte hier nur noch als vergleichende Religionswissenschaft, Philosophie nur noch als Gesellschaftswissenschaft – Gott, Metaphysik, Transzendenz: lauter alte Hüte. Ich rettete mich in eine Platon-Vorlesung von Professor Michael Landmann. Landmanns Mutter hatte zum George-Kreis gehört; er war jüdisch, Schweizer, ein vornehmer Herr, den seine Kollegen und die Studenten wie Dreck behandelten. Um mich für diesen Vortrag an ihn zu erinnern, habe ich einen Essay gelesen, den Landmann in der von Mircea Eliade und Ernst Jünger herausgegebenen Zeitschrift Antaios veröffentlicht hatte. In diesem Essay beschreibt Michael Landmann hellsichtig den Riss, der damals durch die Welt gefahren ist. In seiner Vorlesung und seinen Seminaren wird er sich ähnlich geäußert haben, aber ich war damals, vier- und fünfundzwanzig Jahre alt, weder willens noch fähig, ihn zu verstehen. Denn die Studentenrebellion, die Landmann als Satyrspiel einer großen Tragödie empfand, als Konsequenz aus der Vernichtung der griechisch-biblischen Welt, war für mich ein Aufbruch, eine sexuelle Befreiung, das Startsignal, wie ich in meiner studentischen Naivität meinte, in eine gerechtere Gesellschaft. Nur: Glücklich machte er mich nicht, dieser Aufbruch. Eher war das Gegenteil der Fall. Ich hatte Heimweh nach den verlorenen Ober- und Überwelten, meine metaphysischen Antennen zappelten ins Leere, deshalb saß ich ja als einer von drei oder vier Hörern bei Landmann und plagte mich mit Platon ab. Ich glaubte nach wie vor, es müsse ein Ewiges geben, und verliebte ich mich, war die Liebe, um es mit Jean Paul zu sagen, «angewandte Unendlichkeit». Warum verliebe ich mich gerade in diese Frau? Und warum geschieht es auf den ersten Blick? Weil die Begegnung, nach Platon, ein Wiedererkennen ist. Weil diese Frau, gerade diese, meiner Anima entspricht – durch Ute hindurch küsste ich mein Urbild der Frau. In der Liebe, stellte ich damals fest, war ich immer noch religiös. Ich betete die Frauen an, wie ich es an der Seite der Mutter und später als Glied des Massenkörpers vor der Schwarzen Madonna gelernt hatte. Ja, zum letzten Mal befand ich mich in einem heiligen Bezirk. Er war so groß wie die Matratze meiner Kreuzberger Wohnung. Hier wurde der Mutterglaube wieder wach. Hier war ich mit Platon und Landmann überzeugt, dass unsere Seele vor der Geburt alles in seinem Wesen geschaut hat. Wird die Seele geboren, vergisst sie das Geschaute. Aber das Vergessen, so hat es Thomas von Aquin gelehrt, hat der Seele die inquietudo desiderii eingepflanzt, die Unruhe des Verlangens. Jedes Lebewesen, ob Mensch, Tier oder Pflanze, möchte sich ins Unwandelbare zurückverwandeln, möchte heimkehren in die Schau des Ganzen, ins Absolute, und da wir der Zeit verhaftet sind – auch das steht beim Aquinaten – richtet sich das Begehren eben auf das Konkrete, auf Ute.

Das Begehren blieb, das Absolute verschwand.

Warum es geschah, weiß ich nicht, aber dass es geschah, weiß ich, ich habe es miterlebt. Viele von uns haben es miterlebt, und wie die meisten habe auch ich kaum gemerkt, dass überhaupt etwas geschah. Es war an der Zeit, wie man sagt, und erst heute, als älterer Mann, vermag ich zu ermessen, dass der Riss, den Landmann seinerzeit diagnostiziert hat, nicht nur durch mein Leben ging, sondern durch die gesamte Welt. Landmann verweist in seinem Antaios-Essay auf eine Geschichte, die von Plutarch stammt. Im 17. Kapitel seiner Schrift «Vom Untergang der Orakel» erzählt Plutarch eine sonderbare Begebenheit. Ein Schiff unter dem Kommando des ägyptischen Kapitäns Thamus fuhr eines Tages an der Insel Paxoi vorbei. Da riefen sie vom Ufer herüber: «Thamus, Thamus, wenn du gegenüber Palodes kommst, dann verkünde dorten: Der große Pan ist tot.» Alle erschraken und berieten, ob sie den Auftrag ausführen sollten. Thamus fasste den Entschluss, bei Wind an der Insel vorüberzufahren, bei Windstille jedoch zu melden, was er gehört habe. «Als man gegenüber Palodes ankam, war weder Wind noch Wellengang. Thamus stellte sich an die Reling, blickte zum Land hin und rief: ‹Der große Pan ist tot.› Da erhob sich auf der Insel ein lautes Wehgeschrei, nicht eines Einzelnen, sondern vieler, vermischt mit Ausrufen des Entsetzens.» Laut Landmann hat man die Geschichte des Plutarch schon früh christlich gedeutet. In diesem Verständnis ist der Tod des Pan, der nicht zufällig in der Zeit des Kaisers Tiberius eintrat, also in der Zeit des Erscheinens Christi, das Symbol für den Untergang der heidnischen Antike. Aber die Geschichte, schließt Landmann den Essay, zeigt auch: Götter sind sterblich.

Vor einigen Jahren fuhr ich auf einem alten Auswandererkahn von Durban, Südafrika, nach Indien. Die Passage dauerte mehrere Tage, und die ganze Zeit schien das Schiff am Pol der uns umgebenden, anscheinend immer gleichen Meerwölbung zu kleben. Um festzustellen, dass wir Fahrt machten, musste man die aufgewühlte Hecksee betrachten oder an der Reling in die Tiefe blicken, wo die Wellen an der Bordwand entlangschossen. Und dann gab es da noch ein Zeichen, das zunehmend deutlicher zeigte, dass wir unterwegs waren: wenn die Moslems an Deck kamen, ihre Gebetsteppiche entrollten und sich gegen Mekka verneigten. Ein Schiffsoffizier mit gezücktem Kompass gab ihnen jeweils die Richtung vor, und da sich Mekka mit jeder Seemeile weiter nach Westen verschob, drehten sich die Betenden wie Kompassnadeln mit, von ihrem Heiligtum magnetisch angezogen. Meist stand ich mit einem Major Philips, übriggeblieben aus britischen Kolonialzeiten, an der Bar, leicht angesoffen, ein wenig fiebrig, und beide verstummten wir, wenn das ganze Schiff zum Gebetsraum wurde: Allah-il-Allah auf dem Oberdeck, auf den Unterdecks, in den Sälen, in den Korridoren.

Auf jenem Schiff wurde ich mit der Frage konfrontiert, wie ich es mit der Religion halte. Ich war nie aus der Kirche ausgetreten, aber war ich noch katholisch? Oder eine Karteileiche des Atheisten-Clubs? Mitten auf dem Indischen Ozean wurde mir klar, dass die Frage nach meiner Religionszugehörigkeit möglicherweise nicht mehr mir gehörte.

Vor einiger Zeit suchte ich wegen eines Bandscheibenvorfalls einige Male die Praxis eines türkischen Arztes in Berlin Kreuzberg auf. Der Arzt bot mir jeweils Tee an, wir kamen ins Gespräch, ich erfuhr, dass er seine beiden Kinder in die Heimat geschickt hatte, zur Großmutter. Sie sollten das Gymnasium in Istanbul besuchen – in Kreuzberg sei ihm das Klima zu fundamentalistisch, zu fanatisch. Dass ich den Namen des Arztes verschweigen muss, um ihn nicht zu gefährden, mag zeigen, wo wir angekommen sind. Viele Türken und Araber, vor allem jene, die im Westen aufgewachsen sind, haben ein Heimweh nach einer Heimat, in der sie noch niemals waren. Es ist eine metaphysische Heimat, doch besitzt dieses überirdische Land ihrer Sehnsucht auch sehr irdische Fernsehsender, die via Satellit in die Kreuzberger Wohnungen und Teestuben hineinpredigen. Uns halten diese jungen Männer für gottlose, verdorbene Leute, und jeder Kiosk gibt ihnen Recht, jede leere Kirche, jedes Grab, das auf vergessenen Friedhöfen verlottert. Es ist die alte Geschichte. Pan, jetzt auf unserer Seite, stirbt wieder.

Ich habe Ihnen meine religiöse Biographie erzählt, weil sie zeigt, was und wie viel sich in wenigen Jahren verändert hat. Die Kirche, in meinem Fall ist es die katholische, hat in unseren Breitengraden ihre Mütterlichkeit verloren. Mit dieser Mutter habe ich sehen, reden, glauben, beten, denken gelernt. Muttersprache, Mutterglaube, das war für mich dasselbe. In der Pubertät wehrte ich mich dagegen, ich wollte eine eigene Sprache sprechen und musste wenig später feststellen: Die Worte, die früher der Kirche gehört hatten, lagen jetzt frei herum, durften nach Belieben in den Mund genommen und auf alles Mögliche angewendet werden. Zum Beispiel das Wort Opfer. Während sich Theologen auf einmal scheuten, vom Messopfer zu reden, gab sich alle Welt als Opfer aus, als Opfer der Eltern, der Verhältnisse, des Kapitalismus et cetera. Andere Mutterwörter, die eben noch heilig gewesen waren, galten über Nacht als giftig. Das Wort Wandlung wurde durch Veränderung ersetzt, das Wort Auserwähltheit als rassistisch empfunden. Ich könnte die Liste beliebig fortsetzen. Epiphanie, sowas gehört heutzutage in die Klinik. Der Satan, das Wunder, die Heiligen sind in die Literatur emigriert. Auch ich, muss an dieser Stelle gebeichtet werden, habe den allgemeinen Missbrauch der Worte mitgemacht. In Calderons «Welttheater» heißt eine Figur «Das Gesetz der Gnade». Angestachelt von Voltaire, der vom «Gnadenterror» spricht, habe ich in meiner Bearbeitung des Dramas das Gnaden-Gesetz gestrichen.

Wie kam es zum Riss? Ich weiß es nicht. Ich konnte Ihnen nur erzählen, dass ich ihn am eigenen Leib erlebt habe. Und vielleicht darf ich Ihnen sagen, was er für uns bedeutet. Wieder fährt das Schiff des Kapitäns Thamus an einer Insel vorüber – es ist die Insel, die Shakespeare in seinem letzten Stück, im «Sturm», zur Bühne gemacht hat. Am Strand steht Prospero, ein alter Mann, und entledigt sich jener Gewänder, die el autor, der Schöpfer, zu Beginn von Calderons «Welttheater» angezogen hat. Prospero spricht: «So brech ich meinen Stab, / Begrab ihn manche Klafter in der Erde, / Und tiefer als die Fische je geschwommen / Will ich mein Buch ertränken.»

So endet in Shakespeares «Sturm» Calderons «Welttheater». Ohne Zaubermantel ist Prospero nackt, ohne Buch wehrlos, Vorhang.

Nachtragen möchte ich, dass Papst Benedikt die Lehre vom Limbus infantium zurückgenommen hat. Für meine Mutter kam die Korrektur zu spät, sie hat sie nicht mehr erlebt und musste noch auf ihrem Sterbebett fürchterliche Ängste ausstehen. Sie fürchtete für die Geburt eines Kindes, das nicht getauft werden konnte, im Feuer bestraft zu werden. Meine Versuche, ihr diese Angst zu nehmen, sind gescheitert – so gut war die Ausbildung im Atheisten-Club eben doch nicht gewesen.

Papst Benedikt gebührt das große Verdienst, durch seine Lehre und sein Wirken die Angst aus der Kirche verbannt zu haben. Ich lebte in Berlin, als er die Hauptstadt seiner Heimat besucht hat, und über sechzig Institutionen, Vereine, Gruppen gegen den Heiligen Vater ein gewaltiges Protesttheater inszeniert haben, von den Medien mit vollen Breitseiten unterstützt. Spätestens in diesem Moment bin ich wieder in die Opposition gegangen, wie damals, als Aktuar des Atheisten-Clubs. Nur diesmal auf der andern Seite. Zu denen, die den Tod des Pan fordern, möchte ich nicht gehören. Denn eins scheint mir klar zu sein. Das Abendland war und ist ein Christentum, das aus jüdischer Religion und griechischer Philosophie geboren wurde, und wird diese Kultur vernichtet, vernichten wir uns selbst.

Warum hat die Heilige Mutter, der noch vor fünfzig Jahren die Worte und die Welt gehört haben, ihre Sprache, das Latein, aufgegeben? Warum hat sie sich in den alten, nackten, von der Meute gehetzten Prospero verwandelt und mutwillig ihr Buch versenkt? Vielleicht geschah es im Vertrauen auf die Wandlung, im Glauben daran, dass dem Tod die Auferstehung folgt. Vielleicht halten wir dank dieser Hoffnung das Leben aus – und das Sterben auch.

Nach einem Autounfall saß ich schwerverletzt am Straßenrand. Wie sich später herausstellen sollte, hatte ich fast die Hälfte meines Bluts verloren. Ich betastete das taufeuchte Gras und dachte: Wie schön ist das Gras. Dann sah ich einen Straßenpfosten und weinte vor Glück: Hatte ich je eine derart vollendete Form gesehen? Es war eine Nacht im Mai, dem Marienmonat. Beim Knall war ein fünfmonatiges Kind in einem nahen Haus erwacht. Sein Weinen weckte die Mutter. Sie legte das Kind an ihre Brust und trat mit ihm ins Fenster. Ich war bereits hinüber. Ich habe sie nicht mehr gesehen. Aber sie sah mich – und veranlasste meine Rettung. Sie, eine junge Frau, die in dieser Nacht zugleich die Mutter der Barmherzigkeit war, die Königin mit dem Kind, von Sternen umkränzt.

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