ReligionsfreiheitMehr Blasphemie wagen

Staatliche Verordnungen zur Religionsfreiheit genügen nicht, wenn jahrelang das Gegenteil unterstützt wurde. Zur Situation der Christen in Pakistan.

Eine Freisprechung hatte der Mob nicht vorgesehen. Kaum kamen Gerüchte auf, zwei christliche Brüder (deren Namen aus Sicherheitsgründen ungenannt blieben) hätten „einen Koran geschändet“, zerstörte eine Menschenmenge mehr als 80 christliche Häuser und 19 Kirchen in der Stadt Jaranwala im Osten Pakistans. Die Angriffe fanden im vergangenen August statt; auf ein ordentliches Verfahren wartete die entfesselte Menge erst gar nicht. Ein ordentliches Verfahren? Ja, denn in Pakistan gilt seit den 1970er-Jahren ein ebenso berühmter wie fataler „Blasphemie-Paragraf“, der theoretisch jede Beleidigung, faktisch aber beinahe ausschließlich angebliche wie tatsächliche Angriffe auf den Islam mit Strafen bis hin zur Hinrichtung ahndet. Längst hat der Paragraf ein Eigenleben entwickelt, das nach dem immergleichen Schema abläuft: Ein nicht näher präzisierter Vorwurf der Beleidigung von Prophet, Koran oder Islam kommt auf, ein wütender Mob bedroht die angeblichen Täter mit dem Tod, randaliert, brandschatzt oder mordet gleich selbst. Bei auch nur oberflächlichen Nachforschungen der Behörden stellt sich meist heraus, dass es zumeist um simple Nachbarschaftsstreitigkeiten, schlichten Neid oder Eifersucht geht, die alle mit Religion nichts zu tun haben. Aber einen perfekten Vorwand bieten, den Blasphemie-Vorwurf zu erheben. Längst ist den pakistanischen Behörden die Kontrolle über die Dynamik der Ereignisse entglitten.

Das zeigte sich auch in den Fällen der vergangenen Wochen. Die beiden Brüder wurden freigelassen, nachdem es ein Gericht abgelehnt hatte, sie anzuklagen. In Sicherheit sind sie damit nicht. Auch die Taten des randalierenden Mobs werden kaum aufgeklärt. Bei einem anderen Fall letzten Monat wurde ein Angehöriger der Ahmadiyya-Minderheit der „Mission“ beschuldigt. Wieder tobte ein gewalttätiger Mob, der der gesamten Religionsgemeinschaft den Tod wünschte, wieder wurde der angebliche Gotteslästerer freigesprochen, wieder ist er danach seines Lebens nicht mehr sicher. Ebenso in Faisalabad: Ein Christ wurde fälschlich von seiner Nachbarin der „Beleidigung des Koran“ angeklagt. Die Folge: religiöse und soziale Spannungen. Die pakistanischen Bischöfe berichten, dass 2023 der „Stresspegel“ der christlichen Gemeinschaften – nur zwei Prozent der Einwohner des Landes – immens gestiegen ist. 2023 sei ein „Jahr des Schreckens“ für Christen gewesen.

Fakt ist aber auch: In Faisalabad wurde der Beschuldigte von der Polizei auf freien Fuß gesetzt und stattdessen die denunziatorische Nachbarin festgenommen. Im Februar wurde erstmal ein Katholik zum stellvertretenden Präsidenten des Parlaments der Provinz Sindh gewählt. Die pakistanische Verfassung schützt theoretisch religiöse Minderheiten und gewährt Glaubensfreiheit. Und wenn man den örtlichen Geistlichen Glauben schenken darf, haben die Ausschreitungen von Jaranwala auch zu einem Umdenken bei Muslimen geführt. Freilich vor allem, weil diese sich um das Bild ihres Landes in der Welt sorgten. Aber die Rufe nach einer Änderung des berüchtigten Blasphemieparagrafen in Pakistan werden lauter.

Es bleibt unklar, ob Pakistan die Geister wieder einfangen kann oder will, die es rief. Für den neuen Präsidenten Shehbaz Sharif ist „Kampf gegen islamistischen Terrorismus“ ein zentrales Ziel. Die Sicherheitslage hat sich massiv verschlechtert, islamistische Attentate haben um 70Prozent zugenommen. Ob in dieser Situation der Schutz religiöser Minderheiten garantiert werden kann, darf bezweifelt werden.

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