Verhältnis zu RusslandNicht nur die große Politik

Begegnung, Partnerschaft, ja Freundschaft mit Russland? Das ist seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine praktisch unmöglich. Unser Autor erinnert daran, was gerade jungen Menschen dadurch genommen ist.

Nur eine von vielen Nachrichten? Die deutsche Bundesregierung entzieht vier von fünf russischen Generalkonsulaten (Bonn, Frankfurt am Main, Leipzig, München und in unserer Hansestadt) die Zustimmung für deren Betrieb. Russland entscheide selbst bis Jahresende, welches Konsulat erhalten bleibe. Mit diesem Schritt reagiert das Auswärtige Amt auf die Entscheidung Moskaus, die Anzahl der Bediensteten in deutschen Institutionen in Russland auf 350 zu begrenzen, alle weiteren auszuweisen. Zugleich sollen die deutschen Konsulate in Kaliningrad, Jekaterinburg und Nowosibirsk geschlossen werden. Silvester 2023 könnte also der letzte Aufenthaltstag von Generalkonsul Andrei Sharashkin in der Hamburger Vertretung der Russischen Föderation „Am Feenteich 20“ sein. Was für eine Geschichte endet damit!

Die Verbindung nach Russland wird auch durch unsere Städtepartnerschaft mit Sankt Petersburg geprägt. Die Freundschaft der beiden größten Metropolen im Norden Europas wurde 1957 unter dem Ersten Bürgermeister Kurt Sieveking besiegelt, mitten im Kalten Krieg. Zwei Jahre zuvor hatte die Bundesrepublik überhaupt erst diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion aufgenommen. Am 27. März 1957 wehte dann die rote Fahne der Sowjetunion mit Hammer und Sichel über dem Eingang unseres Hamburger Rathauses zu Ehren des sowjetischen Botschafters Andrej Andrejewitsch Smirnow. Der Vertrag für eine Städtepartnerschaft war ohne Unterschriften und Stempel zustande gekommen – ein einfacher Handschlag genügte. Beim Besuch einer sowjetischen Delegation zitierte Sieveking ein russisches Sprichwort: „Nun gilt es, die Augen der Furcht in die des Verstehens und des Verständnisses zu verwandeln.“

Der emotionale Höhepunkt der hiesigen deutsch-russischen Freundschaft war die beispiellose Abendblatt-Hilfsaktion „Ein Paket für Leningrad“, gestartet im November 1990 gemeinsam mit dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). Aus den Hilfspaketen und den Dankesbriefen entwickelten sich etwa 30 000 persönliche Kontakte zwischen uns Hamburgern und den Sankt Petersburger Bürgern, die über eine regelmäßige Briefbrücke aufrechterhalten wurden. Organisiert wurde der Kurierdienst vom CVJM-Reisedienst, den Gerhard Weber viele Jahre geleitet hatte, der langjährige Vorsitzende der Deutsch-Russischen Gesellschaft in Hamburg, Gründer des Hamburger Clubs in Sankt Petersburg, der legendären inoffiziellen Botschaft der geschichtsträchtigen Stadt. Webers Leitsatz: „Das größte Kapital Russlands sind die Russen. Nirgendwo findet man solch eine Gastfreundschaft und Herzlichkeit.“

Unsere katholische Paulusschule war vor dem Ukrainekrieg eine der letzten Besuchsziele des Hamburger Generalkonsuls. Für eine geplante Schulpatenschaft mit Sankt Petersburg haben wir selbst viele Einrichtungen in der Stadt besucht, welche die Städtepartnerschaft mit Sankt Petersburg seit Jahrzehnten tragen. Und wir wollen – irgendwann nach Kriegsende – auch wieder nach Russland reisen, um die dortige Schulklasse nicht zu betrügen um all das, wofür diese so besondere Partnerschaft steht. Wir hoffen so sehr, dass dieser teuflische Krieg nicht noch mehr mühsam geknüpfte Freundschaftsbande zerreißt.

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