Christliche LebensklugheitAnleitung zum Christsein in fünf Schritten

Man muss den Glauben leben, heißt es in der Kirche gern. Aber wie geht das, aus geistlichen Quellen Kraft für den Alltag zu schöpfen? Der Bochumer Theologe Matthias Sellmann schlägt eine religiöse Kurzformel vor. Sie verblüfft, weil sie von Dogmatismus, Moralismus und Frömmelei nicht weiter entfernt sein könnte. Wir erklären Sellmanns Ansatz. Eine Anleitung zum Christsein in fünf Schritten.

Was ist Glaube? Ganz einfach: Eine Ressource, um das Leben zu bestehen und es voll auszukosten. „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“, sagt Jesus im Johannesevangelium (10,10). Das ist für Matthias Sellmann ein grundlegender Satz.

1 – Die Grundlagen

Der Glaube schafft Kraft für das, was uns alle umtreibt: Wir wollen im Leben unsere Leistung erbringen – jeder zwar nach seinen begrenzten Möglichkeiten, aber eine Leistung soll es sein. „Ein Leben lebt sich nicht von selbst; man muss Entscheidungen treffen, Antworten geben, Mitstreiter finden, es mit sich aushalten und im Ganzen sein Glück versuchen.“ Das, so ist Sellmann überzeugt, haben wir Christen nicht mehr genügend im Blick. „Genau die Fixierung auf den Punkt der Lebensleistung ist dem Christsein hierzulande verlorengegangen. Darum wirkt es oft so einstudiert, weil man es wie einen Energydrink zu sich nimmt, ohne dass man für irgendetwas wachbleiben will.“ Der Glaube ist keine verästelte Sammlung zueinander passender religiöser Vorstellungen, kein moralischer Benimm-Katalog, keine ritualisierte Gebetsübung. Der Glaube ist eine Weisheit der Lebensführung und zielt auf den Alltag ab, dem wir unsere Lebensleistung abringen.

Was die christliche Lebenskompetenz ausmacht, erkennt Sellmann in einer der berühmtesten und meistkommentierten Passagen des Neuen Testaments, dem Christus-Hymnus aus dem Philipperbrief (2,5–11). Mit diesem Lied haben die ersten Christen den Weg Jesu in Worte gekleidet und festgehalten, was sie von ihm lernen wollten:

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.“

2 – Die Klugheit

Besonders wichtig ist der erste Vers des Hymnus. Dem Wort „gesinnt“ liegt im Griechischen ein Wortfeld zugrunde, welches eigentlich „Klugheit“ meint, erklärt Sellmann. In der antiken Philosophie ist diese als Tugend bekannt, etwa bei Sokrates. Klugheit meint bei ihm nichts Distanziertes, Nobles, sondern etwas Robustes, Pragmatisches, Lebenstüchtiges. Der Philosoph André Comte-Sponville hat das so beschrieben: „Aristoteles sagte, Klugheit sei eine intellektuelle Tugend, insofern sie mit dem Wahren, der Einsicht und der Vernunft zu tun habe: Die Klugheit ist die Disposition, die uns befähigt, richtig zu beurteilen, was gut oder schlecht ist für den Menschen“, und – ganz wichtig – das „nicht an sich, sondern in der konkreten Welt, nicht im Allgemeinen, sondern in einer gegebenen Situation“. Man könnte die Einleitung des Philipperhymnus frei auch so übersetzen: „Orientiert euch an der Lebensklugheit, nach der Jesus gelebt hat.“ Es geht um pragmatische Lebensführung, und das nicht nur im religiösen Sinn. Paulus wolle mit dem profilierten Wort der Klugheit „nicht auf eine irgendwie freischwebende ,Gesinnung‘ hinaus, sondern auf Lebenspraxis, Lebensbewährung, Alltagskraft“, erklärt Matthias Sellmann. Wir halten fest: Christsein meint eine bestimmte Form von Klugheit, die Jesus selbst gelebt hat und die seine Jüngerinnen und Jünger von Anfang an fasziniert hat, die sie nachahmen können.

Wichtig ist Sellmann hierbei, dass die Klugheit etwas „Geistliches“ ist, weil sie im Gegebenen immer die Möglichkeiten sieht, die verborgenen Chancen. Das ist eine reife, erwachsene Vorstellung des Worts „geistlich“. Der spirituelle Meister Henri Nouwen hat das in einer kleinen Erzählung von einem Jungen und einem Bildhauer auf den Punkt gebracht. Der Junge beobachtet den Künstler einen ganzen Tag lang, wie er einen mächtigen Löwen aus einem Steinblock haut. Abends, als das Werk vollendet ist, fragt der Bildhauer den Jungen: „Und, was sagst du?“ Der Junge antwortet: „Das ist sehr schön. Aber sag mir eines: Woher wusstest du schon heute Morgen, dass in dem Stein ein Löwe versteckt war?“ So geht ein geistlicher Blick auf die Wirklichkeit.

Für Matthias Sellmann sind die folgenden Verse des Christus-Hymnus maßgeblich, um diese geistliche Klugheit weiter auszufalten. Er spricht von „Dimensionen“ der Klugheit. Es sind die drei Kräfte, die Jesu Leben bestimmt haben und die sich dauernd gegenseitig ergänzen. Sie sind der Trainingsparcours für alle, die aus ihrem Christus-Glauben die volle Dosis für ein „Leben in Fülle“ herausholen wollen.

3 – Aus sich herauskommen

Zuerst ist da die Abwärtsbewegung: „Jesus Christus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ Das ist der Weg des Gottessohnes in die Abgründe der Welt, bis hinein in die Verstrickungen der Schuld und in radikalster Konsequenz ans Kreuz: nicht aus der Lust am Leiden, sondern aus der Lust am Leben, aus Liebe zur Welt. Was hier gemeint ist, übersetzt Sellmann als ein „Aus-sich-herauskommen“. Leute, die sich daran orientieren, beschreibt er so: „Es sind die, die nicht die Schnürsenkel ihrer Schuhe anmeditieren, sondern sich melden, wenn jemand gebraucht wird. Sie sind voller Fantasie, wo man noch etwas Zeit, etwas Geduld, etwas Geld für die erübrigen kann, die es nötiger brauchen.“ Und das nicht, weil sie charakterlose Ja-Sager oder naive Gutmenschen wären, sondern weil sie trotz aller Enttäuschungen des Lebens einen inneren Kompass haben, der sie immer wieder von sich selbst weg auf die anstehenden Herausforderungen blicken lässt. Bei solchen Menschen ist „unter der Oberfläche des harmlos Freundlichen eine hochgradig belastbare, geradezu trotzige widerstandsfähige Substanz eines tiefen Glaubens an menschliche Werte zu finden.“

4 – Immer weniger wegrennen

Die zweite Dimension der Klugheit sieht Sellmann im nächsten Abschnitt des Christus-Hymnus, wenn es über Jesus heißt: „Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ Anders als das „Aus-sich-herauskommen“ meint das „Immer-weniger-wegrennen“ nicht etwas Aktives, sondern etwas Beharrendes. Es geht darum, sich dem Leben zu stellen. Dieser Aspekt christlicher Lebensklugheit macht deutlich, dass der Glaube einen nicht weg von der Wirklichkeit führt, sondern voll in sie hinein: ins Reale, Gegebene. Matthias Sellmann sieht einen überragenden Vertreter dieser Haltung in Dietrich Bonhoeffer, dem evangelischen Theologen und NS-Widerstandskämpfer. Im Gefängnis, kurz vor seiner Hinrichtung, lehnte Bonhoeffer jeden Fluchtversuch ab. Indem er blieb, unterstrich er seinen definitiven Einspruch gegen die Unmenschlichkeit seiner Peiniger. „Bonhoeffer stellte sich den Ansprüchen seiner inneren Freiheit, blieb, hielt aus, akzeptierte seinen Platz – und schrieb Briefe. Die umfangreichen Texte aus der Haft gehören bis heute zu den eindrücklichsten Zeugnissen geistlicher Kraft und theologischer Weitsicht.“ Nicht wegrennen, sondern sich ganz in das geben, was das Leben einem gerade abverlangt. Das können auch wir üben. Gott sei es gedankt, dass hierzulande wohl niemand mehr in eine Prüfung kommt, wie Bonhoeffer sie erdulden musste.

5 – Kraft von außen aufnehmen

Entscheidend ist die dritte Variante christlicher Lebensklugheit. Sie macht das Miteinander von „Aus-sich-herauskommen“ und „Immer-weniger-wegrennen“ erst wirklich attraktiv. Sie unterstreicht jene geistliche Bedeutung der Klugheit, die immer das Mögliche sieht, anstatt sich mit dem bloß Gegebenen abzufinden. Im Christus-Lied aus dem Philipperbrief ist es der letzte Teil, der die Kraft umschreibt, die Jesus und seine Nachfolger erfasst: „Darum hat Gott Jesus über alle erhöht…“ Darum – weil er sich voll Vertrauen dem Leben aussetzte, sich ins Leben verausgabte – wurde er nach seinem Tod am Kreuz von Gott ins Recht gesetzt und auferweckt ins wahre Leben. Sellmann ist überzeugt, dass wir das auch schon in diesem Leben erfahren können. Es ist das Vertrauen darauf, dass die Geschichte all jener, die ihre Talente und Gaben voll investieren, am Ende eine gute Geschichte sein wird. Sollte das wahr sein, sagt Sellmann, dann heißt das, „dass sich ein für andere engagiertes Leben nicht in seinem Idealismus totlaufen muss, sondern dass über ihm eine bestimmte Verheißung ausgesprochen ist. Es ist eine Kraft erfahrbar und anzapfbar, die das, was du investierst, aufhebt, weiterträgt und vermehrt. Der und die Risikobereite sind nicht notwendig die Dummen. Es gibt etwas, das nur der erfährt, der sich davon abhängig macht, ob es stimmt, dass es das gibt.“

Die Kurzformel des Glaubens nach Matthias Sellmann: Christsein ist eine geistliche Klugheit: immer weniger wegrennen, aus sich herauskommen, Kraft von außen aufnehmen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser: Haben Sie schon mal selbst existenziell erfahren, was Matthias Sellmann als „christliche Lebensklugheit“ beschreibt? Wir freuen uns, wenn Sie Ihre Gedanken mit uns teilen: leserbriefe-cig@herder.de

Mehr über den Ansatz: Sellmann, Matthias: Was fehlt, wenn die Christen fehlen? Eine „Kurzformel“ ihres Glaubens (Echter Verlag, Würzburg 2020)

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