Platons Höhlengleichnis und das Evangelium des JohannesRaus aus der Höhle!

Tappen wir kollektiv im Dunkeln? Einige vielleicht. Andere klettern dorthin, wo es hell ist: quälend langsam, vom Absturz bedroht. Was sie oben sehen, vergessen sie nie wieder.

Platons Höhlengleichnis ist ein Grundtext des europäischen Geistes, zugleich eine andauernde Provokation. Menschen sitzen, festgebunden, in einer höhlenartigen Behausung und können lediglich wunderliche Schattenspiele wahrnehmen, die von einer fernen Lichtquelle stammen. Einen Ausgang gibt es, aber dieser befindet sich hinter ihrem Rücken, für sie unerreichbar. So verwundert es nicht, dass die Schattenwelt für die Gefesselten die ganze Realität ist. Doch wird einer von ihnen losgebunden, nach oben geschleppt – wie schmerzhaft ist das Sonnenlicht für seine verschatteten Augen! – und nach und nach wird ihm klar, wie beschränkt die Perspektive der Höhle war. So lernt er, das Licht zu schätzen, die Aufklärung zu lieben.

Und wenn er dann zurückginge, um den Höhlenbewohnern die Kunde von einer Welt jenseits der Schatten zu bringen? Würden sie ihm glauben? Wohl nicht, meint Platon, auslachen würden sie ihn, gar töten! Denn sie blieben ja Gefangene ihrer kärglichen Erfahrungen, gefesselt an ihre Trugbilder und Gewohnheiten.

Es fällt schwer, in dieser Bilderstrecke nicht die große Historie der Menschheit und die kleine Story des eigenen Lebens zu sehen. Vom Schatten zum Licht, von der Gaukelei zur Wahrheit, vom Irrsinn zur Gesundung – das wäre der Weg, der uns angemessen ist.

Brecht antwortet Platon

Stattdessen aber: Wirrnisse, Abbrüche, Verbrechen. Oder doch nicht? Ist das Glas etwa halbvoll, und die verflossenen Epochen lassen uns eine Spur des Aufstiegs, der Erleuchtung und des anschwellenden Guten ahnen? Dann würden, pars pro toto, sowohl die fabelhafte Enzyklopädie Wikipedia als auch der schlichte Vergleich unserer Lebensumstände mit dem Alltag unserer vielen Vorfahren von jenem Licht künden, das sich trotz allem durchzusetzen vermag. „Mit Gewalt kann man nicht ungesehen machen, was gesehen wurde“, sagt der Kleine Mönch in Bertolt Brechts Theaterstück „Leben des Galilei“. Die scheinbar triviale Bemerkung können wir als eine Antwort auf Platon lesen. Als eine Ansage an die „Inquisitoren“. Zugleich als einen Zuspruch für alle, die am Schneckengang des Fortschritts verzweifeln.

Auch im Johannesevangelium sind die Metaphern von Licht und Finsternis zentral. Ebenfalls ist schon in den ersten Versen klar, dass das „wahre Licht“ von der Finsternis heftig befehdet wird (vgl. 1,5 und 1,11). Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, heißt es lapidar, „ihre Taten waren böse“ (3,19). Gründe für solch ein harsches Urteil mag es viele geben. Im Evangelium geht es um die bedrängende Erfahrung, dass der Bote Gottes nicht erkannt, ja umgebracht wurde. War es die Finsternis im Menschen, die Jesus ans Kreuz brachte? „Was er sagt, ist unerträglich“, sagt ein Teil der Jünger im vierten Evangelium. Der andere: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (6,60.68).

Man muss an dieser Stelle nicht dramatisieren, um die Jünger wie uns selbst als „Doppelstaatler“ zu sehen: als Geistbegabte und zugleich Erdverhaftete, als Sucher des Guten, die gern in der eigenen Komfortzone bleiben. So sind wir nun mal. Staub wie göttlicher Odem! Gerade das macht uns lebendig, unruhig – und fehlbar. Die Richtungsanzeige freilich ist deutlich genug: „Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“, und: „Die Wahrheit wird euch befreien“ (vgl. 3,21 und 8,32).

Eine Zumutung, in der Tat. Zugleich ist es der Zuruf, wohlfeile Auswege zu meiden. Die Suche nach der Wahrheit ist uns aufgetragen, und nur diese bringt einen ins Licht. Wenn wir also in unserer Lieblingshöhle sitzen, müssten wir umso begieriger dem Boten lauschen, der die Schattenspiele befragt. Wenn ein „kleiner Mönch“ etwas Richtiges ahnt, dann ist es seine Pflicht, der Spur der Wahrheit zu folgen – nicht der Angst und dem Amt. Die Wahrheit mag häufig genug eine Schnecke sein. Doch einmal gestartet, kommt sie ans Ziel, und es ist würdig und recht, ihr nicht im Wege zu stehen.

Raus aus der Höhle…

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