Auf eine Pizza mit dem Papst

Der sehenswerte Netflix-Film „Die zwei Päpste“ lässt Jorge Bergoglio, den späteren Franziskus I., auf Papst Benedikt XVI. treffen. Wie der Reformer und der Konservative über die großen Fragen des Glaubens diskutieren, gibt ein Beispiel, wie innerkirchlicher Streit funktionieren kann.

Zunächst scheint der Titel irreführend. Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles beginnt seinen Spielfilm „Die zwei Päpste“ als Geschichte eines einzigen Kirchenführers – des Papstes Franziskus. Gleich in der ersten Szene erleben wir ihn, noch als Kardinal Jorge Bergoglio (gespielt von Jonathan Pryce), ganz in seinem Element, wie er bei einer öffentlichen Predigt mit Charme und Witz die Massen verzaubert. Kardinal Joseph Ratzinger (Anthony Hopkins) hat seinen ersten Auftritt bei der schicksalhaften Papstwahl 2005 und bleibt selbst hier lange im Hintergrund. Bergoglio wird als Hoffnungsträger der Erneuerer willkommen geheißen, während sein deutscher Rivale sehr direkt als Gegner, als machthungriges, überholtes Fossil eingeführt wird. „Die besten Anführer sind die, die es nicht werden wollen“, sagt ein Kardinal bei einem kurzen Plausch vorm Konklave zu Bergoglio. „Das ist der Grund, warum Ratzinger es nicht werden sollte.“

Auch nach der Wahl, als aus dem umstrittenen Kardinal der umstrittene Papst Benedikt XVI. geworden ist, ist Meirelles nicht wirklich subtil mit seinen Sympathien. In einer Szene steht Papst Benedikt allein in einem dunklen Raum und löscht die letzten Kerzen. Er sieht den Rauch zu Boden sinken und liefert uns gleich die theologische Deutung mit: „Wie bei Kains Brandopfer, das der Herr zurückweist.“ Wenn Bergoglio eine Kirche betritt, sieht die Bildsprache ganz anders aus. Dann geht die Sonne auf und lässt den Argentinier als Lichtgestalt erstrahlen.

So scheint der Konflikt vorprogrammiert, als Bergoglio 2012 als Erzbischof von Buenos Aires mit einem ungewöhnlichen Anliegen nach Rom reist: Er hat genug von den großen kircheninternen Macht- und Strukturdebatten, will lieber wieder als einfacher Priester eine kleine Gemeinde leiten und legt dem deutschen Papst sein Rücktrittsgesuch vor. Doch Benedikt XVI. weigert sich, den Rücktritt zu unterzeichnen. Zuerst schiebt er politische Gründe vor: Wie würde die Entlassung eines so offen reformfreudigen Kardinals in den Augen der säkularen Welt wirken? Doch je mehr Zeit die beiden so grundverschiedenen Männer in den päpstlichen Gärten und der Sommerresidenz verbringen, desto klarer wird, dass der deutsche Papst vorhat, Bergoglio als seinen Nachfolger in Stellung zu bringen, dass also Benedikt XVI. ebenfalls seinen Rückzug plant.

Verlobung platzt nach der Beichte

Es sind solche nüchternen Blicke hinter die pompöse Fassade aus strenger Etikette und jahrhundertealten Ritualen, für die sich der Film lohnt. Das Drehbuch zeichnet ein stimmiges Bild davon, was hinter den verschlossenen Türen des Konklaves und in den innersten Räumen der Papstresidenz vorgehen könnte. Doch wie realistisch es wirklich ist, was hier im Geheimen geplant, gesprochen und gedacht wird, lässt sich nicht sagen. Dass zwischen die Spielfilmszenen immer wieder Originalaufnahmen geschnitten werden, etwa von der medial zelebrierten Bestattung von Johannes Paul II. oder den Liveübertragungen der Papstwahlen, führt dabei dramaturgisch auf eine falsche Fährte. Es gibt den „zwei Päpsten“ stellenweise einen Dokumentations-Anstrich, der so nicht nötig gewesen wäre. Denn sobald der fortschrittliche Kardinal und der konservative Papst zu ihrem ersten Gespräch aufeinandertreffen, braucht es keinen Anschein von Authentizität mehr, um das Publikum zu fesseln. Das schaffen die beiden Hauptdarsteller, getragen von einem witzigen, originellen Drehbuch, ganz allein. Wenn Benedikt XVI. Bergoglio seine schlichte Kleiderwahl vorhält – „Schon Ihre Schuhe sind eine Provokation!“ –, funktioniert das genauso gut wie die tiefgreifenden theologischen Gespräche der beiden.

Hopkins macht seine Sache als Papst Benedikt gut, auch wenn er immer etwas zu energisch, etwas zu selbstsicher und schlagfertig wirkt. So kann man kaum glauben, dass dieser Benedikt XVI. es nicht mehr auf dem Stuhl Petri aushält. Pryce ist dagegen perfekt besetzt. Die Rolle des volksnahen Kirchenmannes, der mit einfachen Antworten an Dogmen und Strukturen rüttelt, scheint ihm auf den Leib geschrieben. Spätestens seit er sich vor wenigen Jahren als armer Wandermönch in der Fantasy-Fernsehserie „Game of Thrones“ (Spiel der Throne) in die Herzen der Bevölkerung der mittelalterlichen Fernsehwelt predigte. Eine Geschichte, bei der er seinen religiösen Charme bereits üben konnte, die aber – typisch für „Game of Thrones“ – deutlich blutiger verlief als der Machtwechsel im Vatikan.

Auch Juan Minujín kann in der Rolle des jungen Bergoglio überzeugen. In Rückblenden wird überraschend ausführlich die Vorgeschichte des reformfreudigen Kardinals erzählt. Von seiner tatsächlich überlieferten geistigen Berufung zum Priesteramt durch ein besonderes Beichterlebnis, nach dem Bergoglio im Film – etwas überspitzt – direkt seine Verlobung platzen ließ, bis zu den Schrecken der argentinischen Militärdiktatur, die er als damaliger Leiter des Jesuitenordens durchlebte. Dabei kommen auch die dunkleren Kapitel seines Lebens zur Sprache und die Frage, warum dieser auf den ersten Blick so perfekte Christ von so tiefen Schuldgefühlen geplagt wird.

Bleib in Bewegung!

Während der argentinische Kardinal so mehr und mehr als Mensch mit Ecken, Kanten und Fehlern gezeichnet wird, bekommt der deutsche Papst langsam sympathischere Züge. Von dem unverbesserlichen Machtmenschen, der Bergoglio 2005 das Papstamt vor der Nase weggeschnappt hat, ist nach sieben Jahren im Amt nicht mehr viel zu sehen. Skandale erschüttern den Vatikan, die Welt ruft nach Reformen und Entscheidungen, wenig subtil durch eine Fitnessuhr dargestellt, die Benedikt XVI. immer wieder ein „Keep moving“ (Bleib in Bewegung) zuquäkt, wenn er zu lange an einem Platz verharrt. Während ihm die Probleme über den Kopf wachsen, zieht er sich ans Klavier zurück oder schaut in seiner Kammer alte Staffeln von „Kommissar Rex“, mit dem ihn mehr verbindet als Nostalgie. „Die Leute nennen mich Gottes Rottweiler“, raunt er Bergoglio in einer Szene zu. „Sie wissen nicht, dass ich es weiß, aber ich weiß es.“

Tatsächlich funktioniert der Film am besten, wenn die beiden Kirchenmänner ganz Mensch sein dürfen, sich Pizza und Fanta in den Vatikan bestellen oder einträchtig nebeneinander auf dem Sofa Fußball schauen. Die Gespräche und Debatten, die sie hier ganz im Privaten führen, bleiben deutlich länger in Erinnerung als die päpstlichen Entschlüsse, die Benedikt XVI. vor den Kardinälen verliest. Natürlich auf Latein – „dann gibt es weniger Ärger, weil es nur die Hälfte versteht“. Dabei macht Regisseur Meirelles nicht den Fehler, die Verwerfungen zwischen den beiden so verschiedenen Theologen zu glätten. Der Papst und der Kardinal diskutieren humorvoll, respektvoll und konstruktiv, doch auf einen gemeinsamen Nenner kommen sie fast nie. „Ich stimme mit gar nichts überein, was Sie sagen!“, sagt Benedikt XVI. nach einer Audienz im Palastgarten – und lädt Bergoglio doch zum nächsten Gespräch ein. Der Konservative und der Reformer: Beide wollen das Beste für die Kirche, und beide ahnen, dass es ohne den anderen nicht geht. Vielleicht ist das die tatsächlich wichtigste Botschaft des Films.

Die Kirchenreform ist dann auch eines der großen Streitthemen, und die Fronten klingen schon 2012 so klar abgesteckt wie heute. Bergoglio ist überzeugt, dass die Kirche sich wandeln muss, um lebendig zu bleiben. „Leben heißt Veränderung“, sagt er bei einem Ausflug durch die päpstliche Gartenanlage. „Keine Kompromisse!“, heißt es von Benedikt XVI., der überzeugt ist, dass die Kirche dem Zeitgeist widerstehen muss, um zeitlose Wahrheiten zu verkünden. Spannenderweise dreht sich die Debatte um, als der eben noch so liberale Bergoglio von den päpstlichen Rücktrittsplänen hört. „Christus ist auch nicht vom Kreuz gestiegen!“, fährt er den Papst an. „Was glauben Sie, warum Präsidenten und Kanzler Sie besuchen? Weil der Papst im Amt stirbt.“ Hier ist es Benedikt XVI., der sich die Freiheit herausnimmt, unkonventionelle eigene Wege zu gehen, um seinem Nachfolger eine Chance zu geben, die Probleme der Kirche anzugehen.

In den Gesprächen wird auch das Thema Kindesmissbrauch kurz gestreift. Aber das Drehbuch ist glücklicherweise sensibel genug, seinen Darstellern bei dieser hoch emotionalen Frage nicht zu viel in den Mund zu legen. Regisseur Meirelles ist auch deutlich weniger daran interessiert, Papst Benedikt für den Umgang mit einzelnen Missbrauchsfällen verantwortlich zu machen, als etwa die vor wenigen Wochen angelaufene, kontrovers diskutierte Dokumentation „Verteidiger des Glaubens“ (vgl. CIG Nr. 44, S. 499). Stattdessen lässt er den deutschen Papst vor dem argentinischen Kardinal die Beichte ablegen. Was genau besprochen wird, bekommt der Zuschauer nicht mit – er kann nur aus Bergoglios Reaktion eigene Schlüsse ziehen.

Als der Argentinier Rom nach wenigen Tagen wieder verlässt, ist sein Rücktrittsgesuch vom Tisch. Beide Männer haben im Verlauf der Gespräche ihre Positionen überdacht, sind Kompromisse eingegangen, haben dazugelernt. Und sei es auch nur, dass es kein Weltuntergang ist, seine Meinung zu ändern. Auch als Papst.

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