Kirchenräume als Orte der BegegnungWo sich Himmel und Erde berühren

In Kirchenräumen kommen Menschen zusammen. Aber sie bleiben nicht unter sich. Sie treten einer Wirklichkeit gegenüber, die größer ist als sie selbst. Ob sie eine Kerze entzünden und still beten oder sich in großer Gemeinschaft zur Feier des Gottesdienstes versammeln, stets begegnen sie Gott. Kirchen sind Orte dieser Begegnung und sollen durch ihre Gestaltung helfen, der Begegnung mit Gott und untereinander Raum zu geben.

Fazit

Der Kirchenraum ist Zeichen des Kirche-Seins und Ort der Begegnung mit Gott und den Menschen. Kirchenräume müssen Maß nehmen an einer Liturgie, die von der tätigen Teilnahme der Gläubigen lebt. Dazu braucht es innovative Raumkonzepte. Die Auseinandersetzung mit dem Kirchenraum beschränkt sich nicht auf ästhetische Aspekte, sondern eröffnet Horizonte für Liturgie und Pastoral.

Die Glocke schlägt und vor den Augen der Gemeinde tritt der Priester mit „seinen“ Ministranten aus den Kulissen der Sakristei auf die Bühne des Altarraums. Hier der agieren de Priester, dort das Publikum in den Bänken. Dieses Bild bietet sich vielerorts Sonntag für Sonn tag. Dahinter steht die lange Zeit vorherrschende Sicht: die Liturgie bestreitet der Klerus, die Gläubigen wohnen dem mit frommen Gedanken bei. Von diesem Verständnis sind viele unserer Kirchenräume noch immer bestimmt. Sie erschweren die Erfahrung, dass die Kirche (ekklesia) wesentlich Versammlung der Getauften ist. Allerdings eine Versammlung ganz eigener Art: Gottes Volksversammlung, zusammengerufen und vereint im Geist Jesu Christi (Mt 18,20). So stellt die Gemeinde selbst den heiligen Tempel Gottes dar (1 Kor 3,17), auferbaut aus lebendigen Steinen, ein heiliges Priestertum, das geistige Opfer darbringt (1 Petr 2,5). Kirchenräume sind daher Begegnungsorte in zwei Richtungen. Sie müssen der Versammlung dienen und Begegnung untereinander ermöglichen; zugleich sollen sie bewusst machen, dass die Versammelten hier in die Gegen wart Gottes eintreten und ihre Versammlung sich nicht in der menschlichen Gemeinschaft er schöpft. Wo sich Himmel und Erde berühren, braucht es symbolische Gestaltungen, die die Spannung zwischen Gott und Mensch nicht zur einen oder anderen Seite auflösen. Kirchenräume dürfen deshalb weder fromm dekorierte Wohnzimmer noch sakral ausgegrenzte Tempelbauten sein. Es braucht Räume für eine festliche Liturgie, die etwas erahnen lässt vom Fest Gottes mit den Menschen, Räume, die menschengerecht sind und zugleich offen für die größere Wirklichkeit Gottes, Räume, die zu Stille und Anbetung führen. Die Gestaltung des Kirchenraumes steht darum vor einem hohen Anspruch, der aber für die Feier des Gottesdienstes wesentlich ist.

Auf Raumsuche

Das frontale Gegenüber von Altar und Gemeinderaum mit der Zelebration „versus populum“ und das Ungleichgewicht zwischen dem zentrierten Altar und einem daneben gestellten Lesepult hat sich in verschiedener Hinsicht als problematisch erwiesen. Ein solcher Raumeindruck fördert nicht nur das Missverständnis, die Liturgie sei eine Veranstaltung des Priesters, es verhindert zudem die Erfahrung, alle Feiernden richten sich im Gebet auf Gott aus und versammelten sich um den Tisch der Eucharistie.
Seit längerem wird deshalb nach Formen des Kirchenraumes gesucht, die der Begegnung mit Gott und mit den Menschen entsprechen. Die Idee der sogenannten „Communio-Räume“ greift auf das Modell der Ellipse zurück. Ihre beiden Brennpunkte bilden die Orte für die Verkündigung mit dem Ambo und für die Eucharistie mit dem Altar. Die Gemeinde versammelt sich an den beiden Seiten der Ellipse und wendet sich jeweils Ambo und Altar zu. Diese bipolare Gestaltung unter - streicht das Bild von den beiden Tischen, dem des Gotteswortes wie des Herrenleibes (AEM 8) und verleiht der inneren Beziehung zwischen Verkündigung und Sakrament einen raumästhetischen Ausdruck.
Auch der offenen Mitte der Ellipse kommt ein Verweischarakter zu. Der freie Raum deutet auf die Gegenwart Gottes hin und hält wach, dass sein Wirken in der Liturgie letztlich immer unverfügbar bleibt und erbeten werden muss.
Die so gestalteten Kirchenräume wie in St. Franziskus in Bonn oder St. Christophorus auf Norderney haben Zustimmung, aber auch Kritik erfahren. Prominent hatte sich Kardinal Joseph Ratzinger gegen diese Gestaltung gewandt, da sie der kosmischen und eschatologischen Dimension der Liturgie nicht gerecht werde. Tatsächlich hat man den „Communio-Raum“ weiterentwickelt. Ausgehend von den drei Grundgestalten der Messfeier, die dialogische der Wortfeier, die gerichtete des Gebets und die konzentrische des eucharistischen Mahles, sind Räume entworfen worden, bei denen eine Seite der von der Ellipse gebildeten Achse offen bleibt. Bei diesem in U-Form angelegten Raum umstehen die Feiernden an drei Seiten den Altar, so dass sich alle beim Gebet zur offenen vierten Seite ausrichten können. Beim Wortgottesdienst wenden sich alle dem Ambo auf der offenen Schmalseite zu. Dieses Modell der „orientierten Versammlung“ versucht, der eschatologischen Ausrichtung und dem gemeinschaftlichen Moment der Eucharistie gleichermaßen zu entsprechen. Auch diese Raumgestalt wurde verschiedentlich verwirk licht, so etwa in St. Albert in Ander nach, St. Barbara in Moers oder in der Bonifatiuskapelle des Mainzer Priesterseminars.

Alte Räume – neue Liturgie

Es gibt sicher nicht das eine allgemeingültige, der Liturgie adäquate Raummodell. Schon mit den Vorgaben des Bauwerks – eine romanische, dunkle Dorfkirche, eine große neugotische Hallenkirche, ein barocker Theaterraum oder ein Bau der neuen Sachlichkeit des 20. Jahrhunderts – wird eine Gemein de in der Regel leben müssen. Das schließt freilich nicht aus, immer wieder nach Neugestaltungen zu suchen. Ein Kirchenraum entwickelt sich weiter entsprechend der Anforderungen, die an ihn gestellt werden: eine erneuerte Liturgie, die von der tätigen Teilnahme aller lebt, die deutlich geringer gewordene Anzahl der den Gottesdienst Feiernden, die gewandelten ästhetischen Empfindungen und anderes mehr. So wäre es wünschenswert, wenn ein Kirchenraum immer wieder einer kritischen Sichtung unterzogen wird: Wie kann unsere Kirche noch besser erfahren lassen, dass Christus seine Gemeinde um sich versammelt? Was hilft, dass die Menschen noch leichter am gottesdienstlichen Geschehen teilnehmen können? Wie muss der Raum gestaltet sein, dass er zur Begegnung mit Gott und untereinander führt? Eine solche Reflexion zielt auf grundsätzliche Überlegungen wie den Standort von Altar, Ambo und Priestersitz, die Anordnung und Anzahl der Bänke oder Sitze für die Gemein de, die Beziehung zwischen Feierraum und Ort der Kirchenmusik, dem Zusammenspiel von alten und neuen Ausstattungselementen.

Altar: „Mittelpunkt der Danksagung“

Als Beispiel seien Ort und Gestalt des Altars erwähnt. Theologisch kommt ihm als zentrales Christussymbol im Kirchenraum eine überragende Bedeutung zu. Der Altar ist der „Mittelpunkt der Danksagung, die in der Eucharistiefeier zur Vollendung kommt“ (AEM 259). Während die Tischform an das österliche Mahl erinnert, zu dem der Auferstandene die Seinen versammelt, weist die Blockform auf die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Christi hin, der selbst der Eckstein (Röm 9,33; 1 Petr 2,6) ist. Stets aber erhält der Altar seine Würde von der Gedächtnisfeier des Herrn, weshalb er – auch außerhalb der Eucharistiefeier – ein bleibendes Sinnbild für Christus ist.
Aus diesen theologischen Vorgaben ergeben sich Konsequenzen. Weil es nur einen Christus gibt, soll es nur einen Altar geben, der freistehend die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht. Sein Standort ist weitgehend von den Vorgaben des Raumes bestimmt (Achsen, Diagonale, Säulen, Quer- und Seitenschiffe). Mancherorts hat man den Altar vom erhöhten Chorraum in das Kirchenschiff verlagert und eine Altarinsel geschaffen, um die herum die Bankblöcke gruppiert sind. Dieses „Circumstantes“-Modell bringt die Versammlung um den Tisch des Herrn deutlicher zum Ausdruck und ermöglicht eine gemeinschaftsfördernde Kommunionspendung, bei der die Gläubigen nicht einzeln zur Kommunion herantreten müssen.
Wenn der Altar das Christussymbol bildet, dann darf er nicht selbst Träger von noch so gut gemeinten Symbolen wie Ähren, Trauben, biblischen Szenen oder Ähnlichem sein. Vielmehr steht die Gestalt des Altars als gute Architektur oder gute Skulptur für sich. Weil hier die Gaben der Eucharistie, das Brot in der Hostienschale und der Wein im Kelch den Mittelpunkt bilden, sollten alle nötigen Hilfsmittel wie Messbuch und Mikrofon möglichst unauffällig wirken. Das schließt ein, den Altar nicht zum Abstellplatz für Blumen, Kerzen oder sonstige Gegenstände zu machen. Auch hier empfiehlt sich eine konzentrierte Gestaltung: Kerzenleuchter neben dem Altar, ggf. ein dem Kirchenjahr entsprechendes Blumenarrangement im Altarraum.

Nicht nur für die Messe

Die meisten Kirchenräume sind für die sonntägliche Gemeindemesse konzipiert. Das ist verständlich, bildet die Eucharistie doch die Quelle und den Höhepunkt des christlichen Lebens. Dennoch muss der Kirchenraum auch die Vielfalt der liturgischen Feiern und ihrer unterschiedlichen Dimensionen berücksichtigen. So stellen Feiern, in denen das Gebet den Schwerpunkt bildet, andere räumliche Ansprüche als Feiern, die auf die Verkündigung ausgerichtet sind. Prozessionale Vollzüge und Bewegungen im Gottesdienst brauchen entsprechende Freiräume. Historisch haben sich dafür einzelne Raumteile entwickelt, etwa das einander gegenübergestellte Chorgestühl für die Tagzeitenliturgie, die Kanzel in der Mitte des Längsschiffs für die Predigt, der Chorumgang für Prozessionen. Wo große Kirchenräume zur Verfügung stehen, lassen sich gestalterisch Raumanlagen für verschiedene Feiern und für das persönliche Gebet voneinander trennen, ohne dass die Gesamtheit des Raumeindrucks darunter leidet. Vielfach wird man dafür auf flexible Sitzgelegenheiten zurückgreifen, entsprechend der Feierformen. So brauchen etwa kleinere Feiergemeinschaften in einem großen Raum nicht verloren wirken.
Aber auch die Feier der Sakramente benötigen eigene Orte im Raum. Das gilt insbesondere für die Taufe und das Sakrament der Versöhnung. Vor allem für den Taufort sind in den vergangenen Jahrzehnten innovative Lösungen entstanden, sei es in einer Taufkapelle, im Eingangsbereich oder auch im Chorraum. Die Erfahrung zeigt, dass, wo immer Gemeinden ihren Taufort neu gestalten, grundlegen de pastorale Fragen zur Sprache kommen. In St. Maria Magdalena in Bochum-Wattenscheid beispielsweise hat das kreuzförmige Taufbecken, das in den Boden des Chorraums eingelassen wurde, und das Taufen durch Untertauchen ermöglicht, die Taufpastoral in das Zentrum der Gemeinde gerückt und der Seelsorge einen neuen Akzent verliehen.

Anstöße für Liturgie und Pastoral

Das letztgenannte Beispiel deutet an, dass die Auseinandersetzung mit dem bestehenden Kirchenraum weder ästhetische Genüsse befriedigen will, noch innerkirchlicher l’art pour l’art dient. Der gottesdienstliche Raum stellt grundlegende Anfragen an die Art und Weise, wie sich Kirche versteht und welche Bedeutung sie der Begegnung mit Gott und untereinander zumisst. Denn der Kirchenraum qualifiziert in seiner Gestaltung die feiernde Gemeinde, ihre Gottesdienste und ihr eigenes Verständnis, als Kirche Sakrament in der Welt zu sein. Insofern strahlt die Sorge um einen angemessenen Kirchenraum aus auf die Sorge um die Menschen und damit auf das Zeugnis des Glaubens und das pastorale Wirken.
Das Gesicht der Kirche in Deutschland verändert sich rasant. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Kirchenräume, wie man anhand der zunehmenden Umnutzungen von Kirchen, Kirchenschließungen oder gar am Abriss von Kirchen sehen kann. Die Umbrüche im kirchlichen Leben sind aber auch eine Chance, neu zu fragen nach Räumen, die einer intensiv gefeierten, geistlich fruchtbaren Liturgie dienen.

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