Die Diözese Rottenburg-Stuttgart auf dem Weg zum KatholikentagLeben teilen

Vom 25. bis zum 29. Mai 2022 wird in Stuttgart der 102. Deutsche Katholikentag stattfinden. Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist das eine große Freude – zumal wir in der Vergangenheit immer wieder Gastgeber dieses zentralen Treffens der Katholikinnen und Katholiken sein durften.

Der Ulmer Katholikentag 2004, zu dem sich 55.000 Menschen in die DonauStadt aufmachten, ist noch in lebendiger Erinnerung. Längere Zeit zurück liegt inzwischen der letzte Stuttgarter Katholikentag 1964. In der Endphase des Zweiten Vatikanischen Konzils war er ein Katholikentag des Aufbruchs, der von den wichtigen pastoralen Impulsen des Konzils geprägt war. Ich selbst erinnere mich noch gut daran, wie ich auf diesem Katholikentag in der „Welthauptstadt der Bibel“ mitgeholfen habe, Tausende Exemplare der Heiligen Schrift, der sogenannten Katholikentagsbibel, an die Katholikentagsteilnehmer zu verteilen. Auch der kommende Katholikentag findet in bewegter Zeit statt – drängende Fragen zur gegenwärtigen Verfassung unserer Kirche und zu ihren Zukunftsperspektiven bewegen viele engagierte Christinnen und Christen in unserem Land. Katholikentage sind herausgehobene Orte des Austauschs, des Dialogs und der Auseinandersetzung mit den relevanten Fragen unserer Zeit. Vor allem sind sie aber auch Orte der Begegnung. Nach den begegnungsarmen Monaten der Corona-Pandemie kommt diesem Aspekt aktuell gewiss eine besondere Bedeutung zu. Wir sind sehr zuversichtlich, dass der Katholikentag in Stuttgart eine der ersten großen Veranstaltungen sein wird, zu der Katholikinnen und Katholiken, Menschen aller Konfessionen und Religionen – aus unserer Region, aus ganz Deutschland und aller Welt – zusammenkommen werden, um ein großes Fest des Glaubens zu erleben, auf dem wir miteinander „Leben teilen“ werden.
Das Motto des Katholikentags greift das Wirken unseres Diözesanpatrons, des heiligen Martin von Tours auf, den Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus Caritas est“ sehr treffend eine „Ikone der Nächstenliebe“ genannt hat. Bis heute präsent ist die denkwürdige Szene am Stadttor von Amiens, in der Martin seinen Soldatenmantel mit einem armen frierenden Mann teilt. In der liebenden Zuwendung zu diesem bedürftigen Menschen begegnet Martin Jesus Christus selbst. Dieses Schlüsselerlebnis hat den heiligen Martin so sehr geprägt, dass sein ganzes Leben vom Gedanken des Teilens regelrecht durchwirkt war. Als einer der Begründer des abendländischen Mönchtums hat er sein Leben in geistlicher Gemeinschaft mit anderen Menschen geteilt. Als Friedensstifter ist er immer wieder in konfliktgeladenen Situationen aufgetreten und hat sich für gewaltfreie Wege der Verständigung und Versöhnung eingesetzt. Durch seine Biographie und die weite Ausstrahlung seines Wirkens ist Martin von Tours ein wahrhaft europäischer Heiliger, der uns auch heute noch wichtige Impulse geben kann. Als Martinsdiözese fühlen wir uns dem Vorbild dieses herausragenden Christen schon seit langem in besonderer Weise verpflichtet. In vielen innovativen Projekten der Caritas findet der Gedanke des Teilens in unserer Diözese und ganz besonders auch in Stuttgart eine konkrete, auf aktuelle Herausforderungen antwortende Gestalt. In den letzten Jahren haben wir insbesondere auch die Spiritualität des Pilgerns neu entdeckt. Entstanden ist dabei unter anderem ein dichtes Netz an Martinuswegen, das einen großen Zuspruch in unserer Diözese findet. Eine besondere Bedeutung kommt mit Blick auf die Grundhaltung des Teilens dem weltkirchlichen Engagement der Diözese Rottenburg-Stuttgart zu, das unmittelbar aus der Erfahrung des Konzils heraus entstanden ist und heute zu den profilbildenden Merkmalen unserer Martinsdiözese gehört. Das jährliche Journal, in dem über aktuelle Entwicklungen in der weltkirchlichen Arbeit unserer Diözese berichtet wird, trägt nicht ohne Grund den sprechenden Titel: „Der geteilte Mantel“.

Weltkirchliche Prägung

In fünf Jahrzehnten weltkirchlichen Engagements ist ein dichtes Netz an weltkirchlichen Partnerschaften auf allen Ebenen der Diözese Rottenburg-Stuttgart entstanden. Gepflegt werden diese Partnerschaften auf Gemeinde und Dekanatsebene, durch verschiedene katholische Verbände und insbesondere auch durch die Hauptabteilung Weltkirche im Bischöflichen Ordinariat. Das Teilen bezieht sich dabei nicht nur auf die materielle Unterstützung, mit der viele innovative pastorale Projekte und Initiativen in unseren Partnerdiözesen und -gemeinden unterstützt und ermöglicht werden. Immer wichtiger ist für uns auch das Teilen der pastoralen und geistlichen Erfahrungen geworden: Durch weltkirchliche Beziehungen lernen wir voneinander und ermutigen uns gegenseitig für unser Wirken in unseren jeweiligen Ortskirchen. Im Zentrum Weltkirche, das es in dieser Form zum ersten Mal auf dem Stuttgarter Katholikentag geben wird, werden sich unter anderem diese Initiativen vorstellen und zu Dialog und Austausch einladen. Immer wichtiger geworden ist die aktive Vernetzung unserer diözesanen weltkirchlichen Aktivitäten mit anderen Akteuren und Initiativen aus der Ökumene und der Zivilgesellschaft. Auch diese neuen Bündnisse und Netzwerke sollen auf dem Katholikentag sichtbar werden. Denn auf die globalen Herausforderungen des Klimawandels, der Friedenssicherung und des Einsatzes für gerechte und menschenwürdige Lebensbedingungen für alle Menschen in der Einen Welt werden wir nur dann wirksame Antworten finden, wenn alle Menschen guten Willens zusammenwirken. Dies betont Papst Franziskus immer wieder mit Nachdruck – vor allem in seinen wegweisenden Enzykliken „Laudato si“ und „Fratelli tutti“. Auf dem Katholikentag werden wir uns diesen Themen in einem eigenen Themenbereich widmen, der den Titel trägt: „Unsere Zukunft: Chancen teilen“. Dieses Wort ist wichtig und richtig. Wir können eine Zukunft, von der wir hoffen, dass sie gelingen wird, nur so mitgestalten, dass wir die Chancen zu leben und zu überleben mit den Menschen teilen, die von ihnen allzu oft ausgeschlossen sind.
Der besondere weltkirchliche Charakter, der den Stuttgarter Katholikentag auszeichnen soll, hat aber noch eine weitere wichtige Dimension. Viele haben noch nicht ausreichend im Blick, dass inzwischen fast die Hälfte der Stuttgarter Katholikinnen und Katholiken aus anderen Ländern und Kontinenten stammt und ihren Glauben in vielen muttersprachlichen Gemeinden lebt. Vor diesem Hintergrund hat Weltkirche nicht nur eine globale Dimension. Sie ist eine Realität mitten in unserer Ortskirche. Zudem hat die Zahl der Priester und Ordensfrauen aus der Weltkirche, die in unserer Diözese einen pastoralen Dienst tun, in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Dass ist zum einen ein großer Zugewinn an kultureller und spiritueller Vielfalt. Auf der anderen Seite ergeben sich daraus natürlich auch neue Herausforderungen für das Zusammenleben und Zusammenwirken in unseren Gemeinden, die es anzunehmen und zu gestalten gilt. Es ist für mich eine große Freude, dass sich die muttersprachlichen Gemeinden aktiv in die Vorbereitung und Gestaltung des Katholikentags einbringen. Insbesondere im Zentrum Weltkirche werden sie ihre pastorale Arbeit vorstellen. Von diesem Katholikentag verspreche ich mir nicht zuletzt einen wichtigen Impuls für das Zusammenwachsen aller katholischen Gemeinden unserer Diözese in ihrer multikulturellen Vielfalt.

Neuordnung der Strukturen

Die weltkirchliche Arbeit ist ein wichtiger Impuls, den wir als Diözese dem Zweiten Vatikanischen Konzil verdanken. Ein zweiter prägender Impuls des Konzils war eine umfassende Neuordnung der Verantwortungsstrukturen auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens unserer Diözese, die wir – nicht ganz ohne Stolz – auch als „Rottenburger Modell“ bezeichnen. Es ist in dieser Form in der katholischen Kirche in Deutschland einmalig. In zwei Stichworten zusammengefasst, bedeutet es einerseits die gemeinsame Verantwortung der gewählten Laien und der vom Bischof bestellten Träger von Diensten und Ämtern und pastoralen Laiendiensten in Kirchengemeinden, Dekanaten und im Diözesanrat. Und andererseits die Zusammenarbeit von Priestern, Diakonen, Pastoralreferentinnen und -referenten sowie Gemeindereferentinnen und -referenten mit differenzierten Verantwortlichkeiten in der Seelsorge und den ehrenamtlich tätigen getauften Frauen und Männern in der Kirche. In verschiedenen Werkstätten und Gesprächsrunden wollen wir unsere langjährigen Erfahrungen mit dem „Rottenburger Modell“ einer partizipativ wahrgenommenen gemeinsamen Verantwortung für das kirchliche Leben auf allen Ebenen unserer Diözese ins Gespräch bringen. Ich bin mir sicher, dass damit ein wichtiger Beitrag für den gemeinsamen Reflexionsprozess der deutschen Ortskirche im Rahmen des Synodalen Wegs geleistet werden kann. Dass Papst Franziskus den Weg eines synodalen Prozesses nun für die Weltkirche als ganze eröffnet und damit ein Grundanliegen des Konzils aufgreift und weiterführt, ist für unsere Diözese eine Ermutigung auf diesem Weg einer partizipativen Kirche weiter voranzugehen.
Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat sich auf den Weg zum 102. Deutschen Katholikentag in Stuttgart gemacht. Viele Gruppen und Verbände, Gemeinden und Gemeinschaften, Künstlerinnen und Künstler aus dem Südwesten werden sich an einem reichhaltigen und vielfältigen Programm beteiligen. Besonders dankbar bin ich für die Unterstützung, die wir durch unsere evangelischen Mitchristinnen und Mitchristen erfahren, die sich auf vielfältige Weise am Katholikentag beteiligen. Stuttgart ist Sitz der Württembergischen Landeskirche und ein Ort gelebter und lebendiger Ökumene. Dieses gute Miteinander wird im Programm des Katholikentags, in vielfältigen Veranstaltungen und Gottesdiensten immer wieder deutlich werden.

Gemeinsam unterwegs

In vorbereitenden Aktionen laden wir die Gemeinden und Gemeinschaften, Gruppen und Verbände, Schülerinnen und Schüler ein, sich mit dem Motto des Katholikentags „leben teilen“ kreativ auseinanderzusetzen. Wir freuen uns auf viele Gäste aus der Region, aus ganz Deutschland und aus aller Welt. Gastfreundschaft ist eine der besten und schönsten Formen, Leben miteinander zu teilen. Viele Familien in Stuttgart werden ihre Häuser und Wohnungen öffnen und Quartiere für unsere Gäste zur Verfügung stellen. Zu Beginn des Katholikentags laden wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Katholikentags und die Stuttgarter Bevölkerung zu einem Abend der Begegnung ein, auf dem wir alle mit kulinarischen und kulturellen Leckerbissen aus der Region in die kommenden Tage einstimmen wollen. Wir freuen uns auf ein Fest des Glaubens, der Begegnung und der Ermutigung, von dem ein positiver Impuls für das Leben der Kirche in Deutschland und in unserer Diözese ausgehen möge!

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