Christsein in der Zeitenwende

Papst Franziskus spricht immer wieder davon, dass wir mitten in einer „Zeitenwende“ leben. Ich glaube, das ist nicht übertrieben. Die Erde ist vom Holozän, in dem eine relativ große Stabilität die Entwicklung menschlicher Zivilisationen ermöglicht hat, ins Anthropozän übergegangen, ins Zeitalter des Menschen. Das kollektive menschliche Handeln ist heute der entscheidende geologische Faktor, der tiefgreifende Umwälzungen der biologischen, chemischen und physikalischen Systeme der Erde in Gang gesetzt hat. Folglich müssen sich die menschlichen Gesellschaften an stark veränderte Bedingungen anpassen. Das zu tun, und zwar ohne Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit einzubüßen, was angesichts steigender Konfliktpotenziale eine reale Möglichkeit ist, sondern den Wandel als deren wesentliche Weiterentwicklung zu gestalten – das ist die zentrale politische Herausforderung demokratischer Gesellschaften des 21. Jahrhunderts. Gleichzeitig ist die Gerechtigkeitsfrage neu zu stellen, denn die Ärmsten sind am wenigsten für die Umwälzungen verantwortlich, leiden aber am meisten darunter. Man spricht von „sozial-ökologischer“ oder „Großer Transformation“, hin zu einer Lebensweise und Zivilisation, die innerhalb der planetarischen Grenzen gutes Leben für alle möglich macht.

Die Größe dieser Herausforderung kann kaum überschätzt werden, denn strukturell sind die Weichen derzeit noch auf ein „Weiter so“ eingestellt, das uns in die weltweite Katastrophe treibt. Viele Expertinnen und Experten halten die Dekade bis 2030 für das entscheidende Zeitfenster, in dem das Steuer noch herumgerissen werden kann. Danach ist die Wahrscheinlichkeit, Kipppunkte des Klimasystems und in anderen Bereichen zu überschreiten, bereits so hoch, dass ein menschliches Umsteuern ab diesem Zeitpunkt womöglich kaum noch Einfluss auf die weitere Entwicklung haben wird. Viele Aktive stellen sich angesichts dessen tiefe Sinn-Fragen, etwa: Wie kann ich gut in diesen komplexen Veränderungsprozessen leben und mich sinnvoll darin einbringen? Die beiden Schlüsselbegriffe einer christlichen Antwort darauf sind für mich Umkehr und Hoffnung.

Umkehr schließt eine deutliche Abkehr ein – etwa von der Illusion, dass unsere vermeintlich friedliche Lebensweise in Deutschland ethisch unproblematisch ist und ewig so weitergehen kann; aber auch von Hoffnungslosigkeit, die sich etwa in Angst vor Veränderungen ausdrückt und im Extremfall in Gewalttätigkeit ausartet. In einem umfassenderen Sinn ist es eine Abkehr vom „technokratischen Paradigma“ (Laudato Si‘), das uns weismachen will, dass wir alle isolierte Egoisten sind, die durch materiellen Besitz, durch Konsum, Konkurrenz und Statusvergleich glücklich werden, und dass außerdem die Technologie all unsere Probleme lösen wird. In Wahrheit sind wir Beziehungswesen und leben auf, wo wir mit anderen an sinnstiftendem Handeln beteiligt sind. Christliche Umkehr ist auch eine Hinkehr: Hin zu Jesus Christus, der gekommen ist, unsere gebrochenen Beziehungen (zu Gott, zu uns selbst, zu anderen und zur Schöpfung) zu heilen und zu erneuern; das macht uns frei, Unsicherheit anzunehmen und als Wachstumschancen zu begreifen. Hin zur Gemeinschaft und hin zu Vertrauen und Hoffnung, denn Gott ist bereits dabei, die Welt zu retten, und will unsere Mitarbeit. Hin zur Perspektive der Ärmsten, denn sie sind die bevorzugten Empfänger und zugleich Experten des Evangeliums. Die Enzyklika Laudato Si‘ ist ein beherzter und freudig-poetischer Appell, in diese Beziehungs-Dynamik einzusteigen. Sehr vieles wird sich verändern – die Frage ist, an welchen Veränderungen wir uns bewusst beteiligen wollen und was uns hilft, die ungewollten Veränderungen zu erleiden. Gott verlangt keinen moralischen Perfektionismus von uns, sondern ein kreatives Einbringen in Prozesse, die zugleich radikal und realistisch sind – alle Lösungsansätze werden ohnehin bis auf Weiteres unvollkommene Kompromisse sein.

Die Hoffnung, zu der wir aufgefordert sind, ist gerade keine Flucht ins Jenseits, sondern ein „Tiefer-Sehen“ des Diesseits. Sie nimmt die Inkarnation und das Ostergeschehen radikal ernst: Der Heils-Weg, den Jesus Christus uns aufzeigt, ist der Weg des liebevollen Dienstes, der Weg des Einsatzes für Gerechtigkeit an der Seite der Armen. Der Auferstandene ist der Beweis, dass Gott das Unmögliche möglich macht und dass das Leiden und der Tod durchlitten werden können. Das Leben und die Liebe haben das letzte Wort. Wirkliche Hoffnung entsteht, wo wir als „Auferstehungsdetektive“ trotz Angst nach Gottes Heils-Handeln in der Welt Ausschau halten und selbst zu Auferstandenen werden, uns mit andren auf den Weg machen, um in Gottes Handeln einzuschwingen, und dabei unser Kreuz tragen. Die Kennzeichen der Auferstehung sind Freude und Freiheit.

Umkehr zur Hoffnung: Der Glaube gibt uns keine Garantie dafür, dass es nicht zu dramatischen Situationen kommen wird. Doch er zeigt in Christus einen Weg, wie wir mitten in der Zeitenwende die Berufung des Menschseins leben können.

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