Rezensionen: Kunst & Kultur

Behre, Maria: Rose Ausländers Doppelspiel. Dichtung – Denkanstoß – Deutungslust (Materialien zur Literatur 2). Hg. von der Rose-Ausländer-Gesellschaft.
Weilerswist: Ralf Liebe 2021. 183 S. Kt. 23,–.

Sie gilt als die letzte jüdische Psalmistin deutscher Zunge: Rose Ausländer, am 11. Mai 1901 in Czernowitz geboren, emigrierte gleich mehrfach in die USA, zog 1965 nach Deutschland und widmete sich bis zu ihrem Tod 1988 im Alten- und Pflegeheim der jüdischen Gemeinde Düsseldorf ganz dem Schreiben. „Was … über uns hereinbrach, war ungereimt, so alpdruckhaft beklemmend, dass – erst in der Nachwirkung, im nachträglich voll erlittenen Schock – der Reim in die Brüche ging. Blumenworte welkten, das alte Vokabular musste ausgewechselt werden“, umschrieb sie den ästhetisch-innovativen Bruch mit ihrer früheren konventionellen Dichtung. Geschult an der modernen Bild- und Ausdruckswelt der amerikanischen Lyrik und inspiriert von der Formverknappung und Chiffrensteigerung Paul Celans gehört Rose Ausländer zu den meistgelesenen deutschsprachigen Lyrikerinnen.

Vor dem Hintergrund ihrer langjährigen Beschäftigung mit der deutsch-jüdischen Autorin legt Maria Behre zum 120. Geburtstag der Dichterin 2021 eine lesenswerte Aufsatzsammlung vor, die mit einer Fülle luzider Gedichterschließungen im Spannungsfeld von Bibel, Religion und Poesie, von West- und Ostjudentum, Shoa, Heimat(verlust) und Exil aufwartet. Fokussiert auf das titelgebende „Doppelspiel“ aus „Blumenworten“ und „Kriegsgestammel“, das die Ambivalenz menschlichen Sprachvermögens zwischen der mystischen Poesie Hölderlins und der vernichtenden Machtrhetorik moderner Massengesellschaften verdichtet, zielt Behre auf ein tieferes Verstehen von Rose Ausländers Mythopoesie, deren sprachthematisierende Texte sie im gymnasialen Deutschunterricht und in der Lehrerausbildung erprobte.

Bereits 2005 legte Behre eine instruktive Studie über Ausländers Umdeutung des biblischen Eva-Mythos vor, wodurch diese sich als Schriftstellerin des Weiblichen exponierte. Die ihr Denken und Dichten leitenden (religions-)philosophischen Bezüge zu Platon und Spinoza wurden, wie Behre im neuen Band eindringlich herausarbeitet, entscheidend durch den Kulturkritiker Constantin Brunner geprägt, den sie in Czernowitz und New York mit Gleichgesinnten studierte. So schreibt sie den Johannes-Prolog zur säkularen Genesis weiter: „‘Am Anfang / war das Wort / und das Wort / war bei Gott’ // Und Gott gab uns / das Wort / und wir wohnen / im Wort // Und das Wort ist / unser Traum / und der Traum ist / unser Leben“.

Brunners Transformation des Gottesglaubens in eine mystisch-panentheistische Allreligion bringt Behre in eine aufschlussreiche Verbindung zur Prozesstheologie Whiteheads. So vermag sie Ausländers religionskritische Gott-Gedichte wie ihre sinnlich-geistigen Eva-Gedichte auf die Polarität des Lebens hin zu erhellen: Eva ist nicht die verführte Sünderin, vielmehr verkörpert sie durch ihr Lebendig-und-sterblich-Machen die Grammatik des Schöpfungsprozesses im Sinne einer felix culpa (glücklichen Schuld).

                Christoph Gellner

 

Verfuß, Chris / Erdmann, Felix: Mondnacht. Fünf vor Zwölf. Antworten auf die Klimakrise.
Berlin: Trabanten 2021. 560 S. Gb. 24,–.

„Was machst du an der Welt? Sie ist schon gemacht. / Der Herr der Schöpfung hat alles bedacht ...“ (Goethe, 85). Die Herausgeber und Lektoren Chris Verfuß und Felix Erdmann, beide Jahrgang 1997, versammeln in „Mondnacht“ 21 Essays zur Klimakatastrophe nebst 168 Gedichtauszügen von Barock bis Expressionismus. Die Autorinnen und Autoren sind Gregor Gysi, Annette von Droste-Hülshoff, Fridays-for-Future-Aktivistinnen, Novalis uva. Diese außergewöhnliche Komposition ist ambitioniert, und nicht immer harmonieren Joseph von Eichendorff und Wirtschaftsanalyse, Georg Heym und Prognosen zur globalen Wasserqualität.

Tote Dichter können sich bekanntlich nicht wehren: „Obgleich es manchmal in der Seele wehtat, Matthias Claudius seine Gottesanspielungen zu nehmen, wurden derartige Selektionen stets mit dem nötigen Respekt und ausschließlich zur Erfrischung der Gesamtkonzeption getroffen“ (10), so Verfuß und Erdmann. Manchmal wird das Gedicht vollkommen aus dem Kontext gerissen, was z.B. zu dem ahnungs- oder pietätlosen Fauxpas führt, Georg Trakls Gedicht „Grodek“ (162) über die Schrecken des Ersten Weltkriegs in der heutigen Ukraine vor den Karren des Klimaschutzes zu spannen. Dass es dort und im darauffolgenden Essay um Krieg geht, rechtfertigt m.E. noch keine Kontextualisierung. Andernorts aber drängt sich tatsächlich ein literarischer Bezug auf, überraschend deutlich und einleuchtend, etwa bei Mary Shellys „Frankenstein“ (379) oder Shakespeares „Julius Cäsar“ (29).

Es ist literaturwissenschaftlich und historisch fraglich, zu spekulieren ob Schiller heute ein Klimaaktivist wäre, oder wie „Annette von Droste-Hülshoff auf den Kohleausstieg 2038“ (8) reagieren würde. Das wissen die Herausgeber. Manche Gedichte haben nicht mehr mit den Themen der Aufsätze zu tun, als dass es darin irgendwie um Natur geht. Sehnsucht erweckende Landschaften und wilde Wetterereignisse, die in der Regel gottesfürchtig machen sollten, sind in der Lyrik der Romantik schließlich ein zentrales Motiv. Wozu also dieses Projekt?

„Konkrete Antworten auf unsere heutigen Fragen liefern die Dichter:innen nicht. Aber sie führen uns mit Macht die Kostbarkeit unserer Umwelt vor Augen, zeigen uns, was auf dem Spiel steht und finden Worte, die die Dimension der Klimakrise erfahrbarer machen“ (8), so die Herausgeber: „Sie schließen die Lücke zwischen der Rezeption wissenschaftlicher Fakten und dem emotionalen Verständnis für die Tragweite des Themas“. Zur „Erfrischung der Gesamtkonzeption“ (10) hätte es geholfen, jedem Essay bloß ein oder zwei Gedichte zur Seite zu stellen, aber dafür die passenden. Weniger ist mehr. Und warum nicht auch zeitgenössische Lyrik, etwa von Dichterinnen wie Marion Poschmann, die eigens für das moderne Genre der Klimapoesie bzw. Nature Writing ausgezeichnet wurde (vgl. StdZt 9/2019, 683-686)?

Die Essays sind äußerst gelungen. Einige Wiederholungen wie der Verweis auf die jüngsten Naturkatastrophen oder die Notwendigkeit eines sozial-ökologischen Paradigmenwechsels in der Politik usw. lassen sich nicht vermeiden. Davon abgesehen glänzen viele der Beiträge mit ihrer einzigartigen Thematik, etwa John von Düffels „Die toten Fische vom Landwehrkanal“ (27-38), selbst recht poetisch verfasst, fast schon romantisch aber eben nicht der realen Welt entrückt. „Gibt es überhaupt noch irgendetwas zur Klimakrise zu sagen?“ fragt Sirius von „Ende Gelände“ (203-210) und trifft damit einen Nerv. Besonders hervorgehoben seien noch die Texte von Felix Peter von „Psychologists For Future“: „Psychologische Perspektiven auf eine Gleichzeitigkeit der Unzeit“ und Gesa Mackenthun: „Erloschener Mond, dunkle Hoffnung. Das ‚Jahr ohne Sommer‘ als Warnung und Wegweiser“. Insgesamt brilliert der Band mit einer erfrischenden Vielstimmigkeit neuer Perspektiven auf das wichtigste Thema unserer Zeit.

                Philipp Adolphs

 

Schätzing, Frank: Was, wenn wir einfach die Welt retten? Handeln in der Klimakrise.
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2021. 336 S. Gb. 20,–.

Ich lese gerne Thriller, vor allem vor dem Einschlafen. Spannende Geschichten, die mich mit hoher Erzählkunst von tristen Alltagsüberbleibsel befreien. Aber ein Happy End sollten sie schon haben, denn sonst wären sie ja nicht besser als die Realität. Ich kenne alle Thriller von Frank Schätzing, deshalb wurde ich bei seinem neuen Buch sofort neugierig. Es passte schon vom Titel her so gar nicht zu seinen bisherigen Publikationen. Und schon war ich ihm auf den Leim gegangen.

Auch dieses Buch, so Schätzing, sei ein Thriller. Aber eben einer, in dem wir, die LeserInnen, die Hauptdarsteller sind. Dieses Buch handelt, wie andere Thriller, von Kontrollverlust: „Am Anfang steht Normalität. Heile kleine Welt. Familie, Nachbarn, Freunde. Dann bricht etwas ein. Unheimlich, unerklärlich. Die Ordnung erodiert, und je weiter das Ganze voranschreitet, desto schlimmer wird es. Sicher geglaubte Strukturen zerfallen. Gewissheiten enden, Vertrautes wendet sich gegen uns“ (11). Und in genau eine solche Situation manövrieren wir uns aufgrund unserer Ignoranz gegenüber den Jahrzehntelangen Warnungen der Wissenschaft angesichts der Entwicklungen bei Klimawandel, Artensterben und anderen heraufziehenden Desastern. Aber, so Schätzing, „wenn Sie Thriller lieben, wissen Sie, was als einziges gegen Bedrohungen hilft: sie zu verstehen. … Bedroht zu sein ist an sich kein Problem. Ohnmacht ist das Problem. Unwissenheit. Hilflosigkeit. … Wissen ist magisch! Wissen versetzt uns in die Lage, zielgerichtet zu handeln. Wissen gibt uns Kontrolle und Souveränität.“

Für den Rest des Buchs setzt Schätzing seine nicht zu unterschätzende Erzählkunst dafür ein, komplexe Zusammenhänge einfach zu erklären – sowohl was Problemursachen betrifft als auch Lösungsoptionen. Konkret: Es liest sich deutlich anders als die trocken-anstrengenden IPCC Berichte, und doch handelt das Buch auch davon. Das Buch von Schätzing ist spannend und unterhaltend zu lesen. Manchmal muss man sich geradezu in Erinnerung rufen, dass es nicht um irgendwen geht, sondern auch um mich, den Leser, die Leserin.

Sicher gibt es auch Defizite. So teile ich etwa Schätzings Zuversicht hinsichtlich rechtzeitig entwickelter technischer Innovationen als Teil der Lösung nicht, weil auch „Geoengineering“ letztlich das Grundproblem der Übernutzung und Verschmutzung natürlicher Ressourcen nicht löst. Ganz ohne einen Wandel unserer Einstellung zu Wachstum, Materialismus und Konsum einerseits, sowie Wohlergehen, Glück und Lebensqualität andrerseits werden wir die heraufziehenden planetaren Bedrohungslagen nicht entschärfen. Dennoch: Das Buch ist empfehlenswert, weil es Menschen erreicht und zu alarmieren vermag, die unwillig oder unfähig sind, sich mit komplizierten wissenschaftlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Insofern steht Schätzing in einer Tradition mit Rutger Bregman oder Dan Brown, die ihre Erzählkunst ebenso dafür einsetzen, Menschen Wissen zu topaktuellen Erkenntnissen wissenschaftlicher Forschung zu vermitteln, damit diese ins Handeln kommen.

Nur wenn es uns gelingt, auch nicht-wissenschaftliche Kommunikationsformen in den Dienst der Aufklärung hinsichtlich des größten Thrillers der Menschheitsgeschichte zu stellen, also neben Thrillern auch Karikaturen, Comics, Filme, Videos oder gar Kochbücher (um Menschen Alternativen zum Fleischkonsum schmackhaft zu machen), haben wir noch eine Chance.

                Jörg Alt SJ

 

Moosbach, Carola: Ins leuchtende Du. Aufstandsgebete und Gottespoesie. Hg. von Bärbel Fünfsinn und Aurica Jax.
Berlin: EB 2021. 144 S. Gb. 15,–.

Endlich ist dieses Buch da. Die drei zwischen 1997 und 2001 veröffentlichten Bücher von Carola Moosbach waren lange vergriffen. In Absprache mit der Autorin haben Bärbel Fünfsinn und Aurica Jax im Jahr 2021 eine Auswahl bereits publizierter und auch einige bisher unveröffentlichte Texte herausgegeben. Mehr als zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung sind die Texte der Dichterin aktueller denn je. Sie sind Aufstandsgebete und Gottespoesie zugleich. Moosbach steht auf gegen ihre Erfahrungen sexuellen Missbrauchs in der Kindheit. Sie spricht damit Menschen aus dem Herzen, die mit traumatischen Erfahrungen ringen. Spirituelle Trostpflaster lehnt sie ab. Gott zeigt sich nicht in einer heilen Parallelwelt, sondern mitten in den eigenen brüchigen Erfahrungen: „Ich wünsche mir von Dir dass Du weinen kannst Gott / oder fluchen oder lächeln je nachdem / nicht herrscherkalt und unberührt irgendwo da oben“ (Kreuzverhör, 37).

Wo ein Mensch einem anderen Menschen zum Opfer fällt, bleibt das Bild Gottes nicht unberührt. Mit einem „Lob der Klage“ will Moosbach die „Schweigemauer durchbrechen mit Schmerz und Wut und trotz allem zum Sprung ansetzen ins rettende Du“ (Lob der Klage, 23). Immer wieder taucht das „Trotz allem“ auf. Mit jedem Wort buchstabiert sich die Autorin in die Welt hinein, gegen das traumatische Verstummen. Beharrlich setzt sie ihr „Trotz allem“. Auch wenn die Beziehung zu Gott keine einfache ist, auch wenn das Trauma immer wieder ins Leben einbricht, trotzdem: Da ist ein leuchtendes Du, das Wert verleiht und tröstet.

Die Gebete von Carola Moosbach sprechen ungekünstelt und lebendig von Gott. Sie sind ein Lehrstück, um lernen zu können, wie von Gott trauma- und geschlechtersensibel gesprochen werden kann. Insofern ermöglichen sie eine neue Gottespoesie, die sich bewusst ist: „Alle Worte sind immer zu klein für dich Gott“. Überraschend innig ist diese Gottespoesie: „Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll Gott / und manchmal verstecke ich mich einfach vor dir / aber ganz ohne dir will ich nicht mehr sein / Du wundersam geduldige Herausforderung“ (Offener Brief, 20).

Nahe an biblischen Bildern und an den Psalmen ermöglichen die Worte Moosbachs eine Gottessprache, die von vergiftendem Ballast befreien kann. Nicht umsonst formulierte Dorothee Sölle in ihrem Vorwort zur ersten Ausgabe: „Ein Buch, um das Beten zu lernen“. Inhaltlich sind die Texte verschiedenen Themen zugeordnet: Annäherungen an Gott, Klage, Trost, Aufstand, Lebens- und Liebesworte, Segen. Viele Texte beziehen sich auf das Kirchenjahr und einige sind Neudichtungen auf alte Kirchenlieder.

Die neu herausgegebene Sammlung der Gebete Moosbachs ist eine Wohltat für Menschen, die sich mit starren Gottesbildern und einfachen Antworten auf die Frage nach Leid nicht zufriedengeben. Auch für geistliche Begleiter*innen stellt sie eine wertvolle Ressource dar, um Suchenden Worte anzubieten, die aus der Sprachlosigkeit führen.

                Barbara Haslbeck

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