Rezensionen: Geschichte & Biografie

Männer, Andrea: Stimmen aus Maria Laach / Stimmen der Zeit. Die Jesuitenzeitschrift und ihre Redaktion vom Ersten Vatikanischen Konzil bis zum Zweiten Weltkrieg. Eresing: EOS. Editions Sankt Ottilien 2019. 366 S. Gb. 39,95.

Wissenschaftliche Studien zur Geschichte unserer nun bald 150-jährigen Zeitschrift gibt es bisher kaum. Insofern ist diese kirchengeschichtliche Dissertation, angenommen 2017 von der Theologischen Fakultät der Universität München, hoch willkommen. Sie umfasst beinahe genau die Hälfte der Lebenszeit der Zeitschrift – eine nicht nur für die „Stimmen der Zeit“ äußerlich und innerlich vielgestaltige und bewegte Periode. Als Ziel der Arbeit gibt die Autorin an: „… die Frage, wie sich die Zeitschrift angesichts der theologischen, wirtschaftlichen und politisch-gesellschaftlichen Veränderungen jeweils neu positionierte und fortexistieren konnte und wie sie sich von der anfänglich ultramontanen Ausrichtung zu einer theologisch breitgefächerten Zeitschrift für christliche Kultur entwickelte“ (6). Der Blick richtet sich auf die äußeren Rahmenbedingungen, auf die personellen Konstellationen der Redaktion und auf das sich verändernde inhaltliche Profil.

Wenige Stichworte seien erwähnt: Zunächst erschienen aus dem neuen Ausbildungszentrum der Jesuiten in Maria Laach einzelne Hefte zur Verteidigung des „Syllabus“ (ab 1865) und dann der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870). Ab Juli 1871 wurde daraus die Monatsschrift „Stimmen aus Maria Laach“ mit immer breiteren Themen zu Theologie und Philosophie, aber auch zu politischen, sozialen, naturwissenschaftlichen und kulturellen Fragen. Nach der Vertreibung der Jesuiten aus Deutschland (1872) residierte die Redaktion an mehreren Orten in Belgien und in den Niederlanden. Ab 1914 gab sie die nun „Stimmen der Zeit“ genannte Zeitschrift in München heraus. In diesen Jahrzehnten war die inhaltliche Ausrichtung fast immer konfliktiv, zwischen Redakteuren, die streng ultramontan, antiliberal, integralistisch waren, und solchen, die modernitätsoffener, liberaler, dialogischer waren – ähnlich waren die Konflikte der Zeitschrift mit Jesuitenprovinziälen und -generälen. Die Chefredakteure wurden – meist aus inhaltlichen Gründen – öfters recht plötzlich abgelöst, aber die Konflikte gingen weiter. Immer spannend zu lesen, zeigt das Buch eine unglaubliche Vielfalt auf, teilweise mit Tendenzen und Inhalten, die man heute kaum für möglich halten würde. Ab den 1920er-Jahren wies das Profil deutlich in Richtung kultureller Vielfalt und Öffnung. Der Kampf der Nationalsozialisten gegen die Zeitschrift und umgekehrt deren Kritik an der NS-Ideologie werden ausführlich dargestellt; 1941 wurden die „Stimmen“ verboten und konnte erst ab 1946 wieder erscheinen.

Männers Arbeit wertet nicht mit heutiger Brille, sondern sie bleibt streng historisch darstellend – sicherlich ein großer Vorzug. Die Autorin zeigt umfassende Quellen- und Geschichtskenntnis und gutes historisches Urteil. Das Buch ist sehr gut lesbar. Es ist insofern anregend für die Gegenwart, als es nicht nur manche historische Ambivalenz aufzeigt, sondern auch Grundkonflikte katholischer und jesuitischer Zeitschriften benennt, die immer gelten und überall auszuhalten und zu integrieren sind. Zugleich erinnert es an die große Chance intelligenter und geistvoller christlicher Publizistik.

Stefan Kiechle SJ

 

Lochbrunner, Manfred: Hans Urs von Balthasar 1905-1988. Die Biographie eines Jahrhunderttheologen. Würzburg: Echter 2020. 748 S. Gb. 79,–.

Als Hans Urs von Balthasar Ende Juni 1988 in Basel kurz vor der geplanten römischen Kardinalsehrung an einem Sonntag in der Frühe plötzlich an einem Herzversagen verstarb, war seine große Trilogie (Theo-Ästhetik, Theo-Dramatik, Theo-Logik) abgeschlossen. Der unkonventionelle Schweizer Theologe legte wenig Wert auf pompöse Äußerlichkeiten. Mehr als seine eigene Person, über die es bisher zwei deutschsprachige Biografien gibt (E. Guerriero 1993; Th. Krenski 1995), galt ihm sein theologisches Werk oder sein geistlicher Auftrag, zu dem die Gründung des Säkularinstitutes „Johannesgemeinschaft“ gehörte. Trotz dieser Prioritäten ist es hilfreich, wenn nun Manfred Lochbrunner (Bonstetten), der bei Karl Lehmann über Balthasar promovierte und mehrere „Balthasariana“ publizierte, nun nach langjährigen Recherchen seine umfassende und akribisch vorgehende große Biografie über den „Jahrhunderttheologen“ vorlegt. Mit vielen Zeitzeugen wurden Gespräche geführt, der Briefwechsel mit Henri de Lubac sowie Briefe an seinen Zürcher Jugendfreund Emil Lerch wurden als „Leitkorrespondenzen“ gesichtet und dokumentiert.

Ausführlich ist Balthasars Lebenslauf Jahr für Jahr chronologisch und mit Zitaten aus Briefen erfasst. Bevor er 1929 nach dem Germanistik-Studium in die Gesellschaft Jesu eintrat, gehörte er zu einem Zürcher Freundeskreis, der sich von Stefan George faszinieren ließ (81-98). Prägend waren beim Theologiestudium in Lyon-Fourvière die Begegnungen mit Henri de Lubac, Jean Daniélou und dem Schriftsteller Paul Claudel, dessen Welttheater „Le Soulier de satin“ er ins Deutsche übertrug. Minutiös beschreibt Lochbrunner besonders das Drama des 1950 erfolgten Ordensaustritts wegen der intensiven geistlichen Betreuung der bei ihm konvertierten Adrienne Kaegi-von Speyr (1902-1967), für die man ihn nicht freistellen wollte. Später wird ihr evangelischer Ehemann, der Burckhardt-Biograf Werner Kaegi, Balthasar für die Pflegebegleitung der zuletzt schwer kranken Ärztin danken (410).

Die bleibende Verbundenheit mit der Gesellschaft Jesu und deren Gründer ist ein roter Faden im Leben Balthasars. Dazu gehört auch die dokumentierte enge Beziehung zu Henri de Lubac, der ihn in seinem „Rigi-Hüsli“ oft besuchte. Balthasar war ansprechbar, zugänglich und für viele Anliegen der Kirche verfügbar. Deutlich wird, wie sehr er sich seit 1972 dem Aufbau und der Ausrichtung der „Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio“ widmet. Um deren Finanzierung abzusichern haben 1984 die Mitherausgeber Hans Maier und Franz Greiner für Balthasar (ohne sein Wissen) sogar den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels beantragt (584 ff).

Der 1984 für das Schweizer Fernsehen länger interviewte Autor und Verleger entzieht sich in seiner Vieldimensionalität und Zurückhaltung dem medialen oder biografischen Zugriff. Lochbrunners Opus magnum ist eine minutiöse und beeindruckende Lebenschronik. Eine komparative Darstellung von Gestalt und Werk des großen Schweizers steht allerdings noch aus.           

Stefan Hartmann

 

Cone, James H.: Kreuz und Lynchbaum. Struvenhütten: mutual blessing 2019. 264 S. Kt. 24,–.

James Hal Cone (1938-2018) dozierte systematische Theologie am Union Theological Seminary in New York. Mit seinem Buch „Black Theology and Black Power” (1969) begründete er die Schwarze Befreiungstheologie. Vorl. Buch, eingeleitet von Jürgen Moltmann, ist sein letztes; mit ihm schließt er sein lebenslanges Nachdenken über das Kreuz ab.

Cone geht von den etwa 5000 Lynchmorden aus, die in den USA an Schwarzen in der Zeit von 1880 bis 1940 (und noch danach) verübt wurden. Wegen geringster und oft nur behaupteter Vergehen wurden Schwarze extrem grausam gefoltert, vergewaltigt, zu Tode geprügelt. Oft wurden die entstellten Leichen an Bäumen oder Pfählen zur Schau gestellt. Sie wurden begafft und verspottet durch einen Mob von bisweilen tausenden (weißer) Menschen, die ihrem Rassismus und ihrer Blutgier freien Lauf ließen; Postkartenfotos der Leichen wurden als Souvenir gehandelt. Die Täter wurden meist nicht gefasst oder dann vor Gericht freigesprochen. Die Lynchmorde dienten – das wurde offen propagiert – der Demütigung und Einschüchterung der Schwarzen als der „niederen“, „unzivilisierten“ „Rasse“, und sie setzten damit Methoden der zuvor abgeschafften Sklaverei fort. In der schwarzen Bevölkerung bewirkten sie das Gefühl, ständig terrorisiert zu werden, und selbstverständlich grauenhafte Angst. Viele Schwarze überlebten diese Angst nur durch einen zwar von Zweifeln angefochtenen, aber doch sehr tiefen Glauben an den gekreuzigten Christus.

Die Lynchbäume, an denen die Leichen hingen, wurden zum Symbol dieser Morde. Cone fragt, warum die Theologie so lange die auffällige Parallelität zum Baum des Kreuzes Christi verweigerte. Auch sein verehrter Lehrer Reinhold Niebuhr, ein liberaler weißer Theologe, der viel zur Kreuzestheologie schrieb, vermied diesen Blick – letztlich wohl aus mangelnder Empathie für die Opfer der Morde. Bei Martin Luther King hingegen gibt es diese Parallele, ebenso in schwarzer Dichtung und im Blues – alles von Cone ausführlich zitiert. Der Befreiungstheologie Lateinamerikas wirft Cone vor, dass sie lange nur männlich und weiß dachte und nur die Unterdrückung durch den Kapitalismus thematisierte. Rassismus und Sexismus, die beiden anderen großen Unterdrückungsmechanismen, mussten erst durch schwarze bzw. feministische Befreiungstheologien aufgegriffen und angeprangert werden. Ausführlich würdigt Cone die Rolle schwarzer Frauen in der Bürgerrechtsbewegung: Sie, die meist auch eine Familie ernähren mussten, waren oft aktiver und mutiger als die Männer.

Weißen Predigern, die den Rassismus propagierten, wurde von Schwarzen folgerichtig das Christsein abgesprochen – sie selbst entdeckten im Kreuz Christi ihr Heilszeichen gegen ihre Unterdrücker. „Durch bewundernswerte, ja immense kreative spirituelle Einsicht … unternahm der Sklave die Erlösung der Religion, die der Sklavenhalter in ihrer Mitte verlästert hatte“ (211) – Cone zitiert hier Howard Thurman. „Das Kreuz ist die Last, die wir tragen müssen, um Freiheit zu erlangen“ (236). Am Ende verweist Cone darauf, dass das heutige Justizsystem der USA, das oft so ungerecht gegen Schwarze vorgeht, in gewisser Weise das Lynchen fortsetzt. Auch ist nicht nur das Foltercamp Abu Ghraib, sondern auch die Todesstrafe, die unter zivilisierten Ländern nur noch die USA, und zwar fast ausschließlich gegen Schwarze, verhängen, eine Art „legales Lynchen“ geworden. Ein starkes und prophetisches Buch.

Stefan Kiechle SJ

 

Henrici, Peter: Erlebte Kirche. Von Löwen über Rom nach Zürich. Hg. von Urban Fink. Mit einem Geleitwort von Christian M. Rutishauser SJ, Zürich: Theologischer Verlag Zürich 2018. 261 S. Kt. 23,90.

Zum 90. Geburtstag Peter Henricis, des Zürcher Jesuiten, Professors für Neuere Philosophiegeschichte der Päpstlichen Universität Gregoriana, Weihbischofs von Chur und Generalvikars mit Sitz in Zürich, hat sein ehemaliger Sekretär Urban Fink einige kirchengeschichtlich repräsentative Texte herausgebracht. Henrici, ein Neffe des großen Hans Urs von Balthasar, über den er auch viel publizierte, ist ein Hegel- und Blondel-Spezialist und hatte mit seinem römischen Lehrstuhl eine breite Ausstrahlung. Karl Kardinal Lehmann hat bei ihm über Heidegger promoviert. Die entscheidenden Schnittstellen der kirchlichen Entwicklungen vor, während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat Henrici intensiv vor Ort miterlebt und darüber berichtet.

Der Aufsatz aus Löwener Perspektive „Das Heranreifen des Konzils in der Vorkonzilstheologie“ (17-30) gilt fast als ein Klassiker, es folgen persönliche Konzilserfahrungen und weitere römische Beobachtungen. Zeitgenössische Protagonisten wie Richard Gutzwiller SJ, Karl Rahner SJ, Chiara Lubich und Carlo Maria Martini SJ, Exeget und Bischof von Mailand werden porträtiert. Hohes Lob findet Robert Leiber SJ, der Privatsekretär Papst Pius XII. Erinnerungen und Begegnungen mit den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. werden liebevoll geschildert, auch „Papst Benedikt und seine Kurie“ (80-84). Zusammen mit dem Ordenspriester Paul Vollmar wurde Henrici 1993 zum Weihbischof von Chur ernannt, um dem angeschlagenen und später nach Vaduz versetzen Diözesanbischof Wolfgang Haas in einer Krisensituation beizustehen (mit einem slowenischen Priesterfreund hat der Rezensent an der Bischofsweihe am 31. Mai 1993 in Einsiedeln teilgenommen).

In diesem Kontext entstanden Skizzen zu einem „nachkonziliaren Kirchenbild“ (85-103) und wurden „Anfragen an die Kirche“ (105-160) formuliert: zur Existenz eines „katholischen Fundamentalismus“ (Aus der Zeitschrift „Communio“ 2001, zu deren Hgg. Henrici zählt), zur Kirche als Kommunikation und zu alternativen Führungsmodellen in Zeiten der Globalisierung. Ein sehr instruktiver Aufsatz widmet sich historisch dem Thema „Die Geburt der Universität aus dem Geist der Kirche“. Schließlich drehen sich mehrere Texte um die spezifische staatskirchenrechtliche Lage in der Schweiz mit einem „dualen System“ von Kirche und Staat, das für Außenstehende zunächst nicht leicht zu verstehen ist und in dem die auch finanzielle Eigenständigkeit der Gemeinden/Pfarreien manchmal zu einem kongregationalistischen Missverständnis (182) führt. Henrici weist jedoch nach, wie viel Positives und Konstruktives aus dieser Situation wachsen kann und lobt die Partnerschaft von Kirche und Staat im Kanton Zürich (185-193).

Beigefügt sind ökumenische Predigten und Texte mit einer Würdigung des reformierten Kirchenratspräsidenten Ruedi Reich, mit dem Henrici eng zusammenarbeitete. Hegel, Kierkegaard und Karl Barth waren bedeutende evangelische Lehrer für ihn, von dem von Papst Franziskus heiliggesprochenen Peter Faber SJ lässt er seinen Umgangsstil mit Protestanten prägen. Glaubwürdige Seelsorge ist wichtiger als Kontroverstheologie. Sehr vornehm begründet Henrici, warum er der reformierten Einladung zum Abendmahl nicht folgen kann. Wiedergegeben ist auch eine brillante Ablasspredigt in der Zürcher Martin-Luther-Kirche aus dem Hl. Jahr 2000. Der Band enthält vierzig teils farbige Aufnahmen aus dem Leben und Wirken Peter Henricis, biografische Angaben, Glossar und Personenregister. Theologie- und kirchengeschichtlich Interessierten ist der Band „Erlebte Kirche“ sehr zu empfehlen.

Stefan Hartmann

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