Empört euch nicht.

Alle Welt empört sich: Liberale Intellektuelle empören sich gegen den schrecklichen Donald Trump und seine Lügen – dieser immer schon gegen all jene, die den großartigen Präsidenten Amerikas beleidigen. Gelbwesten in Frankreich empören sich gegen die Abgehobenheit derer „da oben“ – jene gegen deren Blockaden des Verkehrs und der Wirtschaft. Die AfD empört sich gegen den Ausverkauf der Nation durch die Regierung – die bürgerliche Mitte gegen den Ausverkauf der Demokratie durch die Rechtspopulisten. Kirchenkritiker empören sich gegen die Reformunfähigkeit des Klerus – Kirchenbewahrer dagegen, dass Modernisierer die reine Lehre aufweichen. NGOs empören sich gegen den Zynismus der Politik, wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken – rechte Politiker gegen Flüchtlinge, die in Europa angeblich nationale Identitäten untergraben. Fridays-for-Future-Kids empören sich gegen die Ignoranz der Politik gegenüber der Klimakatastrophe – Konzernführer gegen die Beschädigung der Wirtschaft durch Klimaschutz.

Eine Politikerin – oder ein Papst – sagt spontan etwas Undiplomatisches, Missdeutbares: Ihre Gegner nutzen die offene Flanke sofort, indem sie die Aussage absichtlich gegen ihre Intention deuten, sich gegen die Sprecherin empören und auf sie eindreschen. Beispielhaft zeigt dies: Manche empören sich künstlich, in taktischer Absicht. Einige spielen Empörung – trotz besseren Wissens. Manche provozieren die Empörung ihrer Anhänger mit fake news. Viele schüren Empörung, um ihre Interessen durchzusetzen. Empörung überall: Das Büchlein „Empört Euch!“ (von Stéphane Hessel, zuerst 2010) wurde in Frankreich in gut einem Jahr 2 Mio. mal verkauft und in 40 Sprachen übersetzt – das Ausrufezeichen seines Titels wurde zum Markenzeichen aller Empörten.

„Sich empören“ bedeutet zunächst leiblich „sich erheben“, „aufstehen gegen“ (emporsteigen), übertragen auch „sich entrüsten“, „sich erregen“. Es gibt gute und schlechte Empörung:

Gut ist Empörung, wenn sie sich der Unterscheidung der Geister unterzieht: Man bemüht sich ehrlich um Fakten und um Argumente, wägt mit innerer Freiheit (Indifferenz) und mit definierten Wertmaßstäben die verschiedenen Optionen ab, entscheidet sich für die bessere von ihnen – und empört sich dann, wenn andere wider die Vernunft für die schlechtere Lösung votieren oder diese aus Eigeninteresse anstreben. Böses und Schlechtes wird der in diesem Sinn Empörte bekämpfen, aber zugleich seine persönliche Demut wahren: Gerne meint er, die Lösung zu haben, muss aber auch eingestehen, Teil des Problems zu sein. Jede Lösungsoption ist riskant: Er kann ja nur die voraussichtlich bessere wählen – und alle Beteiligten können sich täuschen. Sachliche Kritik (von griech. krinein: scheiden, unterscheiden) ist willkommen. Den Anderen sucht der so Empörte anzuhören, zu verstehen und – soweit nötig – „mit Liebe“ (Ignatius von Loyola) zu kritisieren. Seine Vorschläge sind für die Sache konstruktiv und für Personen nicht destruktiv.

Schlecht ist Empörung, wenn ein Ego sich so über andere Menschen erhebt, dass es diese abwertet. Diese Empörung wird sehr schnell selbstgefällig, moralisierend, verächtlich. Der so Empörte hat immer Recht und ist der Gute, die anderen sind die Bösen. Mit dem Finger zeigt er auf sie. Er sieht sich schnell als Opfer, seine Gegner als Täter. Er selbst bewegt sich nicht, aber die Anderen sollen sich verändern, und zwar sofort. Wenn es ihm strategisch nützt, spielt er noch mehr Empörung als er tatsächlich empfindet. Wenn er kritisiert wird, steigert das seine Empörung bis zum wilden Zorn, denn Kritik ist für ihn entweder Dummheit oder Bosheit oder beides, und Recht hat ja immer er. Diese Empörung ist eine Art umgedrehter Narzissmus. Sie bringt nicht voran, sondern spaltet. Sie ist nur durchsetzungs- und machtorientiert. Sie verachtet Menschen.

In unserer dauerempörten Kultur gibt es zu viel schlechte Empörung. Wir brauchen eine Phase, in der wir öfters aus dem Empörungsmodus aussteigen; in der wir Probleme viel mehr mit Gelassenheit, mit kritischer Distanz und im Dialog anschauen und ehrlich mit Anderen um Lösungen ringen; in der wir die Geister, die uns dauererregen wollen, unterscheiden und die Abergeister unter ihnen mit Klugheit und mit Ruhe abweisen. Empört Euch nicht – das sei gesagt ohne Empörungs-Ausrufzeichen.

In seinem nachsynodalen Schreiben „Querida Amazonia“ (vom 2. Februar 2020) appelliert Papst Franziskus an die Empörung: Wie nach der Bibel Moses, Jesus oder sogar Gott selbst sich immer wieder empörten, so „muss man sich empören“ über die unerträgliche Armut, über die kulturelle Entfremdung und über die ökologische Katastrophe im Amazonasgebiet (Nr. 15). Der Papst – er kennt auch ungesunde Wut – legt Wert auf „gesunde Empörung“ (Nr. 17): Diese findet ihr Maß und ihr Ziel am Leiden der Armen; dazu hat ja die Amazonassynode ausführlich die Geister unterschieden. Gesunde christliche Empörung, wo sie angebracht ist, findet ihr Fundament in der Weisung und in den Werten der Bibel.

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