Rezensionen: Kunst & Kultur

Lang, Bernhard: Religion und Literatur in drei Jahrtausenden. Hundert Bücher. Paderborn: Ferdinand Schöningh 2019. 764 S. Gb. 79,–.

„Es gibt kein Verständnis von Religion ohne literarische Kompetenz, und kein Verständnis von Literatur ohne religiöses Grundwissen“ (IX). Der emeritierte Theologe und Religionswissenschaftler Bernhard Lang legt einen Kanon von einhundert Büchern vor, die eine herausragende Position im über 3000 Jahre geprägten religiös-kulturellen Gedächtnis einnehmen. Das früheste Werk ist das Gilgamesch-Epos, das ca. 1100 v. Chr. entstand. Der neueste Titel ist Milad Kunderas „Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von 1984.

Neben den heiligen Schriften der großen Religionen und einer Auswahl aus der Weltliteratur werden auch bedeutende Titel aus der Sachliteratur, etwa von Augustinus und Kant, aber auch von David Humes und Sigmund Freud, besprochen: „Ohne ihre Kenntnis ist das geistige Klima, in dem die fiktionale Literatur entsteht, kaum zu verstehen. Einigen Werken der Sachliteratur kommt literarischer Rang zu“ (5). Die Auswahl ist international: ab der „Neuzeit“ allerdings mit Schwerpunkt auf deutschsprachiger Literatur. Der besondere Fokus auf die Religion schließt auch religionskritische Werke etwa von Nietzsche und Sartre mit ein.

Durch die Auswahl und Struktur des Buches entsteht mehr ein spezialisiertes Lexikon als eine Literaturgeschiche im klassischen Sinn. In sieben chronologisch orientierten Kapiteln, die jeweils kurz und gut eingeführt werden, unternimmt Lang einen Streifzug von der Welt der Tradition über die griechische Philosophie, das Zeitalter des Glaubens bis zur Aufklärung und schließlich in die Moderne. Die größeren Zusammenhänge und Veränderungen im Laufe der Geschichte werden übersichtlich im letzten Kapitel ausgeführt.

Besonders hilfreich ist Langs Vorgehensweise bei den einzelnen Titeln, denen er genügend Platz einräumt, um nicht bloß an der Oberfläche kratzen zu müssen: In einem Dreischritt aus Inhaltsangabe, Interpretation und Rezeption legt er Hintergründe zum Autor und zur Textgenese vor, stellt historische Bezüge her und zieht Vergleiche zu verwandten Titeln, so etwa bei Dantes commedia divina und Miltons Paradise Lost oder bei Shakespeares Hamlet und Schillers Räubern. Exkurse zur theologischen Relevanz stellen das wertvolle Alleinstellungsmerkmal von Langs 764 S. schwerem Band dar, etwa wenn darauf hingewiesen wird, dass Robinson Crusoes Arbeitsethik der von Max Weber beschriebenen, protestantisch geprägten Haltung entspricht (303 ff.), oder wenn im Kapitel zu Rilkes Stundengebet (574 ff.) „Rilkes Konstruktivismus und Pantheismus“ ausführlich miteinbezogen wird.

Leider tauchen unter den 100 Namen nicht einmal fünf Frauen auf. Wo bleiben etwa – um nur einige zu nennen – die Mystikerin Hildegard von Bingen, die heilige Roswitha von Gandersheim, die antike Griechin Sappho, Madeleine Dêlbrel, Else Lasker-Schüler, Simone de Beauvoir, Elisabeth Dauthendey, Ricarda Huch, Marie Luise Kaschnitz oder Nelly Sachs? Natürlich war die literarische Welt seit der Antike von Männern dominiert – und auch die Rezeption ist es bis heute. Aber unter den 100 ausgewählten Werken hätten ohne Zwang mehr Frauen vorgestellt werden können.

Dennoch erscheint hier ein fabelhaftes Nachschlagewerk, das zum Lesen, Neulesen oder Weiterlesen einlädt und nicht bloß an der Oberfläche verweilt, sondern insbesondere für theologisch interessierte Leser hervorragende Interpretationen und Einordnungen anbietet. Bernhard Langs große Zusammenstellung eignet sich außerdem als allgemeine Einführung in die Literaturwissenschaft, da – in verständlicher Sprache – auf Literaturtheorien und Methoden hingewiesen wird.

Philipp Adolphs

 

Frank, Anne: Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen. Zürich: Secession 2019. 208 S. Gb. 18,–.

Was wahrscheinlich nur wenige wissen: Dieses Buch ist von Anne Frank selbst – also einer Dreizehn-Vierzehnjährigen – als Brief-Roman konzipiert worden. Wer ihre Briefe aus dem Hinterhaus kennt, wird manches wiedererkennen, aber eine innere Struktur und eine literarische Konzeption ist dem Buch abzulesen. Der Direktor des Anne-Frank-Hauses, Ronald Leopold, betont in seinem Vorwort (6 f.), dass sich mit diesem Buch nach 75 Jahren ein Wunsch der Autorin erfüllt.

Die Übersetzerin Waltraud Hüsmert erläutert in einem ersten Nachwort (189 ff.) ihre Schwierigkeiten und Prinzipien. Notwendige Erläuterungen stehen im Glossar (206 f.) des mit Annes Handschrift hübsch gestalteten Buches. Ein längeres Nachwort steuert Laureen Nussbaum, Nachbarin und Freundin der Familie, bei (193 ff.), um die Entstehung der Texte, Entscheidungen der Textwahl, den Nachlass und ihre Absicht zu erläutern. Anhand ausgewählter Textpassagen veranschaulicht sie die literarische Qualität und den Sachverstand, der Anne auszeichnet. Sie benennt auszugsweise die Lektürevielfalt von Anne (197).

Der jugendlichen Autorin gelingt es erfolgreich, die räumliche Einteilung des Verstecks im Hinterhaus darzustellen (24 f.), ebenso wie die daraus resultierenden Aufregungen, die konflikthaften Auseinandersetzungen der schließlich acht Bewohner, die sie auch nicht ohne Ironie charakterisiert (117 ff. ,178 f.), und immer wieder ihre eigenen Gefühle, Reflexionen und Entwicklungen glaubwürdig darzustellen. Ihre eigenen dichterischen Produktionen, wenngleich an situative Bedingungen geknüpft, werden mit dem nötigen Bescheidenheits-Topos in die jeweils datierten Briefe an Kitty integriert (68 f., 97 f., 115 ff., 138 f.). Sehr ironisch ist der Leitfaden des Hinterhauses, den Dr. Pfeffer überreicht bekommt (60 ff.). Stark ironisch geprägt ist auch die Schilderung des Tagesablaufs, die bezeichnenderweise mit Abend und Nacht beginnt (110 ff.). Niemals vergisst Anne jedoch, sich in die fiktive Freundin und Adressatin als Leserin hineinzuversetzen (25, 56, 84, 130 u.ö.).

Ihr Briefstil ist von Empathie, Temperament und Selbstreflexion geprägt, auch von vielen scharfsinnigen Beobachtungen, die sich in lebendigen, teils auch witzigen Dialogen niederschlagen. Eine Lektüre, die die schwankenden Stimmungen der Pubertät überzeugend ins Wort bringt und das Kopfkino anregt.  

Eberhard Ockel

 

Tück, Jan-Heiner / Mayer, Tobias (Hg.): Die Kunst umspielt das Geheimnis. Literarische Annäherungen. (Poetikdozentur Literatur und Religion 4). Freiburg: Herder 2019. 144 S. Gb. 20,–.

Im nunmehr vierten Band veröffentlichen Jan-Heiner Tück und Tobias Mayer die jüngsten sechs Vorträge, die im Rahmen der Wiener Poetikdozentur gehalten wurden. Einleitend stellen sie als Lesebrille die Ähnlichkeit von ästhetischer Transzendenz und religiöser Erfahrung heraus und erklären den Titel, der das Handke-Zitat aufnimmt: „Die Kunst umspielt das Geheimnis“ – die Religion.

Die Stärke der sechs Vorträge zeigt sich darin, dass sie einen Blick über die Schulter in die literarischen Werkstätten der Autorinnen und Autoren bieten. Alle Beiträge verweisen auf Aspekte, die etwas dem Menschen Sich-Entziehendes darstellen, das aber zugleich wieder an ihn herantritt und in eine Produktivität versetzt, die zum Schreiben drängt und befähigt. Da die Vorträge keinen direkten inhaltlichen Bezug aufeinander nehmen, kommt es in der Zusammenstellung zu einigen Wiederholungen.

Im ersten Beitrag lässt uns Michael Köhlmeier einen Schritt von der gewohnten Plausibilität zurücktreten und führt vor Augen, wie derselbe Plot zweier Märchen („Das Mädchen ohne Hände“ und „Das Marienkind“) einmal den Ausgangspunkt beim Satan und einmal bei der Madonna nimmt. Verbindend entdeckt er in den Märchen Motive, die eine Bedeutung haben, die nicht aus sich selbst heraus gedeutet werden können. Erst das Erzählen schaffe einen umspielenden Zugriff.

Zu einer autobiografischen Reflexion über den Umgang mit dem Wort „Gott“ lädt Andreas Maier ein. Er betont, dass es eine Lebendigkeit in sich trage, die ganz selbstverständlich ein semantisches Feld öffne, das unabhängig von einer Wahrheitsfrage zur Auseinandersetzung einer Verhältnisbestimmung führe. Seine Suche führte ihn zu dem existentiellen Punkt, dass Glaube eine Frage des individuellen Ringens sein müsse und sich nicht an der Umwelt abarbeiten dürfe.

Marion Poschmann nähert sich mittels der Pilgerreise der Protagonisten ihres Romans „Die Kieferninseln“ (vgl. auch Stimmen der Zeit 143, 7/2018) verschiedenen Figuren des Unaussprechlichen an. Was zunächst wie ein frei assoziiertes Springen von einer Figur zur nächsten erscheint (u.a. Decknamen – Tabu – Definitionen – Paradoxien ...), zeigt das Ringen um den Versuch, mit Sprache über das Unaussprechliche sprechen zu wollen. Wie ein hermeneutischer Zirkel führt es zu sich gegenseitig verständlich machenden Aspekten.

Von Hartmut Lange wird der Mensch als intellektuelles Zwitterwesen diagnostiziert, das vor der Paradoxie stehe, das Unerkennbare in die Welt setzen zu wollen – eine Erkenntnis, die zugleich die Aussöhnung damit ermögliche. Gerade die Poesie öffne einen Raum, diese Paradoxie auszuhalten und zu gestalten. Denn anders als Religion biete Kunst die Möglichkeit zur Transzendenz, ist aber selbst nicht auf sie angewiesen. Unbefriedigend an diesem Beitrag bleibt, dass die Ankündigung der Veranschaulichung dieser Reflexionen an einer Novelle Langes ausfällt, da diese selbst nicht abgedruckt ist.

Der Vortrag von Ilija Trojanow fällt qualitativ gegenüber den anderen Beiträgen ab, da bei ihm die poetologische Reflexion nahezu ausfällt. Er entfaltet seine Überlegungen hin auf eine dynamische religiöse Identität des Menschen, da ihm die Festlegung dessen, was Gott sei, eher suspekt und unmöglich erscheine, als dass „überhaupt möglich [sei], dass zwei Dasselbe meinen, wenn sie Gott sagen“ (110).

Im abschließenden Beitrag nimmt Barbara Frischmuth auf ihre mäandernden Studienbewegungen mit, die sie mit der islamischen Mystik, insbesondere mit den Derwischen in Berührung brachte. Sie beschreibt die Spannung, die den Menschen als zeitgebundenes Wesen umfasst: In der Zeit versuche er auf die Ewigkeit auszugreifen, letztlich wissend, dass er sie sich nur schenken lassen kann. Dies wird für sie zur Brücke, um ihre Erfahrung als Schreibend im Ausgeliefert-Sein gegenüber der viel beschworenen Inspiration, die in ihren Schaffensprozess „ein-fällt“ (138), zu beschreiben.    

Clemens Kascholke SJ

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