Rezensionen: Theologie & Kirche

Schmitt OCarm, Hanspeter: Kirche, reformiere dich! Anstöße aus den Orden. Freiburg: Herder 2019. 200 S. Gb. 20,–.

Ordensleben hat in seiner Geschichte Krisen erlebt und eine große Vielfalt von Formen in unterschiedlichen Kontexten und Zeiten hervorgebracht. Was könnte näher liegen als dies für die gegenwärtige Situation der katholischen Kirche fruchtbar zu machen? Doch wird dieses Erfahrungswissen kaum abgefragt. Hanspeter Schmitt OCarm hat sich nun der Aufgabe gestellt, Anstöße aus den Orden für die Reform der Kirche zu sammeln. Die These lautet, dass für viele Fragen und Probleme der Kirche bei ihnen bereits „Lösungen, Perspektiven und eine erprobte Praxis“ vorliegen (18). Es käme jedoch darauf an, dass die Orden beherzt ihre Schätze in die kirchlichen Reformprozesse einbringen und sich weder in ihre eigene Welt zurückziehen noch sich von Widerständen abschrecken lassen (ebd.).

Aus der Ordensgeschichte kommen einige spannende Anregungen zum produktiven Umgang mit Herausforderungen (Hubert Wolf). Andere erwachsen aus der gegenwärtigen Umbruchsituation der Orden selbst (Katharina Kluitmann OSF). Sie machen der „großen Kirche“ vor, dass nicht alles beim Alten bleiben muss (41). Was die Lebensgestalt der Orden konkret vorlebt, wird in den unterschiedlichen Stimmen laut, die in diesem Buch vereint sind und ein breites Themenspektrum abdecken: Nachfolge Christi, gendergerecht Kirche sein, Teilhabe, gemeinschaftliches Leben, Prophetie, Kraft spiritueller Traditionen und der Bibel, Jugend, Ökumene, Glaubensästhetik – um nur einige zu nennen.

Nun kann man fragen, ob die Situation der Orden bei uns wirklich so ist, dass sie selbstbewusst der Kirche ihre Erfahrungen anbieten können. Das Bild von Orden wird oft dominiert von Überalterung, Missbrauch, Übergabe von Werken und Pfarreien. Verdienst dieses Buches ist es, entschieden die Stärke der Ordensgemeinschaften in den Blick zu rücken. Die Impulse sind sehr unterschiedlich in ihrem Duktus. Eher persönliche Zeugnisse stehen neben Beiträgen mit stärker inhaltlicher Fokussierung. Es geht um strukturelle, spirituelle und missionarische Anstöße. Blicke auf eine „Willkommenskultur“ für geistliche Berufungen (127) stehen neben dem Einsatz für Arme oder die Verkündigung. Ermutigend sind vor allem jene Abschnitte, die die derzeitige Schwäche der Orden sowie ihre Fehler, Suchbewegungen und Lernerfahrungen ins Wort bringen und gerade aus dieser Position heraus Impulse geben (Katharina Kluitmann OSF, Klaus Mertes SJ). Stark sind die Orden in ihrer Vielstimmigkeit und in ihrer auch inneren Vielfalt, die Einheit nicht hindert. Ihre dezidiert geistliche Ausrichtung ist eine Ressource für die Kirche (Edith Kürpick FMJ). Orden können viele „Bausteine einer synodalen, stets auch reformorientierten Kirche“ liefern (14). „Prophetisch knisternd“ zu sein (Martin Werlen OSB) – das ist ein Grundauftrag der Orden, dem sie sich selbst immer wieder stellen müssen. Insofern ist das Buch nicht nur „für die Kirche“ geschrieben, sondern ebenso ein Eintrag ins Stammbuch der Orden selbst.

Anneliese Herzig MSsR

 

Wohlgschaft, Hermann: Schuld und Versöhnung. Das letzte Gericht und die größere Hoffnung. Würzburg: Echter 2019. 196 S. Kt. 16,90.

Warum geraten Menschen in schwere Schuld? Wie gehen Vergebung und Versöhnung? Inwieweit ist das Gewissen Leitfaden des Handelns, und wie wird es gebildet? Welche Rolle spielen bei schwerer Schuld die Reue und die Wiedergutmachung? Gibt es eine Hölle? Warum braucht es ein letztes Gericht, und werden darin auch alle bösen Menschen gereinigt und gerettet? Existentielle Fragen, die seit Jahrhunderten den gläubig-suchenden Menschen umtreiben. Alte Antworten zu Gericht und Strafe und Hölle gehen nicht mehr, aber was sind – in heutiger Lebenskultur und auf heutigem Reflexionsniveau – neue Antworten?

Hermann Wohlgschaft ist seit Jahrzehnten als Seelsorger tätig. Seine Antworten sind theologisch durchdacht, aber allgemeinverständlich formuliert und auf existentielle Fragen hin zugespitzt. In jeder Zeile spürt man seine Erfahrung u.a. aus der Krankenseelsorge, sein persönliches Ringen und seine seelsorgliche Leidenschaft. Viele Beispiele und Veranschaulichungen bringt er aus der Literatur, aus dem Musiktheater, aus dem Kino – die Zitate sind fast überbordend. Wohlgschaft will den Glauben nicht nur erklären, sondern ihn vermitteln und seine Relevanz aufzeigen.

Auf die Theodizeefrage – Warum lässt ein gütiger und allmächtiger Gott so viel Leiden zu? – gibt es keine befriedigende Antwort. Menschen haben ihr Maß an Freiheit und damit an Verantwortung für ihr Tun – alles Handeln deterministisch-kausal zu erklären, wäre nicht realistisch, nicht menschlich und nicht christlich. Menschen werden schuldig, persönlich und „systemisch“, sie werden Täter oder Opfer, oft beides. Mit der Schuld muss man umgehen – man kann sich nicht selbst entschulden, sondern muss entschuldet werden. Durchlittener Schmerz und tätige Reue spielen bei der Entschuldung eine zentrale Rolle. Versöhnung und Vergebung sind notwendig, in aller bisweilen nötigen Radikalität.

Die Versöhnungsmacht Gottes ist so groß, dass er alle Sünder vor der Hölle bewahren kann – ob er es tun wird, wissen wir nicht. Eine universale Versöhnung am Ende der Geschichte ist nicht nur zu erhoffen, sondern auch mit guten Gründen zu erwarten. Gericht ist nicht Hinrichtung, sondern Ausrichtung auf Gott, neue Ordnung, Versöhnung. Wohlgschaft bringt die wichtigen Themen der Sühne, der Stellvertretung und des Kreuzes kaum; „Sühne“ am Ende nur kurz und abgelehnt, „Kreuz“ als Hinweis darauf, dass darin Gottes eigene Rechtfertigung – dass er Leid zulässt – möglich und sichtbar wird. Reicht „Reueschmerz“ als „Mittel“, um das Böse zu vernichten, die Schuld zu vergeben? Welches ist die Rolle der Kreuzeshingabe Jesu für die Erlösung vom Bösen? Hier wäre Wohlgschafts Theologie weiter zu entwickeln. Dennoch: Für die sogenannten letzten Dinge bietet er eine heutige und für viele Zeitgenossen sicherlich hilfreiche und tröstende Theologie.

Stefan Kiechle SJ

 

Ruhstorfer, Karlheinz: Befreiung des „Katholischen“. An der Schwelle zu globaler Identität. Freiburg: Herder 2019. 256 S. Gb. 26,–.

Der Freiburger Dogmatiker Karlheinz Ruhstorfer veröffentlicht acht Vorträge zur möglichen Rolle der Theologie in einer Zeit, die bisweilen apokalyptische Züge zu tragen scheint. Seine thematische Geschlossenheit erlangt das Buch nicht zuletzt durch eine alarmierende Zeitdiagnose. In einer Zeit, die wie kaum je zuvor durch kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt charakterisiert ist, scheinen sich weltweit die Ideale von Andersheit und Differenz, Individualität und Pluralismus erschöpft zu haben. Zunehmend wird der Ruf nach Identität und Autorität hörbar. Kulturelle, nationale und religiöse Egoismen gefährden jedoch die internationale Solidarität, marginalisieren Minderheiten und stigmatisieren Randgruppen.

Wie kann christliche Theologie auf diese vielfältigen Herausforderungen überzeugend antworten? Welche Ressourcen stehen ihr zur Verfügung? Gefordert ist, so Ruhstorfer, eine neue Form des „Katholischen“, die im Wortsinn „allumfassend“ ist und zugleich dem Individuellen, Besonderen und Einzelnen Raum gibt. Der so gefasste Begriff des „Katholischen“ wäre Ausdruck einer globalen Identität, die Pluralität zulässt, ja allererst ermöglicht: „Nur die Anerkennung eines Allgemeinen, das zugleich dem Besonderen Raum gibt und im Einzelnen wirklich wird, kann vor dem drohenden Clash der Identitäten bewahren“ (8). Thematisch sind die acht Texte in vier Kapitel zu je zwei Texten zusammengefasst: „Zeiten“, „Wahrheiten“, „Sprechen“ und „Handeln“.

An die Theologie gewendet plädiert Ruhstorfer dafür, „die Herausforderungen von Neuzeit, Moderne und Postmoderne als Selbstmitteilungen des dreieinen Gottes prinzipiell anzuerkennen und sie in die eigene Theoriebildung einzubringen“ (36). Hierzu unterscheidet er fünf Phasen europäischer Vernunftgeschichte, die wiederum nicht unabhängig von der Geschichte des in der Bibel Gedachten verstanden werden könne (vgl. 192). Damit ist jeder theologischen Selbstgenügsamkeit eine Absage erteilt und zugleich ein globaler Dialog zwischen Theologen und Philosophen, Religionen und Kulturen gefordert.

Exemplarisch für einen konstruktiven Dialog zwischen Theologie und Zeitgeschichte schlägt Ruhstorfer die christliche Trinitätslehre vor. Die europäische Vernunftgeschichte könne als „Manifestation“ der innergöttlichen Einheit von Identität und Differenz verstanden werden (71-92). Zugleich liefere die Trinitätslehre den Begriff einer Einheit von Identität und Differenz, welcher geeignet sei, „unseren Kairos als das Ende der Postmoderne und den Beginn der globalen Identität zu bestimmen“ (11).

Weil in der postmodernen und globalisieren Mediengesellschaft der Begriff der Wahrheit prekär geworden ist, umreißt Ruhstorfer eine differenzierte „Topologie der Wahrheiten“, die deren Pluralität gerecht werden soll. Ruhstorfer empfiehlt der Theologie ein entschieden geschichtliches Denken, das zugleich nicht davon absieht, die Heilsbedeutung des Glaubens zu profilieren (125). In der Spätmoderne könnte es ihre Aufgabe sein, einen offenen Diskurs um Fragen der Wahrheit zu sichern, in dem die Vernunft ebenso ihren kritischen Platz hat wie die Weisheiten der Religionen (156 f). Wie kann sich christlicher Glaube im Konzert der Meinungen und Wahrheitsansprüche wirksam zur Geltung bringen? Ruhstorfer schlägt hierzu eine religiöse Wahrnehmungslehre vor, die Gott in den scheinbar bedeutungslosen Gesten des Alltags aufzuspüren und dort zur Sprache zu bringen imstande ist (184 f). Weil Offenbarung in der Geschichte geschieht (209), sei es christlicher Theologie unabweislich aufgegeben, die Gegenwart im Spiegel der Offenbarung zu interpretieren – dies freilich im Wissen darum, dass diese Gegenwart christlichem Glaubensverständnis nicht äußerlich ist.

Abschließend deutet Ruhstorfer praktische Konsequenzen aus der „Befreiung des ‚Katholischen‘“ an. Anhand der Migrationsthematik, der Frage der Demokratisierung der Kirche und der Teilhabe von Frauen an kirchlichen Machtstrukturen verdeutlicht er die Bedeutung von „Entgrenzung“ und „Teilhabe“. Bei alledem habe die Theologie die Welt daran zu erinnern, dass ihr nicht ein Reformprogramm, sondern die „Erfahrung göttlicher Versöhnung“ fehle (220).

Insgesamt ist der Band ein analytisch scharfer und theologisch konstruktiver Beitrag zu aktuellen Entwicklungen in Kultur und Politik, Kirche und Gesellschaft, die unsere Welt derzeit in Atem halten. Ob Ruhstorfers Überlegungen freilich in einer Gesellschaft, die sich von den traditionellen Formen christlichen Lebens und theologischer Reflexion zunehmend verabschiedet, eine Resonanz findet, bleibt abzuwarten.

Dirk Ansorge

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