Franziskus' Kampf gegen den KlerikalismusNarzissmus und Machtbestrebungen in der Kirche

Papst Franziskus sagt: „Wenn ich einen Klerikalen vor mir habe, werde ich im Nu zum Antiklerikalen.“ Philipp Müller zeigt auf, wie es - nicht nur bei Geistlichen - zu einem überzogenen Privilegienanspruch kommen kann, wie eng Macht und Missbrauch beieinanderliegen - und was dagegen hilft.

„Wenn ich einen Klerikalen vor mir habe, werde ich im Nu zum Antiklerikalen. Der Klerikalismus dürfte mit dem Christentum nichts zu tun haben.“1 Diese Aussage von Papst Franziskus im Gespräch mit dem italienischen Journalisten und Agnostiker Eugenio Scalfari ein halbes Jahr nach seiner Wahl ist an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass der Kampf gegen den Klerikalismus auf seiner Agenda weit oben steht.
Dieser Beitrag arbeitet heraus, was Papst Franziskus unter Klerikalismus versteht und warum er so vehement dagegen wettert. Es schließen sich Reflexionen darüber an, wie dieses Thema mit den Phänomenen Macht und Missbrauch zusammenhängt. Überlegungen zu der Frage, wie der Versuchung zum Klerikalismus effektiv begegnet werden kann, schließen den Beitrag ab. So sehr die folgenden Überlegungen den Priester fokussieren: Analoge Phänomene zum Klerikalismus sind ebenfalls bei Führungspersonen zu beobachten, die auch ohne sakrale Begründung mit einem überzogenen Macht- und Privilegienanspruch auftreten.
Ein cantus firmus der Verkündigung des jetzigen Papstes ist eine Absage an jegliche Form von Klerikalismus. Diese Zerrform priesterlicher, aber auch bischöflicher oder diakonischer Existenz ist ihm zutiefst zuwider. Er geißelt den Klerikalismus auf Schritt und Tritt: bei Mittwochsaudienzen, in Weihegottesdiensten oder in päpstlichen Schreiben. In einem Gespräch mit Journalisten am 15. Mai 2017 auf dem Rückflug von Fatima nach Rom hat er ihn als „eine Pest in der Kirche“2 bezeichnet.
Bereits in den Diskussionen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil verwendeten Bischöfe mehrerer Länder den Begriff, um eine falsch verstandene Dominanz der kirchlichen Hierarchie über das Laienapostolat zu brandmarken.3 Dieses Klerikalismus- Verständnis bezieht sich auf den binnenkirchlichen Bereich; es deckt sich nicht mit einem früheren Bedeutungsgehalt, als der Begriff für eine Vorherrschaft der Kirche und ihrer Kleriker (Bischöfe, Priester) über Staat und Gesellschaft stand. Ein solches früheres Verständnis resultiert wiederum aus den Erfahrungen der europäischen Geschichte des Hochmittelalters, als die Kleriker aufgrund ihres Bildungsmonopols und ihrer ökonomischen Potenz einen eigenen Stand bildeten und gegenüber der weltlichen Macht die staatlich-gesellschaftliche Oberhoheit beanspruchten.4
Bei Papst Franziskus steht der Klerikalismus für eine innerkirchliche Dominanz der Priester über die Laien, wie es auch dem jetzigen allgemeinen Sprachgebrauch entspricht. Er ist nicht der erste Papst, der vor den Gefahren eines Klerikalismus warnt. Papst Benedikt XVI. hat beim Abschluss des Priesterjahres im Juni 2010 in einem Gespräch mit Priestern darauf hingewiesen, dass „der Klerikalismus in allen Jahrhunderten und auch heutzutage eine Versuchung für die Priester war und ist“5, und ihnen am Beispiel von Mutter Teresa nahegelegt, sich aus einer eucharistischen Frömmigkeit heraus ganz den Armen und Ausgegrenzten zuzuwenden. Für seinen Vorgänger Papst Johannes Paul II. zeichnet sich der Klerikalismus durch zwei Aspekte aus: Er gründe erstens eher auf Macht als auf Dienst und polarisiere zweitens zwischen der Priesterschaft und dem Volk Gottes. Zudem kritisiert er einen Klerikalismus von Laien, der für ihn dann gegeben ist, wenn diese genuin priesterliche Aufgaben und Funktionen übernehmen.6 Dem Phänomen insgesamt haben seine beiden Vorgänger keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

„Kein spezifisch latein-amerikanisches Phänomen“

Anders Papst Franziskus. Aufgrund eigener Leitungserfahrungen im Jesuitenorden, besonders jedoch aus seiner Zeit als Generalvikar, Weihbischof und Erzbischof in Buenos Aires weiß er um den immensen Schaden, den der Klerikalismus in der Kirche Lateinamerikas anrichtet.7 Gleichwohl ist für ihn die Versuchung zum Klerikalismus kein spezifisch lateinamerikanisches Phänomen. Als dessen Kern identifiziert er die Selbstbezogenheit, eine „autoreferentielle Haltung“8, der es mehr um das persönliche Wohlergehen und die Sicherung von Standespfründen als um die selbstlose Verkündigung des Reiches Gottes geht. Eine solche Einstellung hindert den Priester daran, zu den Menschen zu gehen, das Leben mit ihnen zu teilen und ihnen die „Freude des Evangeliums“ zu bringen.
In seiner Programmschrift Evangelii gaudium geht der Papst ausführlich auf „Versuchungen der in der Seelsorge Tätigen“ (Nr. 76-109) ein. Was er hier unter der Zwischenüberschrift „Nein zur spirituellen Weltlichkeit“ (Nr. 93-97) beschreibt, ist Ausdruck einer selbstreferentiellen Einstellung und damit eines Klerikalismus, auch wenn das Wort selbst nicht fällt.9 Er warnt vor einer „egozentrischen Selbstgefälligkeit“, die durch „eine ostentative Pflege der Liturgie, der Lehre und des Ansehens der Kirche“ (Nr. 95) kaschiert wird; ein Priester kann liturgisch-spirituelle Vollzüge wie die Feier der Sakramente und des Stundengebets rite et recte vollziehen, ohne an Jesus Christus und den Menschen wirklich interessiert zu sein.10 An anderer Stelle warnt der Papst vor einem Legalismus, der sich primär auf eine Kodifizierung des Glaubens und der Moral in Regeln und Vorschriften bezieht; dabei ist er sich darüber im Klaren, dass ein Legalismus nicht zwangsläufig Ausdruck einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur sein muss; er kann auch „in einer ängstlichen Verteidigungshaltung“11 wurzeln. Eine weitere klerikalistische Versuchung ist die „Ruhmsucht“ (Nr. 95); sie ist dann gegeben, wenn sich Priester letztlich um der Anerkennung der Menschen willen engagieren. Solcherlei Einstellungen verbinden sich gerne mit einem autoritären Elitebewusstsein, das einen Geistlichen dazu veranlasst, einen pastoralen Raum wie die Pfarrei und die dort Engagierten engmaschig zu kontrollieren und zu beherrschen. Klerikalistische Varianten sind schließlich ein „Manager-Funktionalismus, der mit Statistiken, Planungen und Bewertungen überladen ist“, oder eine Art von Society-Priestern, deren Terminkalender „mit Reisen, Versammlungen, Abendessen und Empfängen“ (Nr. 95) angefüllt ist.
Eine solche spirituelle Weltlichkeit mit ihrem „anthropozentrischen Immanentismus“ (Nr. 94) vermag keine Evangelisierungsdynamik anzustoßen. Sie bleibt pastoral unfruchtbar (vgl. Joh 15,4), weil sie dem Volk Gottes jene spirituelle Substanz vorenthält, auf deren Basis es im Glauben wachsen und sich eigenverantwortlich in der Kirche engagieren kann. Manchmal kommt es zu einer „sündigen Komplizenschaft“, wenn Laien die Priester aus reiner Bequemlichkeit in ihrer klerikalistischen Grundeinstellung bestätigen und lieber in einem System der Abhängigkeit verharren als eigenständig Verantwortung zu übernehmen.12 Im Kontrast dazu lobt der Papst Bibelgruppen, kirchliche Basisgemeinden und Pastoralräte, denn sie stärken die Position von Laien in der Kirche und tragen zur Überwindung eines Klerikalismus bei.13

Symptom und Träger einer egoistischen Kirche

Die tiefe Aversion des jetzigen Papstes gegen den Klerikalismus beruht auf präzisen Beobachtungen. Psychologisch geschult und mit der ignatianischen Unterscheidung der Geister bestens vertraut, hat er einen guten Blick für negative Dynamiken, für die Priester anfällig sind und denen sie nicht selten auch verfallen. Mit bemerkenswerter Klarheit legt er den Finger in die Wunde; damit widersteht er der Versuchung, solche Phänomene durch ein idealisiertes Priesterbild zu verdrängen oder amtstheologisch zu überblenden.
Warum hat der Papst den Klerikalismus so im Visier? Er ist für ihn die priesterliche Personifikation einer kranken und selbstbezogenen Kirche, die eine Erneuerung massiv behindert. Faktisch kommt den Pfarrern in ihren Pfarreien eine Schlüsselstellung zu; aufgrund ihrer kirchenrechtlich legitimierten Positionsmacht können sie dort vieles ermöglichen, aber ebenso viel auch verhindern. Eigentlich wünscht sich der Papst die Priester als Speerspitze einer erneuerten Kirche, die wie ein mobiles „Feldlazarett“ (Amoris laetita, Nr. 291) unter den Menschen präsent ist und sich derer Wunden annimmt. Damit fügt sich seine Klerikalismuskritik nahtlos ein in sein ekklesiologisches Grundaxiom, das er bereits als Kardinal Bergoglio auf der Generalkongregation vor dem letzten Konklave skizziert hatte.14 Hiernach stehen sich zwei Möglichkeitsformen von Kirche antipodisch gegenüber: Auf Philipp Müller 240 der einen Seite eine verkündigende und vitale Kirche, die bereit ist, auf das Wort Gottes zu hören und sich davon verändern zu lassen; eine solche Kirche drängt es unweigerlich dazu, aus sich selbst heraus zu den Menschen an den Rändern zu gehen: „Nicht nur an die geographischen Ränder, sondern auch an die Grenzen der menschlichen Existenz“ (so Kardinal Bergoglio im Vorkonklave). Ihr steht eine kranke und egozentrische Kirche gegenüber, die um sich selbst kreist. Weil sie Jesus „für sich drinnen“ beansprucht und ihn nicht nach außen treten lässt, hat sie keine wirklichen missionarischen Ambitionen. Unbewusst bildet sie sich sogar ein, selbst das Licht der Welt zu sein,15 weshalb sie darauf aus ist, dass „die anderen einen beweihräuchern“ (ebd.).
So sehr Papst Franziskus die Kleriker im Blick hat: Von der Versuchung eines selbstreferentiellen Verhaltens sind nicht nur die Priester gefährdet – ebenso wie von den 15 Krankheiten der Kurie, von denen der Papst anlässlich des Empfangs für die Leiter der römischen Kurie am 22. Dezember 2014 gesprochen hatte, nicht nur Kardinäle und Bischöfe infiziert werden können: Die kurialen Krankheiten sind „eine Gefahr für jeden Christen und jede Verwaltung, Gemeinschaft, Orden, Pfarrei und kirchliche Bewegung“ und können „sowohl beim Einzelnen als auch in der Gemeinschaft vorkommen“16. Mutatis mutandis können die Reflexionen des Papstes zum Thema Klerikalismus sowohl für ehrenamtlich Engagierte als auch für Gruppierungen und Gemeinschaften in der Kirche ein Anstoß zur Gewissenserforschung sein, um sich die Frage zu stellen, was die zentrale Motivation und das Ziel des jeweiligen Engagements ist. Dies gilt ebenso für Angehörige pastoraler Berufe wie die Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten, die es in den meisten Ländern der Welt nicht gibt und die deshalb nicht im Fokus des Papstes aus Argentinien stehen. So legitim deren Berufsverbände auch sind: Ihr Tun hätte in einem übertragenen Sinn als klerikalistisch und als fragwürdig zu gelten, wenn sie sich primär einer Lobbyarbeit in einem selbstreferentiellen Sinn verschrieben. Ähnlich fragwürdig ist ein bestimmter Typus Ständiger Diakone, der gerne vorne am Altar steht, aber dem ein Dienst an den Armen (wer immer sie auch sein mögen) im Grunde lästig ist.
Die Klerikalismus-Analysen des jetzigen Papstes aufgreifend kann es sich für Einzelne (Priester und Christgläubige), aber auch für kirchliche Gruppierungen und Gemeinschaften lohnen, den folgenden Fragen selbstkritisch nachzugehen: Bestimmen neben der Faszination für das Evangelium auch andere Motivationen und Interessen (die zum Teil berechtigt sein mögen) mein bzw. unser pastorales Handeln und welche sind es? Welche Rolle spielen Sicherheits- und Bequemlichkeitsdenken sowie das Bemühen, die „eigenen Pfründe“ zu sichern? Hat das Hören auf Gottes Wort angemessen Raum und ist die innere Bereitschaft vorhanden, sich davon berühren und verändern zu lassen, auch wenn das bedeutet, die eigene Komfortzone zu verlassen? Sind über den binnenkirchlichen Bereich hinaus die Grenzen der menschlichen Existenz mit der Bereitschaft im Blick, dorthin zu gehen und sich ihnen auszusetzen?

Sonderrechte, Macht und Missbrauch

Es gibt verschiedene Grade klerikalistischen Fehlverhaltens. Am unteren Ende der Skala steht ein Hang zur Bequemlichkeit, der einen Priester auf Privilegien und Annehmlichkeiten fixiert sein lässt, die ihm durch seine kirchlich-gesellschaftliche Stellung ermöglicht werden. Gravierender ist es, wenn sich ein narzisstisches Persönlichkeitsprofil mit einem priesterlichen Standesdünkel verbindet; diese Konstellation macht es einer Person schwierig, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und lässt sie schneller zu Grenzüberschreitungen (welcher Art auch immer) tendieren. Aufs Ganze gesehen ist ein klerikalistisches Verhalten ein Indiz für ein unreflektiertes und unausgegorenes Verhältnis zur Macht. Der Umkehrschluss gilt ebenso: Hat ein Priester sein Verhältnis zur Macht angemessen reflektiert, dann beugt er einem klerikalistischen Standesdünkel vor und ist eher dagegen gefeit, Macht zu missbrauchen.
Priesterlicher Machtmissbrauch zeigt sich unterschiedlich. So macht es einen gewaltigen Unterschied, ob sich jemand zwar ungebührlich, aber innerhalb eines juristisch legitimen Rahmens bewegt oder ob jemand gegen das Strafrecht verstößt. Ein Beispiel für Ersteres ist ein tyrannischer Chef, der keinen Widerspruch duldet und seine Launen an den Mitarbeitern auslässt. Jüngste mutmaßliche Beispiele für ein illegales und zugleich auch illegitimes Verhalten sind die betrügerische Veruntreuung kirchlich-caritativer Gelder im sechsstelligen Bereich oder sexuelle Übergriffe gegenüber einem jungen traumatisierten Migranten, den ein Pfarrer in seinem Pfarrhaus aufgenommen hatte. Sie belegen, wie wichtig die Anwendung effektiver Kontrollmechanismen ist, ohne dabei ins andere Extrem einer permanenten Haltung des Misstrauens und der Verdächtigung zu verfallen.
Wenn Papst Franziskus den vielen Formen des Klerikalismus den Kampf ansagt, dann verabschiedet er sich von einer Mentalität, die aus einem falsch verstandenen Korpsgeist heraus meinte, priesterliches Fehlverhalten in der Öffentlichkeit decken und vor dem Zugriff durch staatliche Gerichte schützen zu müssen – etwa im Missbrauchsskandal, als die Hinweise von Opfern nicht ernstgenommen und Täter in eine andere Pfarrei versetzt wurden, wo sie neues Unheil anrichteten. Eine solche Haltung hat ihre Wurzeln in der mittelalterlichen Gesellschaft, in der der Klerikerstand einer eigenen kirchlichen Gerichtsbarkeit unterworfen war. Es hat bis in unsere Zeit hinein gedauert, bis hier ein Prozess des Umdenkens griff und den kirchlich Verantwortlichen klar wurde, dass sich auch ihre Amtsträger vor einer staatlichen Justiz zu verantworten haben und die bischöfliche Fürsorgepflicht nicht primär ihnen, sondern den Opfern zu gelten hat.
Die Priester als Staatsbürger mit denselben Rechten und Pflichten zu sehen, wie sie allen anderen Bürgern ebenfalls zukommen, hat bedeutende ekklesiologische Implikationen: Die Kirche und ihre Amtsträger verstehen sich dann nicht länger als Angehörige einer societas perfecta, die als Kontrast- oder Parallelgesellschaft einer vermeintlich schlechten Welt gegenübersteht, sondern die Kirche steht – um es mit dem Untertitel der Pastoralkonstitution Gaudium et spes zu sagen – „in der Welt von heute“17. In diesem Zusammenhang ist aufschlussreich, dass die Kirchenkonstitution Lumen gentium die Kirche als eine „komplexe Wirklichkeit … aus menschlichem und göttlichem Element“ charakterisiert; weil sie auch Sünder umfasst, „ist sie stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und der Reinigung“ (Art. 8). Der Kampf von Papst Franziskus gegen den Klerikalismus lässt erkennen, dass die Kirche zu einer Selbstreinigung fähig und willens ist. Niemand hat ihrem obersten Repräsentanten diesen Kampf aufgezwungen; der Papst führt ihn aus einer intrinsischen Motivation heraus um eines glaubwürdig gelebten Evangeliums willen.

Keine faulen Kompromisse: dem Klerikalismus entgegenwirken

Versteht man den Klerikalismus als Ausdruck einer selbstreferentiellen Einstellung, dann ist er nicht primär an Äußerlichkeiten festzumachen. Das gilt auch für das Tragen von Priester- oder Ordenskleidung: Es gibt sehr selbstbezogene Priester, die Zivilkleidung bevorzugen und als progressiv gelten, und Priester mit Kollar und dem Etikett „konservativ“, die selbstlos ihren Dienst tun – und umgekehrt. Insgesamt sind Etikettierungen wie progressiv oder konservativ im Blick auf Priester weitaus weniger aussagekräftig als die von Papst Franziskus favorisierte Unterscheidung zwischen selbstreferentiell-klerikalistisch und selbstlos im Sinne des Evangeliums.
Um selbstlose Priester im Geiste Jesu Christi zu formieren, sollte die Priesterausbildung wie auch die Ausbildung der anderen pastoralen Berufe die Versuchung zum Klerikalismus von Anfang an im Blick haben und immer wieder thematisieren. Den Verantwortlichen kommt die Aufgabe zu, für auffällige narzisstische Persönlichkeitsstrukturen unter den Priesterkandidaten sensibel zu sein; um sie zu erkennen und angemessen mit ihnen umgehen zu können, ist der Rückgriff auf die Pastoralpsychologie hilfreich. Ein Priesterkandidat muss nicht von Anfang an perfekt sein, aber er sollte die Bereitschaft zeigen, sich auf den Ausbildungsprozess wirklich einzulassen. Auf keinen Fall dürfen sich die Verantwortlichen angesichts des Priestermangels dazu verleiten lassen, bei der Auswahl und Zulassung der Kandidaten faule Kompromisse einzugehen. Falls ein Kandidat beispielsweise am Ende des Studiums zu erkennen gibt, künftig nicht mit anderen (und erst recht nicht mit Frauen) kooperieren zu wollen, müsste dies ein Weihehindernis sein.
Was können Priester selbst der Versuchung zu einem selbstreferentiellen und egoistischen Verhalten entgegensetzen? Analog zum Klerikalismus können auch Führungspersonen sich das fragen. Zunächst ist nüchtern anzumerken, dass bei Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur kaum mit einer realistischen Selbstwahrnehmung und darum auch nicht mit einer intrinsisch motivierten Verhaltensänderung zu rechnen ist, die durch spirituelle oder psychologisch fundierte Impulse zur Selbstreflexion angeregt wurde.
Insgesamt ist das Handeln eines Menschen in der Regel von einem Motivbündel bestimmt und lässt sich nicht auf ein einziges Motiv reduzieren. So kann im kirchlichen Engagement von Menschen neben einer echten Begeisterung für die Botschaft Jesu auch der Wunsch nach Anerkennung und Liebe oder ein starker Gestaltungs- und Machtwille eine Rolle spielen. Der kürzlich verstorbene ehemalige Innsbrucker Pastoraltheologe Hermann Stenger rät dazu, die negativ konnotierten Wünsche nicht zu verdrängen, weil sie sonst im Unterbewussten ein Eigenleben führen und anderweitig kompensiert werden. Besser ist es, sie bewusst wahrzunehmen und in das eigene Handeln so zu integrieren, dass aus blinden Passagieren „brauchbare Matrosen … an Bord unseres Schiffes“18 werden; letzteres ist dann der Fall, wenn sich die handlungsbestimmende Grundmotivation aus dem Evangelium speist. Die geistliche Begleitung oder die Supervision bieten einen vertraulichen Rahmen, die eigene Motivation differenziert und ungeschminkt anzuschauen. Denkbar ist auch, dass eine Gruppe oder Gemeinschaft von Priestern übereinkommt, sich im Rahmen einer correctio fraterna auf Anzeichen eines klerikalistischen Verhaltens aufmerksam machen zu dürfen; dies wird nur dann möglich sein, wenn untereinander ein großes Vertrauensverhältnis besteht. Für Papst Franziskus ist schließlich die Beichte der richtige Ort, klerikalistische Seelenstrebungen, in die sich ein Priester verfangen hat, zu bekennen und wieder neu anzufangen.19

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