Die Bischofssynode zur Familie

Die Ordentliche Bischofssynode im Oktober 2015 zeigte einen neuen Weg, innerhalb der weltweiten katholischen Kirche in den Dialog zu treten. Michael Sievernich, emeritierter Professor für Pastoraltheologie in Mainz, wurde vom Papst als Experte in die Synode berufen und analysiert die dreiwöchigen Beratungen und das Ergebnis.

Während die Migrationsströme nach Europa im Jahr 2015 stetig zunahmen und Millionen Flüchtlinge Zuflucht suchten, tagte im Oktober die römische Bischofssynode zur Familie. Teilnehmer aus allen Weltteilen strömten zusammen und berichteten von erzwungener und freiwilliger Migration, von Vertreibung und Verfolgung, sodass ein realistisches Bild des Flüchtlingsdramas entstand, das die Synode unter der Rücksicht der leidvollen Folgen für Ehen, Familien und Kinder aufgriff. Unter den Stichworten „Migration, Flüchtlinge, Verfolgte“ benennt das Synodendokument dieses Megaproblem der Gegenwart:

„Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Migranten: diese Wahrheit ist in das Leben der Völker und Familien eingeschrieben. Auch unser Glaube bekräftigt dies: wir alle sind Pilger. Diese Überzeugung muss in uns Verständnis, Offenheit und Verantwortung gegenüber der Herausforderung der Migration hervorrufen, sowohl wenn sie leidvoll erfahren wird, als auch, wenn sie als Chance für ein besseres Leben gesehen wird.“ 1

Damit ist aber nur eine Facette aus dem breiten Spektrum der Themen benannt, welche die Synode beschäftigte, die nicht auf zwei, drei europäisch-nordamerikanische Probleme fokussiert war, sondern einen weltkirchlichen Horizont hatte.

Spiegel der Weltkirche

Zur XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode kamen in Rom 270 gewählte Bischöfe aus allen Teilen der Weltkirche zusammen, Leiter der römischen Dikasterien und Repräsentanten der (männlichen) Orden, sowie einige ernannte Mitglieder, die zusammen die stimmberechtigten „Synodenväter“ bildeten. Diese sprachlich und kulturell sehr bunte Versammlung, welche die universale Weite der Kirche widerspiegelte, wurde durch weitere Mitglieder verstärkt: Experten, die als theologische Berater wirkten; Laien, auch Ehepaare, die als Beobachter anwesend waren, sowie ökumenische Delegierte aus anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Die beiden letzteren Gruppen verstärkten durch ihr Rederecht in den Plenarsitzungen die Pluralität. Allerdings fehlte unter den zehn Repräsentanten der Orden leider die Stimme der Frauenorden, da die Synodenordnung nur „viri religiosi“ vorsieht, was sich hoffentlich bald ändern wird.
Die Synode versammelte knapp zehn Prozent der Diözesanbischöfe, wenn man die Zahl der etwa 2850 Erzdiözesen und Diözesen zum Vergleich heranzieht. Einschließlich der Weihbischöfe sind es insgesamt um die 5000 Bischöfe, die weltweit für 1,2 Milliarden Katholiken geistliche und pastorale Verantwortung tragen. Die Komplexität einer derart großen und interkulturell verwurzelten Kirche spiegelt sich im Kleinen auch auf einer Bischofssynode. Denn hier kommen verschiedene Faktoren zusammen: zum einen die sozial und kulturell heterogenen Situationen auf den Kontinenten und in den Regionen, zum anderen die in langen geschichtlichen Prozessen entstandenen Traditionen der katholischen Kirche und schließlich die verschiedenen Kulturen und ihre Ausprägungen von Ehe und Familie. Dass eine solche Synthese überhaupt gelingen kann, liegt an dem gemeinsamen Glauben an Jesus Christus, den die Völker im Lauf der Zeit angenommen und ihrer Kultur eingeprägt haben.
Welch lange Zeiträume eine Inkulturation des christlichen Glaubens benötigt, zeigt die Geschichte der Evangelisierung. Nachdem sich schon um 350 n. Chr. mehr als die Hälfte der rund 60 Millionen Einwohner des Römischen Reiches zum Christentum bekannten2, bedurfte es zur Christianisierung ganz Europas, also der Kelten, Romanen, Germanen, Slawen, Balten, etwa eines ganzen Jahrtausends. Dabei ging es nicht allein um Lehre und sakramentale Rituale, sondern auch um künstlerische Ausdrucksformen und die sprachliche und kulturelle Übersetzung des Christentums, zum Beispiel durch die Humanisierung von Ehe und Familie hin zu einer monogamen und familialen Lebensform. Dass diese Fragen sich im interkulturellen Zusammenhang neu stellen, zeigen beispielhaft der Kontext afrikanischer Traditionen von Ehe und Familie3 oder interreligiöse Ehen im Kontext asiatischer Traditionen (vgl. Relatio Synodi 25).
Dabei versucht die katholische Kirche, Einheit und Vielfalt zu vereinbaren. Theologisch entscheidende Gründe liegen zum einen im Glauben an Christus, der die Differenzen der Völker und Kulturen keineswegs einebnet, aber die Herkunftsfamilie und ethnische Abstammung übersteigt. Denn Jesu Beitrittsformel zur neuen Familie lautet: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3,35) Und aus diesem Grund ist keiner mehr auf seine Herkunft festgelegt; und es „gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen.“ (Kol 3, 11) Ein weiter Grund ist das Wirken des Heiligen Geistes, der an Pfingsten die seit dem Turmbau von Babel zerstreuten Völker einander wieder verstehen lässt, und der die Synode zu einem geistlichen Prozess formt, in dessen Verlauf die pastorale Unterscheidung der Geister ihren Platz findet. Nicht zuletzt ereignete sich die Bischofssynode cum Petro et sub Petro, mit Petrus und unter Petrus, dessen zentraler Dienst als Bischof von Rom darin besteht, die „Einheit der Herde Christi“ darzustellen und zu wahren (LG 22).

Der Weg der Synode

Je globaler die Kirche aufgestellt ist, desto synodaler wird sie werden (müssen). Dies entspricht der Erfahrung und dem Weg der Kirche, die seit biblischen Zeiten synodale oder konziliare Wege beschreitet, um Fragen größerer Reichweite gemeinsam zu beraten und zu entscheiden. Je weiter nun die Verbreitung des christlichen Glaubens voranschreitet und sich die Problemlagen doktrinaler, moralischer und pastoraler Art verdichten, desto dringender sind synodale Prozesse erforderlich, die sich in Bischofssynoden, Kontinentalsynoden, Nationalsynoden und Bistumssynoden abzeichnen.
Der Beginn des synodalen Wegs setzt mit dem „Apostelkonzil“ (Apg 15, 1-35) ein, dessen Bericht bezeichnenderweise in der Mitte der Apostelgeschichte erzählt wird und damit modellhafte Bedeutung erlangt. Bei diesem um das Jahr 48/49 n. Chr. stattfindenden Ereignis ging es um die Grundsatzfrage, ob die aus dem Heidentum bekehrten Christen sich erst jüdischen Praktiken unterziehen müssen, oder ob eine direkte Bekehrung möglich sei. Auf dieser Versammlung hielt Petrus, der eine führende Rolle spielte, autoritativ fest, dass geistgewirkt „keinerlei Unterschied zwischen uns und ihnen“ (Apg 15,9) bestehe. Zwar wurde durchaus kontrovers gestritten, doch handelte es sich durch die Rolle des Heiligen Geistes um einen geistlichen Prozess, in dem Petrus eine Prärogative zufiel. Die Konzilien- und Synodengeschichte ist voller Streitfragen, vom ersten Ökumenischen Konzil von Nikaia (325) bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965), aber auch voller Konsense und Lösungen in grundlegenden Fragen4. Das gilt auch für die neuzeitlichen Provinzialkonzilien in Übersee, wie die amerikanischen in Lima (ab 1551) und in Mexiko (ab 1555), oder die Synoden in Asien, wie die von Ajuthia (1665) oder Goa (1567).
Die römische Bischofssynode ist eine Frucht des Zweiten Vatikanums, das im Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe „Christus Dominus“ (Nr. 5) deren permanente Einrichtung beschloss. Seit 1965, als Paul VI. den Konzilsbeschluss umsetzte, sind bis 2015 vierzehn Ordentliche sowie weitere Außerordentliche und regionale Synoden einberufen worden. Die höchste Priorität unter den Themenstellungen erhielten das Thema der christlichen Ehe und Familie, das auf drei Bischofssynoden behandelt wurde (1980, 2014, 2015), sowie das Thema der Evangelisierung (1974, 2012). Beide Themen laufen nun im vorliegenden Synodendokument zusammen.
Die Bischofssynode von 2015 wurde in mehreren Schritten vorbereitet5. Zunächst fand eine Außerordentliche Generalversammlung der Bischofssynode zum Thema statt (2014), die wiederum im Vorfeld mit umfangreichen Fragebögen an die Diözesen (2013/14) vorbereitet wurde, ein Verfahren, das schon die lateinamerikanische Kontinentalsynode 2007 (Aparecida/Brasilien) praktiziert hatte. Die Fragen bezogen sich auf die Kenntnis der Bibel und des Lehramts, sowie der Ehe im Naturrecht, auf die Pastoral der Familie, schwierige Ehesituationen, homosexuelle Partnerschaften, christliche Erziehung in irregulären Ehen, die Offenheit der Eheleute für den Nachwuchs, die Beziehungen zwischen Familie und Individuum. Der weltweite Rücklauf war verständlicherweise quantitativ und qualitativ sehr unterschiedlich. Ein realistisches Bild bietet der Rücklauf aus den deutschen Diözesen, der zu einer Gesamtantwort verarbeitet wurde6.
Die Außerordentliche Bischofssynode zum Thema (2014) fand in fünfzehn Plenarversammlungen und sieben Sitzungen der Sprachgruppen statt; neben den englisch-, italienisch-, französisch- und spanischsprachigen Gruppen war keine deutschsprachige Arbeitsgruppe vorgesehen. Aus all diesen Arbeiten entstanden im Ergebnis Zwischenberichte, ein Schlussbericht der Synode, eine Botschaft an das Volk Gottes, und ein Arbeitsdokument (Instrumentum laboris), das dann der folgenden Synode von 2015 zur Bearbeitung vorlag7.
Diese XIV. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode von 2015 knüpfte modifiziert an die bis dahin übliche Methodik an. Sie war in einen Eröffnungs- und einen Schlussgottesdienst im Petersdom eingebettet, den jeweils Papst Franziskus leitete. Die konkrete Synodenarbeit vollzog sich einerseits in den Vollversammlungen, die in der Regel unter Anwesenheit des Papstes vom Generalsekretär, Kardinal Lorenzo Baldisseri, und dem Präsidium geleitet wurden. Hier trugen die Synodenväter unter einem strengen Zeitregiment zahlreiche Redebeiträge zu Themen ihrer Wahl vor, in fünf Sprachen, die jeweils gedolmetscht wurden. Die Versammlungen begannen mit der Terz aus dem Stundengebet der Kirche, die, eigens gedruckt, die Bedeutung des gemeinsamen Betens (adsumus) unterstrich, auch für den glücklichen Ausgang der Synode (Pro felici Synodi exitu) 8.
Andererseits wurde die Arbeit in den dreizehn kleinen Sprachgruppen (circuli minores) mit festen Mitgliedern (20 bis 30 Personen) geleistet, in denen außer den Bischöfen auch die Fachleute, Beobachter und ökumenischen Gäste mit Rederecht teilnahmen. Während die Plenarversammlungen ohne Aussprachen abliefen, waren die Sprachgruppen die Orte sachlicher Gespräche und Diskussionen, auch kontroverser Natur. Dies galt für alle Sprachzirkel, auch für den deutschsprachigen, der auf dieser Synode eigens wieder eingerichtet worden war. Zu den Aufgaben gehörte es, Änderungen oder Zusätze für das Schlussdokument zu formulieren (modi).
So verlagerte sich das Geschehen in die Sprachzirkel, wo eine freie, interkulturelle Diskussionskultur entstand, die diese Synode geprägt, aus formaler Starre gelöst und in der Regel zu einem effektiven Beratungsgremium gemacht hat. Der ungezwungene Austausch und die kritischen Debatten entsprachen gewiss der öfters vorgetragenen Aufforderung von Papst Franziskus, freimütig zu reden und demütig zuzuhören. Das geduldige Zuhören hat er auf den Plenarversammlungen über viele Stunden selbst geübt, den Freimut (parrhesia) in seinen begleitenden Ansprachen. Beides gehört zu jenem synodalen Weg, den das Konzil eingeschlagen hatte und den Papst Franziskus in seinem Pontifikat wieder aufwertet, indem er auf den drei Ebenen der Universalkirche, der Bischofskonferenzen und der Diözesen die Synodalität betont, die eng mit der Kollegialität verknüpft ist.
Am Ende aller Beratungen entstand das Schlussdokument, das die Arbeit der Synode und ihre Tendenzen zeigte. Alle insgesamt 94 einzeln abgestimmten Nummern des Dokuments erhielten die erforderliche Zweidrittelmehrheit, nur wenige davon knapp, das heißt mit geringerer Zustimmung. Nach der Endabstimmung verfügte Papst Franziskus die Veröffentlichung des Dokuments sowie der Abstimmungsergebnisse. Die Synode hatte keine definitiven Entscheidungen zu treffen, sondern die Aufgabe, mit ihrer Arbeit und dem Schlussbericht (Relatio Synodi) den Papst zu beraten. Aber jeder sollte wissen können, was die Synode mehrheitlich denkt und rät. Der gelungene Synodentext ist zur Lektüre zu empfehlen und kann bis zu einem postsynodalen Schreiben vielfältige Impulse vermitteln.

Der Beitrag des Circulus germanicus

Einer der dreizehn Circuli der Synode war die deutschsprachige Arbeitsgruppe, in der Deutsche, Österreicher, Schweizer und Teilnehmer aus anderen, vor allem osteuropäischen Ländern versammelt waren. Zum Moderator wurde der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn OP, zum Relator (Berichterstatter) der Berliner Erzbischof Heiner Koch gewählt.
Das Interesse der Medien an diesem Circulus germanicus war relativ hochgespannt, da man von den Mitgliedern, darunter der Konstellation der Kardinäle Walter Kasper (Rom), Kurt Koch (Rom) Reinhard Marx (München), Gerhard Müller (Rom) und Christoph Schönborn (Wien), der deutschen Bischöfe Franz-Josef Bode (Osnabrück) und Heiner Koch (Berlin) und anderer Teilnehmer, gediegene Arbeit erwartete. Doch spekulierte man auch auf Konflikte - die aber nicht eintraten. Denn es herrschte bei den Beratungen durchgehend eine sachliche Gesprächsatmosphäre hoher Qualität, und zwar auch dann, wenn kontroverse Themen zur Debatte standen. Die Beiträge ergänzten vielfach einander und wurden meist als Bereicherung des Diskurses erfahren.
Auf der Synode und in der Presse wurden vielfach die Beiträge der deutschsprachigen Gruppe hervorgehoben, weil man ihnen Qualität und theologischen Tiefgang zuschrieb, und weil ihre Systematik dem Synodentext gutgetan habe. Erstaunen hat vor allem die Einstimmigkeit erregt, mit der die drei Arbeitsberichte des Circulus beschlossen wurden. So hieß es:

„Das deutsche [deutschsprachige, MS] Votum, allgemein als das theologisch fundierteste und tiefschürfendste erachtet, erging einstimmig. Der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper und der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, als Exponenten der Reformer und Bremser sind somit auf einen gemeinsamen Nenner gekommen.“ 9

Eine Schweizer Zeitung verweist ebenfalls auf die „unerwartete Einstimmigkeit“ 10 in der deutschsprachigen Synodengruppe und erläutert dies am Verhältnis von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, nicht ohne den Bezugspunkt Thomas von Aquin zu nennen. Aber auch die Vermittlungskunst des Wiener Moderators dürfte das Ihre gewirkt haben.
Die Textarbeit aller Sprachgruppen, also auch des Circulus germanicus, folgte den drei Teilen des Instrumentum laboris, die auch im Schlussdokument, der Relatio Synodi, unter dem Titel „Berufung und Sendung der Familie“ übernommen wurden. Diese Gliederung in drei Teile repräsentiert eine dreifache Haltung des Hörens auf die Familie, des Blicks auf Christus und des Erkennens der Wege, auf denen die Familie sich heute erneuern kann. Sie entspricht dem Dreischritt von „Sehen - Urteilen - Handeln“, den Papst Johannes XXIII. in der Sozialenzyklika „Mater et magistra“ (1961) als Schema für die Verwirklichung der Soziallehre empfiehlt und das seitdem zahlreiche lehramtliche Dokumente prägt, wie zum Beispiel das der III. Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats in Puebla (1979). Damit wurde in der Sozialverkündigung die mehr naturrechtlich deduktive Argumentation abgelöst von einer mehr empirisch induktiven, welche die konkrete Wirklichkeit wahrnimmt, sich an der christlichen Perspektive orientiert und die Wirklichkeit gestaltet. In einem ähnlichen Paradigmenwechsel steht nun die kirchliche Verkündigung von Ehe und Familie, welche diese komplexe und interkulturell vielfältige Wirklichkeit wahrnimmt und im Licht des Evangeliums reflektiert und formt.
Wie die anderen hat auch der Circulus germanicus zahlreiche Änderungsvorschläge und Ergänzungen erarbeitet (modi) sowie drei Berichte erstellt, deren Ideen auf geeignete Weise in den Schlussbericht eingehen sollten. Welches waren wichtige Themen, die der deutschsprachige Zirkel vorgeschlagen hat? Im ersten Bericht11 kamen vor allem zwei formale und zwei inhaltliche Fragestellungen zur Sprache: Mehr formaler Natur ist der Vorschlag, Ehe und Familie nicht als katholisches Sonderthema darzustellen, sondern als anthropologische Konstante der Menschheit, da Ehe und Familie in ihren kulturellen Varianten eine Grundsehnsucht des Menschen sei, geliebt zu werden und zu lieben. Auch sollten nicht nur die Schwierigkeiten, sondern auch das Positive und die Schönheit zur Sprache kommen. Ein weiterer formaler Vorschlag bezieht sich auf eine neue „kulturelle Übersetzung“, ja eine neue Inkulturation von Ehe und Familie, bei der kein verurteilender (forensischer) Stil herrschen solle, sondern eine positiv entfaltende Sicht des Themas, nach Art des konziliaren Stils. Mehr inhaltliche Vorschläge wollen einerseits das Familienthema um das tragende Netz der Verwandtschaftsbeziehungen erweitern, und betonen andererseits die personale Individualität, die nicht mit dem Individualismus verwechselt werden dürfe.
Der zweite Bericht12 fiel vor allem durch die Grundsatzfragen auf, die hier zur Sprache kamen. Diese bezogen sich auf das Verhältnis von Barmherzigkeit und Wahrheit, Gnade und Gerechtigkeit, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürften, da auch die Barmherzigkeit Gottes eine Offenbarungswahrheit sei. Eine weitere Grundsatzfrage plädiert gegenüber einer deduktiven Subsumierung konkreter Situationen unter ein allgemeines Prinzip für eine thomanisch inspirierte Anwendung der Klugheits- und Weisheitsregeln der praktischen Vernunft in Ehesachen, so dass es zu gerechten und billigen Lösungen kommt (Epikie) 13. Schließlich plädiert der einmütige Bericht für eine geschichtliche und biografische Einbettung der kirchlichen Ehelehre, die der persönlichen Reifung und stufenweisen Hinführung zum Ehesakrament Zeit und Raum gibt. Überdies werden im Gegenüber von normativer Lehre und personalem Leben die Kategorien des Gewissens und der Verantwortung gestärkt.
Der dritte Bericht des Circulus germanicus schließlich14 fordert, wie viele andere Interventionen auf der Synode, eine erneuerte und respektvolle Sprache hinsichtlich der menschlichen Geschlechtlichkeit in Familie und Schule. Nur diese Sprachgruppe hat es zu einem Schuldbekenntnis und einer Bitte um Verzeihung an diejenigen gebracht, die unter „zu harten und unbarmherzigen Haltungen“ in der Pastoral gelitten haben. Klarheit schafft der Bericht über das umstrittene Verhältnis von biologischem Geschlecht (sex) und dessen kultureller Ausprägung (gender); er gibt eine positive Bewertung der interkonfessionellen Ehe, fordert ein längeres Ehekatechumenat und mahnt gegenüber Staat und Gesellschaft die Überwindung der „strukturellen Rücksichtslosigkeit“ gegenüber der Familie an; denn „nicht die Familie hat sich wirtschaftlichen Interessen unterzuordnen, sondern umgekehrt.“
Überdies enthält der Bericht starke Aussagen zu aktuellen, in Deutschland besonders umstrittenen Problemstellungen: Zum einen fordert er angesichts der Spannungen zwischen theologischen Aussagen (dogmatischer, moraltheologischer und kirchenrechtlicher Art) und pastoraler Praxis eine „lehramtliche Neubewertung und eine größere Kohärenz“; zum anderen wird die „verantwortete Elternschaft“ im Hinblick auf Gewissensbildung und Familienplanung reflektiert, aber auch hinsichtlich einer kinderfreundlichen Gesellschaft und gegenüber kinderfeindlichen Maßnahmen. Schließlich geht es um eine stärkere kirchliche Integration Geschiedener, die zivil wiederverheiratet sind, das heißt um die Frage der Zulassung zu den Sakramenten. Hier rekurriert der Bericht auf die zentrale Kategorie der spirituellen und pastoralen Unterscheidung, die schon das nachsynodale Apostolische Schreiben „Familiaris consortio“ (1980) Johannes Pauls II. in einem vielzitierten Text betonte: „Die Hirten mögen beherzigen, daß sie um der Liebe willen zur Wahrheit verpflichtet sind, die verschiedenen Situationen gut zu unterscheiden.“ (FC 84) Durch eine solche Unterscheidung könne ein Weg der Besinnung und Buße eröffnet werden und klären, „wie weit ein Zugang zu den Sakramenten möglich ist.“ Hier wird also ein künftiger Weg markiert, der weder Barrieren errichtet noch in einer Sackgasse endet.

Spektrum der Themen

Der synodale Schlussbericht zeichnet sich durch eine Reihe von Merkmalen aus, die bei einer angemessenen Beurteilung zutage treten. Ein Merkmal ist die Diversität der angerissenen Themen, die in einem relativ kurzen Dokument wie diesem kaum zu bändigen ist. Der Bogen spannt sich im ersten Teil von der Wahrnehmung der Realität der Institutionen von Ehe und Familie in Kirche und Gesellschaft in der Situation von heute. Dieser Blick umfasst die sozio-kulturellen und sozio-ökonomischen Kontexte, aber auch die Akteure von den Kindern bis zu den Alten, von den Paaren bis zu den Familien, sowie sachliche Problematiken wie Ökologie und Biotechnologie (RS 16, 27, 33).
Dabei kommen jeweils die Ambivalenzen zur Sprache, etwa die Exklusion und Inklusion in prekären Verhältnissen bei Migranten und Flüchtlingen (RS 23). Der Bogen spannt sich im zweiten Teil weiter zum spezifisch christlichen Blick auf die Familie im „Plan Gottes“, von der biblischen Familie Jesu über das Lehramt und die systematische Lehre bis hin zum unauflöslichen Ehebund und zur Familie, ohne Schönheit und Barmherzigkeit (RS 55) zu vergessen. Im dritten Teil mündet der Bogen in die „Sendung der Familie“, wo es vor allem um die Fragen rund um die Bildung einer Familie und die Weitergabe des Lebens und die Erziehung geht, aber auch um die Begleitung in schwierigen Situationen, der die Synode besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat. Das Spektrum der Themen endet mit Fragen der familialen Spiritualität und der „Mission“ der Familie (RS 93). Hier laufen also mehr sozial-, natur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven mit theologischen und lehramtlichen sowie mit ethischen, spirituellen und pastoral-praktischen Perspektiven zusammen.
Ein weiteres Merkmal des Spektrums ist die Komplexität zahlreicher Fragen, von denen viele eine erheblich differenziertere Darstellung verdienen, als sie hier möglich ist. Das ist dem Dokument natürlich nicht anzulasten, im Gegenteil ist es dafür zu loben, dass es mit seinen vielen Themen Impulse für eine vertiefte Behandlung gibt. Zu solchen komplexen Themen gehören zum Beispiel die empirischen Fragen nach Ehe und Familie im internationalen Vergleich15, wenn denn in einer Weltkirche der „western approach“ zu überwinden ist.
Des Weiteren gehören Vergleiche der sozialen, ökonomischen und kulturellen Kontexte und ihrer Folgen für Ehe und Familie dazu, sowie ebenfalls vergleichend die unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen, (partei-)politischen Einstellungen und Entscheidungen von Parlamenten, Gerichten und Regierungen. Auch für die Akteure wie Frauen, Männer, Kinder, Jugendliche, Ältere, Behinderte ergeben sich jeweils neue Fragestellungen, ebenso wie Biopolitik und Biotechnologie im Bereich der Fortpflanzung und genetischen Manipulation neue ethische Fragen stellen16. Nicht weniger komplex sind die theologischen Fragen: Biblisch etwa das Ehescheidungsverbot, historisch das Werden der Ehepraktiken und des Eherechts im Lauf der Zeit sowie die heutigen Streitfragen im dogmatischen, moraltheologischen, pastoraltheologischen und kanonistischen Bereich17. Schließlich gewinnen auch die praktischen Fragen angesichts der Vielfalt der faktischen Formen und Anschauungen an Komplexität, wenn man nur an die Bildung von Familien oder an die Erziehung der Kinder in familialen, schulischen und medialen Kontexten denkt.
Mit der Traditionalität ist ein drittes Merkmal genannt, das sich vor allem auf die langen Traditionen des Christentums bezieht, etwa des Eherechts, das römisches Recht (Konsens, Vertrag) und germanische Vorstellungen der Eheschließung (geschlechtlicher Vollzug) zur Synthese der geschlossenen und vollzogenen Ehe (matrimonium ratum et consummatum) führt. Die in sich flexible und dynamische Traditionalität findet sich auch in der systematischen Reflexion und den theologischen Begründungen der Ehe in Dogmatik und Moraltheologie, deren narrative, metaphorische, argumentative und forensische Begründungsstrategien oft kaum unterscheidbar verflochten sind. Die Prävalenz der lehramtlichen Traditionen ist unübersehbar, aber auch unvermeidbar, doch müssen Lehre und Leben in einem kohärenten Zusammenhang stehen, ohne die Kluft zwischen beiden zu vergrößern18.
Ein letztes Merkmal des synodalen Themenspektrums ist die Interkulturalität, welche die Synode prägte, deren Mitglieder aus zahlreichen Kulturen stammten. So waren in einem der englischsprachigen Zirkel so unterschiedliche Länder vereinigt wie Indonesien, Irland, Kasachstan, Myanmar, Neuseeland, Nigeria und die USA. Daher stellten sich hier andere Fragen als im deutschsprachigen Zirkel, der überdies geistig und theologisch weitgehend homogen und europäisch geprägt war. Doch wenn Fragen polygamer Lebensformen und arrangierter Ehen aufkommen oder die Schwierigkeiten religionsverschiedener Ehen (vgl. RS 25), ändert sich das Bild; es führt zu Fragen, ob und welche regionalen kulturellen Traditionen im katholischen Kosmos tragbar sind, ohne die Einheit der Kirche zu sprengen, und welche die Kirche bereichern. Neue Fragestellungen tauchen mit den Kindern auf, die in extremer Armut aufwachsen, ausgebeutet werden oder als Vollwaisen das Schicksal von Straßenkindern erleiden (vgl. RS 27).
Kulturell unterschiedliche Wertschätzungen der Frauen und der Mutterschaft sind ebenso zu bewältigen wie Diskriminierung hinsichtlich der Sexualität. Nimmt man nur diese knapp benannten Merkmale zusammen, dann wird deutlich, vor welchen Megathemen und pastoralen Herausforderungen eine katholische Weltkirche steht, die sich diesen Problemen stellt und damit Protagonistin einer menschheitlichen Aufgabe wird, da sie Freuden und Hoffnungen, Sorgen und Ängste mit allen Menschen teilt; womit der dritte Satz des Synodendokuments an den ersten Satz der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ erinnert und damit deutlich die konziliare Linie einschlägt vgl. (RS 1).

Kraft der Erneuerung

Vor diesem Hintergrund seien drei paradigmatische Quellen der Erneuerung benannt, die im Schlussdokument der Synode zu entdecken sind und für die Kirche zur Kraft der Erneuerung werden können. Ein erster Quellgrund ist die konziliare Erneuerung, die sich der Inspiration des Konzilspapstes verdankt. Hatte schon Thomas von Aquin im bischöflichen ein pastorales Lehramt gesehen (magisterium cathedrae pastoralis) 19, so forderte Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung des Zweiten Vatikanums in seiner epochalen Ansprache „Gaudet Mater Ecclesia“ vom 11. Oktober 1962 ein Lehramt, das auf Verwerfungen verzichten und „vor allem pastorale Züge“ (indoles praesertim pastoralis) tragen sollte. Dann folgt eine wichtige Unterscheidung, die einen entsprechenden Paradigmenwechsel ankündigt. Um bei der Wahrheit zu bleiben, habe die Kirche in der Vergangenheit Irrtümer verurteilt, nicht selten mit Strenge:

„Heutzutage zieht es die Braut Christi vor, eher das Heilmittel der Barmherzigkeit (misericordiae medicinam) zu gebrauchen als die Waffen der Strenge (severitatis arma). Sie ist davon überzeugt, daß es dem jetzt Geforderten besser entspricht, wenn sie die Triftigkeit ihrer Lehre nachweist (explicando), als wenn sie eine Verurteilung (damnando) ausspricht.“ Irrtümer gebe es nach wie vor, aber die Menschen würden deren verhängnisvolle Folgen von selbst erkennen. Heute wolle die Kirche sich „als eine für alle liebevolle, gütige und geduldige Mutter erweisen, voll Barmherzigkeit und Wohlwollen gerade jenen Kindern gegenüber, die sich von ihr entfernt haben.“ 20

Wenn man ein halbes Jahrhundert nach dem Konzil den Weg betrachtet, den die Kirche in dieser Zeitspanne gegangen ist, drängt sich der Eindruck auf, dass das Konzil durchaus den von Johannes XXIII. vorgeschlagenen Weg eingeschlagen hat. In der nachkonziliaren Phase tauchten jedoch zunehmend forensische Rhetorik und die Waffen der Strenge auf. Wenn nun Papst Franziskus wieder deutlicher an den konziliaren Stil anknüpft, dann ist dies, auch auf der Synode, an der Betonung der Barmherzigkeit abzulesen, gerade in schwierigen Ehe- und Familiensituationen. Gewiss wird der „große Strom der Barmherzigkeit“ (RS 79) seine Dynamik der Erneuerung entfalten21.
Eine weitere sprudelnde Quelle auf der Synode bildet die zentrale Kategorie der spirituellen und pastoralen Unterscheidung (ital. discernimento, lat. discretio), die den Synodentext wie ein roter Faden durchzieht und einen hermeneutischen Schlüssel darbietet (vgl. RS 3, 35, 47, 51-54, 57, 69, 75, 84-86). Es handelt sich um die Unterscheidung der Geister, von der Ignatius von Loyola (1491-1556) in seinem autobiografischen „Bericht des Pilgers“ erzählt und die er für die geistliche Praxis, den Willen Gottes zu suchen und zu finden, in seinen „Geistlichen Übungen“ (Exerzitien) regelhaft entfaltet hat22. Diese pastorale Unterscheidung ist eine praktische Urteilskraft, welche die Lehre mit dem Leben der Personen, Biografien und Situationen verbindet und unterscheidet, nicht ohne Gewissen und Verantwortung der jeweiligen Personen sowie die subjektive Zurechenbarkeit ihres Handels bei objektiven Situationen zu berücksichtigen (vgl. RS 85).
Neben diese beiden textlichen Quellen, die dem konziliaren und dem ignatianisch- spirituellen Umfeld entspringen, sprudelt eine weitere nachhaltige Quelle der Erneuerung. So spricht die Synode auf eine neuartige Weise von der Familie als Subjekt, das eine missionarische und pastorale Mission hat, also nicht bloß passives Objekt kirchlicher Sorge bleibt:

„Die Familien von heute sind als missionarische Jünger ausgesandt (vgl. Evangelii gaudium 120). In diesem Sinn ist es notwendig, dass sich die Familie als unverzichtbares Subjekt der Evangelisierung wiederentdeckt.“ (RS 2)

Damit knüpft der Synodenabschlussbericht einerseits an das Dokument der lateinamerikanischen Bischofsversammlung von Aparecida (2007) an, das die Christusbegegnung bezeichnet als „Beginn des neuen Subjekts, das sich in der Geschichte zeigt und das wir Jünger nennen.“ 23 Andererseits erinnert es an eine lange vergessene Missionsmethode der frühen Kirche, die nicht nur professionelle Missionare wie Paulus kannte, sondern auch eine „kapillare Verbreitung“ des Christentums im sozialen Umfeld durch Familien und Verwandte, Freunde und Berufskollegen, Ehepaare wie Aquila und Priska (vgl. 1 Kor 16, 19) 24.
In der Wiederentdeckung dieses Wegs hält der Synodentext fest: „Die Familie konstitutiert sich so als Subjekt pastoralen Handelns“ (RS 93, vgl. 89), wozu vor allem die vielfältigen Formen des Zeugnisses gehören, von der Solidarität mit anderen Familien, der Bewahrung der Schöpfung, der Förderung des Gemeinwohls und der Überwindung ungerechter Strukturen bis zu den Werken der leiblichen und geistlichen Barmherzigkeit. Mit diesem Subjektwerden der Familien könnte für Kirche und Gesellschaft eine Ära der Erneuerung anbrechen25.

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