Einen neuen Aufbruch wagen - ergebnisoffen?

In der Quadratestadt Mannheim findet vom 16. bis 20. Mai 2012 der 98. Deutsche Katholikentag statt. Er steht unter dem Leitwort "Einen neuen Aufbruch wagen", das ausdrücklich Bezug nimmt auf die "Belastungen und Verwerfungen des 'Skandaljahres' 2010". Der Aufbruch erfolge, so Stefan-Bernhard Eirich, Rektor im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), "in großer Nachdenklichkeit und mit einem tastenden Dialog zwischen Laien und Klerikern, Verantwortungsträgern und 'einfachen Gläubigen' im Volk Gottes". Das ist gewinnend formuliert. ZdK-Präsident Alois Glück wird mit den Worten zitiert, man wolle "ein Zeichen setzen, daß wir zu Reformen bereit sind und einen neuen Aufbruch wagen wollen".

Katholikentage sind in Deutschland seit mehr als 160 Jahren auch ein Stimmungsbarometer für das, was sich an - oft ungeahnt reichhaltigem - Leben in der Kirche tut, wie Mystik und Politik zusammenfinden. Es wird spannend sein zu erleben, wie sich der von den Bischöfen angestoßene, auf drei Jahre angesetzte Dialogprozeß weiter entwickelt. "Nichts", so Eirich, "ist mit Blick auf das Motto des Mannheimer Katholikentages mehr zu wünschen, als daß die katholische Kirche in Deutschland sich ergebnisoffen und mit einem neuen Blick auf bisherige Sicherheiten in den Aufbruch hinein wagt und so all jenen ein kraftvoll lebendiges Gegenzeugnis gibt, die sie längst für erstarrt halten." Seitens der Bischöfe kommt es nach Kardinal Reinhard Marx nun darauf an zu schauen, "wie wir aus der Dynamik der Standortbestimmung Schwerpunktthemen gewinnen. Alle zentralen Themen sollen bei diesem mehrjährigen Prozeß Raum finden."

Nach der Auftaktveranstaltung vom Juli 2011 sind für September 2012, 2013 und 2014 drei Jahrestreffen geplant, die sich drei Themenkomplexen zuwenden sollen: "Gemeinsame Verantwortung aller Getauften in der Kirche" (Participatio), "Barmherziger Umgang mit gebrochenen Biographien" (Compassio) und "Kommunikationsfähigkeit der Kirche" (Communicatio). Vor dem Hintergrund mancher inzwischen geäußerter Kommentare muß man fragen: Werden und können wirklich alle Themen oder nur ausgesuchte auf den Tisch kommen? Wer bestimmt, was "zentrale" oder lediglich Randthemen sind, die angeblich keine Priorität haben? Gibt es "verbotene", den Bischöfen "reservierte" Themen? Und: Was heißt "ergebnisoffen"?

Die längst nicht nur aufgrund des Priestermangels dramatische, sich zuspitzende pastorale Not in Deutschland hat zu Umbrüchen von noch nie dagewesenen Ausmaßen geführt, die häufig mit der Lage der Kirche um das Konzil von Trient (1545-1563) verglichen werden. Die "Volkskirche" ist weitgehend passé, damit verbundene Mentalitäten nicht. Unterwegs zu einem "Entscheidungs-" oder "Wahlchristentum", von dem Karl Rahner SJ bereits in den 50er Jahren und unter anders gelagerten Voraussetzungen während der Würzburger Synode in dem Bändchen "Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance" (1972) gesprochen hat, haben sich seither freilich Problemfelder aufgetan, die zu Spannungen führten und weiterhin führen werden. Kirche wird von vielen nicht mehr als Heimat erlebt, "XXL"-Pfarreien führen zu Anonymität, Profildebatten münden oft in Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppen in der Kirche, die erbittert geführten Grabenkämpfen gleichen.

Mit dem Hinweis, es könne und dürfe keine "nationalkirchlichen Eigenwege" geben, erinnern Bischöfe daran, daß gewisse Fragen nur auf der Ebene der Weltkirche, also vom Papst oder von einem Konzil, gelöst werden könnten. Dieser Hinweis ist berechtigt, obwohl es immer wieder regionale Sonderlösungen gegeben hat. Aber können so Debatten über Fragen unterdrückt werden, die vor Ort besprochen werden müssen? Und was heißt hier ergebnisoffen? Ist eine Frage, zu der es eine Enzyklika oder andere, niederschwelligere römische Verlautbarungen gibt, "ein für allemal" erledigt? Sind Denk- und Diskussionsverbote zu Themen wie "viri probati", Laienpredigt, Frauenordination oder Diakonat der Frau sinnvoll? Nutzen disziplinäre Maßnahmen oder kirchenrechtliche Strafandrohungen, wenn und wo Themen aufgegriffen werden, die den Menschen das Herz schwer machen - wohlgemerkt engagierten Christen, die sich (noch) nicht für das innere Exil entschieden haben?

Die pastorale Situation erzwingt ein neues Nachdenken auch über Fragen, die lehramtlich als abgeschlossen gelten. Das Augustinus († 430) zugeschriebene Diktum "Roma locuta, causa finita" ist nach Klaus Schatz SJ "eine plakative Umformung, die kaum dem Kontext gerecht wird": Nur der zweite Teil stammt nämlich von dem Kirchenlehrer selbst (Sermones 131,10): Beim Streit mit den Pelagianern seien Briefe von zwei Konzilien (Synoden) an den Apostolischen Stuhl geschickt worden, nachdem vor Ort alles geregelt worden war. Aus Rom kamen Reskripte zurück - womit die Angelegenheit abgeschlossen war ("causa finita"): Augustinus schreibt "der römischen Kirche in Glaubensfragen ein relativ größeres Gewicht der Autorität zu, betrachtet sie aber nicht als übergeordnete Lehrautorität. Sie hat Auctoritas, nicht jedoch Potestas über die nordafrikanische Kirche."

Die heutige Komplexität von Kirche und Welt erlaubt einfach nicht mehr die einmal für alle künftigen Zeiten geltende alleinige und einzig mögliche Antwort auf Fragen, die sich auf den einzelnen Kontinenten oft unterschiedlich darstellen. Wache Christen lassen sich heute nicht mehr durch "Maulkorberlasse" gängeln. Verwechseln manche Loyalität vielleicht mit Kadavergehorsam? Beteiligung schafft Identifikation: Wo "einfache Gläubige" an Entscheidungsfindungsprozessen nicht beteiligt werden (Participatio), fühlen und leiden sie zwar mit der Kirche (Compassio), müssen aber deren Gesprächs- und Vermittlungsfähigkeit in Frage stellen (Communicatio).

Der Katholikentag ist eine Chance, das Miteinander zwischen Bischöfen und Laien einzuüben - in gemeinsamer Sorge um eine zukunftsfähige Kirche. Hinhören müssen und voneinander lernen können beide Seiten.

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