Papst Benedikt XVI.

Mit Joseph Ratzinger besetzte nach fast 500 Jahren erstmals wieder ein Deutscher den Stuhl Petri. Benedikt XVI. gilt heute als "Theologen-Papst", der seine akademische Vergangenheit nie ganz ablegte. Ihm lag viel an der Bewahrung der katholischen Traditionen, was sich auch in seiner Sicht auf die Liturgie wiederspiegelte. Benedikt XVI. sorgte mit seinen Äußerungen immer wieder für Irritationen. Entgegen seiner ursprünglichen Absichten trat er auch nach seinem Rücktritt gelegentlich an die Öffentlichkeit - zuletzt etwa mit umstrittenen Äußerungen zum Verhältnis von Christen und Juden.

Joseph Ratzinger – ein Deutscher wird Papst

Am 16. April 1927 wurde Joseph Ratzinger in Marktl am Inn in Oberbayern geboren. Er besuchte als Schüler das erzbischöfliche Studienseminar in Traunstein. Mit 14 Jahren wurde er zwangsweise in die Hitlerjugend aufgenommen und später zum Kriegsdienst eingezogen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet Ratzinger kurzzeitig in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er kehrte jedoch nach einigen Wochen zu seiner Familie zurück und legte die Reifeprüfung ab.

In den folgenden Jahren studierte er Philosophie und Theologie in Freising und München. 1951 wurde Ratzinger zum Priester geweiht. Mit der Arbeit Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche wurde er 1953 zum Doktor der Theologie promoviert. 1957 habilitierte er sich in München mit der Schrift Die Geschichtstheologie des Heiligen Bonaventura. Von 1951–59 lehrte Ratzinger in Freising Dogmatik und Fundamentaltheologie. Dann folgte er dem Ruf an die Universität in Bonn. Ab 1963 lehrte er an der Universität in Münster. Auf Empfehlung von Hans Küng erhielt er den Lehrstuhl für Katholische Dogmatik in Tübingen.

Während der Studentenproteste wechselte er 1969 an die Universität in Regensburg. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) war Ratzinger persönlicher Konzilsberater des Kölner Kardinals Joseph Frings, verfasste für diesen einige einflussreiche Reden und wurde 1963 zum Konzilstheologen ernannt. War Ratzinger zu Beginn des Konzils noch ganz auf der Seite der Modernisierer, meldeten sich nach dessen Ende erste Zweifel bei ihm, ob Modernisierung wirklich der einzig gültige Maßstab sein sollte. Später zeigte sich das auch in der Frage der Liturgie, die zu einem Schwerpunkt seines Pontifikats werden sollte. 

1977 wurde Ratzinger zum Erzbischof von München und Freising sowie zum Kardinal ernannt. Papst Johannes Paul II., mit dem er bis zu dessen Tod eng zusammen arbeitete, ernannte ihn 1981 zum Präfekten der Glaubenskongregation, zum Präsidenten der Päpstlichen Bibelkommission und der Internationalen Theologenkommission.

Ratzingers Ansichten als Präfekt in den Konflikten um die lateinamerikanische Befreiungstheologie, den Zölibat, die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zu den Sakramenten, die Ordination von Frauen, Schwangerschaftskonfliktberatung und künstliche Geburtenregelung sind umstritten: Ihm lag daran, das katholische Glaubensgut in seiner überlieferten Form zu wahren. Seine besondere Leistung bestand im Katechismus der Katholischen Kirche (1992) und der Öffnung der Archive von Inquisition und Indexkongregation (1998).

Nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. wählte das Konklave den Theologen und einflussreichen Kardinal Ratzinger am 19. April 2005 nach vier Wahlgängen zum Papst. Ratzinger gab sich den Namen Benedikt XVI. - nach dem Ordensgründer und Schutzpatron Europas Benedikt von Nursia sowie nach Benedikt XV., der sich mit seinem Einsatz für Frieden im Ersten Weltkrieg verdient gemacht hatte. Nach fast 500 Jahren besetzte nun erstmals wieder ein Deutscher den Stuhl Petri.

Der Pontifikat von Papst Benedikt XVI.

Benedikt XVI. gilt heute als der "Theologen-Papst". Aus seiner Liebe zur akademischen Forschung hat er nie einen Hehl gemacht. Papst Benedikts Ansprachen - etwa vor der UNO oder im Berliner Reichstag - waren anspruchsvoll wie Vorlesungen. Für den Theologen war die Vermittlung von Glaube und Vernunft das zentrale Anliegen. Zahlreiche Publikationen zeugen von seiner unermüdlichen Arbeit. Er war der erste Papst, der ein Buch über Jesus von Nazareth schrieb. Die dreibändige Monographie Jesus von Nazareth. Von der Taufe bis zur Verklärung wurde nicht als lehramtliche Schrift, sondern als wissenschaftlich-theologische Äußerung veröffentlicht. Auch seine Enzykliken Deus caritas est (2006), Spe salvi (2007), Caritas in veritate (2009) und Lumen fidei (2013 von Franziskus veröffentlicht) zeigen die intensive wissenschaftlich-theologische Arbeit des Papstes Benedikt XVI.

Während seiner zahlreichen Auslandsreisen sorgten umstrittene Auftritte und kirchenpolitische Äußerungen für Irritationen. Besonders die sogenannte Regensburger Rede (2006) löste in der islamischen Welt Protest aus. Auch die Abgrenzung vom Protestantismus, die Wiederzulassung des historischen tridentinischen Ritus als außerordentliche Form der Liturgie und die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der traditionalistischen Piusbruderschaft stifteten Unruhe. Eine erhoffte Reform der Römischen Kurie setzte Papst Benedikt XVI. nicht um. Zugleich gab es mit Papst Benedikt eine Annäherung an die orthodoxen Kirchen. Unvergessen wird wohl auch der Moment bleiben, als Benedikt den (calvinistischen) Gründer der Gemeinschaft von Taizé, Frère Roger bei der Beisetzung Johannes Pauls II. zur Kommunion zuließ.

Während Benedikts Amtszeit wurden zahlreiche Missbrauchsfälle von Kindern und Jugendlichen durch katholische Ordensleute und Priester bekannt. Darauf reagierte der Papst 2010 mit einer öffentlichen Vergebungsbitte. In den folgenden beiden Jahren geriet der Vatikan zusätzlich durch die sogenannte „Vatileaks-Affäre“ in die internationalen Schlagzeilen: Interne vatikanische Dokumente, unter anderem auch persönliche Unterlagen des Papstes, gelangten an die Öffentlichkeit. Der Römischen Kurie wurden Vetternwirtschaft, Geldwäsche, Korruption und homosexuelle Aktivitäten von Geistlichen vorgeworfen. Der Papst setzte eine Untersuchungskommission ein, nach deren Ermittlungen Personen aus seiner unmittelbaren Nähe festgenommen wurden.

Am 28. Februar 2013 verkündete Papst Benedikt XVI. schließlich seinen Amtsverzicht aus Altersgründen. Der revolutionäre Rücktritt fand in der Geschichte des Papsttums mit Coelestin V. (1294) nur einen einzigen Vorläufer. Seitdem trägt Joseph Ratzinger den Titel Papa emeritus und lebt im Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan. 

Der emeritierte Papst

Seit dem Jahr 2013 zeigt sich die Kontinuität des Petrusdienstes geschichtlich in einzigartiger Weise: Ein amtierender und ein emeritierter Papst treten wie bei der Eröffnung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit gemeinsam öffentlich auf. Joseph Ratzinger hält sich mit öffentlichen Äußerungen weitgehend zurück und handelt meist nur in Absprache mit Papst Franziskus.Trotz allem ist die Rolle des emeritierten Papstes kirchenrechtlich nicht eindeutig.

Eine der letzten öffentlichen Äußerungen von Joseph Ratzinger führte im vergangenen Jahr zu großen Irritationen mit der jüdischen Welt. Seine "Anmerkungen zum Judentum" waren zunächst nur für die persönliche Verwendung durch Kardinal Kurt Koch gedacht. Schlussendlich wurde der Text aber doch veröffentlicht. Darin mahnt Benedikt XVI. unter anderem eine größere Genauigkeit bei der sogenannten Substiutionstheorie an. Auch die Frage des "nie gekündigten Bundes" zwischen Gott und den Juden verlange nach weiterer Differenzierung. Kritiker warfen dem emeritierten Papst vor, er leiste einem neuen Antisemitismus in der Theologie Vorschub, weswegen Ratzinger eine Richtigstellung in der "Herder Korrespondenz" (12/2018) verfasste.

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