Die Welt erkannte ihn nicht; und die Seinen nahmen ihn nicht auf

Wie jedes Jahr tun wir uns schwer, uns in die Passionszeit bei aufbrechender Natur und Blütenpracht hineinzufinden. Zu kurz eigentlich ist die Passionszeit angesichts der Realität unserer Istzeit. Unsere „Meldungen“ werden – wenn überhaupt – zu Randnotizen, unsere Stimmen vielleicht schwächer. Nur noch an den Feiertagen finden wir in den Medien Erwähnung. Kurz vor dem Sport und dem Wetter. Als noch zu erledigende Pflicht. Und damit sind wir bei ihm. Die Stadt ertrug ihn nicht. Herbergen, Häuser, Zimmer, Herzen blieben verschlossen. In den Außenbezirken der Stadt, Höhle oder Stall, hinausgedrängt in die Kälte, abgeschoben an den Rand, kam er zur Welt, der Mensch Gottes. Die Stadt ertrug ihn nicht. Herbergen, Häuser, Zimmer, Herzen blieben verschlossen. In den Außenbezirken der Stadt, an Kreuz oder Pfahl, gequält, verspottet, gedemütigt, gefoltert, starb er, der Mensch Gottes. Dazwischen: Lichtblicke für andere. Brot für die Welt. Ohren für alle. Offene Herzen. Menschen am Rand rücken in die Mitte: Kinder, Kranke, Sterbende, Hungrige, Gefangene und Gestrauchelte. Menschen am Rand der anständigen Stadt, Menschen am Abgrund, Menschen in Sackgassen, Vorhöfen und Randbezirken.

Die Stadt ertrug ihn nicht. Keine Stadt ertrug ihn, nicht die Heimatstadt, nicht die Hauptstadt. Den Gelehrten ein Gotteslästerer. Den Behörden ein Aufrührer. Den Frommen ein Gesetzesbrecher. Den Anständigen ein Anstoß. Der Besatzungsmacht nicht einmal eine Notiz wert. Zwei Balken und vier Buchstaben. Vier Nägel und eine Handvoll Soldaten. Das war ihr Respekt vor dem Menschen Gottes. Die Natur trug Trauer bei seinem Tod, meldet die Bibel. Die wenigen Seinen legten seinen Leichnam hinter kalten Stein. Nacht über Golgatha. Zu dieser Zeit feierte die Stadt längst in lautem Trubel und Touristenströmen erstickend das Fest der Befreiung aus der Knechtschaft. Mit Gottesdiensten und Prozessionen, Liedern und Dankgebeten feierten sie ihren Gott, hatten die kurze Episode mit Jesus längst abgehakt. Die Besatzer waren zufrieden. Die Tempelpriester auch. Störungen waren nun während des Festes nicht mehr zu erwarten. Der Störenfried lag hinter kaltem Stein, in eines Fremden Grab, der Mensch Gottes.

Die Wahrheit über Jesus lässt einen Augenblick lang tief ins Innerste der Welt, tief ins Innerste der Menschen, tief ins Innerste Gottes blicken. Und was wir sehen, ertragen wir nicht: Wir sehen, die Macht des Todes ist riesig. Die Gemeinheit ist mächtig. Die Weisheit ist dürftig. Der Egoismus ist widerstandsfähig. Gott in der Krise. Mein Leben gegen seines. Gott stellt sich bloß. Gott beschreibt die wichtigste Stelle in seinem Heilsplan für Schöpfung und Menschheit: Seine Worte taugen nicht für dicke Balkenüberschriften. Sein Handeln erregt kein Aufsehen. Seine Stimme wird man nicht hören in den Gassen. Seine Programme fallen nicht auf. Er soll nicht durchgreifen. Und doch soll er verändern. Kein herrscherliches Imponiergehabe, und doch tiefgreifendste Veränderung. So sieht der Vertraute Gottes aus. Gottes Knecht übersetzt Luther. So sieht Gottes Vertrauter aus, dem er alles anvertraut, von der Zahl deiner Lebensjahre bis zu den Milliarden Milchstraßen im Kosmos, dem er Vollmacht gibt, der Bevollmächtigte Gottes.

Er ist die Wahl Gottes. Wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, den bevollmächtigen, elenden Vertrauten Gottes. An ihm wird deutlich, was Gott will, wie er die Welt und die Menschen verändern will: Schonend, geduldig, beharrlich. Da wird nichts Minderwertiges abgeschrieben. Das abgeknickte Rohr braucht mindestens ein Jahr für neue Triebe, übertragen auf ein Menschenleben oft noch viel länger. Die starken Worte helfen nicht. Trauernde, Geknickten brauchen Zeit und Geduld, sie brauchen einen, der dabeibleibt. Auf eine zeitraubende Weise will Gott die Welt ändern. Nicht von heute auf morgen. Dass Recht wird, braucht Zeit und Beharrlichkeit und Geduld. Und kostet Gottes Leben. In einer Zeit, in der fast täglich neue Galaxien entdeckt werden mit unvorstellbaren Ausmaßen, mit einem Licht, das Milliarden Jahre braucht, um zu uns zu gelangen, behaupten wir, diese 30 Jahre zwischen Bethlehem und Nazareth seien die Mitte der Zeit. Wir behaupten: Jesus Christus sei die Mitte allen Denkens, allen Handelns. Die Mitte aller Religion, die Mitte aller Politik, die Mitte aller Zärtlichkeit und das Ende jeden Todes. Das Licht allen Lebens. Der Weisheit letzter Schluss. Hohepriester und Älteste damals, interessiert an der Frage nach der Vollmacht des galiläischen Rabbi, blieben ohne Antwort. Ihr Fragen war kein betroffenes Suchen, sondern ein taktisches Testen. Und als dann die Sonne unterging über der Silhouette von Jerusalem, über Herodespalast, Japhator und Golgatha, war ihr Fragen endgültig beantwortet. Die Episode um den Mann aus N. war beendet. Sie wendeten sich um nach Osten und gingen in den Tempel zum Gottesdienst, mit einem kurzen Blick vielleicht hinüber zum Ölberg und dem Erinnern, dass eben von dort mit der Morgenröte einst der Messias kommen würde, im Namen Gottes.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser der PASTORALBLÄTTER, dass es Ihnen in den Passionsgottesdiensten und – andachten gelingt, in welch hybriden Formen und an welch übersehenen Orten auch immer, einen Satz zu sagen, der aufhorchen lässt, eine Geste zu geben, die tröstet, ihr Herz zu öffnen, ohne sich zu verausgaben – und einen bleibenden „link“ zu setzen auf den, nach dem wir uns nennen und an dessen Liebe jedes „delete“-Zeichen scheitert.

Gerhard Engelsberger

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