Mit „allen Wassern“ gewaschen – Tauffest im Fluss, am Brunnen, in der Kirche und um die Kirche herum

In Weinheim werden mehrere Täuflinge gemeinsam in der Kirche oder im nahen Flüsschen getauft. Das Gelände um die Kirche lädt gleich zum gemeinsamen Feiern mit ein.

Am Schluss des Gottesdienstes stehen 19 Taufkerzen auf dem Altar. Die Täuflinge oder ihre Familienangehörigen tragen sie nach dem Orgelnachspiel stolz hinaus auf den Platz vor der Kirche, wo das Tauffest mit einem Mittagessen fortgesetzt wird. Das alles hat seinen Vorlauf.

Der Ort
Die Peterskirche in Weinheim ist die evangelische Hauptkirche der Stadt. Neoromanisch mit 1200 Sitzplätzen und einem repräsentativen Kirchplatz. Neben der Kirche fließt die Weschnitz. Das kleine Flüsschen kommt aus dem nahe gelegenen Odenwald und führt im Sommer meist nur knietiefes Wasser. 200 Meter von der Kirche entfernt liegt der reich verzierte Rodensteiner Brunnen. Und gleich neben der Kirche gibt es den Alten Friedhof: Für Bestattungen wird er schon länger nicht mehr genutzt, sodass es Freiflächen wie eine große Wiese unter alten Bäumen gibt. Ideale Bedingungen für ein Tauffest, das drei außergewöhnliche Tauforte, den Fluss (hier können bis zu drei Kolleginnen/Kollegen parallel taufen), den Brunnen, die Wiese auf dem Alten Friedhof zusätzlich zur Kirche bietet, die eine lange Tauftradition in den Familien der Stadt hat. Und auf dem Vorplatz der Kirche und um sie herum ist genügend Platz, damit dort 200–300 Menschen miteinander essen, feiern und spielen können.

Das Tauffest
wird seit 2011 alle zwei Jahre von den drei evangelischen Gemeinden der Stadt gemeinsam vorbereitet und im Sommer gefeiert. Die Einladungen dazu gehen im Januar raus. Angeschrieben werden alle evangelischen Familien mit Kindern, die bis zu zwölf Jahre alt und noch nicht getauft sind. Ab und zu sind auch Jugendliche und junge Erwachsene unter den Täuflingen, die durch die Gemeindebriefe, Presse und Homepages oder Bekannte vom Tauffest erfahren haben. Auffällig ist der – im Vergleich zu „normalen“ Taufsonntagen – höhere Anteil an Kindergarten- und Grundschulkindern. Die Anmeldung zur Taufe erfolgt nicht zentral, sondern beim jeweils zuständigen Pfarramt. Die jeweiligen Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer führen das Taufgespräch. Etwa vier Wochen vor dem Tauffest treffen sich alle Tauffamilien: Die Tauforte werden vorgestellt und besichtigt. Auch die Pfarrerinnen und Pfarrer, die an den verschiedenen Tauforten agieren, stellen sich vor. Am Ende dieses Treffens entscheiden die Familien bzw. Täuflinge, an welchem der Tauforte ihre Taufe stattfinden soll.

Die Motivation zum Fest
ist für die einen der außergewöhnliche Taufort. In einem Fluss, auf der Wiese oder am Brunnen in der Altstadt, an dem man jeden Tag zur Schule vorbeifährt, getauft zu sein, das ist etwas Besonderes. Andere nutzen die Gelegenheit, eine Familientradition fortzusetzen und in der Kirche und am Taufstein getauft zu werden, wo schon die Urgroßeltern getauft wurden.
Anklang findet das Fest auch bei Alleinerziehenden und Familien aus prekären finanziellen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen. Für sie bietet das Tauffest eine Möglichkeit, die Taufe ihrer Kinder „nachzuholen“. Die große Anzahl der Taufen bietet einen Schutzraum. Hier fällt nicht so auf, dass man da allein ohne Partner steht. In der sommerlichen Atmosphäre am Flussufer trägt sowieso keiner einen Anzug. Und beim anschließenden Tauffest, zu dem die Gemeinden einladen, gibt es ein einfaches Mittagessen und anschließend Kaffee und Kuchen, bei dem jeder bezahlt, was er möchte und kann. Darum wird dieses Fest auch gern von Familien in prekären finanziellen Verhältnissen angenommen.

Der Gottesdienst
wird von allen beteiligten Gemeinden mitgestaltet. Die Beteiligung eines Chores gibt dem Tauffest einen besonders festlichen Charakter. Die Liturgie ist „schlank“ gehalten, die Taufpredigt kurz. In der Kirche sitzen die Familien schon nach Taufort „sortiert“. Nach der Predigt, der Hinführung zur Taufe, dem Taufevangelium und dem gemeinsamen Glaubensbekenntnis ziehen die Taufgruppen in einer Prozession, angeführt von Osterkerzen, zu den Tauforten. Die Wege dorthin benötigen Zeit. Nach der Taufe werden die einzelnen Taufkerzen an der jeweiligen Osterkerze entzündet und feierlich auf den Altar der Kirche zurückgebracht. Wenn alle wieder da sind, wird der Gottesdienst mit einem Lied fortgesetzt und endet mit der Elternsegnung in einem großen Kreis um den Altar sowie Fürbitten und Segen.

Kleine Taufpredigt zu Mt 3,13–17: Getauft, geliebt – einfach so
Jesus wurde im Jordan getauft.
Der Kämmerer von Äthiopien wird in einem Teich an einer Straße getauft.
Lydia, die erste Christin in Europa, wird in einem Fluss getauft.
Ich wurde in einem Krankenhaus getauft. Das geschah damals gar nicht so selten.
Unsere Kinder sind in einer kleinen Kirche im Sonntags­gottesdienst getauft worden.
Frau M. ist hier in der großen Peterskirche getauft, weil alle aus ihrer Familie hier getauft worden sind.
E., K., T., …. werden nachher in der Weschnitz getauft.
M., L., K., … werden gleich am Rodensteiner Brunnen getauft.
Wenn jemand in Lebensgefahr schwebt und getauft werden möchte, dann kann jede Christin und jeder Christ sofort – wo auch immer, wer auch immer – taufen. S., die heute unter uns ist, ist so von einem Arzt, der bei ihrer Geburt dabei war, in Österreich getauft worden. (Angeregt von Martin Schulz, in. P. Barz, B. Schlüter (Hg.), Werkbuch Taufe, Gütersloh 2009, S. 81)
Es gibt viele Orte, an denen ich getauft werden kann.

Wer getauft ist, der gehört zu Gott. Gott sagt zu ihm wie zu Jesus: Du bist mein Kind! Ich habe meine Freude an dir. Ich hab‘ dich lieb.

Getauft wird mit Wasser. Warum mit Wasser?
Dafür gibt es ein paar schlaue Erklärungen. Aber ich glaube: Die Taufe kann man gar nicht so richtig erklären. So wie man die Liebe auch nicht erklären kann.
Warum liebt mich meine Frau? Weil ich so schöne blaue Augen habe? Vielleicht. Weil ich ihr immer wieder einmal ein kleines Geschenk mache? Eher weniger.
Wenn ich meine Frau frage: „Warum liebst du mich?“, dann sagt sie: „Einfach so. Weil du du bist und weil ich dich lieb habe.“
Aus demselben Grund lieben dich deine Eltern: Einfach so: Nicht, weil du so brav bist und so tolle Noten aus der Schule mitbringst, nicht, weil du so gut kicken oder Klavier spielen kannst. Das ist alles toll. Aber es wäre furchtbar, wenn sie dich nur deshalb lieben würden. Und überhaupt, die Babys, die wir heute taufen, die können ja noch fast gar nichts, außer süß aussehen und in die Windeln machen. Deine Eltern lieben dich einfach so, weil du ihr Kind bist. Das ist wunderbar.
Bloß – und das ist schrecklich: Liebe kann kaputt gehen. Menschen können einander wehtun. Menschen können einander enttäuschen. Und auf einmal ist keine Liebe mehr da. So ist das manchmal. Und dann gibt es auch Menschen, die liebt scheinbar wirklich keiner. Die werden gehänselt, ausgelacht. Die nimmt keiner ernst. Das ist furchtbar. Wenn dir das passiert, fühlst du dich wertlos.
Wenn es dir einmal so geht, wenn du dich wertlos fühlst, dann denk dran: Du bist getauft. Und das bedeutet: Einer ist immer da, der dich trotzdem liebt, ganz und gar, egal, was du getan hast, egal, was die anderen von dir denken. Einer ist trotzdem da, der dich wirklich, ganz und gar liebt. Gott ist da und hat dich lieb, einfach so. Das zu wissen ist lebenswichtig, lebensnotwendig.
Vielleicht taufen wir ja deshalb mit Wasser: weil Wasser auch lebensnotwendig ist. Ohne Wasser können wir nicht leben. Wasser ist so lebensnotwendig wie die Liebe. Ohne die können wir auch nicht leben.

Ist es wichtig, wo ich getauft wurde oder werde? Eigentlich nicht. Allerdings weiß ich noch heute, wo ich zum ersten Mal richtig geküsst wurde. Weil da die Liebe mit im Spiel war.
So wie bei der Taufe. Ich bin getauft. Das bedeutet: Ich bin geliebt, von Gott, einfach so. Ist das nicht wunderbar?

Beispiel für den Taufteil am und im Fluss:
Die Tauffamilien versammeln sich in einem Halbkreis am Fluss. Die Täuflinge werden vorgestellt. Religionsmündige Täuflinge bestätigen ihren Taufwunsch, danach folgt die Frage oder Anrede an Eltern und Patinnen und Paten von Kindern. Anschließend steigen Pfarrerin/Pfarrer und Täufling sowie in der Regel jemand von den Patinnen und Paten in den Fluss. Je nach Wasserstand hat sich für die Taufenden bewährt, den Talar vor dem Einstieg in den Fluss abzulegen. Der Täufling wird nicht untergetaucht: Das Wasser zur Taufe wird mit der Hand aus dem Fluss geschöpft.
Worte zur Taufhandlung: „N. N., du bist ein unverwechselbarer, origineller Mensch, von Gott geliebt. Darum taufe ich dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Nach dem Taufsegen und der Lesung des Taufspruchs verlassen Täufling und Patin/Pate mithilfe anderer das Wasser, woraufhin die nächste Familie ins Wasser kommt.

Pastoralblätter-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Pastoralblätter-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.