Kinder mit FluchterfahrungGut aufgehoben

Etwa die Hälfte aller ukrainischen Kinder musste aus ihrer Heimat fliehen. Bereits vor dem Krieg wurden in Deutschland viele geflüchtete Kinder in der Kindertagespflege betreut. Wie kann deren Integration bestmöglich gelingen?

Gut aufgehoben
© Westend61 - gettyimages

Rechtlich haben in Deutschland alle Kinder ab einem Jahr Anspruch auf einen Betreuungsplatz in Kita oder Tagespflege. Das schließt Jungen und Mädchen, deren Familien in einem Asylverfahren sind, genauso ein wie die zu Tausenden geflüchteten ukrainischen Kinder (s. INFO). Die Bundesregierung hat für Menschen aus der Ukraine darüber hinaus eine Ausnahmeregelung geschaffen. Sie gewährt ihnen einen visumfreien Aufenthalt von zunächst zwei Jahren.

Info

Kinder auf der Flucht

50 Prozent der weltweit 100 Millionen Menschen auf der Flucht sind Kinder. Laut UNICEF haben in Deutschland seit 2015 etwa 1,75 Millionen geflüchtete Menschen Asyl beantragt – auch davon sind fast die Hälfte Kinder und Jugendliche. In den letzten Jahren stieg der Anteil an Kindern im Vorschulalter, die in Deutschland einen Antrag auf Asyl stellten: Waren es 2017 rund 40 Prozent, stellten 2020 bereits ca. 68 Prozent einen solchen Antrag. Das sind rund 27.000 Kinder unter sechs Jahren. Laut Deutschem Institut für Menschenrechte liegen den meisten Bundesländern keine quantitativen Daten zu Kindern mit Fluchthintergrund in der Kindertagesbetreuung vor, da sie nicht gesondert erfasst werden.

Gute Bedingungen

Im Gegensatz zur Kita sind Gruppen in der Kindertagespflege kleiner, es werden max. fünf Kinder von einer Tagespflegeperson betreut. Diese Überschaubarkeit kann für Mädchen und Jungen mit Fluchterfahrung von Vorteil sein, da die Gruppengröße und der Geräuschpegel in einer großen Kita sie möglicherweise überfordern würde. Die meist altersheterogene Struktur innerhalb der Kindertagespflege wirkt sich außerdem positiv auf ihren Spracherwerb aus: Von den älteren Kindern lernen die Jüngsten die neue Sprache spielerisch. Nicht zuletzt ist der Kontakt zur Tagespflegeperson i.d.R. familiärer; das Kind muss sich nicht auf wechselnde Betreuungspersonen einstellen und entwickelt so schneller Vertrauen zu den betreuenden Erwachsenen. Auch die Eltern geflüchteter Kinder können meist leichter einen familiären Kontakt zur Kindertagespflegeperson aufbauen als in einer großen Einrichtung mit mehreren Fachkräften. Schutz, Geborgenheit und Sicherheit brauchen alle Kleinkinder in Betreuungssituationen. Für geflüchtete Jungen und Mädchen ist dieser sichere Hafen jedoch von besonderer Bedeutung, vor allem dann, wenn sie durch Flucht und Vertreibung traumatisiert sind. Aber Achtung: Nicht jedes geflüchtete Kind ist traumatisiert, und auch nicht geflüchtete Kinder machen traumatische Erfahrungen, wie Zahlen zu häuslicher und sexualisierter Gewalt zeigen.
Der Bundesverband für Kindertagespflege (BVKTP) hat bereits 2017 die Broschüre „Ein Ort, an dem es Kindern gut geht: Kinder mit Fluchthintergrund in der Kindertagespflege“ veröffentlicht. Darin betonen die Autoren u.a. die Bedeutung einer kultursensitiven Frühpädagogik für die gelungene Betreuung geflüchteter Kinder (s. INTERVIEW). Dieser von den beiden Entwicklungspsychologen Jörn Borke und Heide Keller (2014) entwickelte Ansatz verfolgt das Ziel, konstruktiv mit kultureller Vielfalt umzugehen, indem Fachkräfte sich mit ihrer eigenen Biografie auseinandersetzen und lernen, eigene Einstellungen, Positionen und Verhaltensweisen bzgl. kultureller Werte und Normen zu hinterfragen und zu reflektieren. Schließlich geht es laut Borke und Keller darum, sensibel und situationsangemessen auf die jeweiligen kulturellen Hintergründe der Familien eingehen zu können.

Interview

„Jedes Verhalten hat seine Berechtigung“

Dr. Eveline Gerszonowicz vom Bundesverband für Kindertagespflege (BVKTP) über die neuen Herausforderungen, die der Aufenthalt ukrainischer Familien für die Kindertagespflege mit sich bringt.

Redaktion Kleinstkinder: Frau Dr. Gerszonowicz, vor welchen Herausforderungen stehen Kindertagespflegepersonen durch die vermehrte Aufnahme geflüchteter Kinder in ihren Gruppen?
Kindertagespflegepersonen stehen vor denselben Herausforderungen wie pädagogische Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen: Bei der Aufnahme der Kinder ist nicht klar, was diese während der Kriegshandlungen und der Flucht selbst erlebt haben, wie ihre Eltern diese Situation kompensieren können und welche Strategien die Kinder selbst entwickelt haben oder noch entwickeln werden, um mit dieser ungewöhnlichen Lebenssituation umzugehen.
Nicht alle Kinder sind mittelbar oder unmittelbar traumatisiert. Im Alltag kann es trotzdem passieren, dass sie ungewöhnliche Verhaltensweisen zeigen. Es kann sie z.B. stören, wenn Türen geschlossen werden, der Schlafraum verdunkelt wird oder auch wenn es laute Geräusche gibt. Die Palette von Verhaltensweisen und Reaktionen ist riesig. Was man sich aber merken kann, ist: Jedes Verhalten hat seine Berechtigung und eine Ursache. Das ungewöhnliche Verhalten ist nur eine normale Reaktion auf eine ungewöhnliche Lebenssituation! Wenn man sich diesen Grundsatz zu eigen macht und entsprechend feinfühlig darauf reagiert, liegt man meistens richtig.

Worauf ist in der Kommunikation mit den Eltern zu achten?
Die Eltern haben unfreiwillig ihre Heimat und alles, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hat, verlassen – mit ungewisser Perspektive. Sorgen um Angehörige, das Hab und Gut, das Heimatland und die Widrigkeiten des Überlebens in der Fremde treiben sie um. Ihre Lebenssituation ist angespannt und sie befinden sich in einem Provisorium. Auf dieser Grundlage und dazu noch ggf. durch Sprachhemmnisse braucht es vonseiten der Kindertagespflegepersonen viel Verständnis und Nachsicht, wenn mal etwas nicht so funktioniert, wie man es sich vorstellt.

Welche Rolle spielt die Fachberatung in der aktuellen Situation?
Auch Fachberatende müssen sich mit dem belastenden Thema auseinandersetzen, um Kindertagespflegepersonen adäquat unterstützen zu können. Sie brauchen Fachwissen und sollten über Unterstützungsstrukturen in der Region Bescheid wissen. Sie sollten dafür sorgen, dass Kindertagespflegepersonen unbürokratisch und schnell ggf. zusätzliche finanzielle Mittel erhalten und für den Fall abgesichert sind, dass es zu einer abrupten Beendigung des Betreuungsverhältnisses, z. B. durch Wohnungswechsel oder Rückkehr in die Heimat der Familie, kommt.
Eine Verständigung funktioniert u. U. durch den Einsatz von Dolmetschern. Bei der Suche nach einer geeigneten Lösung für die Kommunikation sollte die Fachberatung unbedingt unterstützen.

Was sind Ihrer Meinung nach momentan die größten Schwierigkeiten in der Betreuung geflüchteter Kinder?
Kindertagespflegepersonen sind i.d.R. mit den Kindern allein. Sie müssen mit den Herausforderungen, die oben beschrieben sind, klarkommen, ohne direkt auf andere Fachkräfte oder eine Kita-Leitung zurückgreifen zu können. Auch die tägliche Konfrontation mit dem Leid und dem Unglück kann für sie eine Belastung darstellen. Durch den kleinen Rahmen, der für die Kinder Verlässlichkeit und individuelle Betreuung bietet, entsteht auch eine Nähe, mit der die Kindertagespflegeperson umgehen muss.

Die Fragen stellte Iris Erbach aus der KleinstkinderRedaktion.

Kleinstkinder-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Kleinstkinder-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.