Beobachten & DokumentierenStärken und Schwächen erkennen

Der Beobachtungsbogen Kita (BB 1-6) wirft einen ganzheitlichen Blick auf die Entwicklung eines Kindes. Mit seiner Hilfe können Fachkräfte individuelle Fähigkeiten beschreiben, ohne diese zu bewerten.

Stärken und Schwächen erkennen
© Harald Neumann

Die Entwicklungsschritte aller Kinder einer Einrichtung können mit dem Beobachtungsbogen Kita (BB 1–6) dokumentiert werden; er eignet sich für die halbjährliche Beobachtung ein- bis sechsjähriger Kinder. Der Bogen soll Fachkräfte darin unterstützen, einen Überblick über die Stärken und Schwächen eines Kindes im Vergleich zu anderen sowie über seine individuellen Entwicklungsfortschritte zu gewinnen.

Der Bogen

  • soll regelmäßig ausgefüllt werden,
  • stellt klar formulierte Fragen, kann aber auch um zusätzliche Beobachtungen ergänzt werden,
  • hilft Fachkräften, Über- und Unterforderungen eines Kindes zu vermeiden,
  • unterstützt pädagogische Fachkräfte in Gesprächen mit Eltern und hilft bei deren Beratung,
  • erleichtert den Austausch mit Kollegen, auch beim Übergang von der Krippe in die Kita,
  • hilft, wenn die Eltern damit einverstanden sind, im Gespräch mit Ärzten und Therapeuten,
  • gibt Hinweise, welche Entwicklungsbereiche eines Kindes gefördert werden sollen,
  • stärkt die Position der Fachkraft, wenn Prozesse der Teamarbeit oder der Qualitätsentwicklung diskutiert werden.

Schwerpunkte der Beobachtung

Für alle Altersgruppen werden die wichtigsten Entwicklungsbereiche erfasst. Die Beurteilung des Sprachentwicklungsstands nimmt dabei einen besonders großen Raum ein. Darüber hinaus werden folgende Bereiche berücksichtigt:

  • Körper- & Handmotorik
  • Spielen & Lernen
  • emotionale & soziale Kompetenz
  • Sprache & Sprechen
    • Sprachverständnis
    • Grammatik
    • aktiver Wortschatz
    • Artikulation

In den BB 1–6 fließen integrativ neuropsychologische und pädagogische Erkenntnisse ein. Fachkräfte erfragen und beschreiben Fähigkeiten, ohne diese zu bewerten.
Entwicklungsstärken und Schwierigkeiten lassen sich anhand der Anzahl der Nein-Kreuze und der individuellen Bemerkungen ablesen. Es gibt keine Punktevergabe und keine Normtabellen, die festlegen, wann ein Kind „noch normal“ entwickelt ist oder ab wann es eine Entwicklungsstörung hat.
Die Fragen sind so gegliedert, dass am Anfang eines neuen Abschnitts jene Fähigkeiten, die in einer Altersstufe am leichtesten zu erfüllen sind, an erster Stelle genannt werden.
Die darauffolgenden Aufgaben werden zunehmend schwieriger. Ergebnisse werden mit „Ja“ oder „Nein“ festgehalten, bei nicht eindeutiger Beurteilung gibt es Raum für Bemerkungen. Dort können auch auffällige Diskrepanzen zwischen Einzel- und Gruppensituationen dokumentiert werden.

Stärken & Schwächen erkennen

Nicht alle Kinder werden die letzten Aufgaben ihrer Altersstufe erreichen, und dennoch kann ihre Entwicklung altersgerecht sein.
Das liegt daran, dass die Fragen nicht nur die Grenzsteine, sondern auch den oberen Grenzbereich der Entwicklung beschreiben. Der BB 1–6 zeigt also nicht nur Entwicklungsschwächen auf, sondern hilft auch, Entwicklungsstärken zu dokumentieren. Denn es gibt sicher Mädchen und Jungen, die bereits einige Anforderungen des nächsten Beobachtungsalters erfüllen.
Die Beobachtungen ersetzen also keinen normierten Entwicklungstest und keine ärztliche Diagnostik. Besteht der Verdacht, dass sich bei einem Kind bestimmte Bereiche nicht altersgemäß entwickeln, sollten Fachdienste zur genauen Abklärung hinzugezogen werden. Dazu zählen Kinderärzte, sonderpädagogische oder psychologische Beratungsstellen, interdisziplinäre Frühberatungen, Therapeuten oder ein sozialpädiatrisches Zentrum.
Der Zeitaufwand für die Durchführung des Tests beträgt 20 bis 30 Minuten pro Kind. Manche Aufgaben können Kinder in einer kleinen Gruppe erledigen. Viele werden aufgrund täglicher Beobachtungen beurteilt und dokumentiert, z.B. „Greift das Kind sehr kleine Gegenstände präzise mit den Fingerkuppen?“ (Beobachtungsaufgaben). Andere Fähigkeiten der Kinder können jedoch allein durch Beobachtungen nicht richtig eingeschätzt werden. Zu einer genaueren Betrachtung können dafür bestimmte Situationen mit einem Kind oder einer kleinen Gruppe von Kindern hergestellt werden (z.B. „Kann das Kind zwei bis drei Sekunden lang auf einem Bein stehen?“ oder „Baut es eine Brücke aus drei Holzklötzen nach?“).

Diese Art von Aufgaben werden als Spielaufgaben bezeichnet. Am Ende jedes Bogens finden Fachkräfte eine zusammenfassende Beurteilung der Entwicklungsbereiche:

  • „Unauffällig“: In diesen Bereichen ist das Kind altersentsprechend entwickelt.
  • „Beobachtung“: In diesem Bereich sollten wir das Kind genau beobachten, kurzfristig (nach drei bis sechs Monaten) kontrollieren, zusätzliche Beobachtungskriterien hinzuziehen oder an Fördermöglichkeiten denken.
  • „Auffällig“: In diesem Bereich ist das Kind nicht altersgerecht entwickelt. Fachkräfte sollten dann pädagogische Maßnahmen ergreifen, mit den Eltern sprechen, eine Vorstellung beim Kinderarzt empfehlen oder weitere Fachleute hinzuziehen.

Austausch im Team

Es empfiehlt sich, Beobachtungen kollegial mit anderen Fachkräften zu besprechen, zu diskutieren und sich dabei gegenseitig zu ergänzen. Wenn ein Kind einen Entwicklungsschritt noch nicht erreicht hat, sollte diese Frage markiert und die Beobachtung oder die Aufgabe kurzfristig wiederholt werden.
Bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache kann die Sprachentwicklung ebenso wie das Sprachverständnis verzögert sein, wenn das Kind erst seit sechs bis zwölf Monaten in einer deutschen Sprachumgebung ist. Dann sollte der tatsächliche Entwicklungsstand in der deutschen Sprache dokumentiert werden. Bei diesen Kindern, aber auch bei Kindern mit Deutsch als Erstsprache lohnt es sich, Sprechproben als Audio aufzunehmen oder zu notieren und den Verlauf schon nach sechs Monaten zu überprüfen, da die Fortschritte in der Sprachentwicklung bei regelmäßigem Kita-Besuch sehr rasch sein können.

Info

Den Beobachtungsbogen Kita (BB 1-6) können Sie unter www.henning-rosenkoetter.de/beobachtungsbogen bestellen.

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