Erkenntnisse aus der HirnforschungWas ist los in kleinen Köpfen?

Der Neurowissenschaftler Álvaro Bilbao erklärt, warum es Kleinstkindern hilft, wenn Erwachsene die Grundfunktionen des menschlichen Gehirns verstehen.

Was ist los in kleinen Köpfen
© Cuco Cuervo

Seit Jahrzehnten erforschen Neurowissenschaftler, nach welchen Prinzipien die Gehirnentwicklung von Kindern vonstattengeht. Im Folgenden geht es um einige Grundlagen, deren Kenntnisse dabei helfen können, die intellektuelle und emotionale Entwicklung von Kindern bestmöglich zu unterstützen. Ein wichtiger Grundsatz dabei: Die zerebrale Entwicklung ist kein Prozess, der sich beschleunigen lässt, ohne dass ein Teil seiner Eigenschaften dabei verlorengeht.
Ein Neugeborenes besitzt schon beinahe alle hunderttausend Millionen Neuronen, die es als erwachsener Mensch haben wird. Der Hauptunterschied zwischen dem Gehirn des Kindes und dem des Erwachsenen besteht darin, dass diese Neuronen später untereinander Trillionen von Verknüpfungen gebildet haben werden. Jedes Mal, wenn wir mit einem Kind sprechen oder es berühren, stellt sein Gehirn neuronale Verbindungen her. Das bedeutet nicht, dass wir ihm komplexe Bildungsangebote machen sollten. Jedes alltägliche Spiel, jeder Spaziergang und jede Mahlzeit sind eine Gelegenheit, seine zerebrale Entwicklung zu unterstützen.
Ein Kind nimmt die Welt völlig anders wahr als wir Erwachsenen. Seine Weltwahrnehmung ist in erster Linie emotional, spielerisch und affektiv. Beim Spiel schaltet sein Gehirn in den Lernmodus. Wenn wir Erwachsenen mit einem Kind spielen, regen wir seine Gefühle an und verhelfen ihm dazu, Rollen zu interpretieren oder sich in andere hineinzuversetzen. Am besten können Sie sich auf die Welt des Kindes einlassen, wenn Sie sich zu ihm auf den Boden setzen oder legen. Ohne dass Sie auch nur ein einziges Wort sagen müssen, wird sich jedes Kind im Zimmer – begierig zu spielen und froh darüber, dass Sie die Welt seiner Emotionen und seines Spiels betreten haben – auf Sie zubewegen.

Die Entwicklung des Gehirns

Das menschliche Gehirn hat sich im Laufe von Jahrmillionen aus primitiven Lebensformen zum komplexesten Gebilde der Schöpfung entwickelt. Die verschiedenen Etappen der Evolution spiegeln sich bis heute in seinem Aufbau wider:
Das Reptiliengehirn ist das primitivste Gehirn; es befähigt uns, um unser Überleben zu kämpfen. Seine Strukturen lassen z.B. unser Herz schlagen oder steuern den Atem. Auf einer zweiten Ebene finden wir das emotionale Gehirn, das es uns ermöglicht, zwischen angenehmen und unangenehmen Emotionen zu unterscheiden. Es wird aktiv, um Gefahren zu vermeiden und angenehme Situationen herbeizuführen. Auf der höchstentwickelten Stufe befindet sich das rationale Gehirn, das uns befähigt, uns unser selbst bewusst zu sein, uns mitzuteilen, logisch zu denken und komplexe Probleme zu lösen.
Bis zum Ende seines ersten Lebensjahres werden Bezugspersonen eines Kindes vor allem mit seinem primitiven Gehirn interagieren. Auf dieser Stufe hilft es wenig, mit einem Kind, das sich unwohl fühlt oder Hunger hat, zu diskutieren. Ab etwa einem Jahr existieren das Reptiliengehirn und der emotionale Teil des Gehirns nebeneinander. Dann müssen Erwachsene verschiedene Strategien beherrschen, um sowohl mit den primitiveren Instinkten des Kindes als auch mit seinen emotionalen Bedürfnissen zu interagieren. Dabei sind Grenzen, Empathie und vor allem Zuneigung die nützlichsten Hilfsmittel. Um den Beginn des dritten Lebensjahres herum übernimmt das rationale Gehirn eine wichtige Rolle. Ab jetzt ist das Kind imstande, seine Instinkte zu kontrollieren und sich von seinem Verstand, seiner Intuition und seinem Willen leiten zu lassen. Trotzdem braucht es nach wie vor eine große Portion Zuneigung und Verständnis, damit es lernt, sein emotionales Gehirn zu beherrschen, und wenn es müde, schläfrig und hungrig ist, kann es noch immer geschehen, dass das Reptiliengehirn die Oberhand gewinnt.
Wenn pädagogische Fachkräfte und Eltern in der Lage sind, mit jedem Teil des kindlichen Gehirns ins Gespräch zu kommen, erleichtert das den Kindern, sich im Alltag zurechtzufinden. Eine noch wichtigere Aufgabe der Bezugspersonen ist es, dem Kind beizubringen, selbst mit allen Teilen seines Gehirns in Kontakt zu kommen. Nicht nur, damit beide sich voll entwickeln, sondern damit aus dem Kind ein Mensch wird, der seine Emotionen und seine Gedanken miteinander in Einklang zu bringen vermag und auf diese Weise ein glückliches Leben führen kann.

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Redaktion Kleinstkinder:
Was zeichnet eine positive Beziehung zwischen pädagogischer Fachkraft und Kind aus?

Álvaro Bilbao: Kinder brauchen in erster Linie eine sichere Basis. Sie stellt einen neurologischen Zustand dar, in dem das Kind seinen Geist für das Lernen öffnen kann. Dies ist der Fall, wenn die Erziehenden ein Umfeld schaffen, in dem sich das Kind geborgen fühlt. Außerdem brauchen Kinder Erzieherinnen und Erzieher, die sich ihnen liebevoll und mit viel Einfühlungsvermögen und Respekt für ihr individuelles Tempo zuwenden. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, ist es wichtig, sie aufrechtzuerhalten. Dies gelingt pädagogischen Fachkräften durch einen positiven Erziehungsstil, der Regeln formuliert und Grenzen setzt, ohne die Bindung zum Kind zu beeinträchtigen.

Wie können pädagogische Fachkräfte eine vertrauensvolle Beziehung zu Kleinkindern aufbauen?
Das Vertrauensverhältnis entwickelt sich immer auf der Grundlage von zwei Dingen: Erstens dem Gefühl der Sicherheit, wie ich es beschrieben habe. Zweitens vertrauen Kinder den Erwachsenen, die ihnen helfen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Ein Baby vertraut der Bezugsperson, die es füttert und ihm in den Schlaf hilft. Bei Kleinkindern sind die Bedürfnisse sehr ähnlich, die Kinder müssen sich immer noch zu hundert Prozent sicher fühlen. Und sie müssen sich immer noch von den Erwachsenen, die sie versorgen, geschätzt und geliebt fühlen. Gleichzeitig kommen in diesem Alter weitere wichtige Bedürfnisse hinzu: Das Bedürfnis nach Struktur, also nach Ordnung und Routine. Und das Bedürfnis nach Stimulation, also anregende Kontexte. Ein weiteres wichtiges Bedürfnis ist das Streben nach Autonomie, weshalb es pädagogische Fachkräfte den Kindern ermöglichen sollten, so viele Dinge wie möglich selbst zu tun. Und schließlich ist da noch das Bedürfnis nach Kontrolle. Dieser letzte Punkt ist sehr wichtig: Wenn Kinder zwei Jahre alt sind, beginnen sie, ein Bedürfnis nach Kontrolle zu verspüren, und sie müssen lernen, worauf sie dieses Bedürfnis richten können, also welche Dinge sie kontrollieren können und welche nicht.

Sie schreiben über die Notwendigkeit, Grenzen zu setzen. Wie können pädagogische Fachkräfte das auf positive Weise tun?
Ich verwende gerne das Bild des Flugbegleiters: Wenn ein Pilot durch Turbulenzen fliegt, braucht er Flugbegleiter, um die Passagiere zu beruhigen, denn er selbst kann das Steuer gerade nicht loslassen. Die Rolle von uns allen, die wir mit Kindern arbeiten, sollte der des Flugbegleiters ähneln. Kinder geraten mehrmals am Tag in Turbulenzen und können das Steuer nicht abgeben. Wir können nicht als Piloten für sie fungieren, denn das Lenken ist ihre Aufgabe. Aber wir können ihre Flugbegleiter sein, indem wir sie an die Regeln erinnern, wenn sie abgelenkt sind, indem wir anwesend sind, wenn sie verzweifelt sind, oder indem wir die Ruhe bewahren, wenn sie ihren Verstand verlieren. Letzteres ist oft am schwierigsten, weil wir manchmal selbst Probleme haben, unser eigenes Flugzeug zu lenken. Aber wir müssen professionell sein und uns bewusst machen, dass es unsere Aufgabe ist, dem Kind zu helfen, sein eigenes Flugzeug zu fliegen. Wenn das menschliche Gehirn all diese Dinge selbständig lernen könnte, müssten Kinder nicht so viele Jahre in der Obhut von Erwachsenen verbringen.

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