Frühe Umgangsformen?Pro & Contra

Höflich „Bitte“ und „Danke“, „Hallo“ und „Entschuldigung“ sagen – sollten Kleinstkinder schon Umgangsformen beherrschen und anwenden?

Frühe Umgangsformen
© RitaE - Pixabay

Umgangsformen gehören von Anfang an dazu!

„Bitte“ und „danke“ sind wichtige Schlüsselwörter in der zwischenmenschlichen Interaktion. Weil sie schon Kleinkinder zur Kooperation und zum Dialog anregen, sollten sie auch schon in jungen Jahren erlernt werden. Geben und Nehmen sind für Kleinkinder zentrale Handlungen. Die sprachliche Ankündigung und Begleitung eines Besitzwechsels wie z. B. eines Balls ist im kindlichen Spiel ein häufiges Interaktionselement und vielfach verbunden mit erster verbaler Kommunikation. Die Verwendung des Wortes „bitte“ ermöglicht es ihnen dabei, eigene Wünsche zu äußern. „Danke“ signalisiert den einvernehmlichen Abschluss der darauffolgenden Handlung. „Hallo“ meint so viel wie: „Ich sehe dich; schön, dass du da bist.“ Und auch das Winken zum Abschied ist eine wichtige ritualisierte Geste, mit der der Weggang einer Person begleitet wird.
Natürlich ist eine kindgerechte Anwendung von Umgangsformen keine Sammlung antrainierter Floskeln und inhaltsloser Handlungen. Aufforderungen und Ermahnungen, „Bitte“ und „Danke“ zu sagen oder anderen Menschen bei der Begrüßung die Hand zu reichen, bewirken wenig, denn ein höflicher Umgang lässt sich nicht verordnen oder trainieren. Vielmehr erlernen Kleinkinder ganz automatisch höfliche Umgangsformen, wenn diese von Erwachsenen vor- und mitgelebt werden. Pädagogische Fachkräfte sollten daher als Vorbilder auf ihre eigenen Umgangsformen achten, Interaktionen mit Kindern bewusst mit Worten wie „bitte“ und „danke“ begleiten und den nötigen Rahmen für Begrüßung und Abschied schaffen – dann erlernen die Kinder höfliche Umgangsformen ganz von selbst. Das ist von großer Bedeutung für das soziale Miteinander, denn Achtsamkeit und Rücksichtnahme gehören von Anfang an dazu!

Höflichkeitsfloskeln sind leere Worthülsen!

„Bitte“ und „danke“ sind für Kleinkinder abstrakte Wörter. Oft wird von ihnen erwartet, dass sie diese einsetzen bzw. nachsprechen: „Sag mal Danke!“ Da sie die Bedeutung dieser Wörter noch nicht kennen, bleibt es bei einer leeren und damit bedeutungslosen Worthülse. Um glaubhaft „Danke“ sagen zu können, muss man Dankbarkeit auch fühlen können. Dies wiederum verlangt einen Perspektivwechsel und das Einfühlen in die andere Person. Ähnlich ist es bei dem Wort „Entschuldigung“ nach einem Konflikt. Ein der Form halber nachgesagtes „Entschuldigung“ beendet nicht die Gefühle beider Kinder. Aggression, Schrecken, Trauer bleiben. Während sich bspw. ein aggressives Kind keiner Schuld bewusst ist, es z. B. aus Überforderung oder Müdigkeit geschlagen hat, kann das verletzte Kind eine Entschuldigung noch nicht richtig annehmen und verarbeiten. Beide können nicht den Sinn dahinter verstehen, wenn die Erzieherin ein „Entschuldigung“ oder gar Körperkontakt einfordert: „Gib Lukas die Hand zur Entschuldigung.“ Umgangsformen laufen hier ins Leere. Viel effektiver und entwicklungsgerechter ist es, Handlungen und Situationen zu erklären und gemeinsam Worte zu finden, die den Jungen und Mädchen dabei helfen, ihre eigenen Gefühle und die des anderen zu verstehen: „Ich sehe, du warst wütend, weil Max dir die Schaufel weggenommen hat.“ „Du hast Julia gehauen, das hat ihr sehr wehgetan, deshalb weint sie.“ „Schau mal, Peter gibt dir ein Stück ab – das ist aber nett von ihm! Das freut dich, nicht wahr?“
Erwachsene sollten die Bedeutung von Höflichkeitsfloskeln nicht überschätzen. Die Höflichkeit kommt mit gelernter Empathie und Rücksichtnahme von allein.  

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