Ein Interview mit Jens KrabelMänner wollen Bildungsarbeiter sein

Warum entscheiden sich Männer selten für den Erzieherberuf? Und was denken eigentlich weibliche Fachkräfte über Männer in Kitas? Ein Experte stand uns Rede und Antwort.

Männer wollen Bildungsarbeiter sein
© Harald Neumann, Freiburg

Lieber Herr Krabel, warum interessieren sich so wenige Männer für die Arbeit in Kitas und Krippen?
Viele Männer tun sich schwer mit dem Beruf des Erziehers, weil sie ihn als Frauenberuf wahrnehmen. Das hat sowohl historische Gründe als auch faktische: Bis heute sind 95 Prozent aller pädagogischen Fachkräfte weiblich. Da kommt dann nicht zuletzt die männliche Identitätsentwicklung ins Spiel, sie erfolgt meist in starker Abgrenzung zu dem, was als weiblich erlebt wird. Aber auch schlechte Rahmenbedingungen und geringer gesellschaftlicher Status spielen sicher eine Rolle dabei, dass sich Männer selten für den Beruf entscheiden.

Und doch trifft man zumindest in Kitas heute auf mehr männliche Fachkräfte als noch vor zehn Jahren.
Ja. weil das Berufsbild sich ändert. Die Tatsache, dass Bildung in Kitas an Bedeutung gewinnt, führt dazu, dass die Fürsorgearbeit des Betreuens in den Hintergrund tritt. Der Job wird von Männern dadurch als weniger weiblich erlebt als früher. Für einige Männer ist der Erzieherberuf heute auch ökonomisch interessant, da er eine Arbeitsplatzgarantie verspricht. Vor allem in einigen ostdeutschen Bundesländern mit einer Arbeitslosenquote von über 15 Prozent und geringem Lohnniveau ist diese Motivation nicht zu vernachlässigen.

Die Arbeit mit Kindern unter drei scheint für Männer immer noch besonders unattraktiv zu sein. Warum?
Männlichen pädagogischen Fachkräften ist es meist wichtig, sich als Bildungsarbeiter verstehen zu können. Dass sie sich tendenziell eher für die Arbeit mit Kindern ab drei Jahren interessieren, hat wohl damit zu tun, dass aus ihrer Sicht Bildungsprozesse ab diesem Alter eine größere Rolle spielen als bei den Jüngsten.

Was sollten geschlechtsheterogene Teams beachten, damit Kinder wirklich von ihnen profitieren?
Unter anderem, dass sie sich immer wieder darüber austauschen, was pädagogisch wirklich sinnvoll ist. Nehmen wir z. B. mal an, dass die weiblichen Fachkräfte sich von ihrem Kollegen wünschen, dass er die körperlich herausfordernden Angebote übernimmt, etwa mit den Kindern durch den Garten zu toben, und der Erzieher darauf auch Lust hat. Dann bedarf es immer noch einer Auseinandersetzung darüber, ob diese Arbeitsteilung, bei der das Team klassische Verhaltensweisen vorlebt, für die Kinder wirklich wertvoll ist. Geschlechterstereotype zu überwinden, funktioniert besser, wenn Erzieherinnen und Erzieher diese in ihrem Handeln auch immer mal wieder unterlaufen. Damit präsentieren sie den Kindern ein breiteres, differenzierteres Geschlechterbild.

Um Männer für den Erzieherberuf zu gewinnen, wird mittlerweile einiges unternommen. Wie kommt das beim weiblichen Kita-Personal an?
Viele der Erzieherinnen wünschen sich Männer im Team, trotzdem gibt es auch Widerstände. Z. B. empfinden es Frauen oft als ungerecht, welch große Bedeutung Männern in Kitas plötzlich beigemessen wird, während weibliche Fachkräfte seit Jahrhunderten gute Arbeit leisten, ohne dafür adäquat wertgeschätzt und bezahlt worden zu sein. Ich kann nachvollziehen, dass es da zu Verletzungen kommt. Oft erleben wir, dass die Bedeutung von männlichen Erziehern sehr unsensibel beschrieben wird, wie „Männer bringen etwas in die Kita ein, was die Erzieherinnen bislang nicht leisten konnten“. Deshalb rate ich Kitaleitungen, den Wunsch nach männlichem Personal immer so zu begründen, dass sich das weibliche Kitapersonal nicht abgewertet fühlt.

Welche Strategien verfolgt Ihre Koordinationsstelle, um mehr Männer für die Arbeit in Krippe und Kita zu interessieren?
Aktuell sind wir vor allem mit der Frage beschäftigt, wie lebenserfahrenere Männer und auch Frauen, die einen fachfremden Erstberuf ausüben, den Quereinstieg in den Erzieherberuf schaffen. Im Rahmen eines Programms zum Thema Quereinstieg, zu dem es in ganz Deutschland Modellprojekte gibt, erarbeiten wir, wie Ausbildungsgänge zum einen vergütet, zum anderen erwachsenengerecht und geschlechtersensibel ausgestaltet werden können. Wir informieren u. a. Leitungskräfte, Trägerverantwortliche und Fachschuldozentinnen auf Konferenzen über neue Entwicklungen in den Bereichen „Quereinstieg“ und „Männer in Kitas“. Außerdem haben wir für diese Zielgruppe Handreichungen erstellt, z. B. zum Thema: Wie können wir junge Männer beim sogenannten „Boys’ Day“ (jedes Jahr können Jungen an diesem Tag Berufe kennenlernen, in denen bislang nur wenige Männer arbeiten, Anm. der Red.) für die Arbeit in Kitas gewinnen? Eine Reihe praxisnaher Materialien sollen nicht zuletzt Kita-Teams bei der gemeinsamen Reflexion unterstützen, etwa über Geschlechterstereotype.

Werden Männer in Krippen und Kitas in 20 Jahren Normalität sein?
Männer sind zunehmend nicht-stereotypen Männlichkeitsbildern gegenüber aufgeschlossen, das sieht man auch daran, dass immer mehr Väter das Elterngeld in Anspruch nehmen. Auch der Anteil männlicher Fachkräfte steigt seit Jahren kontinuierlich an, wenn auch auf niedrigem Niveau. Dennoch glaube ich nicht, dass Männer in Kitas in jeder Region Deutschlands in Zukunft Normalität sein werden, so wie es auch heute schon große Unterschiede gibt. In Stadtstaaten wie Hamburg und Berlin etwa beträgt der Männeranteil in Kitas schon über 10 Prozent, bei manchen Trägern sogar 18 Prozent. In ländlichen Regionen hingegen sieht das deutlich anders aus, vor allem in Bayern sind männliche Fachkräfte noch Mangelware.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Die Koordinationsstelle „Chance Quereinstieg / Männer in Kitas“

Mit dem Anspruch, neue Zielgruppen für die pädagogische Arbeit in Kitas zu gewinnen, informiert die Koordinationsstelle über aktuelle Forschungsaktivitäten und -ergebnisse zu den Themen „Männer in Kitas“ und „Quereinstieg“. Dabei arbeitet sie eng mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Praxis zusammen. Sie wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Acht „Handreichungen für die Praxis“ informieren online über die professionelle Herangehensweise an das Thema „Männer in Kitas“. Sie sind abrufbar unter: http://mika.koordination-maennerinkitas. de/unsere-themen/praxis- handreichungen/
Männer und Frauen, die sich für den Quereinstieg in den Erzieherberuf interessieren, können sich telefonisch beraten lassen unter Tel: 030-501010-939.

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