Kindertagespflege auf dem BauernhofDie Natur vor der Tür

Möhren ziehen, Ponys füttern, Eier einsammeln – das Leben auf dem Bauernhof hat den Tageskindern vom Bauernhof Sagel viel zu bieten.

Die Natur vor der Tür
© Manfred Antranias Zimmer - Pixabay

Ein großer, grauer Ganter sitzt vor der Haustür des Wohnhauses und bewacht den Eingang. Er heißt Dieter. „Er ist der beste Wachhund, den es gibt“, sagt Patricia Nolting, Tagesmutter auf dem Bauernhof Sagel. Es gab schon wilde Treibszenen auf dem Hof: Eltern, ihr Kind auf dem einen Arm, einen Besen in der anderen Hand, die sich zum Haus durchkämpfen, während Dieter laut schnarrt und mit den Flügeln schlägt. Manch ein Tageskind sagt als erstes Wort „Dadita.“
Acht Kinder betreut Patricia Nolting insgesamt, vier Jungen und vier Mädchen unter drei Jahren. Davon höchstens fünf gleichzeitig. Es steckt viel Arbeit dahinter, einen Bauernhof und eine Tagespflegestelle zu betreiben. Man braucht Gelassenheit, eine klare Aufgabenteilung und viele helfende Hände. Ihr Mann Burkhard Sagel, ebenfalls ausgebildeter Tagesvater, bewirtschaftet den Bauernhof, unterstützt durch die eigenen Kinder, durch Lehrlinge und Aushilfen sowie durch Opa Heinz. Zum Hof gehören immerhin fünfzig Rinder, drei Pferde, sechs Ponys und ein Esel, Hühner, Gänse, Pfauen, zwei Hunde und eine Katze. Und zwanzig Hektar Land.

Standortvorteil Bauernhof

Bis 2019 ist Patricia Nolting bereits ausgebucht. Die Eltern mögen diese Verbindung aus Bauernhof und Tagespflege sehr, sagt sie. Aber es ist wichtig, dass sie diese Form der Betreuung auch wirklich möchten. Nur wenn sie voll und ganz hinter dem Konzept stehen, kann die Tagesmutter auch frei danach arbeiten. Dazu gehört, dass sie den Kindern Zeit gibt – ohne vorgegebene Aktivitäten. Sie mischt sich so wenig wie möglich in das Spiel der Kinder ein. So lernen sie, mit Gleichaltrigen umzugehen, sich gegenseitig zu helfen und Konflikte selbst zu lösen. Erste Freundschaften entstehen, die auch über die gemeinsame Zeit in der Tagespflege hinaus andauern.
Der Bauernhof ist nicht explizit Teil des pädagogischen Konzepts. „Er ist einfach da und eröffnet mir und den Kindern viele Möglichkeiten. Das ist quasi ein Standortvorteil.“ Da ist zum einen das große Wohngebäude mit Wohn- und Spielzimmer sowie der Küche: Hier trifft sich die gesamte Familie und geht auch das Bauernhofpersonal ein und aus. Zum anderen liegt hinter dem Haus ein riesiger Garten mit Sandspielplatz und Apfelbäumen. Dahinter grasen die Kühe auf der Weide. Hinzu kommen die Stallungen, Acker und Gewächshäuser. Jeden Tag ist Frau Nolting mit ihren Tageskindern draußen unterwegs. Je nach Jahreszeit ziehen sie Möhren auf dem Feld, ernten Tomaten und anderes Gemüse in den Gewächshäusern, gießen die Blumen, klettern auf den Heuhaufen, pressen Apfelsaft und kochen Holundermarmelade. Im Winter versuchen die Kinder, den gefrorenen Sand im Sandkasten aufzustemmen. Gemeinsam gucken sie nach den Gänsen, holen Eier aus dem Hühnerstall und füttern die Ponys mit Äpfeln. Der Respekt vor den Tieren und die Vorsicht im Umgang mit ihnen sind dabei oberstes Gebot: Die Kinder dürfen die Tiere nicht jagen und ihnen nichts wegnehmen. So verinnerlichen sie ganz selbstverständlich einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit der Natur, mit Tieren und Pflanzen.
Was für Außenstehende fast paradiesisch wirkt, ist für die Tageskinder inzwischen Normalität. Wenn plötzlich die Kuh direkt am Zaun steht oder der Pfau sein Rad schlägt, beeindruckt die Jungen und Mädchen das kaum noch – so ist das halt.

Vom Acker bis auf den Teller

Ab sieben Uhr morgens trudeln die ersten Kinder ein. Mit dem Frühstück richtet sich Frau Nolting ganz nach dem Bedürfnis der Kinder. Sie gibt kaum etwas vor, lässt die Kinder in einem bestimmten Rahmen selbst entscheiden. Sind sie mitten ins Spiel vertieft, gehen sie eben später nach draußen. So lernen die Kinder, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken: Habe ich gerade wirklich Hunger? Oder ist es nur zwölf Uhr und das Mittagessen steht auf dem Tisch? Also kocht Frau Nolting zwischen zwölf und 15 Uhr, je nachdem, wann die Kinder hungrig oder womit sie gerade beschäftigt sind. Bei der Essenszubereitung helfen die Jungen und Mädchen: Die selbst geernteten Möhren sind noch voller Erde, werden also erst gewaschen, dann geschnippelt, dann gedünstet und zuletzt gegessen. Was heutzutage kaum jemand mehr mitbekommt, erleben die Tageskinder hier hautnah und in aller Selbstverständlichkeit: der Weg unserer Lebensmittel vom Acker bis auf den Teller.
Sind die Kinder müde, schlafen sie im Kinderwagen an der frischen Luft unter einem Vordach. Im Winter sind sie in dicke Decken eingemummelt. Innerhalb einer Minute schlafen sie ein.

Die Tür ist offen

Ist Frau Nolting mit den Kindern auf dem Hof unterwegs, müssen diese auf sie hören: „Das ist ein voll bewirtschafteter Bauernhof, hier fahren Traktoren und Landmaschinen.“ Dass hier ein höheres Gefahrenpotential herrscht, darauf weist sie die Eltern im Vorgespräch und auch noch einmal schriftlich in den Betreuungsverträgen hin. Generell legt sie großen Wert auf eine klare Kommunikation mit den Eltern. Ihre Haustür ist immer offen, die Eltern können jederzeit kommen und gehen. Konflikte werden sofort besprochen und geklärt. Oft bleiben die Eltern noch auf einen Kaffee. So entwickelt sich im Laufe der Zeit eine intensive Beziehung zu ihnen. „Das muss ja auch so sein“, sagt Frau Nolting, „denn die Eltern geben ja das Liebste, das sie haben, in meine Obhut.“
Es ist nicht immer von Vorteil, wenn der Arbeitsplatz und das eigene Zuhause ein und derselbe Ort sind. Da kann von Eltern schon mal die Frage kommen: „Kann mein Kind heute länger bleiben? Du bist doch eh zu Hause.“ Dann ist es gut, dass sich Patricia Nolting auf die Betreuungsverträge berufen kann, um ihre Grenze zwischen Beruf und Privatleben zu wahren. Hat sie Urlaub, vertritt sie eine Tagesmutterkollegin. Und im Krankheitsfall? „Ich bin nicht krank“, sagt Frau Nolting und lacht. Wenn doch mal, springt ihr Mann ein, der ja auch Tagesvater ist. Zum Glück, so Frau Nolting, bezahlt die Stadt Bottrop ihre Tagespflegepersonen auch im Krankheits- und Urlaubsfall.

Gut gerüstet in die Kita

Wenn die Tageskinder in den Kindergarten kommen, fällt ihnen der Abschied vom Bauernhof Sagel nicht allzu schwer, denn die Bindung zu ihren Freunden ist enger als die zur Tagesmutter. Sie sind selbstbewusst und eigenständig und damit gut gerüstet für die Kita. Manchmal kommen sie noch mit ihren Eltern zu Besuch auf den Bauernhof und fragen ihre ehemalige Tagesmutter: „Kann ich nicht wiederkommen?“  

Kleinstkinder-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Kleinstkinder-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.