NährstoffeMangel oder Überdosis?

Früher war es wichtig, dass unser Essen die nötigen Nährstoffe enthielt. So konnte ein Jodmangel schnell zu Komplikationen führen. Heute gibt es Pillen und Vitamintabletten. Aber ist eine Überdosis an bestimmten Nährstoffen nicht auch gefährlich?

Nährstoffe: Mangel oder Überdosis?
© Kay Taenzer - Fotolia

In Deutschland sind Kinder mit lebenswichtigen Nährstoffen zumeist gut versorgt. Allerdings gibt es immer wieder Stoffe, die zu kurz kommen. Sei es weil der Boden einer Region nicht genug davon liefert (Jod), sei es, weil Kinder Gemüse und Vollkorn verschmähen (Folsäure). Dann soll eine Anreicherung des Stoffes in Salz den Mangel beheben. Dies wird aber auch erwogen, wenn ein Nährstoff-Plus gesundheitliche Vorteile verspricht, wie es beim Fluor der Fall ist. Jod, Folsäure und Fluor braucht der kindliche Organismus, um gut zu gedeihen und um stabile Knochen und Zähne auszubilden. Doch auch wenn Salz-Anreicherung eine Zeit sinnvoll ist, könnte sie später zuviel des guten sein. 
Ein Paradebeispiel hierfür ist das Jod.

Zu viel Jod kann schaden

Deutschland galt lange als Jodmangelgebiet. Die Folge war verzögertes Wachstum bei Kindern, sowie Störungen der Schilddrüsenfunktion bei Erwachsenen. Mit Lebensmitteln allein konnte dies nicht behoben werden. So mixen Bauern ihren Tieren seit den 1990er Jahren das Spurenelement ins Futter und im Supermarkt wurde Salz Jodzusatz eingeführt. Jodsalz kommt heute in drei von vier Haushalten sowie Bäckereien und Metzgereien zum Einsatz. Milch liefert viermal höhere Jodmengen als noch vor 15 Jahren, in Eiern steckt sogar das 14-fache an Jod. Laut der Weltgesundheitsorganisation sind die Deutschen daher ausreichend versorgt. 
Das Problem dabei: heute gibt es auch immer mehr Nahrungsergänzungsmittel und Functional Food, die diverse Gesundstoffe liefern und die zunehmend auch von Kindern in gesundheitsbewussten Haushalten konsumiert werden. Die Hersteller berufen sich unter anderem auf alte Studien, laut denen die Erwachsenen nur die Hälfte der empfohlenen Menge von 200 Mikrogramm aufnehmen. Dass die Deutschen bereits zufriedenstellend mit Jod versorgt sind, wird dabei ignoriert. So kann heute auch ein gesunder Mensch schädliche Mengen von mehr als 500 Mikrogramm Jod aufnehmen, warnte letztes Jahr der Verein für Gesundheitsberatung (UGB).

Folsäure versteckt sich in vielen Lebensmitteln

Ähnliches drohe der Folsäure (Vitamin B9), schrieb Helmut Erbersdobler, Professor an der Universität Kiel kürzlich in der Fachzeitschrift Ernährungsumschau (09/06). Laut den letzten Ernährungsberichten nehmen die Deutschen tatsächlich zu wenig von dem B-Vitamin auf, das wichtig für das Zellwachstum ist. Doch dies könnte sich, wie beim Jod, schnell ändern. Speisesalz mit Folsäure gibt es bereits und zahlreiche Wissenschaftler fordern, auch Mehl wie in den USA oder in der Schweiz mit dem Vitamin anzureichern, um Herzinfarkte und Schädigungen bei Neugeborenen vorzubeugen. In jeder deutschen Frauenarzt-Praxis wird darum Schwangeren ein Folsäurepräparat empfohlen. Doch was ist mit den zahlreichen Kindern in Deutschland, die auch häufig mit dem Vitamin unterversorgt sind? Im Gegensatz zum Jod kann man Folsäure leicht mit Lebensmitteln aufnehmen: Beispielsweise in Orangensaft, Tomaten, Grüngemüse und Vollkornprodukte steckt viel von dem lebenswichtigen Vitamin. Eine Anreicherung im Mehl sieht Erbersdobler darum skeptisch. 
Aber auch auf "Lutschtabletten für den Junior", "Kindervitamine" oder "exotische Fruchtextrakte mit einem Plus an Folsäure und Jod für gesundes Wachstum und mehr Leistung" kann man laut Experten verzichten. Doch Tatsache ist, dass der Verbraucher immer häufiger zu solchen Produkten greifen wird, bei denen die Grenzen zwischen Lebensmittel, Functional Food und Arznei verwischen. Das Problem der Zukunft wird also sein, Überdosierungen vorzubeugen. 

Zu viel Fluor kann zu Spätschäden führen

Das gilt auch für das Spurenelement Fluor. Fluor darf zwar außer in Salz nicht in Lebensmitteln als Zusatzstoff und auch nicht in Nahrungsergänzungsmitteln verwendet werden. Trotzdem gibt es Warnungen, nicht zu viel Fluor-Salz oder Fluorid-Tabletten zu verabreichen, die bereits 80 Prozent der Säuglinge schlucken müssen. Auch vor dem weit verbreiteten Einsatz von Fluor in Zahncreme wird gewarnt. Fluor macht Zähne und Knochen hart. Symptome eines Fluor-Mangels sind laut UGB jedoch nicht bekannt. Ein Zuviel kann dagegen zu Zahnflecken führen und möglicherweise Osteoporose begünstigen. Darum plädiert das Bundesinstitut für Risikobewertung dafür, Fluor auch weiterhin nur als Salz-Zugabe zu erlauben. 
Damit Eltern und Kinder in Zukunft besser geschützt werden, dafür könnte auch die europäische Gesetzgebung sorgen. Bald sollen Obergrenzen für diverse Stoffe festgelegt werden, die Vitaminpillen und Functional Food zugesetzt werden dürfen. Zudem sollen mit Zusatzstoffen aufgepeppte Lebensmittel nicht mit einer angeblichen Gesundwirkung werben dürfen, solange diese nicht in einem langwierigen Verfahren getestet worden sind. 

kizz Info

Verein für Gesundheitsberatung: www.ugb.de
Deutsche Gesellschaft für Ernährung: www.dge.de (Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, Stellungnahme zur Folatversorgung etc. )
Bundesinstitut für Risikobewertung: www.bfr.bund.de

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