Die guten EsserWarum Kinder nicht immer aufessen müssen

Wir als Eltern wünschen uns Kinder, die gut Essen und nicht zu wählerisch sind. Aber das ist eine veraltete Einstellung. Kinder müssen nicht immer alles aufessen und vor allem nicht alles mögen. Lassen Sie Ihr Kind selbst entscheiden was und wie viel es mag, das weiß es selbst am besten. Worauf sollten Sie als Eltern denn bei der Ernährung Ihres Kindes noch achten?

Eltern wünschen sich einen guten Esser. Dieses Wunschkind ist ein Kind, das bei den Mahlzeiten Hunger hat und dann auch isst und nicht nur zwischendurch schleckt; kein wählerisches Kind, das nur ein oder zwei Gerichte mag oder an allem rummäkelt. Gesundes Essen soll ihm schmecken. Es ist ein Kind mit akzeptablen Tischmanieren, das kein Theater beim Essen macht, sitzen bleibt, bis alle fertig sind und meistens seinen Teller leer isst: Ein guter Esser ist ein liebes Kind. 

Was ich brauch', sagt mir mein Bauch. Mama, glaub' es endlich auch!

Spaghetti gegen Stress

Kinder können richtigen Heißhunger auf ganz bestimmte Lebensmittel entwickeln. Fachleute sprechen von kurzfristigem Spezialhunger. Der Körper verlangt dann über seinen Feinregulator Appetit nach einem Stoff, der angesichts anstehender Stoffwechselaufgaben nicht ins Defizit geraten sollte. In vielen Nahrungsmitteln, auf die Kinder sich zeitweilig stürzen, sind nicht nur Energielieferanten sondern auch Stimmungsmacher enthalten. In Milch- und Weizenprodukten (Pudding, Kakao, Nudeln) findet man Stoffe, die den körpereigenen Glücklichmachern, den sogenannten Endorphinen, sehr ähnlich sind und vergleichbar arbeiten, nämlich Frust verschwinden und Wohlbefinden aufkommen lassen: auch ein Grund, warum Spagettigerichte in stressigen Zeiten wie zum Beispiel beim Kindergartenstart der Renner sind.

Es ist völlig normal, dass es Zeiten gibt, in denen Kinder weniger als sonst essen und ebenso Tage, an denen sie scheinbar nicht satt werden (siehe Kasten). Die große Angst der Eltern ist es, dass das Kind "nichts isst". Übersetzt heißt das: fast nichts isst, nur wenig, auf alle Fälle viel weniger, als es nach Meinung der Eltern essen sollte. Angst vor einem zu dicken Kind, die viel berechtigter wäre, findet man viel seltener. Wir haben in Deutschland die erfreuliche Situation, dass kein gesundes Kind, das von seinen Eltern oder anderen Betreuungspersonen angemessen versorgt wird, verhungern muss. Kinder wissen, wann sie Hunger haben und wann sie satt sind. Von sich aus werden sie weder überge-wichtig, noch verhungern sie. Es sind die Erfahrungen, die sie zuviel oder unzureichend essen lassen.

Die vielen Funktionen des Essens

Essen befriedigt physiologische und soziale Bedürfnisse. Eine gute Mahlzeit hat viele Zutaten. Wichtig ist eine ausgewogene Mischung aus qualitativ wertvollen und sorgfältig hergestellten Speisen, Engagement für jeden, der am Tisch sitzt; aus dem Gefühl, die gegenseitige Beziehung zu spüren, ästhetischen Aspekten, einem Sinneserlebnis und unvorhersehbaren menschlichen Gefühlen und Stimmungen. 
Die gemeinsame Mahlzeit kann die Familientankstelle sein, oder der Tageskonfliktpunkt. 12% der Kinder zwischen 9 und 14 Jahren nehmen keine Mahlzeit am Tag zusammen mit Eltern und Geschwistern ein. Familien versuchen so, Konflikten aus dem Weg zu gehen, berauben sich aber gemeinsamer Kommunikations- und Beziehungserfahrung.

Bei Tisch sind Vorwürfe unangebracht

Allen vergeht der Appetit bei Auseinandersetzungen, jedem bleibt der Bissen im Hals stecken, wenn geschimpft und geschrieen wird. Aus diesem Grund entwickelte Jesper Juul, ein bekannter dänischer Familientherapeut, elterliche Tischmanieren:

  • Konfliktgespräche zwischen den Eltern sind bei Tisch verboten, da sich das Kind diesen nicht entziehen kann.
  • Rumerziehen und Kritisieren des Kindes bei Tisch sind tabu; unter Dauerbeobachtung verschwindet die Lust und der Genuss am Essen.
  • Man muss etwas nicht mögen dürfen, ohne die Harmonie zu gefährden und Koch oder Köchin zu beleidigen.
  • Gespräche sind erwünscht, besonders wenn darauf geachtet wird, dass alle zu Wort kommen.
  • Essensregeln und Vitaminen darf nicht mehr Bedeutung beigemessen werden als dem Wohlergehen aller, die um den Tisch sitzen. Die dauernde Sorge um die Gesundheit kann die Stimmung ungesund werden lassen.

In der Familie entstehen Essgewohnheiten

Wir lernen unser Essverhalten. Schon in den ersten Lebenswochen sammeln Kinder Erfahrungen. Was muss in einem Säugling vorgehen, der bei jedem Schreien "Trink!" zu hören und die Brust oder Flasche in den Mund gesteckt bekommt, damit er wieder still wird. Dabei schreit er vielleicht, weil er einsam ist, sich nach Zuwendung sehnt, sich unterhalten oder spielen möchte, oder aus Unmut, Langeweile oder gar Angst.
Etwas später ist es die Nuckelflasche, die ruhig stellen und vertrösten soll. Sie stellt recht zuverlässig das Schreien und Weinen ab und erspart lange Auseinan-dersetzungen. Sie verleitet aber auch dazu, nicht mehr genau hinzuhören. Sie erlaubt Unaufmerksamkeit gegenüber kindlichen Signalen, denn das Ergebnis ist in den meisten Fällen einfach Ruhe. Es entfällt die Notwendigkeit, sich genauer nach Bedürfnissen und Wünschen zu erkundigen.
Eltern bieten Kindern Nahrung ungefragt auch an, um sie zu vertrösten: Noah (3 Jahre alt) ist beim Stadtbummel hingefallen und hat sich die Handflächen aufge-schlagen. Er weint. Die Mutter läuft herbei, hebt ihn vom Boden auf und wischt über die Hände. "Das ist doch nicht so schlimm, wärst halt nicht so gerannt. Jetzt stell' dich nicht so an. Wenn du ruhig bist, gibt es auch ein Eis!"
Zuerst der Sturz - und dann auch noch der Vorwurf, zu schnell gerannt zu sein. Die Mutter meint es gut, wenn sie den Sturz herunterspielt und Noah durch ein Eis den Übergang ins Normalleben erleichtern will. Aber Noah hört vor allem den Vorwurf, selbst schuld zu sein. Er braucht kein Eis, sondern Trost. Etwas kann auch weh tun, ohne dass man es sieht. Vielleicht war der Schreck über den Sturz größer als der Schmerz. Wer weiß, ob Enttäuschung dazu kam, kaum gerannt und schon wieder hingefallen zu sein. Das muss das Kind zuerst für sich selbst klären, dann sich trösten lassen und schließlich aus eigenem Entschluss weiterlaufen, bummeln, eventuell auch ein Eis essen. Es wäre fatal, wenn Noah als einziges lernen würde: Jetzt brauch' ich ein Eis oder ein anderes Trösterle, damit alles wieder gut wird.

Eine Nahrungsgabe ist ein beliebter Versuch, unterschiedliche Bedürfnisse mit einem einzigen Angebot befriedigen zu wollen. Dieses "Abspeisen" kann sich zur Gewohnheit "bei Stress essen" auswachsen. Die beruhigend wirkende physiologische Folge der Nahrungsaufnahme soll kurzfristig negative Gefühle wie Einsamkeit, Frustration und Langeweile "wegzaubern". Durch diese Pauschalantwort lernen Kinder, generell alle negativ besetzten Gefühlszustände mit Nahrungsaufnahme zu beantworten, weil andere Strategien, mit negativen Gefühlen umzugehen, nicht zur Verfügung stehen. Ein Lernprozess, den Eltern dringend vermeiden sollten: Die "guten Esser" sind mit Vorsicht zu genießen.

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