Waldorf-PädagogikDie Kunst des Erziehens

In der Waldorfpädagogik wird die Erziehung als Kunst gesehen. Erzieher üben keinen Druck auf die Kinder aus und versuchen sogar, noch etwas von den Kindern zu lernen.

Waldorf-Pädagogik: Die Kunst des Erziehens
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Die Waldorf-Pädagogik ist untrennbar verbunden mit dem Namen Rudolf Steiner (1861-1925). Steiner studierte Geometrie, Mathematik, Physik, Chemie und Biologie an der technischen Hochschule in Wien, beschäftigte sich aber auch mit Philosophie und vor allem mit dem Werk Goethes. Mit Goethe schuf sich Steiner Klarheit über Fragen, die ihn bewegten. Was Steiner suchte, war eine einheitliche, geistbestimmte Welterfassung. Das individuell als wahr und sittlich erkannte ist für Steiner der einzige Bestimmungsgrund für den freien Menschen. Daraus ergab sich nicht nur eine Anthropologie - unter Einschluss des Leibes, der Seele und des Geistes (Anthroposophie) -, sondern auch eine hohe Verantwortung für den handelnden Menschen gegenüber Natur und Gesellschaft.

Rudolf Steiner als Begründer der Waldorf-Pädagogik

Im Anschluss an sein Studium wurde Steiner Hauslehrer bei einer wohlhabenden Wiener Familie. Von 1890 bis 1897 war er Mitarbeiter am Goethe-Schiller-Archiv in Weimar. Nach 1901 war Steiner ausschließlich als freier Schriftsteller und Vortragsredner tätig. Die Darstellung der anthroposophischen Einsichten zum Menschenverständnis, zur Weltentwicklung, zu den Evangelien, zu Fragen der Sozialordnung und zur Kunst bildeten den Hauptinhalt seiner Vorträge und Veröffentlichungen. Freunde Steiners gründeten 1912 die Anthroposophische Gesellschaft, der er zwar selbst nicht beitrat, aber als Lehrer zur Verfügung stand. 1919 richtete Steiner die Freie Waldorfschule als einheitliche Volks- und Höhere Schule ein. Mittlerweile ist dieses Schulmodell auf der ganzen Welt mit über 500 Schulen verbreitet. Schüler sollen dort ohne Auslese individuell gefördert und in ihrem Erkennen, Erleben und Handeln gleichermaßen angesprochen werden. Dieses Schulmodell wurde auf die Kindergärten übertragen. Die "vollständige" Waldorfschule arbeitet somit mit Kindern und Jugendlichen von 3 bis 18 Jahren. Die ErzieherInnen im Kindergarten sollen sich zwei Gesichtspunkte zueigen machen: 1. ein tiefes Verständnis des Kleinkindes entwickeln; 2. die frühe Kindheit als Teil eines lebenslangen Wachsens und "Sichentwickelns" begreifen.

Den richtigen Zeitpunkt für Lernvorgänge finden

Im Sinne der Waldorf-Pädagogik brauchen Entwicklung, Wachstum und Reife viel Zeit. Das Kind entwickelt sich zunächst körperlich: Organe, Sinnesorgane, Drüsen, Verdauungs- und Lebensorgane. Die körperliche Reife bildet die Grundlage für das Bewusstsein des Kindes und dessen seelisch-gefühlsmäßiges Erlebnisvermögen. Der Waldorf-Pädagogik geht es um eine gesunde Entwicklung, bei der der ganze Mensch sich in Körper, Psyche und Geist ausbilden kann. Kritik wird deshalb geübt an einer "intellektuellen Früherziehung", die einseitig nur auf die kognitiven Fähigkeiten der Kinder abhebt. Für die Kinder, die noch im körperlichen Wachstum stecken, ist dies nicht vorteilhaft. Das Kind entwickelt sich und seinen Körper zunächst allein durch Tätigsein und körperliche Aktivität. Erst darüber entwickelt es sich hin zu einem denkenden Wesen. Die Waldorf-Pädagogik folgt der Regel: Zuerst ist das Gehen, dann das Sprechen und der Sprachschatz, dann das Denken. Wichtig im Sinne der Waldorf-Pädagogik ist, dass der Körper und seine Organe sich voll entwickeln können und dass Bewusstsein, Gedächtnis und Denkvermögen nicht zu früh eingeübt und verlangt werden sollen. Gemäß seinem körperlichen Entwicklungsstand bildet das Kind seine kognitiven Fähigkeiten aus. Hans- Gerhard Wyneken, Leiter des Zentrums für Waldorfpädagogik in Bukarest, Rumänien, schreibt dazu: "Den rechten Zeitpunkt in der Erziehung für alle Lernvorgänge zu finden, lässt den jungen Menschen sich gesund entwickeln, und dieses Aufsuchen des rechten Zeitpunktes sehen wir in der Waldorf-Pädagogik als unsere Aufgabe an." (siehe Literaturangaben, Hans-Gerhard Wyneken).

Spielen, Phantasie und Nachahmung

Das Spielen nimmt eine wichtige Stellung ein. Dabei geht die Waldorf-Pädagogik von verschiedenen Spielalterstufen aus: 1. Stufe - In einem frühen Alter bis etwa 3 Jahre spielt das Kind, indem es nachahmt. Bisweilen leiden die Erwachsenen darunter, wenn sie pemanent jene Gegenstände aufheben, die das Kind stets wieder auf den Boden fallen lässt. Dieses Wiederholungs- und Nachahmungsspiel ist aber sehr wichtig für die Entwicklung des Kindes. Beobachtungen von Pädagogen haben gezeigt, dass Kinder, denen dieses Spiel einfach strikt verboten wurde, auch später Schwierigkeiten beim Spiel haben, insbesondere beim Spiel mit anderen Kindern. 2. Stufe - Auf der zweiten Spielstufe erwacht neben der Aktivität als solcher die Spielphantasie. Das Charakteristische dieser Stufe ist, dass das Kind beginnt, tägliche Erlebnisse nachzuspielen: Haushalt, Strafe, Arztbesuch, Feuerwehr usw. Einfache Gegenstände wie ein Stück Holz werden mittels der Phantasie zu "richtigen" Gegenstände wie ein Auto, ein Bügeleisen. 3. Stufe - In der dritten Spielstufe, die die 5- bis 7-jährigen kennzeichnet, werden die Kinder nicht so sehr von außen - durch das Tun der Erwachsenen oder durch Gegenstände - angeregt, sondern eher durch eigene Erlebnisse, Vorstellungen und Geschichten. Das Handeln wird zielgerichteter. Die Kinder verteilen Rollen und Funktionen.

Naturbelassenes, nicht ausgestaltetes Spielzeug

Die Waldorf-Pädagogik legt somit großen Wert auf das phantasievolle Lernen und Spielen des Kindes. Das Kind schöpft gewissermaßen aus seinem dem Alter entsprechenden Tätig-Werden-Wollen heraus. Deshalb bietet man im Waldorfkindergarten viele naturbelassene Marterialien wie Steine, Holzstücke, zersägte Äste, Muscheln und Kastanien und weniger der Funktion nach ausgestaltetes Spielzeug an. Spielzeug soll die Phantasie des Kindes anregen. Der Waldorf-Pädagogik zufolge bringen uns erst die Sinneswahrnehmungen in Verbindung mit der Herkunft und dem Ursprung der Dinge. Diese Erfahrungen sind wichtig, will man seine Umwelt richtig einschätzen lernen. Außerdem muss auch der Unterschied zwischen Spiel und Arbeit berücksichtigt werden: Zweckfreies Spiel beim Kind steht im Gegensatz zum zielgerichteten Arbeiten des Erwachsenen und es entsteht erst, wenn das Kind die Möglichkeit hat, seine Phantasie ausdrücken zu können. In einer funktionell festgelegten Ding- und Spielzeugwelt wird dies nicht gelingen.

Waldorf-Pädagogik in der Praxis

ErzieherInnen sollen sich der Waldorf-Pädagogik zufolge zwei Gesichtspunkte zueigen machen: Sie sollten erstens ein tiefes Verständnis des Kleinkindes entwickeln und versuchen, "vom Kind zu lernen"; und zweitens die frühe Kindheit als Teil eines lebenslangen Wachsens und Sichentwickelns begreifen. Diese "Erzieher-Gesinnung" einschließlich der menschenkundlichen Einsicht in die Entwicklungsvorgänge zeichnet die Waldorf-Pädagogik aus: Es geht darum, die "Erziehung als Kunst" zu entwickeln. (siehe Literaturangaben, Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten). Die Erziehungskunst lässt sich allerdings nicht in ein festes Programm packen, bei dem der Tagesablauf im Kindergarten genau festgelegt ist.

Die meisten Waldorfkindergärten sind von 7.30 Uhr bis zum Mittag geöffnet. Der Kindergarten wird gesehen als großer Haushalt, der auf die Lebensbedürfnisse der Kinder eingestellt ist. Der Tagesablauf beginnt mit dem Freispiel. Freispiel meint allerdings nicht, dass die Kinder tun können, was sie wollen; vielmehr soll bei diesem Spiel der Nachahmungswillen der Kinder angeregt werden. Die Tätigkeit der Erzieherin soll dabei "ansteckend" und formbildend auf die Kinder wirken. Durch ihr Tun wollen die Kinder auch tätig werden. Das Aufräumen schließlich beendet das Freispiel. Auch hierbei ist die Erzieherin Vorbild. Sie gibt keine Anordnungen oder Befehle, sondern durch ihr Tun werden die Kinder zur Nachahmung gebracht: Spielerisch schaffen so die Kinder als Väter und Mütter Ordnung in ihren Häusern.

Tätigsein, sprechen, denken

Das zweite Freispiel erfolgt nach dem Frühstück. Je nach Jahreszeit ergibt sich die Möglichkeit für einen Spaziergang, für das Spielen im Sandkasten, für Gartenarbeit, für das Bauen mit Brettern. Das Märchen, erzählt oder als Puppenspiel vorgetragen, bildet schließlich den Abschluss am Ende des Vormittages. Märchen und Geschichten bereichern den Wortschatz der Kinder und sind somit ein wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste Mittel zur Sprachförderung. Das Tätig- und Aktiv-Sein ist der Vorläufer vom Sprechen und das Sprechen, das die Kinder beim Geschichtenerzählen und Zuhören üben, ist Voraussetzung für das Denken. Der Kindergartenvormittag durchläuft somit diese drei Stufen: körperliche Aktivität, aktives Sprechen und Zuhören und Nachdenken über das Erlebte.

Der Jahresrhythmus bestimmt den Kindergarten-Tagesablauf

Wichtig für die Entwicklung der Kinder ist der Jahresrhythmus. Das physische Werden des Kindes spiegelt sich in den natürlichen und sozialen Veränderungen, die das Jahr mit sich bringt. Das Erleben von Zeit und Veränderung bekommt in der Wiederkehr des schon einmal Erlebten - Jahreszeiten und die daran sich knüpfenden Ereignisse wie Feste und besondere Aktivitäten zu einer bestimmten Zeit - einen Halt. Immer wieder stellen ErzieherInnen und Eltern fest, dass Kinder besonders stark in einer religiösen Daseinsstimmung leben. Kinder freuen sich auf die besonderen Tage des Jahres und sind meist gerne dazu bereit, Festtage zu begehen - und zwar nicht nur gefühlsmäßig, sondern indem sie selbst dabei tätig werden. Am Tag des heiligen St. Martin z.B. werden mit großem Eifer die Laternen gebastelt. In der Advents- und Vorweihnachtszeit werden Krippenspiele aufgeführt. An Ostern wird mit Vorliebe das versteckte Nest gesucht; und in der Faschingszeit verkleidet man sich sehr gerne als das, was man schon immer sein wollte. Für die Waldorf-Pädagogik sind die verschiedenen Feste des Jahres und die Jahreszeiten wichtig, damit sich die Kinder in einer vertrauten Umwelt entwickeln können.

Erst in einer gefügten und vertrauensfördernden Umwelt lässt sich auch der Mut zur Veränderung und zur Entwicklung herausbilden. Kinder, so führt die Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten aus, "brauchen Schutz und Hüllen, um die Kräfte zu entwickeln, die ihnen die Aufgaben der Zeit abverlangen. Das kann nur aus geistigen Impulsen heraus gewollt werden und nur, wenn wir im Kinde der vollen Würde des Menschen-Ich begegnen". (siehe Literaturangaben, Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten).

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