Wie es mir und manch anderen mit der sog. Verbindlichkeit der Bildungspläne derzeit geht

Drei Jahre sind wir im Südwesten - wie viele Kolleginnen in den anderen Bundesländern - in Etappen durch die pädagogische Zeit gejagt. Das Ziel bei uns hieß: Verbindlichkeit des neuen Bildungsplans für die Kitas in Baden-Württemberg 2010. Als Leiterin mit einem großen Mitarbeiterinnenstamm wusste ich: Das braucht viel Zeit - und Überzeugungskraft und Durchhaltevermögen. Denn dieser Weiterentwicklungsprozess musste neben dem Tagesgeschäft KINDER laufen.

Weil mir das ziemlich früh klar war, traf ich die nötigen Absprachen mit dem Träger, ließ mir Zeitnischen und Fortbildungen genehmigen. Dann erstellte ich mit dem Team zusammen den großen zeitlichen Plan. Alle sonstigen Fortbildungen wurden zurückgestellt, denn wir wollten und mussten uns fit machen für die Pflicht 2010.

Noch bevor der Bildungsplan in Buchform erschien, besorgten wir uns den Entwurf, um einen ersten Eindruck zu gewinnen und abschätzen zu können, was da auf uns zukommen würde.

Mit einer gewissen Genugtuung stellten wir sofort fest: Da ist nichts drin, das ganz konträr zu unserer bisherigen pädagogischen Schiene steht. Im Gegenteil: Wir fühlten uns in unserer Arbeit teilweise fachlich sehr bestätigt. Erleichterung und ein großer Motivationsschub für alle. Denn: Endlich hatte jemand in klarer und verständlicher Form die frühkindliche Bildung definiert und zusammengefasst. Und damit auch unsere viele Mühe und unser pädagogisches Engagement gewürdigt.

Natürlich wollten wir, vor allem aus dem Qualitätsgedanken heraus, auf den Bildungszug aufspringen. Irgendwie, glaube ich, spürten alle gleich, dass das auch unsere Chance war, zu mehr Wertschätzung und Berufsprofil zu kommen.

Die Reise war sehr spannend, aber auch streckenweise sehr, sehr anstrengend - für mich und für das Team.

Wir bildeten Arbeitsgruppen, zu denen auch Eltern gehörten, wir diskutierten Inhalte, wir glichen den neuen Plan mit der bestehenden Konzeption ab, wir bastelten an neuen Ideen für Tagesund Wochenstrukturen, wir tauschten uns mit anderen Kindergärten aus, holten uns Anregungen, wir stritten um die Schwerpunkte der Räume (es ist wirklich so, dass bei uns alle Erzieherinnen am liebsten den Kreativbereich gehabt hätten), wir einigten uns darauf, Kriterien für die Festlegung der Auswahl zu erstellen, die für alle galten und die sowohl die Talente und Stärken der Kolleginnen als auch die pädagogische Vielfalt und die Möglichkeiten, die die Räume hergaben, berücksichtigten, wir nahmen auch unsere ganz Kleinen in den Blick und das, was ihnen zusteht, wir erprobten die Beobachtungsvorlagen, reflektierten, trafen Absprachen, wie oft wer wie beobachtet, wir besorgten uns Klemmbretter, wir legten Portfolios an, besprachen die Inhalte, suchten einen geeigneten Platz, um sie aufzubewahren, erdachten mit den Kindern zusammen einen Namen (denn es sollten ja die Bücher für die Kinder werden), wir besuchten Fortbildungen, zogen Resümees, wir investierten viele Stunden in die Umgestaltung der Räume, wir hielten Eltern und Träger auf dem Laufenden, veranstalteten Infoabende mit Elternbeirat und Eltern sowie für den Kiga-Ausschuss, wir präsentierten die Ergebnisse an einem Tag der offenen Tür der Öffentlichkeit und waren sehr stolz auf das Ergebnis.

Eltern und der Träger waren bei uns sehr offen für das Neue, das der Prozess mit sich brachte. Ihre vertrauensvolle Haltung und ihre Bereitschaft, uns zu unterstützen, waren sehr hilfreich (z.B. verfügen wir dank des elterlichen Engagements seither über eine wunderbare Rollenspielbühne, eine stabile und mobile Werkzeugkiste, neue Farbe an den Wänden). Mit ihren Bedenken und ihrer Skepsis konnten wir relativ gut umgehen, denn wir waren uns ja auch selbst nicht immer ganz sicher, was warum pädagogisch verändert werden sollte. Deshalb fassten wir ihre Einwände positiv auf, denn sie zwangen uns nochmals nachzudenken. Im Herbst 2009 waren wir dann soweit mit der Erarbeitung fertig, das nächste Ziel sollte die Erprobungsphase und der Feinschliff bis zum Sommer 2010 sein. Stand in der Praxis 2010: Wir haben sehr fleißig und gründlich gearbeitet, wissen, worauf es ankommt, wissen auch, dass die Rahmenbedingungen zur endgültigen Umsetzung noch angepasst/ verbessert werden müssen, sind im Rahmen des Möglichen in den Startlöchern. Ziel unsererseits erreicht. Nachricht aus der Politik: „Schön, dass ihr das alles auf euch genommen habt, aber so verbindlich war das dann doch nicht gemeint!" Ich erkundigte mich wirklich mehrmals und sehr genau, ob diese aktuelle Botschaft allen Ernstes so gemeint ist, denn ich konnte das nicht glauben. Da setzt man alle Hebel in Bewegung, investiert viel Geld für die Umsetzung und nimmt am Schluss die Verbindlichkeit zurück, die Verpflichtung heraus. Unglaublich!

Frust und Enttäuschung bei allen Betroffenen in der Praxis ist wohl zu schwach ausgedrückt. Ärger, Wut, Unverständnis sind treffender. Und ich stehe als Leitungskraft da und kann nichts entgegensetzen. Man hat uns viel, sehr viel zugemutet und lässt uns jetzt irgendwie kurz vor dem Ziel stehen. Natürlich hat die fachliche Auseinandersetzung das Ihrige zur Weiterentwicklung beigetragen, natürlich profitieren die Kinder von unseren vielen Überlegungen und neuen Impulsen, natürlich schätzen die Eltern, dass wir uns so bemüht haben, eine aktuelle Pädagogik auf die Beine zu stellen, natürlich wertschätzt dies auch der Träger.

Aber irgendwie bleibt ein bitterer Nachgeschmack und die Erkenntnis, wir haben unsere Arbeit getan, jetzt gilt es an anderer Stelle, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit nicht alles umsonst war.

Ich denke, ich spreche nicht nur für unsere Einrichtung, wenn ich behaupte, dass im Moment in vielen Einrichtungen landauf und landab Kopfschütteln und Stillstand herrschen. Wenn es nicht bald einen neuen Schub gibt, der die erreichte und anvisierte Qualität nachhaltig sichert, so wird es Rückschritte geben. Einmal mehr hätte die Frühpädagogik verloren. Armes Deutschland!

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