Kindzentriert eingewöhnen: Das beste Modell gibt es nicht

Starre Vorstellungen von Bindung und Modelle, die auf festgelegten Abläufen basieren, berücksichtigen nicht die individuellen Eigenheiten und diversen kulturellen Hintergründe der Kinder. Ein Plädoyer für mehr Flexibilität.

Ein Kind in schwarzweiß hält an vielen Schnüren bunte Kreise in magenta, cyan, gelb und grün, die sich überlappen.
© Yifei Fang/ GettyImages

Die Betrachtung der frühkindlichen Entwicklung ist im Gefolge der Bindungstheorie kindzentriert. Das bedeutet, das Kind steht im Mittelpunkt und alle sozialen Kontakte und Aktivitäten sollten an den Bedürfnissen, Wünschen und Präferenzen des individuellen Kindes ausgerichtet sein – und das von Anfang an. So einleuchtend das bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen mag, es enthält – mindestens – zwei problematische Implikationen. Wo bleiben die Eltern, in der Regel wahrscheinlich die Mutter, mit ihren Bedürfnissen, Wünschen, Präferenzen? Es ist unwahrscheinlich, dass diese genau dieselben sind, die für das Baby angenommen werden. In der bindungspsychologischen Literatur wird die Mutter, die ihre Bedürfnisse auch wahrnimmt, pathologisiert (zum Beispiel in den Ainsworth’schen Sensitivitätsskalen). Eine belgische Forschungsgruppe1 hat mit dem Konzept des parental burnout jedoch gezeigt, dass eine Mutter, die alle ihre Bedürfnisse hintanstellt und sich nur auf das Baby konzentriert, krank werden kann. Sich selbst aufzugeben, ist keine gesunde Option.

Unterschiedliche Kinder – gleiche Bedürfnisse?

Weiterhin werden Bedürfnisse, Wünsche und Präferenzen des Babys nicht individuell sondiert und definiert, sondern uniform postuliert – wiederum auf der Grundlage der Bindungstheorie. Es wird zum Beispiel vorausgesetzt, dass Babys in erster Linie mit Erwachsenen kommunizieren möchten, dass nur Erwachsene die Bedürfnisse von Babys erfüllen können, dass das Kommunikationsformat exklusiv dyadisch sein soll, dass Babys mit mehreren Sozialpartner:innen überfordert sind, dass der soziale Austausch im Wesentlichen über die Gesichtssinne (distal, Blickkontakt, Sprache) stattfinden soll, dass Babys mit Spielzeug kognitiv stimuliert werden möchten und vieles andere mehr. Da sind zahlreiche implizite Vorannahmen enthalten, die in einem bestimmten Menschenbild und einer bestimmten Kultur verankert sind. Menschen sind aber vielfältig, von Anfang an, und haben unterschiedliche Bedürfnisse. Hier spielen neben individuellen Unterschieden wie dem Temperament, dem Bedürfnis nach Ruhe und Stimulation, also dem Aktivitätsniveau, kulturelle Unterschiede eine große Rolle.
Das bedeutet, die Kindzentriertheit ist eigentlich eine Fiktion, eine Ideologie, die in der Praxis überhaupt nicht realisiert wird. Wie würde wirkliche Kindzentriertheit in der Kita und der pädagogischen Arbeit aussehen? Dazu ist die Einhaltung einiger grundlegender Prinzipien notwendig.

Anders zu sein, ist kein Defizit

Vielfalt ist die menschliche conditio sine qua non – Vielfalt ist die Grundbedingung menschlichen Lebens. Ohne genetische Vielfalt wäre die Menschheit längst ausgestorben. Psychologische und Verhaltensvielfalt sind notwendig, um flexibel auf kontextuelle Erfordernisse reagieren zu können. Vielfalt leben bedeutet die Koexistenz unterschiedlicher Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Vorstellungen zu deren Erfüllung. Das führt gleich zu dem nächsten Prinzip: Anders zu sein, ist kein Defizit. Der pädagogischen Arbeit (und vielen anderen Anwendungsbereichen, wie zum Beispiel dem Sorgerecht) liegt eine grundsätzlich normative Haltung zugrunde – die Vorstellung, es gäbe eine richtige oder beste Strategie, und alles, was davon abweicht, sei ein Defizit. Diese Haltung ist (leider) weit verbreitet. Sie wird inzwischen von vielen Akteur:innen als epistemische Gewalt interpretiert. Das bedeutet, die Abwertung bestimmter Haltungen und Strategien per se stellt einen Akt der Gewalt dar.2
Dieses Prinzip beinhaltet wiederum, dass es nicht eine Strategie geben kann, die für alle das Beste darstellt. Die Ideologie des „one size fits all“ ist der Realisierung und Anerkennung von Vielfalt nicht zuträglich und kann in diesem Sinne auch nicht kindzentriert sein.

Starre Modelle passen nicht für vielfältige Kinder

Was bedeuten diese Überlegungen für den Übergang in die Kita? Betrachten wir zunächst einmal die gegenwärtige Situation, die natürlich ebenfalls komplexer ist, als sie hier in der Kürze skizziert werden kann.
Das dominante Modell zur Gestaltung des Übergangs in die Kita in Deutschland ist das Berliner Modell3 . Dieses ist auf bindungstheoretischen Annahmen aufgebaut: Ein Kind wird in Anwesenheit der familiären Bezugsperson mit einer erwachsenen Bezugsperson in der Kita vertraut gemacht und so an die Institution und die anderen Kinder gewöhnt. Die Autor:innen dieses Modells fordern, dass dessen definierte Sequenzen genau eingehalten werden sollen. Das ist in der Praxis natürlich nicht der Fall, sodass es eine erhebliche Bandbreite an Versionen des Berliner Modells gibt. Mit Sicherheit wird aber eine Vorgehensweise vorgegeben, die nicht auf das einzelne Kind abgestimmt sein kann oder gar von diesem definiert wird. Die Vielfalt von Familien und die Erfahrungen, die Kinder in ihrem sozialen Umfeld machen, werden nicht berücksichtigt. Die Bindungstheorie und die davon abgeleiteten praktischen Umsetzungen sind an dem Familienmodell der westlichen Mittelschicht orientiert, das beispielsweise davon ausgeht, dass Kinder im familiären Alltag wenig Erfahrungen mit anderen Kindern machen. In einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft kommen aber viele Kinder in die Kita, die es nicht gewohnt sind, viel Zeit mit Erwachsenen zu verbringen – erst recht nicht alleine mit ihnen.

Kulturelle Unterschiede bei Bezugspersonen

Besonders in ländlich-bäuerlichen Kontexten der nicht westlichen Welt, wo Großfamilien mit vielen Mitgliedern zusammenleben und -arbeiten, gibt es völlig andere Vorstellungen und Praktiken der kindlichen Sozialisation und Erziehung. Kinder aus diesen Familien werden oft von mehreren Personen betreut, die feste Funktionen erfüllen oder aber variabel, austauschbar sind. Häufig haben sie ältere Kinder wie Geschwister als Hauptbezugspersonen. Kinder kommunizieren untereinander anders als mit Erwachsenen: Ihre Interaktionen sind oft direkter und weniger strukturiert, während der verbale Austausch mit Erwachsenen seltener und stärker hierarchisch geprägt ist. 4
Natürlich ist ein solcher Erfahrungshintergrund eine andere Ausgangsbasis für die Eingewöhnung in die Kita als das, was ein Kind aus einer urbanen Mittelschichtfamilie mitbringt. Kinder, die einen solchen multisozialen Hintergrund haben, fühlen sich vermutlich äußerst unbehaglich, wenn sie allein mit Erwachsenen sind – und das noch in einem geschlossenen Raum. Da sich das Leben in der Herkunftskultur weitgehend im Freien abspielt, ist dies für sie zusätzlich ungewohnt. Auf der anderen Seite haben diese Kinder wenig Probleme, mit anderen Kindern in Kontakt zu kommen und sich schnell in Gruppen zu integrieren. Kindzentriert bedeutet in diesem Zusammenhang, dass im Vorfeld der Übergangssituation Gespräche mit der Familie des Kindes stattfinden, bei denen der Lebens- und Erfahrungshintergrund des Kindes exploriert und mit der Familie gemeinsam eine Strategie festgelegt wird. Das mag vielleicht nach einem ziemlichen Zeitaufwand klingen, ist aber im Endeffekt weniger aufwendig, als ein System durchzusetzen, das bei vielen Familien auf Ablehnung stößt, wie Berichte aus der Praxis immer wieder zeigen. Das bedeutet, dass die Kita-Pädagogik mehr auf Individualität als auf allgemeine Vorgaben setzen sollte.

Flexible Ansätze sind gefragt

In diesem Zusammenhang stellen Ansätze einen Fortschritt dar, bei denen mehrere Kinder gleichzeitig eingewöhnt werden  – Eingewöhnung in der Peer heißt, dass mehrere Kinder mit mehreren Erwachsenen zusammen sind, was eine deutliche Entspannung nach sich ziehen kann. Zudem können sich so Familien kennenlernen und möglicherweise Netzwerke aufbauen. Allerdings sollte auch hier nicht auf der Anwesenheit bestimmter Personen, zum Beispiel der Mutter, bestanden werden, sondern der Fluidität und Flexibilität der jeweiligen familiären Situation Rechnung getragen werden.
In diesem Zusammenhang muss die Defizitorientierung nochmals erwähnt werden. Eltern mit an - deren Erziehungsvorstellungen und Praktiken, als Erzieher:innen für gut befinden, wird häufig mehr oder weniger direkt mitgeteilt, dass das, was sie tun, nicht gut für ihr Kind sei. Das ist natürlich übergriffig, denn alle Familien möchten das Beste für ihre Kinder, solange nicht erhebliche Beeinträchtigungen vorliegen. Hier wird also ungerechtfertigt eine Abwertung vorgenommen, die inhaltlich überhaupt nicht gerechtfertigt ist. Auch das Argument, dass zugewanderte Familien sich nun an die neue Kultur anpassen müssten, ist viel zu kurz gegriffen. Sich an eine neue Kultur anzupassen, bedeutet in keiner Weise, dass man die Herkunftskultur aufgeben sollte. Ganz im Gegenteil, der Erhalt der Familienkultur und der Sprache sind förderlich für die Integration. 5 Menschen können mehrere kulturelle Scripts besitzen und flexibel damit umgehen, eben - so wie Menschen mehrere Sprachen beherrschen und diese flexibel einsetzen können. Integration ist keine Einbahnstraße, die Institution muss eben - falls in der Lage sein, flexibel zu handeln. Dazu gehört auch, nicht auf einer Eingewöhnungsstrategie zu bestehen, die nicht einmal das ist, was sie vorgibt zu sein: kindzentriert.

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