Leuchtende Meerjungfrau und rauchende SonneEinblicke in eine Laternenwerkstatt

Draht wird um Zeitungspapier gewickelt und die Form dann ins Feuer gelegt: Ein Laternenkörper entsteht. In einem kreativen Herstellungsprozess eignen sich die Kinder gemeinsam eine außergewöhnliche Technik an und verwirklichen ihre Ideen.

Leuchtende Meerjungfrau und rauchende Sonne: Einblicke in eine Laternenwerkstatt
© Kinderhaus Paramecium, Köln

Im Kinderhaus „Paramecium“ hat das individuelle Laternengestalten Tradition. Jedes Kind macht sich Gedanken zur Laterne und äußert seine Ideen und Wünsche, die wir genauso aufschreiben. Im Dialog konkretisiert sich die Idee und verdichtet sich zu einem Thema. Eine Skizze entsteht. Zoah: „Ich möchte eine Meerjungfrau!“ – Ole: „Und ich mach eine Sonne.“ Gemeinsam mit den zukünftigen Schulkindern richten wir im Forscherraum eine Laternenwerkstatt ein, in der wir uns wöchentlich treffen. Damit die Kinder ihre Ideen verwirklichen können, verknüpfen wir verschiedene Funktionsbereiche und nutzen auch das Atelier mit seinen Möglichkeiten wie der Werkbank und den offenen Materialkisten.

Fasziniert von Feuer

Einige der älteren Kinder haben sich schon länger mit dem faszinierenden Element Feuer beschäftigt. In einer Projektgruppe entzündeten sie im Außengelände in einem Metallkorb selbst ein Feuer: „Ich hab das Feuer getrocknet.“ – „Ich habe das Feuer verbrannt.“ – „Das Feuer spritzt.“ Die Kinder waren begeistert und verabredeten sich im Atelier, um das Erlebte zu skizzieren, mit Ton zu gestalten und mit den Farben Rot, Orange und Gelb auszudrücken. Ihre Begeisterung tragen sie auch noch ein Jahr später in die Vorschulgruppe. Uns war klar, dass wir das Interesse der Kinder weiter „befeuern“ wollten. Eine Kollegin besuchte zu der Zeit eine Weiterbildung zur Fachkraft für Reggio-Pädagogik und brachte den Impuls ein, „Feuerdrahtlaternen“ herzustellen. „Kinder lernen in Projekten, ihre besonderen Interessen zu entdecken, auszudrücken, in der Kleingruppe auszugleichen und weiterzuentwickeln.“ Diesem Zitat von Loris Malaguzzi folgen wir. Nicht wissend, was uns erwartete, gingen wir gespannt an die prozessorientierte Arbeit.

Papier knüllen, formen und umwickeln

Im Karton lag eine Menge Draht. Sarah stellte die Technik anhand eines Drahtkörpers noch einmal vor. Sebastian: „Wie sollen wir das denn machen?“ – Felix T.: „Ja, das ist doch ganz einfach!“ – Felix S.: „Und wo ist meine Laterne?“ – Frederic: „Erst brauchst du Zeitung, und wenn das dick genug ist, musst du den Draht dann immer und immer drum herumwickeln.“ Eifrig wurde Zeitungspapier geknüllt und geformt. Die Kinder hatten eine genaue Vorstellung davon, wie sie vorgehen wollten. Lori gab Laurenz einen Tipp: „Nein, das ist noch nicht dick genug.“ Auch Laurenz arbeitete an filigranen Sonnenstrahlen. Beim Papierzwirbeln merkte er, dass es anstrengend wurde: „Puh, wann ist die denn fertig?“ – Sophia: „Erst, wenn alles verbrannt ist“ – Philippa: „Ja, aber zuerst musst du die Zeitungen fertig gewickelt haben, dann den Draht, dann erst in Feuer und fertig ist deine Laterne.“ – Laurenz: „O.K, ja, die Sonnenstrahlen sind fertig, jetzt mach ich den Draht.“
Die Kinder wickelten und wickelten motiviert die Drahtrollen um ihren Laternenkörper. Ihre Skizze nahm Form an. Die Vorfreude auf das Anzünden der Laternen wurde größer. Als es so weit war, bereiteten wir mit den Kindern die Feuerschale im Außengelände vor und befüllten sie mit Holz und Zeitungspapier. Die Kinder versammelten sich mit etwas Abstand um die Schale und waren ganz still vor Aufregung. Sie lauschten den Geräuschen, die das Feuer machte. Mit Staunen beobachteten sie, wie es immer größer wurde.
Sebastian legte als Erster seine Sonne in den Korb. Das Zeitungspapier verfärbte sich schwarz. Wir nahmen die Laterne heraus und schleuderten sie mit Sicherheitsabstand am langen Griff durch die Luft, damit ein großer Teil des Papiers herausfiel.
Zum Abkühlen wurde sie in einen Eimer mit Wasser getaucht. Es zischte. Einige Kinder reagierten überrascht, dann lachten sie begeistert. Frederic: „Wir haben die Laternen ins Feuer gelegt.“
Felix T.: „Wir haben erst mal geklopft, geschüttelt und dann ins Wasser gelegt.“
Laurenz: „Wir mussten die Kohle vom ersten Mal in eine Tüte tun, weil das Holz ja schon verkohlt ist.“
Frederic: „Wir hatten Holz genommen und dann haben wir Feuer gemacht.“
Sophia: „Wir haben noch das Feuer mit Wasser gespült.“
Es war ein unglaublich spannendes Erlebnis. Die Kinder hielten ihre noch rauchenden Laternen stolz an der Drahtbefestigung fest und wedelten sie hin und her.
Sebas: „Wow!“ – Zoha: „Das ist toll!“ – Freddy: „Wann können wir denn weitermachen?“ – Sophia: „Wenn es nicht mehr so heiß ist.“

Den Drahtkörper schmücken

Die Kinder können es kaum erwarten. Frederic: „Eine Woche ist aber lang.“ Endlich waren die Laternen ausgekühlt, gesäubert und fertig zum Dekorieren. Voller Tatendrang hatten die Kinder mitgeholfen, den Forscherraum mit Materialien aus dem Atelier auszustatten. Alle wählten die Materialien nach ihren Vorstellungen aus und bedienten sich selbstständig aus der großen Auswahl. Pfeifenputzer, Federn, Perlen, Schmucksteine, Wolle und vieles mehr wurden angebracht. Im freien Gestalten lernten die Kinder vielfältige Materialien und Gestaltungstechniken kennen. Sie erhielten dadurch die Möglichkeit, sich individuell auszudrücken. Jede Laterne wurde ein Unikat.
Die Kinder kennen den Freiraum, den sie im Gestaltungsprozess haben. Gerade bei diesen besonderen Laternen genossen sie ihn sehr. Sie gaben sich gegenseitig Tipps und Anregungen. Das Lernen in der Gemeinschaft zog sich durch jeden Schritt des Gestaltungsprozesses. Bei der Arbeit an den Feuerdrahtlaternen konnten wir deutlich erkennen und erleben, dass Kinder im aktiven Austausch vieles über sich und von anderen lernen. Durch Anregungen, individuelle Erkundungen und gemeinsames Reflektieren erweitert das Kind seinen Horizont. Ko-Konstruktion beschreibt diesen Bildungs- und Lernprozess. Es geht um das gemeinsame Erarbeiten von Inhalten und auch darum, verschiedene Perspektiven kennenzulernen und gemeinsam Probleme zu lösen. Das Leuchtmittel war diesmal kein Laternenstab mit einer Glühbirne, sondern eine Lichterkette mit vielen kleinen Leuchten. Sie bildeten den Abschluss der Arbeit an der Feuerdrahtlaterne. Die Kinder aus der Waldgruppe sammelten Äste, an denen wir die Laternen mit Draht befestigen konnten. Leider war es zu hell, um das Leuchten zu erkennen. Also gingen wir mit den Laternen in den Keller, um sie im Dunkeln leuchten zu sehen. Die Lichter erfüllten den Raum mit einer ganz besonderen Atmosphäre.
Zum Schluss wurde jede*r Konstrukteur*in mit ihrem/seinem Unikat porträtiert. Die Kinder zeigten Wertschätzung für die Laternen der anderen. Während unserer Arbeit dokumentierten „sprechende Wände“ den Entstehungsprozess. Anhand von Fotos und passenden Zitaten konnten alle am Entstehungsprozess teilhaben – sowohl die anderen Kinder als auch die Eltern und Pädagog*innen. Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr!

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