Erziehung in China– Wissenswertes und spannende Einblicke

Wir akzeptieren hierzulande China als Wirtschaftsmacht, haben aber in der Mehrheit - verständlicherweise - wenig realistische Vorstellungen vom Leben in diesem riesigen Land. Frau Prof. Zimmer gibt Eindrücke und Erfahrungen von einer umfangreichen Studienreise in verschiedenste Kitas in China wieder.

China ist ein Land im Aufbruch, ein Land, das auch unser Leben in Europa in Zukunft stark beeinflussen wird. Seine Entwicklungen sind dabei so rasant wie vielfältig.
Was wir in Europa über das staatliche Erziehungssystem wie auch das elterliche Erziehungsverhalten zu wissen meinen, bezieht sich eher auf vergangene Zeiten.
Wie aktuell sind die Bilder, die wir von der Kindererziehung in China haben? Was sollten wir von den Reformbewegungen der Kindergärten dieses großen Landes unbedingt zur Kenntnis nehmen?

Chinesischen Eltern ist die Bildung ihrer Kinder überaus wichtig

Durch die Ein-Kind-Politik im Jahr 1979 sind Kinder der Mittelpunkt des familiären Geschehens. Das führt dazu, dass der Bildungskarriere der Kinder von den chinesischen Eltern von Anfang an viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die chinesische Regierung baut die Versorgung mit Kindergartenplätzen mit dem Ziel aus, dass für jedes Kind ab drei Jahren ein Kindergartenplatz zur Verfügung steht - das bedeutet, rund 130 Millionen Kindern unter 6 Jahren den Besuch einer Krippe oder eines Kindergartens zu ermöglichen. Eine Riesenaufgabe, die allein mit den staatlichen Kindergärten nicht zu schaffen ist. Deswegen gibt es in China eine große Anzahl von privaten Kindergärten, die zwar auch staatliche Zuschüsse erhalten, aber dennoch von den Eltern einen hohen Beitrag fordern.

Frühpädagogische Einrichtungen sind vielfältig anders

Die Besuche in höchst unterschiedlichen Einrichtungen in verschiedenen Provinzen ergaben nicht nur differenzierte Einblicke, sondern ließen uns europäische Gäste auch manches Vorurteil revidieren. Zunächst staunten wir, dass es durchaus staatliche Kindergärten gibt, die ein vorzeigbares pädagogisches Konzept verfolgen und dabei das Kind und seine kreativen Fähigkeiten, seine Lust am Spiel und die sich daraus ergebenden vielfältigen Lernsituationen - ohne Drill und Kommando - im Blick behalten. Und das in Einrichtungen mit bis zu 300 Kindern. Drei Beispiele:

1. Ein Kindergarten in der Hauptstadt Hangzhou

Von 7.30 Uhr bis 16.00 Uhr (zwei weitere Stunden nach Bedarf) werden dort 300 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren in neun Gruppen betreut. Die Außenspielfläche ist klein, da der Kindergarten in der Innenstadt liegt. Am Eingang wachen zwei Sicherheitskräfte darüber, dass niemand Unbefugtes in das Gebäude hinein-, aber auch nicht herauskommt.
Auf der Dachterrasse spielen die Kinder Ball. Sie üben das Prellen mit Spaß, aber auch unter Anleitung von zwei Erzieherinnen, die ihnen technische Details beibringen wollen. Eine Gruppe von Kindern organisiert selbst Torschießen; der Ball soll zwischen zwei auf dem Boden aufgestellten Konservendosen hindurch.
In einem der kleinen Gruppenräume wird ein „Konzert“ veranstaltet - ein Orchester mit Pfannen, Frühstücksbrettern, Kochtöpfen und aus Kronkorken selbsterstellten Rasseln. Das mehrstöckige Gebäude hat viele Treppen und an jeder Treppenstufe sind - fast unauffällig - Symbole und Zeichnungen wie Bälle, Fische oder Blätter aufgemalt: vier Bälle auf der vierten Stufe, drei Bälle auf der dritten, zwei auf der zweiten - Lernen beim Treppensteigen, ganz beiläufig.
Um die Kinder optimal und alters- und entwicklungsgemäß zu fördern, werden sie ihrem Alter entsprechend in Gruppen eingeteilt. In allen Altersgruppen wird einfaches sprachliches und rechnerisches Können vermittelt. Auch das Erlernen der rund 6.000 (!) chinesischen Schriftzeichen wird geübt. Musische und körperliche Betätigung ist für alle Kinder Pflicht.
Die Leiterin des Kindergartens, Frau Cai Wie Lian, betont, wie wichtig ihr und ihrem Team die soziale Erziehung der Kinder in der Gemeinschaft sei: „Die Kinder haben keine Geschwister zu Hause, deswegen ist es eines der höchsten Ziele unseres pädagogischen Konzeptes, das friedliche Miteinander, das Aushandeln von Kompromissen bei auftretenden Konflikten, die Rücksichtnahme zu fördern.“

Der Eindruck, den die Einrichtung bei uns hinterlassen hat: Es waren fröhliche, lachende Kinder, die neugierig und offen ihren Spaß am Lernen und Zusammenleben haben. Trotz des Anspruchs an Lernen und Üben, der unübersehbar in der Tagesstruktur und den Angeboten vorhanden war, gab es nichts Uniformiertes, nichts Militärisches, nichts Standardisiertes. Dies hatte aus meiner Sicht aber auch etwas mit der Beziehung der Pädagoginnen zu den Kindern zu tun, mit ihrer Haltung zu den Kindern und zum Lernen.

2. Ein Landkindergarten namens Hongtqi (= rote Flagge) in der Provinz Anuhi

Am Eingang des Kindergartens steht eine Tafel mit Zahlen: 43, 43/42, 58. Es ist die Anzahl der Kinder, die den Kindergarten besuchen. 43 dreijährige Kinder, zwei Gruppen mit jeweils 43 bzw. 42 Kindern bei den Vierjährigen, 58 bei den Fünfjährigen. Darunter - mit Kreide geschrieben - die Zahl derer, die heute da sind. Es fehlt nur ein einziges Kind, eines von 186. Die Eltern (meist leben sie von der Landwirtschaft) bringen die Kinder früh um 7 Uhr in den Kindergarten. Sie nehmen den Besuch der Kinder in der Kita sehr ernst.
In den vier Gruppenräumen ist es eng. Es geht laut zu. In einer Ecke steht ein Kassettenrekorder, zu dessen Musik eine Gruppe von fünf Kindern singt und bunte Tücher schwingt. In einem winzigen, offenen Nebenraum machen die Kinder selbst Musik. Andere Kinder lachen, sprechen miteinander, schauen konzentriert auf ihre gefalteten Papierflieger, lassen sie quer durch den Raum fliegen. Sie sind ganz bei der Sache - auch wenn diese bei jedem eine andere ist. Der Lärmpegel ist beachtlich. Die Kinder scheinen sich jedoch weder an der Reizvielfalt noch an der Enge zu stören. An großen Gruppentischen stehen oder sitzen jeweils sieben bis acht Kinder, die sehr konzentriert ihren Tätigkeiten nachgehen. Jeder Tisch hat ein anderes Thema, dem sich die Kinder freiwillig zuordnen können: Samenkörner auf ein Blatt zu einer Collage kleben, mit Zahlenkärtchen Reihen legen, Papier zu Fliegern falten und mit Bambusringen und -klötzen Bauwerke errichten.
Drei Stunden am Vormittag haben die Kinder Unterricht. So nennen es die Erzieherinnen, obwohl es doch noch nicht Schule ist. Die ersten zwei Stunden sind für alle Kinder gemeinsam: sprachliche Bildung, Musik oder Bewegung. Danach erfolgt eine Stunde individuelle Betätigung, bei der jedes Kind den eigenen Spielbedürfnissen nachgehen kann.
Um 11 Uhr gibt es Mittagessen, das von eigenen Küchenkräften in der eigenen Küche zubereitet wird. Die Kinder haben aus hygienischen Gründen keinen Zugang zur Küche. Das Essen wird in kleinen Schalen ausgegeben: Reis, mit einer Auflage aus Gemüse und Fleisch. Die kleineren Kinder essen mit dem Löffel, die größeren versuchen sich schon mit Stäbchen. Während des Essens sind die Kinder auffallend still. Damit sie in Ruhe aufessen können und sich nicht verschlucken, erläutert die Leiterin des Kindergartens.
Disziplin ist auch bei den Betätigungen der Kinder zu spüren. In einem Gruppenraum von knapp 50 Quadratmetern bleibt jedem Kind gerade mal ein Quadratmeter Platz. Es gibt erstaunlich wenig Geschubse und Gedränge. Auf kleinstem Raum beschäftigen sich die Kinder mit dem bereitliegenden Material.
Nach dem Mittagessen ist eine halbe Stunde für freies Spielen und Bewegung vorgesehen. Dies allerdings unter Einschränkung, denn ein schmaler Balkon vor einem der Gruppenräume ist in diesem Kindergarten die einzige Bewegungsfläche. Dann geht es für zwei Stunden zur Mittagsruhe für alle Altersstufen. Zehn Stunden Schlaf sollte ein Kind haben, heißt es in den offiziellen Bestimmungen und nach der allgemeinen Überzeugung der Chinesen.
Am Nachmittag ist das Programm frei, die Kinder sind draußen auf dem (kleinen) Außengelände oder spielen im Gruppenraum.

3. Ein Elite-Kindergarten namens Huangshan Yuca (= Elite heranbilden)

2007 neu errichtet hat dieser Kindergarten Platz für 240 Kinder, die in sieben Gruppen aufgeteilt sind. Eine besondere Gruppe ist die Montessori-Gruppe. Sie hat nur 25 Kinder, ist ausgestattet mit Montessori- Materialien und verfügt über eine großzügige Raumgestaltung. Die Gebühren des Kindergartens sind hoch; für die Montessori- Gruppe fallen für die Eltern zusätzliche Gebühren an.
An der Wand hängt ein Foto Maria Montessoris. Was würde sie sagen, die italienische Ärztin und Pädagogin, die sich doch eigentlich als Beschützerin der Schwachen, der sozial weniger Bemittelten empfand? Sie verstand ihr Konzept nicht als Eliteförderung, vielmehr ist es aus der Arbeit mit behinderten Kindern hervorgegangen.
Am Eingang des Kindergartens hängen große Plakate, auf denen die Erziehungsziele der Einrichtung aufgeschrieben sind - im kognitiven, emotionalen und sozialen Bereich. Auch in der Motorik: Was sollte ein Kind mit vier Jahren können? Auf einem Bein stehen, rückwärtsgehen, seitwärtsgehen und -laufen, einen Ball über einen Meter werfen… Die Eltern sollen informiert werden, was in welchem Alter erreicht werden kann - damit soll aber auch Unter- wie auch Überforderung des Kindes vermieden werden.
Manche Kinder haben auf der Stirn einen roten Punkt. Was das bedeutet? Es ist eine Auszeichnung, wenn sie eine Aufgabe ganz besonders gut gelöst haben. Private Kindergärten, die den Anspruch erheben, ein Elitekindergarten zu sein, fordern für die Aufnahme eines Kindes erheblich höhere Gebühren als die staatlichen Einrichtungen.

Und wie steht es mit der Ausbildung der Erzieherinnen in China?
Gemäß der Bedeutung der Frühpädagogik wird auch auf die Ausbildung der Erzieherinnen großer Wert gelegt.
Das „Hangzhou Institut für Frühpädagogik“ ist ein eigenständiges Institut der Zhejiang Normal Universität. 2.500 Studenten der Frühpädagogik absolvieren einen vierjährigen Studiengang. Voraussetzung ist das Abitur. Vor ihrer Aufnahme durchlaufen sie eine strenge Prüfung: Dazu gehört ein Vorstellungsgespräch, schriftlich werden ihre Chinesisch- und Englischkenntnisse, ebenso mathematische und kulturelle Kenntnisse überprüft. Und dann kommt auch noch eine praktische Prüfung, z.B. in Musik: ob sie einen Rhythmus erkennen, eine Melodie heraushören, ein Lied nachsingen können. Pflicht im Studium ist dann auch das Klavierspielen, ein weiteres Instrument können sie frei wählen.

Chinesische Frühpädagogen schauen über den Tellerrand

China ist eine Weltmacht mit vielen Widersprüchen, aber der durchgehenden Überzeugung, dass sie der kommenden Generation die bestmöglichen Bildungschancen mit auf den Weg geben will und muss. Und in China weiß man ganz genau, dass die ersten Lebensjahre die entscheidenden sind.
In den Achtzigerjahren wurde von der nationalen Bildungskommission eine sogenannte „Kindergartenordnung“ herausgegeben, die einen neuen Geist einer welt- und zukunftsorientierten Kindererziehung widerspiegelt. Darin heißt es, dass den Kindern Eigenaktivität zugestanden werden sollte, dass das Spiel eine zentrale Lernform sei und dass Erziehungs- und Bildungsprozesse alltagsbezogen gestaltet werden sollten.
Chinesische Frühpädagogen betrachten die eigene herkömmliche Art des „Unterrichtens“ durchaus selbstkritisch: „Bei uns wird noch zu viel auf das Kind eingewirkt, es wird angeleitet, anstatt es zum eigenen Handeln und Entscheiden zu befähigen“, meint Prof. Qin Jinliang, der Leiter des Instituts für Frühpädagogik in Hangzhou, der gleichzeitig auch der Vorsitzende der Bildungskommission für Kindergärten in China ist. Er hat sich auf den Weg gemacht und frühpädagogische Forschungseinrichtungen in Deutschland kontaktiert. „Ich bin erstaunt, wie viel Selbstständigkeit den Kindern hier zugetraut wird“, sagt er nach dem Besuch deutscher Kindergärten und des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung. Chinesische Frühpädagogen orientieren sich auch in Europa und den USA an neuen pädagogischen Konzepten und nehmen auf, was aus pädagogischer, lern- und entwicklungspsychologischer Sicht für die Bildung und Entwicklung von Kindern wichtig ist.

Aus der Tradition in die Moderne - ein langer Weg

Das auf Konfuzius zurückgehende, noch vor einigen Jahren stark verbreitete Prinzip der kollektiven Anleitung der Kinder, des Vormachens und Imitierens, ist auf dem Weg, einer neuen Kultur der Förderung von Selbstständigkeit, individueller Begabungen und des sozialen Miteinanders zu weichen.
Die bisherige Lehrerzentrierung und die Fokussierung auf den Erwerb von Wissen und Fertigkeiten rücken zugunsten einer stärkeren Kindzentrierung in den Hintergrund.
Die Umsetzung in die Praxis wird aber sicher noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Das atemberaubende Tempo, in dem sich der wirtschaftliche und auch der politische Wandel in China vollziehen, lässt sich nicht ohne Weiteres auch auf die Erziehungs- und Bildungsinstitutionen übertragen. Hier spielen Einstellungen, Werthaltungen, kulturelle und religiöse Prägungen eine große Rolle, die nicht so schnell veränderbar sind wie eine Handelsbeziehung. Trotzdem sollten wir in der westlichen Welt wahrnehmen, dass es ein hohes Interesse an neuen Formen der Erziehung und dem Dialog daran gibt.
Es lohnt sich, über die eigenen Bedingungen und landesspezifisch gewachsenen traditionellen Strukturen hinauszublicken und zu sehen welche Wege der Frühpädagogik in anderen Ländern und Kulturen begangen werden. Das machen uns die Chinesen vor.
Wer sich neugierig darauf einlässt, kann staunen und davon lernen.

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