Jakobsweg für die Seele – Exerzitien im Alltag

Hinweis: Der Jakobsweg für die Seele ist ein Konzept zur Umsetzung in der Gemeinde bzw. in kleineren Gruppen. Es ist ein Angebot, das z.B. als Exerzitien im Alltag in der Fastenzeit durchgeführt werden kann oder auch als Vorbereitung einer Gruppe auf eine tatsächliche Pilgerreise auf dem Jakobsweg in Spanien. Es kann aber auch als begleitendes Angebot für die »Daheimgebliebenen« genommen werden, die auf diese Weise ein Stück des Weges mitgehen. Die einzelnen Stationen haben die Dauer von ca. 45-60 min.

1. Station: Der Aufbruch. Wie wenig brauche ich zum Leben?

Einstieg: Geschichte vom Weg

Marie stand in ihrer leer geräumten Wohnung. Einige Umzugskisten stapelten sich noch im Flur, doch auch die verschwanden Stück für Stück. An der Wohnzimmerwand stand der blaue Wanderrucksack, der ihr plötzlich winzig klein vorkam in dem riesigen, leeren Raum. Ihr bisheriges Leben füllte den ganzen großen LKW, der vor der Tür stand. Ihr Leben der nächsten drei Monate musste mit diesem kleinen Häuflein auskommen. Der Rucksack würde ihr Schneckenhaus sein. Alles andere musste der Weg ihr geben. Eine Unterkunft am Abend. Etwas zu essen. Gefährtinnen und Gefährten. Ein Rucksack, zwölf Kilo schwer. Mehr sollte es nicht mehr zum Leben brauchen. Das machte Marie plötzlich Angst. Doch hinter der Angst spürte sie noch etwas viel Stärkeres. Ein Gefühl von Freiheit. Ein Gefühl von Aufbruch - echtem inneren Aufbruch. 12 Kilo. Statt 7,5 Tonnen. Was für eine Erleichterung!

Aktion: Ich packe meinen Rucksack

Vorbereiten: Kopiervorlagen »Rucksack« und »Lagerbox« in entsprechender Zahl vervielfältigen, dazu Stifte.

Marie bricht auf, doch weiß sie auch, dass dieser Aufbruch kein wirklich radikaler ist. Das Umzugsunternehmen wird ihr Hab und Gut einlagern, nach den drei Monaten wird sie eine neue Wohnung beziehen. Nichts wird verloren gehen.

Aber: Wie wäre es, wenn wir unseren Besitz tatsächlich auf die Größe eines Rucksacks reduzieren müssten? Was brauche ich wirklich zum Leben?

Ich lade Sie ein, einmal innerlich einen solchen Aufbruch zu wagen. Um die Dramatik ein wenig zu entschärfen, wollen wir auch uns die Möglichkeit einer Zwischenlagerung zugestehen. Doch dieses Lager ist klein. Nicht mehr als zehn Gegenstände passen hinein.

Sie haben zwei Blätter, eines für den Rucksack und eines für das Lager. Gehen Sie nun in Stille Raum für Raum in Ihrer Wohnung durch. Gegenstand für Gegenstand. Was kommt mit auf die Reise? Was wird gelagert? Und von was könnten Sie sich für immer verabschieden, wenn es um die Frage geht: Was brauche ich wirklich zum Leben?

Lassen Sie sich Zeit dafür.

10-15 Min Stille

Austausch

In Kleingruppen oder in der gesamten Gruppe, wenn diese nicht so groß ist: Was ist wo gelandet? Welche Erfahrung habe ich gemacht? Welche Erkenntnis gewonnen?

Bibel-Lesung: Mk 6,7-13

Bibel-Teilen

Anleitung: Alle erhalten eine Kopie der Bibelstelle. Nachdem der Text einmal vorgelesen wurde, haben alle Zeit, ihn für sich noch einmal durchzugehen und ein Wort oder einen Satz / einen Satzteil zu unterstreichen, das / der sie in besonderer Weise angesprochen hat. Wenn alle damit fertig sind, gibt es eine Anhörrunde, d.h. wer mag, liest die unterstrichene Stelle vor und sagt einige wenige Sätze darüber, welche Bedeutung dies für ihr / sein persönliches Leben hat. Was sagt mir diese Bibelstelle für meinen Alltag? Die Aussagen werden weder kommentiert noch diskutiert, sie bleiben so stehen. Am Ende wird der Text noch einmal ganz vorgelesen.

Segen

Gott segne unsere Aufbrüche und Neuanfänge

Gott segne unsere Treue und unser Bleiben

Gott segne unsere Heimat und unsere Träume

Gott segne uns, so, wie wir heute vor ihm, vor ihr stehen.

Amen.

2. Station: Krisen. Was der Weg uns lehrt.

Einstieg: Geschichte vom Weg

Kurz vor dem Stadtrand von Burgos kapitulierte Hans. Seine Schienbeinmuskel brannten wie Feuer, er konnte kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen. Und an den Füßen zählte er mittlerweile stolze zehn Blasen, von denen zwei gar nicht mehr heilen wollten. Er, der erfahrene Wanderer … er verstand gar nicht, was los war! Aber klar war: Er konnte nicht mehr weiter. Keinen Schritt mehr. Bis zur nächsten Bushaltestelle noch und dann zum Krankenhaus. Was für eine Schmach.

Abends saß er mit verbundenen Füßen in der Herberge und fragte sich, ob das nun schon das Ende seiner Reise sein sollte. Er war frustriert. Plötzlich tippte ihn ein Pilger von hinten an. »Ich kann dir Blasenpflaster geben, ich brauche sie mittlerweile nicht mehr und bin froh um jedes Gramm, das ich weniger tragen muss.« Hans schaute den Fremden erstaunt an. »Ich bin Gerard, genannt ›La Tortue‹ -die Schildkröte. So nennt man mich, seit ich von Santiago auf dem Rückweg bin. Ich gehe nicht mehr als 10 Kilometer pro Tag. Ganz gemütlich. Du musst wissen: Um so länger du auf dem Weg bist, um so mehr verstehst du, dass nicht das Tempo dich voranbringt. Ich bin vor drei Monaten in Annecy, in den französischen Alpen, aufgebrochen. Meine erste große Krise hatte ich kurz vor Toulouse. Genau wie du: Muskel entzündet, Füße kaputt. So ist es doch bei dir, oder? Zu schnell gelaufen, zu viel gewollt, nicht auf den Körper gehört. 30-40 Kilometer am Tag? Ist doch kein Problem, mache ich jedes Wochenende! So dachte ich - und merkte nicht, dass Pilgern etwas anderes ist. Und dass es etwas anderes ist, jeden Tag zu wandern. Wochenlang. Monatelang. Jeden einzelnen Tag zu gehen und zu gehen. Jeden Morgen aufstehen und weitergehen. Das hältst du auf Dauer nur durch, wenn du dich vom Weg belehren lässt. Er zeigt dir dann dein Tempo. Er zeigt dir auch dein Ziel. Und deine Grenzen. Du musst lernen, ihm zuzuhören - und deine eigenen Vorstellungen von Zielen und Machbarkeiten loszulassen. Dann kommst du weit. Bis zum Ziel und wieder zurück. Und jetzt Kopf hoch. Ein paar Tage Pause -und dann geht der Weg erst richtig los.«

Aktion: Auf den inneren Weg hören

Hans hat sein eigenes Tempo noch nicht gefunden, er hängt noch zu sehr an seinen Vorstellungen davon, was machbar ist, was er zu leisten in der Lage ist. Ziele erreichen, Tempo vorgeben, erfolgreich sein -das sind die Kategorien, die er mit auf den Weg genommen hat. Und die ihm der Weg nun Stück für Stück nimmt.

Wir wollen auf unseren eigenen Lebensweg schauen. Zunächst in die Vergangenheit: Wo habe ich mich selbst überfordert, weil ich meinte, äußeren Maßstäben genügen zu müssen, Leistung zu zeigen, nur damit sie gesehen wird, Tempo zu machen, um zu beeindrucken … Wie ging es mir in diesen Zeiten? Und wie sieht es in der Gegenwart aus? Habe ich das Gefühl in »meinem Tempo« zu leben? Lassen Sie sich für diese Gedanken 10-15 Minuten Zeit.

10-15 Min Stille

Austausch

in Kleingruppen oder in der gesamten Gruppe, wenn diese nicht so groß ist: Welche Erfahrung habe ich gemacht? Welche Erkenntnis gewonnen?

Bibel-Lesung: 1 Kön 19,1-8

Bibel-Teilen

Anleitung: Siehe Abschnitt 1, Seite 118

Segen

Gott segne unser Gehen.

Gott segne unser Stehen.

Gott segne unser Streben und unser Ruhen.

Und sende uns einen Engel,

der uns ausbremst, wenn wir uns selbst überholen wollen.

So segne und behüte uns Gott

auf all unseren Wegen.

Amen.

3. Station: Gemeinschaft. Die ersten Gefährten auf dem Weg

Einstieg: Geschichte vom Weg

Marie hatte ihr Tagesziel bereits am Vormittag erreicht. Sie schaute sich den kleinen Ort an, es gab nicht viel zu sehen. In der Herberge sah sie kaum noch bekannte Gesichter. Plötzlich wusste Marie nichts mehr so recht mit sich anzufangen. Sie langweilte sich - zum ersten Mal auf dem langen Weg. Und sie vermisste die anderen. Sie vermisste sie … schrecklich. Die nette holländische Rentnerin und die beiden lustigen jungen Spanierinnen, mit denen sie in den letzten Wochen fast jede Tagesetappe gemeinsam zurückgelegt hatte. Sie waren ihr wohl mehr ans Herz gewachsen, als sie sich vorgestellt hätte. Doch sie hatte ihre Entscheidung getroffen. 40 Kilometer waren ihr zu viel. Die anderen wollten es wagen, Marie teilte die Strecke lieber in zwei Stationen. Damit waren sie ihr nun gut 25 Kilometer voraus.

Am nächsten Tag kam sie nach Leon. Die Stadt hatte viel zu bieten, die Kathedrale mit ihren unglaublichen Fenstern war ein Wunderwerk. Marie sehnte sich danach, das alles mit der alten Holländerin teilen zu können. Am Abend saß sie alleine in der kleinen Kapelle der Pilgerherberge. Sie weinte. Sie fühlte sich so allein und einsam, wie nie zuvor in ihrem Leben. Was war denn bloß los mit ihr? Wieso weinte sie um Menschen, die sie noch vor wenigen Wochen nicht einmal gekannt hatte?

Mit einem Mal erkannte Marie etwas, das ihr - der selbstbewussten Einzelkämpferin - nie bewusst geworden war: Wie wichtig menschliche Gemeinschaft war. Wie wichtig es war, Freud und Leid miteinander teilen zu können. Wie wunderbar es war, nicht alleine zu sein. Wie schön, miteinander zu gehen, zu reden und zu beten.

Am folgenden Tag machte Marie die längste Wanderung ihres Lebens. 52 Kilometer von Leon nach Astorga. 52 Kilometer - um die liebgewonnenen Menschen wieder zu treffen und gemeinsam mit ihnen den Weg weiterzugehen.

Aktion: Menschen auf meinem Weg

Vorbereiten: Kopiervorlage »Menschen«, Stifte

Im Laufe unseres Lebens begegnen uns viele Menschen. Manche begleiten uns ein kleines Stück unseres Lebensweges, stehen uns in dieser Zeit aber näher, als manch lange Bekannte. Andere kennen wir seit unserer Kindheit und sind uns treue Freunde und Freundinnen geblieben. Sie alle haben ihren Anteil an unserer Biografie. Sie haben uns vielleicht auf Wege gebracht, die wir allein nie gefunden hätten. Sie waren Lehrerinnen und Lehrer für unser Leben. Sie haben uns gebraucht. Sie haben uns beschenkt.

Wir wollen uns nun viel Zeit in Stille lassen und unser Leben noch einmal durchgehen. Wer waren sie, wer sind sie: die vielen Menschen, die unser Leben begleitet haben und begleiten? Wir wollen ihre Namen aufschreiben, sie in Gedanken betrachten und ihnen Danke sagen.

10-15 Min Stille

Austausch

in Kleingruppen oder in der gesamten Gruppe, wenn diese nicht so groß ist: Welche Erfahrung habe ich gemacht? Welche Erkenntnis gewonnen?

Bibel-Lesung: Koh 4,7-12

Bibel-Teilen

Anleitung: Siehe Abschnitt 1, Seite 118

Segen

Gott der Gemeinschaft,

segne alle Menschen, die uns in unserem Leben begleitet haben.

Gott der Sehnsucht,

segne alle Menschen, die einsam sind.

Gott der Liebe,

bleibe immer bei uns und

behüte und beschütze unsere Liebsten,

unsere Gemeinschaften und unsere Familien

Amen.

4. Station: Gipfelerlebnisse. Das Ziel ist das Ende des Weges.

Einstieg: Geschichte vom Weg

Das war nun also der Gipfel. Nun ja, ein wirklicher Gipfel sah anders aus, Hans hatte in seiner Jugend viele davon erklommen, einzig an die ganz großen und wirklich gefährlichen Alpengipfel hatte er sich nie gewagt. Und jedes Mal erinnerte er sich an das erste Mal, an den ersten Berg, den er als kleiner Junge mit seinem Vater bestiegen hatte. In buntesten Farben hatte er sich ausgemalt, wie erhebend ein sein müsste, am Gipfelkreuz zu stehen. Den Berg bezwungen! Und dann war er einfach nur enttäuscht gewesen. Ja, es war schön, ganz oben zu stehen. Doch der Blick ins Tal hatte nur eine unerbittliche Botschaft für ihn: Dein Ziel liegt dort unten, du hast gerade mal die Hälfte des Weges geschafft.

Nun stand er am Cruz de Ferro, der höchsten Stelle des Jakobsweges, und es kam nicht das kleinste Hochgefühl in ihm auf. Er hatte immerhin schon deutlich mehr als die Hälfte des Weges hinter sich gebracht, er hatte die körperliche Krise in Burgos gemeistert und war mittlerweile schmerzfrei und fit. Und er hatte sich seit Tagen auf diesen Augenblick gefreut. Und nun schmeckte der ersehnte Höhepunkt eigenartig fad. Wenn er ehrlich war, fühlte er sich eher wie am totalen Tiefpunkt seiner Reise. Hans merkte mit einem mal, wie müde und leer er war. Völlig ausgeleert, erschöpft -im wahrsten Sinn des Wortes. Und als hätte irgendetwas in ihm darauf gewartet, dass er diese Leere und Erschöpfung endlich wahrnimmt, spürte er plötzlich etwas Neues. Am Grunde der Erschöpfung sah er etwas aufblitzen. Es war, als hätte der Brunnen seiner Seele tatsächlich erst komplett austrocknen müssen, damit er den Schatz entdecken konnte, der dort am Boden auf ihn wartete. Und dann wurde die Leere mit einem Mal zur tiefen Ruhe. Und die Ruhe wurde voll. Randvoll mit einem Lebensgefühl, das er so noch nie geschmeckt hatte. Langsam begann Hans zu erahnen, welchen Reichtum der Weg noch für ihn bereit hielt.

Aktion: Gipfelkreuze

Vorbereiten: Kopiervorlage »Gipfelkreuz« in entsprechender Anzahl vervielfältigen, Stifte bereitsstellen.

Diese Erfahrung haben wir alle sicher schon einmal gemacht: Da hatten wir ein scheinbar großartiges Ziel - einen Job, den wir unbedingt wollten, eine Beförderung, ein eigenes Auto, die Reise ins Land unserer Träume, vielleicht tatsächlich auch ein Berggipfel - und als wir dann angekommen waren, stellte sich das Hochgefühl unserer vorausgegangenen Phantasien nicht ein. Der Gipfel war ganz schnell Alltag und das Leben suchte nach neuen Zielen. Und auch die andere Erfahrung kennen wir vielleicht: Etwas bringt unser Leben aus der Bahn, wir geraten in eine tiefe Krise. Wir haben das Gefühl, tief gefallen zu sein, am Tiefpunkt des Lebens zu sein. Und dann machen wir die gegenteilige Erfahrung zu den scheinbaren Gipfelerlebnissen: Im Alltag entdecken wir plötzlich Kräfte in uns, von denen wir nichts geahnt hatten. Der Verlust zeigt uns plötzlich neue Wege auf, die uns in ein ganz neues Leben führen. Wir entdecken, womöglich mühsam und unter Leiden, einen Schatz tief in uns selbst, von dem wir spüren: Der ist wertvoller als alle Autos, Häuser, Beförderungen und Weltreisen zusammen. Vielleicht ist das auch der tiefere Sinn dahinter, dass wir in Europa Kreuze auf unsere Berggipfel stellen. Ganz oben erinnert uns etwas daran, dass Gott ganz unten auf uns wartet.

Nehmen Sie sich nun Zeit, das eigene Leben nach solchen Gipfel- und Kreuzerlebnissen zu fragen. Wenn Sie wollen, können Sie diese auf dem bereitgelegten Blatt festhalten. Schreiben Sie in den Berg, welche gesteckten Ziele Sie in Ihrem Leben schon erreicht haben und spüren Sie dem noch einmal nach: Wie war das? Wie hat es sich angefühlt, dort »angekommen« zu sein. Wie wichtig ist mir das heute? Und schreiben Sie in das Kreuz die Momente im Leben, in denen Sie aus einer Krise heraus zu einem inneren Lebenshöhepunkt gefunden haben. Spüren Sie auch diesen Erinnerungen nach.

10-15 Min Stille

Austausch

in Kleingruppen oder in der gesamten Gruppe, wenn diese nicht so groß ist: Welche Erfahrung habe ich gemacht? Welche Erkenntnis gewonnen?

Bibel-Lesung: 1 Kön 19,8-15

Bibel-Teilen

Anleitung: Siehe Abschnitt 1, Seite 118

Segen

Gott, die uns Mutter und der uns Vater ist,

segne unsere Wege

auf den Höhen und in den Tiefen unseres Lebens.

Sie sei uns Heil für unsere Wunden.

Er sei uns wegweisendes Licht in unserem Dunkel

und Dankbarkeit auf den Gipfeln des Lebens.

Gott schenke uns Tatkraft und Bescheidenheit,

Durchhaltekraft und Vertrauen.

Amen.

5. Station: Ankunft. Wie will ich leben?

Einstieg: Geschichte vom Weg

Marie ging durch einen alten Torbogen, dann öffnete sich vor ihr der Platz vor der Kathedrale von Santiago. Die letzten Stunden war sie in einer eigenartig gedrückten Stimmung gewandert. Keine Spur von Hochgefühl auf den letzten Metern. Erst jetzt, beim Anblick der Kirche, überkamen sie die Tränen. Und als wollte die ganze unwirkliche Szenerie noch eins draufsetzen, begannen die Glocken zu läuten und riefen zum täglichen Pilgergottesdienst. Marie ließ sich treiben, wie im Traum betrat sie den großen, dunklen Kirchenraum. Fühlen konnte sie noch immer nicht viel. Denken auch nicht. Vielleicht würde der Gottesdienst ihr helfen zu realisieren, dass ihre Reise nun zu Ende war. Mit einem Mal überkam Marie eine große Traurigkeit. Und eine unbestimmte Angst. Sie war am Ziel. Und nun?

Was hatte sie erreicht? War sie eine andere geworden? Hatte sie etwas gewonnen, etwas gelernt auf dem Weg? Oder hieß es nun schlicht: Der Traum ist aus, das Leben geht weiter. Aber wie?

Auf all diese Fragen hatte sie keine Antwort. Doch dann spürte sie eine Ahnung in sich aufsteigen. Vielleicht hatte der Weg sie tatsächlich etwas gelehrt. Nämlich genau diese Fragen zu stellen. Und zwar im alltäglichen Leben, in das sie nun zurück musste. Was will ich wirklich erreichen? Wer bin ich - und was macht mein Leben aus mir? Was lerne ich aus dem, was mir tagtäglich begegnet und widerfährt?

Marie öffnete die Augen. Sie hatte sich so in ihren Gedanken verloren, dass der Gottesdienst unbemerkt an ihr vorübergezogen war. Jetzt erfüllte majestätischer Orgelklang den Raum, Weihrauchschwaden durchzogen das Schiff. So muss es im Himmel sein, dachte Marie. Bis dahin will ich Antworten auf meine Fragen finden. Und vielleicht werden mir meine letzten Fragen ja auch erst dort beantwortet. Dann bin ich wirklich angekommen.

Aktion: Fragenkatalog

Vorbereiten: Papier, Stifte, je einen Umschlag pro Person; gestaltete Mitte mit Kreuz oder Christusikone oder entsprechend gestaltete Ecke / Altar.

Am Ende ihres langen Pilgerwegs findet Marie keine Antworten sondern Fragen. Und sie erkennt, dass in diesen Fragen eine wichtige Antwort verborgen ist: Nur wenn ich mit dem Leben, mit meinem Weg, mit mir selbst und mit Gott im Dialog bleibe, wenn ich immer wieder frage: »Wie soll ich leben? Zeige mir den Weg, den ich gehen soll«, - nur dann finde ich wirklich zu mir, entdecke ich meine Talente und meine Berufung.

Ich lade Sie ein, diese letzte Einheit mit Fragen zu beenden. Fragen, die Sie umtreiben. Fragen, die Ihr Leben bestimmen. Fragen an Gott, Fragen an Mitmenschen … Schreiben Sie all diese Fragen in Ihren persönlichen Fragenkatalog. Meditieren Sie die Fragen, lassen Sie sich Zeit dafür. Und lassen Sie sich zeigen, was diese Fragen über Sie selbst verraten. Anschließend können Sie Ihren Fragenkatalog in den Umschlag stecken und schweigend hier zum Kreuz / zur Ikone legen. Innerlich mögen Sie dazu vielleicht sagen: Das bin ich, Gott. Mit all meinen Fragen, mit all meinen Zweifeln, mit all meinen Träumen. Nimm mich an die Hand und zeige mir meine Wohnung bei dir.

10-15 Min Stille

Austausch

in Kleingruppen oder in der gesamten Gruppe, wenn diese nicht so groß ist: Welche Erfahrung habe ich gemacht? Welche Erkenntnis gewonnen?

Bibel-Lesung: Joh 14,1-7

Bibel-Teilen

Anleitung: Siehe Abschnitt 1, Seite 118

Segen

Gott segne uns behüte uns,

Gott lasse ihr Angesicht über uns leuchten und sei uns gnädig.

Gott wende uns sein Antlitz zu und schenke uns seinen Frieden.

Amen.

Martina Jung

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