FrauenordinationBewegung bei den Adventisten?

Seit mehreren Jahren rumort es bei den Adventisten in Deutschland. Der Grund: Die Frauenordination. Gefährdet das die weltweite Einheit der Gemeinschaft?

Wassertropfen
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Zuerst rumorte es in Deutschland. Im Jahr 2012 haben die norddeutschen Leiter dieser weltweit organisierten Freikirche entgegen der internationalen Ordnung der Gesamtkirche den Beschluss gefasst, Männer und Frauen in gleicher Weise zum Dienst als Pastor bzw. Pastorin zu ordinieren. Damals kam vom Leiter des europäischen Kirchenzweigs, dem Berner Pastor Mario Brito, die Reaktion, dass dieser "Präzedenzfall" die Einheit der weltweiten adventistischen Gemeinschaft gefährde.

Diese Kritik hat die Adventisten in Bayern nicht davon abgehalten, sich mit ihren norddeutschen Gemeinden durch eine entsprechende Entscheidung zu solidarisieren. In Deutschland wurde damit gegen einen Beschluss der verfassunggebenden Weltsynode von 2015 verstoßen. Die hatte erklärt, es sei den einzelnen regionalen Zweigen in den Regionen, "nicht gestattet, selbst zu entscheiden, ob sie Frauen für den pastoralen Dienst ordinieren oder nicht."

Einleitung eines gesamtkirchlichen Umschwungs?

Inzwischen hat die international organisierte Freikirche zu einer "ersten jährlichen Konferenz zur Erforschung der Bedeutung der Frauen in der Geschichte der Siebenten-Tags-Adventisten" eingeladen. Es klingt nach einer dauerhaften Einrichtung, die auf einer ersten Tagung Mitte Oktober auf dem Campus der Washington Adventist University in Takoma Park, Maryland/USA einberufen wurde. Diese Tagung wird durch Vorträge von vier Frauen aus verschiedenen Regionen mit Grundsatzreferaten eingeleitet. An dieser wegweisenden Begegnung nehmen zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler teil, die in Gruppen- und Plenumsdiskussionen Beiträge von Frauen in der Geschichte des Adventismus beisteuern werden. Ein Ziel dieser Tagung ist es, insbesondere solche Missionarinnen, Evangelistinnen, Bibelarbeiterinnen wie auch Ärztinnen biographisch ins Blickfeld zu rücken, die in der Geschichte des Adventismus einen Beitrag geleitet haben.

Impulse für eine veränderte Zukunft?

Die Tagung verfolgt als ein ausdrückliches Ziel, Impulse zu wissenschaftlichen Studien über bedeutende Beiträge solcher Frauen zu geben, die zu Publikationen führen sollen. Dabei liegt ein Fokus auf der Vielfalt der Aktivitäten durch Frauen in der Kirche, in der Gesellschaft und dort wiederum im sozialen Bereich wie im kulturellen Raum, die im Laufe von mehr als 150 Jahren geleistet wurden. Konkret gedacht ist an Frauen in Arbeitsfeldern der Kirche (Seelsorge, Bildung, Gesundheitswesen, Verlagswesen und Redaktion sowie wie Finanzen), in der wissenschaftliche Arbeit durch Forschung und Lehre, im Einsatz für soziale Gerechtigkeit besonders im Falle von Führungsrollen in den jeweiligen Heimatländern, historische Beiträge über Missionarinnen, vorzugsweise über alleinstehende Frauen, auch kulturelle Leistungen von Frauen als Musikerinnen, Verfasserinnen von Kirchenliedern, als Künstlerinnen und Illustratoren, endlich sollen Frauen gewürdigt werden, die in Führungspositionen im Gesundheitswesen als Medizinerinnen Beiträge geleistet haben wobei nicht fehlen darf, Frauen bekannter zu machen, die einen prägenden Einfluss auf die speziellen adventistischen Gesundheitssysteme genommen haben. Bemerkenswert ist, dass die Erforschung auch die Rolle von Seelsorgerinnen, Bibelarbeiterinnen und die Wissenschaftlerinnen im Bereich theologischer Fächer umfasst.

Verändert die gesellschaftliche Sicht die Kirche?

Man kann dieses Mega-Programm kaum anders deuten, als dass es dem Ziel dient, die theologische Sicht im Blick auf die Rolle der Frau innerhalb der adventistischen Weltkirche langfristig in allen Kontinenten zu stärken. Man muss bedenken, dass in einer zweiten Phase der kirchlichen Entwicklung die Kirchenglieder speziell über die Ordination von Frauen zum pastoralen Dienst eher theologisch konservative beeinflusst wurden. In einer demokratisch strukturierten Kirche ist es notwendig, in den Gemeinden für die Entwicklungen und für Entscheidungsprozesse Verständnis zu schaffen. Offensichtlich haben die Adventisten bei ihrem Umschwung in der Hinwendung zur Ökumene, der vor einigen Jahrzehnten nicht ohne Komplikationen in Gemeinden erfolgte und Verunsicherungen hervorrief, gelernt. Ganz offensichtlich ist mit der "ersten jährlichen wissenschaftlichen Konferenz über die Bedeutung von Frauen in der Geschichte der Siebenten-Tags-Adventisten" der Gedanken einer neuen Kurskorrektur verbunden.

Einfluss von Frauen auf den Weg der Kirche ist kein neues Thema Es ist eigentlich nicht zu erklären, wie eine Kirche, in der nach den eigenen Angaben eine Frau, nämlich die visionäre Ellen Gould White (1827–1915), als "die einflussreichste Frau" in ihrer Frühgeschichte bezeichnet, auf ihrem weiteren Weg den Frauen keinen geistlichen Dienst durch ordinierte Frauen anvertraut hat. Ellen Gould White hat den Impuls für die zentrale Rolle des Sabbat-Gebots zu einem identitätsstiftenden Kennzeichen für den ungewöhnlichen Sabbatismus gegeben.

In der Frühgeschichte spielte sie der Folge der zweiten großen Erweckungsbewegung in Amerika auch eine maßgebliche Rolle in der Organisierung der Bewegung durch feste Ordnungsstrukturen, weiter beim Aufbau eines eigenkirchlichen Verlagswerkes und schließlich bei der missionarischen Ausrichtung der entstehenden Kirche. Bis heute wirken die Impulse Ellen Whites Einfluss zur Aufnahme von Naturheilverfahren und damit verbunden der Verzicht auf Fleisch, Alkohol, Tabak und Kaffee, verbunden mit der Nutzung von Sonnenkräften, Frischluft und Diäten nach. Sie führten zu einer breit angelegten Arbeit in entsprechenden ökonomischen Unternehmen und in vorbildlich geführten Krankenhäusern wozu in Deutschland das oft ausgezeichnete Waldkrankenhaus in Berlin zählt. Heute gibt es, ohne die Kinder mitzuzählen, weltweit fast 22 Millionen Adventisten, die in 212 Ländern aktiv sind, davon etwa 9,5 Mill. in Afrika, 6 Mill. in Lateinamerika, 4 Mill. in Asien, 2 Mill. in Nordamerika und die verschwindend kleine Zahl von 317 .000 in dem durch das frühere Staatskirchentum bestimmte Europa. Diese Arbeit auf unserem Kontinent wurde 1889 von Hamburg aus aufgenommen.

Adventisten und Ökumene

Die Adventisten haben sich mit der Ökumene lange Zeit schwer getan. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts öffneten sie sich gegenüber anderen Kirchen, die sich mit manchen theologischen Positionen ihrer Kirche schwergetan haben. Mit dem Lutherischen Weltbund führte die adventistische Weltkirche 1994–1998 einen intensiven Dialog, dem folgte 2001 ein weiterer Dialog mit dem Reformierten Weltbund. In Deutschland gehören die Siebenten-Tags-Adventisten als Gastmitglieder sowohl der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) auf Bundesebene wie in einer Anzahl von Länder-ACKs und weiter der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) an.

Die deutschen Vereinigungen der Siebenten-Tags-Adventisten, wie der offizielle Name lautet, haben ohne Frage durch ihre freimütigen Entscheidungen daran mitgewirkt, dass die Gespräche über die Rolle der Frau zu neuen Diskussionen geführt haben.

Von Karl-Heinz Voigt
© KNA. Alle Rechte vorbehalten. 

 

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