Begegnungen. Markus Bogner im GesprächLeben mit der Natur

Können Einzelne dem Trend zur Industrialisierung auch in der Landwirtschaft etwas entgegensetzen? Markus Bogner zeigt: Es geht. Über sein Ziel – durch Einfachheit zu einem guten Leben zu kommen – und den Weg dahin spricht er mit Rudolf Walter.

Markus Bogner
Markus Bogner bewirtschaftet als Biolandwirt den Boarhof im Tegernseer Tal.© Privat

Rudolf Walter: Sie waren Rettungssanitäter und wurden Bauer. Wie kam das?
Markus Bogner: Meine Frau, die gesundheitliche Probleme hatte, ist aus ihrem Beruf ausgestiegen. Sie ging einen Sommer als Sennerin auf eine Alm. Erst war ich als Besucher da, die nächsten zwei Sommer dann mit ihr und unseren beiden Töchtern zusammen. Das Leben da oben ist geprägt von harter Arbeit. Aber man verbringt viel Zeit nur mit sich selbst. Ohne Ablenkung. Das nächste Handynetz war 10 Kilometer entfernt, wir hatten keinen Strom, kein Telefon. Und doch hat nichts gefehlt. Es gab das Wetter, die Tiere, Wasser, Milch, einfaches Essen. Wenn man so 100 Tage lang entschleunigt, ist man von dieser Art zu leben bleibend infiziert.

Der Rückzug da oben – eine Zeit der Klärung?
Jedenfalls ein tiefes Erlebnis von Konzentriertheit auf das wirklich Wichtige. Eine Zeit der Meditation, wenn man darunter versteht, in die Tiefe zu gehen. Ein großes Problem ist heute doch, dass der ganze Tag fast nur aus Ablenkung besteht: Fernsehen, Handy usw. Wer einmal das andere erlebt hat, der wird nicht mehr so leicht ablenkbar sein.

Was wurde Ihnen denn da auf der Alm klar?
Die Arbeit in und mit der Natur, der unmittelbare Umgang mit den Elementen, hat sich für uns als richtig angefühlt. Wie es umzusetzen wäre, aus den 100 Tagen im Sommer ein ganzes Leben zu machen, davon hatten wir zunächst keine konkrete Vorstellung. Dann ergab sich die Möglichkeit, als Verwalter auf einem Milchviehbetrieb im Tegernseer Tal einzusteigen. Das haben wir getan, bevor wir später einen kleinen Hof mit 10 Hektar in der Nähe pachten konnten, mit Tieren und Pflanzen, Obst und Gemüse.

Sie waren von Beruf Rettungssanitäter. Eigentlich doch ein interessanter Beruf …
Ja, als Sanitäter weiß man, wie begrenzt und kostbar das Leben ist. Aber man stößt auch an Grenzen: Im Gesundheitssystem ist, was den Menschen gut tun würde, oft nicht vorgesehen. Und was für sie vorgesehen ist, tut ihnen nicht immer gut.

Wie fiel die Entscheidung?
Es war Intuition, aus dem Erlebten heraus. Zunächst haben wir nicht lange gegrübelt: Wird das gehen oder wie kann das funktionieren? Der Kompass hat klar in eine Richtung gezeigt.

Sie haben sich bewusst gegen den Trend entschieden. Stichwort: Bauernsterben, Landflucht.
Ich habe mich immer schon gefragt, ob diese Landflucht nicht auch Ausdruck der permanenten Ablenkung ist, einer Suchttendenz, der man in der Stadt besser frönen kann als auf dem Land. Und zum Bauernsterben: Ich habe beobachtet, dass sich viele Bauern für die sog. „Märkte“ – hart gesagt – prostituieren, also sich einem Komplex aus Erzeugergemeinschaften, Großhandelsunternehmen, Verpackungsindustrie unterworfen haben. Ich war immer davon überzeugt: Wenn man das nicht tut und ein wirklich selbstbestimmtes Leben als Bauer führt, dann kann man auch als Kleinbauer gut überleben. Wir produzieren, veredeln und vermarkten alles selber.

Gab es denn keine Probleme auf Ihrem Weg?
Natürlich. Aber sie waren zweitrangig wegen der tiefen Verbundenheit mit unse rer Arbeit. Es gab nie einen Zweifel, ob das Ziel nicht richtig sein könnte.

Was war dieses Ziel?
Ich habe in meinem früheren Beruf die Erfahrung gemacht, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir viel Lebensqualität und Gesundheit opfern, um möglichst viel Geld zu verdienen, um danach mit einem Teil dieses Geldes Gesundheit und Lebensqualität zurückzukaufen. Wir haben es in unserem Leben immer so gemacht: Kürzen, um zum Wesentlichen zu kommen – ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Normen.

Vereinfachung als Ziel. Verzicht als Weg? Nein, Reduktion! Verzicht auf Unwesentliches bringt ein Mehr an Lebenszeit und mindestens gleiche Lebensqualität: Gutes Leben eben.

Bedeutet gutes Leben für Sie: Leben mit der Natur?
In unserem Fall, ja. Nicht notwendig für jeden. Ein Künstler etwa wird Glück und Zufriedenheit durch eine ganz andere Tätigkeit erleben. Es geht um eine Tätigkeit, die mich erfüllt, wo ich meine Potentiale entfalten kann und alles mit guten Gedanken beleben kann. Konfuzius sagt: Such dir eine Arbeit, die dich erfüllt, und du musst nie wieder arbeiten.

Und die Mühe? In der Bibel steht, dass man sein Leben im Schweiß des Angesichts verbringt.
Die eigene Energie und Kraft in etwas Sinnvolles zu verwandeln, ist für mich nicht negativ. Auch wenn ich dabei ins Schwitzen komme.

Was befriedigt Sie in diesem Leben?
Der sinnvolle Bezug zur Natur, zu den Pflanzen, den Tieren, besonders auch zum Boden. Der Boden ist die elementarste Grundlage allen Lebens. Aber noch nie in der Geschichte der Menschheit sind wir so rücksichtslos mit unserem heiligsten Gut umgegangen. Ihn zu hegen und zu pflegen und aufzubauen, das ist der Kern unserer Arbeit. Boden ist kein Spekulations objekt, das man plündert und aus dem man Gewinne zieht. Diese Erde ist unsere Hauptressource. Und sie ist ein endliches Gut.

Da finde ich die Sicht der Schöpfung in „Laudato si“ von Papst Franziskus wieder.
Ja, auch er misst der Erde, die Leben schenkt, große Bedeutung bei. Und auch er sieht unsere Beziehung zur Natur und die Beziehung der Menschen untereinander als zwei Seiten einer Medaille. Auch meine Erfahrung ist: Wenn Menschen ihre Hände in die Erde stecken, macht das etwas mit ihnen. Es weckt Gefühle der Empathie und verändert auch ihr Verhältnis untereinander.

Was ist das besondere an Ihrem Umgang mit dem Boden?
Wir achten auf die winzig kleinen Kreisläufe und versuchen das System zu verstehen: wie das Blatt, das auf den Boden fällt, verrottet, von den Würmern verstoffwechselt wieder zu Humus wird, wie sich so der Boden wieder aufbaut und Neues wachsen lässt, was wieder diese Blätter abwerfen kann. Diese Kreisläufe werden oft genug gekappt, weil sich mit durchbrochenen Kreisläufen viel Geld verdienen lässt. Es gibt heute prinzipiell zwei Lebensmodelle. Das eine heißt: „immer mehr“. Dahinter stecken Angst und Gier, die zu immer mehr Ungleichgewicht führen. Das andere Motto heißt: „genug“. Es hat als Antriebskraft die Liebe und das Wissen: Es ist genug für alle da.

Wie kommt man zu dieser Einsicht?
Indem ich mir Zeit nehme zu fragen, was wirklich wichtig ist. Leben passiert in sich regenerierenden Kreisläufen, und naturgemäßes Leben vollzieht sich im Rhythmus, nicht in dem durch die Sucht nach Mehr immer schnelleren Takt. Was bringt aus dem Vollgasmodus heraus? Ein Landwirt, der 300 Hektar unter dem Pflug mit 360 PS bewirtschaftet, könnte ja auch der Natur nahe sein. Ist er aber nicht. Nein, es ist der direkte Kontakt mit der Natur, die Handarbeit: säen, jäten, graben, ernten.

Sie bekommen viel positive Resonanz.
Viele sehen zumindest Zusammenhänge, die sie vorher nicht gesehen haben. Nehmen Sie die traditionelle bayerische Brotzeit, die Weißwurst: Wenn Menschen hören, dass das Fleisch für die Weißwurst heute oft aus Dänemark kommt und die Haut ebenso wie die dazugehörige Brezel aus China, dann fangen sie an, nicht nur über ihr Essen neu nachzudenken.

Kann der Einzelne, können Sie als Einzelne wirklich etwas zum Besseren bewegen?
Was wir auf unserem Hof machen, gibt es kaum mehr, und es dürfte eigentlich nach offizieller Lehrmeinung wirtschaftlich gar nicht funktionieren. Wir zeigen aber, dass es funktioniert. Dass die Welt sich zum Besseren ändert, das kann nur aus dem Tun des Einzelnen kommen. Nicht der Wartemodus, nur mein eigenes Tun hat Wirkung.

„Selbst denken, selbst machen, selbst versorgen“, das ist ja nicht umsonst der Titel des Buches, das Sie geschrieben haben.
Es ist auch der Schlüssel zum guten Leben: ein freies und selbstbestimmtes Leben führen und ein empathisches Verhältnis zu anderen haben.

Allein geht es nicht. Sie arbeiten mit ihrer Frau zusammen. Auch die Kinder packen mit an.
Obwohl wir wunderbar kooperieren, ist für uns nicht die Arbeit entscheidend, sondern das Leben, das Zusammenspiel. Meine Frau und ich, wir spielen übrigens beide ein Instrument, sie Harfe, ich Akkordeon, bei dem es nicht zwingend notwendig ist, das führende Instrument zu sein. Und genau das ist das Schöne.

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