Bibel tiefer verstehenDer Turmbau zu Babel

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist bekannt und wurde von vielen Künstlern dargestellt. In Gen 11,1-9 wird von einer Menschheit erzählt, die ein einziges Volk ist, eine gemeinsame Sprache spricht und große Pläne realisieren will: Mit Energie und Phantasie wollen sie einen gewaltigen Turm bauen, der bis zum Himmel geht – ein Bild für ihr Bemühen, es Gott gleich zu tun. Doch Gott verwirrt ihre Sprache und verhindert so das Projekt.

Der Turmbau zu Babel
© Tino Schumann - fotolia.com

Ein kleinlicher Gott?

Da wird auf den ersten Blick ein Gott geschildert, der Angst vor den Menschen hat. Doch wir dürfen diesen Mythos nicht auf ein kleinkariertes Gottesbild hin auslegen. Er ist vielmehr eine Reflexion über den Menschen. Er besagt eigentlich etwas anderes: Wenn die Menschen alle eine Sprache sprechen würden, dann hätten sie eine große Kraft.

Einssein als Abbild Gottes

Ein ähnlicher Mythos wird in Griechenland erzählt. Zeus hat den Menschen ursprünglich als Kugelmenschen geschaffen. Der Mensch war mit sich selbst eins. Er war Mann und Frau zugleich. Da bekam Zeus auf einmal Angst, dass der Mensch Gott gleichkommen könnte und so teilte er den Kugelmenschen in zwei Hälften: in Mann und Frau. Die Griechen dachten offenbar: Wenn Mann und Frau ganz eins sind, dann sind sie gottähnlich. Das entspricht der biblischen Schöpfungsgeschichte, in der es heißt: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ (Gen 1,27) Mann und Frau gemeinsam sind Abbild Gottes. Und die Bibel hat keine Angst vor dem Einswerden von Mann und Frau, im Gegenteil. Im zweiten Schöpfungsbericht schafft Gott aus der Rippe des Mannes die Frau. Als Adam Eva sieht, sagt er: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen; denn vom Mann ist sie genommen. Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch.“ (Gen 1,23f) Für die Bibel besteht also keine Gefahr in der Einheit der Menschen. Sie ist vielmehr ein Ziel, Erfüllung unserer Sehnsucht.

Gemeinschaft durch Sprache

In dem Mythos des Turmbaus wird die Chance sichtbar, die darin besteht, eine einzige Sprache zu sprechen. Das geht uns heute noch an: Viele sprechen zwar auf der ganzen Welt englisch, das ist aber kein Garant dafür, dass sie sich wirklich verstehen. Und auch im gleichen Land sprechen die Menschen verschiedene Sprachen. Sie reden aneinander vorbei. Das ist die Ursache der Verwirrung. Und wenn die Menschen verwirrt sind, dann lebt jeder für sich. Es geht nichts mehr zusammen. Würden wir den Turmbau zu Babel als Aussage über Gott verstehen, dann würde er uns wirklich das abstoßende Bild eines angstbesessenen, neidischen und aggressiven Gottes zeichnen. Der Mythos spricht aber über das Geheimnis des Menschen: Der Mensch hat die Chance, Großes zu leisten. Gott hat ihm dazu die Sprache geschenkt. Wenn die Menschen eine gemeinsame Sprache sprechen, wenn sie im Sprechen zugleich auf den anderen hören, dann könnten sie gemeinsam Großes vollbringen. Dann wäre ihr Leben anders als heute, wo jeder gegen jeden arbeitet. Der Mythos beschreibt also letztlich das Geheimnis der Sprache. Das deutsche Wort „sprechen“ kommt von „bersten, knistern“. Es meint, dass das Sprechen aus dem Herzen kommt, dass ich im Sprechen meine innersten Gefühle mitteile. Wenn ein wirkliches Gespräch entsteht, dann finden Menschen neue Möglichkeiten, das Leben zu gestalten und Gemeinschaft zu stiften. Eine Gemeinschaft hat in sich eine große Kraft. Sie leistet mehr als die Summe der einzelnen. Eine Gemeinschaft, die eine gemeinsame Sprache spricht, baut einen Turm bis zum Himmel. Menschen schaffen durch eine gemeinsame Sprache nicht nur hier auf Erden neue Möglichkeiten. Sie sprechen immer auch das Unhörbare und Unbegreifliche aus. Sie rühren an den Himmel. Der Himmel öffnet sich über ihrem Sprechen.  

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