Christliche Rituale des Essens – einst und heute

Abstract / DOI

Christian Rituals at the Dining Table – Past and Present. The religious meaning of food and drink in Christianity was signified through numerous signs and rituals in former times. Not only the dining table, order of table fellowship, and benediction were of particular importance, but also predetermined dishes according to the ecclesiastical calendar. The awareness for the religious dimension of the meal is decreasing nowadays. Among others, the food industry has divested us of a lot of work and effort for the preparation of our food. Back in the days, thanking god for all his benevolence had accompanied this to a much greater extent. At the same time, a collective consciousness for healthy eating has aroused, evoking an intensified responsible dealing with its creation. Most often, this is strongly connected with regionalism and temporal rhythms, however often also characterized by religious guidelines. The inner attitude has taken the place of outer rituals. Eventually, in many ways food and drink appear as a type of implied religion, which is consequently pursued.

«Kaum hat der Ober die Vorspeisenteller abgesetzt, da zücken junge Japanerinnen ihre Fotoapparate und schenken der Welt ihre Tagessuppen. Wir haben früher nur gebetet.» Der Aphorismus des Kabarettisten Piet Klocke zeigt, dass es noch immer Rituale um das gemeinsame Essen gibt. Vielleicht sind sie nicht mehr als religiös zu deuten oder zu erkennen – vielleicht sind sie aber auch nur eine neue Art von Religiosität, in der es um eine Liturgie der Inszenierung geht mit neuartigen Riten und einer besonderen Sinnstiftung.

Das gemeinsame Essen ist in allen Kulturen von höchster Bedeutung, die sich auch in zahlreichen religiösen Riten, Ritualen und Zeichen rund um das Mahl niederschlägt. Im Christentum ist und war das nicht anders. Hier kommt noch hinzu, dass die stilisierte religiöse Form des Mahles zugleich die höchste Form gottesdienstlichen Kultes ist – als Eucharistiefeier oder Abendmahl oder göttliche Liturgie. Die sakramentale Form des Miteinander-Essens hat wiederum die des Alltags geprägt – bisweilen auch umgekehrt. Lassen sich diese Spuren eines Bewusstseins der religiösen Bedeutung des Essens und Trinkens auch heute noch finden?

1. Frühere religiöse Rituale um das Mahl – Beispiele

Tischgebet

Der Zusammenhang zwischen dem liturgischen Mahl und dem alltäglichen Essen und Trinken der Menschen war und ist am stärksten im Tischgebet entfaltet. Es ist der deutlichste Ausdruck einer Reflexion des Essens, drückt das Bewusstsein eines Sich-verdankt-Wissens aus, bezeugt das Wissen, dass nichts selbstverständlich ist und der Mensch in Beziehung zu Gott und anderen Menschen lebt, die sich auch im Mahl ausdrückt.

Bereits das Tischgebet selbst war früher ein zeichenhaftes Tun; allein die Frage, wer denn Sprecher des Tischgebets ist bzw. sein darf, ist Ausdruck seiner Bedeutung. Vor allem hatte der Hausvater das Recht, das Tischgebet zu sprechen. Aufgrund von dessen Würde konnte auch einem besonderen Gast die Ehre erwiesen werden, es zu übernehmen. Noch in Martin Luthers Kleinem Katechismus wird beschrieben, wie der Hausvater die Kinder und das Gesinde lehren soll, die Tischgebete (und andere Gebete) zu sprechen. Der Brauch, Kinder das Tischgebet sprechen zu lassen, rührt daher und hat als Hintergrund ihr (väterlich angeleitetes) Hineinwachsen in ein eigenes Gebetsleben. Auch die vielen kindlichen Reimgebete erwuchsen der Praxis, Gebete und Katechismusstoffe in Lied- und Reimform aufzubereiten, um sie sich besser merken zu können.

Die Haltung und Gebetsgebärde waren ein ritueller Ausdruck des Tischgebets; zumeist stand man dazu und faltete die Hände. In der genannten Schrift Luthers heißt es: «Die Kinder und das Gesinde sollen mit gefalteten Händen und züchtig vor den Tisch treten und sprechen: Aller Augen …» Natürlich ist das Stehen auch eine liturgische Haltung des Gebetes; hinzukommt der Gedanke um die Gegenwart Christi, die man sich im Gebet erbat. Ein im 19. Jahrhundert vielfach verbreitetes Bild von Fritz von Uhde zeigt den Auferstandenen zur stehenden Tischgemeinschaft hinzutreten, die gerade betet: Komm, Herr Jesus, und sei unser Gast…

Selbstverständlich gehörte zum Tischgebet das Kreuzzeichen dazu; mitunter konnte es auch schon einmal das ganze Gebet ersetzen. Zum Gebet wendete man sich oft zum Kruzifix im Mahlraum, sofern vorhanden. Ein solch ausgeprägtes Gebetsritual kann man heute oft nur noch in klösterlichen Refektorien erleben.

Händewaschung

Ein wichtiger ritueller Ausdruck war und ist das Händewaschen. Der Brauch, sich vor der Mahlzeit die Hände zu waschen, ist sehr alt und wurde auch im Mittelmeerraum und im Orient gepflegt, wo es unter Umständen üblich war, mit der Hand aus einer Schüssel zu essen, so auch im Judentum (vgl. Ps 41, 10). Eine vorherige Händewaschung gehörte zunächst selbstverständlich auch zur antiken christlichen Mahlkultur. Benedikt nennt in seiner Regel auch das Reichen des Wassers für die Hände (Reg.Ben 53, 12). Sicher spielt hier die Hygiene eine wichtige Rolle – aber auch die Händewaschung als äußeres Zeichen für die innere Bereitung vor dem Essen. Erasmus von Rotterdam schärft in seiner Tischzucht das Waschen der Hände vor dem Essen ein; er macht dabei nicht nur hygienische Gründe geltend: «Erst wenn man sich gewaschen hat, setzt man sich zum Essen hin. […] Beim Abtrocknen der Hände streife alles Widerwärtige von dir.»

Das Waschen der Hände wurde zum Bestandteil der Tischzucht und je nach Stand entsprechend verrichtet. So war an höfischen Tafeln das Reichen des Waschwassers vor und nach dem Essen mit großem Zeremoniell verbunden, während es in einfachen Kreisen entsprechend schlicht gestaltet wurde. Doch auch in bürgerlichen Schichten gehörte die Reinigung der Hände zur Selbstverständlichkeit, bildeten Gießgefäße, Schüsseln und Handtücher einen festen Bestandteil des Tischgerätes; die Händewaschung gehörte zur «Etikette», wobei das religiöse Moment allmählich in den Hintergrund trat.

Tischgemeinschaft und -ordnung

Auch der Raum des Mahles hatte seinen zeichenhaften Ausdruck. Mitunter war er im klösterlichen Bereich – wie vor allem im Fall mancher östlicher Refektorien – bewusst als Gegenstück zum liturgischen Raum gestaltet. Es sind die beiden wichtigen Räume, in denen sich die Gemeinschaft der Konventualen auch in ihrer Ordnung darstellt. Nicht viel anders war es in den familiären Speiseräumen vor allem auf dem Land, wo die Ordnung am Tisch auch die Ordnung am Hof widerspiegelte, wie es der Schriftsteller Klabund in einem Roman («Bracke» – 1925) zeichnet: «Oben am Tisch saß der Bauer, dann folgte die Bäuerin, der Großknecht, der zweite Knecht, die Großmagd und die andern Knechte, Mägde und Kinder. Sie saßen in der Ordnung, die ein unverrückbares, jahrtausendealtes Gesetz ihnen eingeprägt. Sie lebten ihr Leben nach ewigen Regeln: dumpf, treu und zufrieden.» Der oberste Platz war für den Hausvater, es konnte aber auch ein Gast diesen bevorzugten Platz einnehmen: «Sitz obenan zu Tische! Die Ehre ziemt dem Gast!» (Ludwig Uhland – «Hausrecht»).

Der Tisch hatte eine geradezu religiöse Bedeutung, die sich in der Antike durch bestimmte rituelle Vollzüge und Schmuck ausdrückte. Der Tisch stand für die eheliche Gemeinschaft, ebenso das gemeinsame Bett. Vor allem bildete er vielfach die Mitte des häuslichen Lebens, insofern viele Vorgänge des familiären Alltags an ihm vollzogen wurden, nicht nur das Essen und dessen Zubereitung. Er hatte eine besondere Stellung im Raum, aber nicht in der Mitte, wie es erst später in bürgerlich-repäsentativen Räumen der Fall war, sondern häufig im Eck. Diese Ecke findet sich in vielen Regionen nicht nur des Alpenlandes als «heilige Hinterecke» ausgestaltet, mit Kreuz («Herrgottswinkel»), religiösen Bildern oder Schmucktüchern, Pflanzen und Blumen und religiösen Gegenständen (Rosenkranz, Bücher). Auch der Tischschmuck – etwa mittels eines mit religiösen Symbolen verzierten Tischtuches – konnte zu bestimmten Tagen seine Würde und die des gemeinsamen Mahles noch heben.

Fest- und Fastenzeiten

Vor allem prägten die Fest- und Fastenzeit das, was auf den Tisch kam. Das Essen spiegelte nicht nur in seiner jeweiligen Üppigkeit die religiöse Einschätzung des Tages wider, sondern bisweilen auch in der Bildlichkeit. Bestes Beispiel ist das «Osterlamm», das ja bereits biblisch begegnet (1 Kor 5, 7). Die russische «Pascha», eine Süßspeise, nimmt auch in ihrer Herstellung Bezug auf Grabesruhe und Auferstehung und markierte durch ihren Genuss das Ende der Fastenzeit ebenso wie Kuchen, Süßspeisen und Fleisch (Schinken) des «Weihkorbs» in der katholischen Tradition. In den «Gebildbroten» verlängerte sich an bestimmten Tagen des Kirchenjahres (besonders an Heiligenfesten) der Festinhalt über den Gottesdienst hinaus auch in den Alltag.

Brot und Wein umgab eine besondere Heiligkeit, die natürlich auch von deren sakramentaler Bedeutung herrührte, im höfischen Leben sogar die Dienste umfasste, die mit ihnen zu tun hatten und sich auch im Alltag in vielerlei Ritualen ausdrückte (Brot anschneiden, bekreuzen u. a. m.).

Alle diese genannten und noch manche anderen Aspekte brachten das Verständnis des Essens und Trinkens als ein wesentliches Tun christlichen Lebens zum Ausdruck: Im alltäglichen Essen und Trinken der Christen spiegelte sich das eucharistische Mahl wider. Die profane Mahlzeit hatte damit durchaus ein spirituelle Dimension und Bedeutung. Seine Zeichenhaftigkeit forderte die Mahlgestaltung und erbrachte eine eigene christliche Mahlkultur: Im Alltagsessen leuchtet das eucharistische Festmahl auf, in der Zeit zeigt sich die Ewigkeit, im Diesseits wird das Jenseits ahnbar, in der Natur wird die Übernatur in den Blick genommen, wie es im Tischgebet heißt: «Zum Gastmahl des ewigen Lebens führe uns der König der Herrlichkeit.» Viele Texte, Rituale und Bräuche beim Essen deuteten auf diesen hintergründigen Sinn des christlichen Mahles hin.

2. Noch aufrecht zu erhalten?

Es ist jedoch spätestens hier zu fragen, ob eine solche Sicht des Essens und Trinkens angesichts der Wirklichkeit unserer Fastfood-Kultur noch in irgendeiner Weise aufrechterhalten werden kann oder ob wir uns hier nicht einer schönen Nostalgie hingeben und ein Ideal beschwören, das hoffnungslos überkommen ist und allenfalls noch in den Büchern Heinrich Waggerls aufschimmert («Das Jahr des Herrn»). Wir brauchen nur Stichworte zu nennen, um unsere postmodernen Ernährungszusammenhänge und Essgewohnheiten schlaglichtartig zu beleuchten, die mit dem gezeichneten Ideal nichts mehr zu tun haben: Fastfood und Mikrowellenmenü, Frühstücksfernsehen und Singlehaushalt, Tütensuppe und Lieferservice, Genfood und Food design, Gammelfleisch und Rinderwahn. Jede Assoziation an Eucharistie oder Abendmahl – sei es in biblischer oder liturgischer Hinsicht – verbietet sich fast von selbst. Angesichts der Auflösung von Bezügen und dem Verlust der Sinnhaftigkeit, im Sich-Gewärtigen der Individualisierung und Merkantilisierung dessen, was «Mahl» von seinem Wortsinn bedeutet, nämlich das herausgehobene, festgesetzte und verbindliche Geschehen, kann man sich an das Gedicht «Verlorenes Ich» (1948) von Gottfried Benn erinnert fühlen, in dem er das «Ich» in einer atomisierten, beziehungslosen, zerdachten Welt beschreibt; am Ende seines Textes heißt es:

Ach, als sich alle einer Mitte neigten
und auch die Denker nur den Gott gedacht,
sie sich den Hirten und dem Lamm verzweigten,
wenn aus dem Kelch das Blut sie rein gemacht,

und alle rannen aus der einen Wunde,
brachen das Brot, das jeglicher genoß –
o ferne zwingende erfüllte Stunde,
die einst auch das verlorne Ich umschloß.

Die Eucharistie als Mitte, der sich alle neigten, als Urbild jeglichen Brotbrechens, die dem Ich, jedem Ich, seinen Sinn gab und ihm Geborgenheit bot: Ist diese Vorstellung eine «ferne Stunde», die für uns «einst» ist und uneinholbar, der wir nur noch mit «Ach» gedenken dürfen?

3. Abbrüche des Religiösen

Was das Essen und Trinken anbelangt, scheint hier tatsächlich viel zerbrochen und abgebrochen. Das Religiöse, das das Mahl umgibt, ist vielfach nicht mehr bewusst, wozu auch verschiedene Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten entscheidend beigetragen haben:

Lebensmittel stehen in unserer Gesellschaft weitgehend den meisten Menschen ausreichend zur Verfügung. Damit erscheinen aber auch Bitte und Dank nicht mehr situiert, zumal in einer urbanen Gesellschaft. Die Schwierigkeit tritt etwa auch an Erntedank liturgisch zutage: Wer erntet noch? Auch Vor- und Zubereitung des Essens ist zumeist kein aufwändiger und körperlich schwerer Vorgang mehr; Essen und Trinken geschieht oft beiläufig, ist keine Unterbrechung des Alltags.

Essen hat wesentlich mit Leben und Tod zu tun: Wer leben will, muss essen. Wer nicht isst, stirbt. Wer essen will, muss töten, zumindest vernichten. Damit berührt das Essen das Mysterium des Lebens. Diese Voraussetzung des Essens, das Töten, ist uns heute weitgehend abgenommen. Fleisch erscheint abstrakt, sauber und fast unblutig im Supermarkt in Plastikschalen vorgelegt; Brot ist fertig gebacken, geschnitten und in Folie abgepackt. Wenn das mit jeglicher Nahrung verbundene Moment des Todes, der Zerstörung und Vernichtung aus dem Bewusstsein verschwindet, verändert sich auch die Einschätzung des Essens und Trinkens. Es wird zur Selbstverständlichkeit; die Nahrung wird zur Sache, die beliebig herstellbar ist und auch wie eine Sache behandelt werden kann, wie es leider gerade im Umgang mit den Tieren in der Nahrungsproduktion zum Ausdruck kommt. Nahrung verliert dann aber ein wesentliches Motiv ihrer Zeichenhaftigkeit; das heißt: Essen und Trinken verweisen nur noch eingeschränkt auf das Leben und Tod berührende Geheimnis, das in Gott begründet liegt.

Kirchliche Vorgaben erscheinen nicht mehr als relevant. Das kirchliche Fasten- und Abstinenzgebot, ohnehin stark erleichtert und relativiert, spielt in der heutigen Gesellschaft kaum eine Rolle – im Gegensatz zum Ramadan, der auch bei uns eine große Wertschätzung erfährt. Selbst in kirchlichen Bildungshäusern konnte ich oft erleben, dass es selbstverständlich am Freitag Wurst und Fleisch gibt – mit Rücksicht auf nichtkirchliche Gäste… So kommen wichtige Impulse für die Ernährung und den Umgang mit der Schöpfung inzwischen auch mehr von anderen Institutionen als von der Kirche – bedauerlicherweise. Auch kirchliche Feste spielen für die Alltagsgestaltung vieler Menschen kaum noch eine Rolle.

Ein von der Religion geprägtes Alltagsleben mit gemeinsamen Gebetsleben und häuslichen Andachten ist stark zurückgegangen. In meiner Beschäftigung mit dem ursprünglich liturgischen Phänomen des Heiligabends in den Familien (entstanden aus einer evangelischen Hausandacht) konnte ich feststellen, dass zwar die religiösen Symbole oft noch vorhanden sind, aber eher zu Dekorzwecken verwendet werden; zur Mitte des Festes sind inzwischen die ursprünglichen äußeren Elemente wie Geschenkeauspacken und festliches Essen geworden.

Alltag und Religion erscheinen zunehmend als getrennte Bereiche, für letztere ist die Stunde Gottesdienst am Sonntag reserviert, bestenfalls. Religiöse Äußerungen im Alltag erscheinen wie ein letztes Tabu, weshalb auch Kardinal Meisner den Christen mehr «Un-Verschämtheit» empfahl.

4. Neue Rituale

Trotzdem werden natürlich noch manche der genannten Riten und Rituale im Zusammenhang des Essens und Trinkens aufrechterhalten bzw. entstehen neue. Zum Beispiel rund um das Tischgebet. Hier fällt zunächst die Fülle an Tischgebetbüchlein in unserer Zeit auf. Ob diese freilich auch der Praxis des Gebets entspricht, ist eine andere Frage. Um das Tischgebet in den Familien wieder stärker zu beheimaten, wird nicht nur auf Bücher zurückgegriffen. Es gibt Tischgebete auf Kerzenständern, Karteikärtchen, Kalenderblättern und Frühstücksbrettchen. Ein «Gebete-Karussell» enthält 150 Gebeten zu verschiedenen Anlässen. Beliebt ist seit vielen Jahren ein «Tischgebetwürfel», ein Holzwürfel, der auf seinen sechs Seiten Tischgebete enthält. Das spielerische Moment – vor allem für Kinder wichtig – berücksichtigen auch andere Hilfen wie ein «Tischgebetfächer» oder sogar ein «Tischgebet-Toaster»: ein kleiner Plastiktoaster, aus dem beim Ziehen eines Hebels ähnlich einem Toastbrot ein kleines Kärtchen springt, das ein Tischgebet enthält…

War die Beauftragung der Kinder zum Sprechen des Tischgebetes, wie gezeigt, zunächst ein Aspekt der Glaubens- und Gebetserziehung, so scheint heute das Spielerische an diese Stelle getreten zu sein. Auch das ist festzustellen: Viele so genannte Tischgebete sind gar keine Gebete. Es sind billige Reime zum Thema Essen, die mit einem Amen beschlossen sind. Allerdings spielt auch der Gebets-Gedanke wohl vielfach gar keine Rolle; in ihrem Plädoyer für gemeinsame Familienmahlzeiten stellt Véronique Witzigmann («Rettet die Tafelrunde» – 2009) das Tischgebet als «antiquiert» dar, das allenfalls strukturierende Funktion hat als «Auftakt für eine gemeinsam einzunehmende Mahlzeit. Es ist ein Ritual, bei dem alle zunächst zur Ruhe finden und das den Beginn des Essens bestimmt.»

Tatsächlich spielt der Gemeinschaftsaspekt durchaus eine große Rolle – vielleicht auch, weil Tischgemeinschaft nicht mehr selbstverständlich ist, auch nicht in Familien. Rituale, wie sich gemeinsam an die Hände fassen und «Wir wünschen einen guten Appetit» sprechen, bringen dies zum Ausdruck; sie sind oft auch an die Stelle des Tischgebets getreten.

Die Gemeinschaft muss sich auch nicht auf den Tisch beschränken, sondern kann auch das Vorbereiten und vor allem gemeinsame Kochen mit einschließen. Letzteres wird einem ja durch unzählige Koch- und Küchensendungen auch täglich in seiner Lust und Launigkeit vor Augen geführt. Freilich ist das (gemeinsame) Kochen auch aufwändig; es wird daher auch von den Fernsehköchen bezweifelt, ob dies von solchen Sendungen merklich befördert wird oder ein gelegentliches Event bleibt. Denn noch nachdrücklicher schieben sich inzwischen auch mittels TV-Werbung die verschiedensten Lieferservice-Angebote vor die Augen.

Studien zu den Ernährungsgewohnheiten zeigen, dass auch in Deutschland immer häufiger das Abendessen die gemeinsame Hauptmahlzeit des Tages ist. Das ist wohl weniger mediterranem Vorbild geschuldet als vielmehr der Tatsache, dass ein gemeinsames Frühstück und Mittagessen oftmals den Lebens- und Arbeitsumständen zum Opfer fallen. Gerade für Familien bleibt als verbliebene gemeinsame Zeit der Abend. Ein Feinkost-Unternehmen will neuerdings das klassische deutsche «Abendbrot» wiederbeleben und bringt dies mit einem interessanten Aspekt in Zusammenhang: «Wenn der Tag aufhört, fängt das Erzählen an», lautet ein neuer claim des Unternehmens, auf dessen Website das Thema «Abendbrot» vielfältig dargestellt wird.

Tischgemeinschaft ist Erzählgemeinschaft: Ein lobenswerter Impuls, auch wenn er vorrangig der Produktwerbung des Unternehmens dient. Aber er greift einen wichtigen Aspekt auf: Die Tischgemeinschaft äußert sich in konkreten Formen; das gemeinsame Gespräch ist mit der wichtigste Ausdruck. Auch wenn man den Kindern früher immer wieder mitgegeben hat: «Beim Essen spricht man nicht», so sollte man sich doch gerade beim Essen miteinander unterhalten. Die gemeinsamen Zeiten in den Familien sind seltener geworden, umso wichtiger erscheint es, dass die Zeit bei Tisch zu einem Zeitraum wird, in dem man sich austauscht und voneinander erfährt. Tischgemeinschaft ist auch eine Erzählgemeinschaft; das entspricht auch ganz alter christlicher Tradition: «Jesus von Nazaret war nach biblischer Überlieferung dort zu finden, wo die Menschen aßen und feierten. Er kommunizierte mit ihnen durch Ja und Nein hindurch, befragt und selbst fragend. Ist nicht auch heute die gemeinsame Mahlzeit der Ort, an dem Gespräch geübt, Antwort miteinander gesucht und gegeben werden kann!?» (Dieter Trautwein)

Inwieweit die Mahlzeiten noch vom kirchlichen Kalender und seiner Einschätzung von Fest- und Fastentagen geprägt sind, lässt sich nur schwer sagen. Wahrscheinlich eher nicht, obwohl es zahlreiche Kochbücher aus jüngerer Zeit gibt, die eben diese Zusammenhänge bewusst berücksichtigen. Freilich bleibt hier vieles «brauchtümlich», arbeitet bewusst mit Klischees («Küchengeheimnisse hinter Klostermauern») oder grenzt bisweilen ans Geschmacklose, etwa wenn für Karfreitag «Scholle auf dem Kreuz» mit gekreuzten Spargelstangen zum Fischfilet vorgeschlagen wird… Und immer wieder gibt es natürlich «Kochbücher» und «Rezepte» der Hildegard von Bingen, auch wenn religiöse Einschätzungen von Fasten- und Festgerichten eher als überholt angesehen werden, wie es bei der schon genannten Véronique Witzigmann der Fall ist. Und wenn Restaurants an Aschermittwoch oder Karfreitag zum «Edelfisch-Buffet» laden, gerät der Anlass auch eher zum Dekor…

5. Haltung statt Rituale

Sucht man nach heutigen Ausdrucksformen eines religiösen bzw. christlichen Verständnisses des Essens und Trinkens, kann man sie wohl nicht mehr an den früheren Zeichen und Symbolen festmachen. Vielmehr gilt es, nach zeitgemäßen Ausdrucksformen des Mahles und Zusammenhängen der Essgewohnheiten zu suchen, und die lassen sich auch finden. Anknüpfen kann man etwa an der Freude für Formgestaltung, auch im Bereich einer Tischkultur; an der Erkenntnis sozialer und globaler Zusammenhänge gerade im Bereich der Nahrungsproduktion und des Essens und Trinkens. Aber auch an einem wieder gewonnenen Verständnis für Zeitrhythmen und Regionalität («Slow Food»). Und schließlich an einem Bewusstsein für Ernährung, die etwas mit Leib und Seele zu tun hat, mit Achtsamkeit für die Umwelt und die Mitgeschöpfe. Die Initiative «Donnerstag ist Veggietag», die seit knapp zehn Jahren in vielen Städten und Einrichtungen für einen vegetarischen Tag eintritt, setzt sich zwar bewusst vom kirchlichen Abstinenztag, dem Freitag, ab, geht aber in der Begründung für den Verzicht auf Fleischspeisen über den kirchlichen Bußgedanken hinaus, indem auch gesundheitliche, ökologische und ethische Gründe genannt werden, die natürlich auch eine religiöse Bedeutung haben.

Es scheint, dass die religiöse und christliche Einschätzung und Gestaltung des Essens und Trinkens heute weniger durch die Zeichen und Rituale ausgedrückt werden, die das Mahl umgeben, als vielmehr durch eine innere Haltung. Inwieweit die prägend ist und sein kann für eine ganze Gesellschaft, ist eine ganz andere Frage.

Denn daneben gibt es auch unverkennbar Anzeichen dafür, dass das Kochen und Speisen inzwischen quasi-religiös inszeniert wird. Essen und Trinken ist Kult. Und Kultstatus haben auch die Spitzenköche, die, Hohepriestern nicht unähnlich, in ihren blitzenden Küchen-Heiligtümern immer neue Arten der Wandlung vollziehen. Sterne-Restaurants gleichen Wallfahrtsstätten, die man von weither aufsucht, weil dort ein Spitzen-Essen «zelebriert» wird, das man «mit Andacht» genießt… Das heißt, nein: Erst muss es ja mittels Handykamera festgehalten und der Welt gezeigt werden.

Damit nochmals zurück zu der eingangs zitierten Beobachtung von Piet Klocke. Wenn man will, kann man im Fotografieren seiner Mahlzeit und dem Teilen des Bildes an «Freunde» auch eine neue Form der Mahlgemeinschaft sehen. Im «Bordrestaurant» der «Deutschen Bahn» fand ich unlängst eine Speisekarte mit dem schönen Satz: «MEHR ALS NUR ESSEN. gekocht. gebloggt. geliked.» (Die Menüs des betreffenden Monats im Bordrestaurant stammten von einer Food-Bloggerin.) «Gekocht, gebloggt, geliked»: Man teilt sein Essen mit anderen, erfährt eine positive Rückmeldung und somit die wohltuende Wirkung einer – wenn auch virtuellen – Mahlgemeinschaft.

Vielleicht ist es aber auch nur ein weiterer Ausdruck der Inszenierung des Essens unter Einbeziehung seiner selbst, die man möglichst vielen mitteilen möchte. Neuester Gag ist das Selfieccino (abgeleitet von Cappucino): Per Whatsapp können Gäste vorher ein Foto von sich an den Barista schicken, der es auf einer speziellen Maschine hochlädt. Mit Lebensmittelfarben wird dann das Bild auf den Cappucino-Milchschaum gesprüht. Das eigene Gesicht, das einem auf dem Getränk entgegenblickt, lässt sich natürlich dann mit dem Smartphone fotografieren und der Welt mitteilen. Wohl bekomm’s.

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