Christ, die bienen sind geschwärmt! nu fliegt, meine bienen, her.
im frieden des herrn, in gottes schutz kommt gesund nach haus.
sitz, sitz, biene: befahl dir Sancta Maria.
frei hast du nicht, zum wald darfst du nicht fliegen!
fliehen darfst du auch nicht, darfst mir nicht entschwinden.
sitz ganz stille, wirke gottes wille.
nach Thomas Kling
* * *
Zum ersten Mal begegnet ist mir der nach seinem Fundort Lorsch benannte Bienensegen in der Übertragung des Avantgardedichters Thomas Kling, der im Jahr 2001 eine Anthologie mit dem Titel Sprachspeicher. 200 Gedichte auf deutsch vom achten bis zum zwanzigsten Jahrhundert herausgegeben hat, worin das frühmittelalterliche Miniepos Eingang fand. Erstaunlich genug bei einer Auswahl von nur zweihundert Texten über achtzehn Jahrhunderte, war Kling wohl ebenfalls vom Ungezähmten der Zeilen fasziniert, die kopfüber als althochdeutsches Einsprengsel in eine lateinische Sammelhandschrift apokrypher und homiletischer Themen eingedrungen sind.1 Wie den Bienen selbst scheint auch dem Gedicht schwer beizukommen zu sein, was neben der historischen Distanz zum Text auch an der Merkwürdigkeit seiner Überlieferung liegt: Auffindungsort und Sitz im Leben rufen ein adson’sches Setting2 wach und lassen sogleich über Schreiber und Tat phantasieren.
Ein Segen im herkömmlichen Sinne ist der Text nicht, eher fällt er in die Kategorie Zauberformel, auch wenn hier mit Christus und Maria der Mantel der Orthodoxie über die profane Praxis gebreitet wird. Dienen sollten die Zeilen der Beschwörung eines entflohenen Bienenvolkes, ein magisches Hilfsmittel, das jemand für den Ernstfall besser schriftlich bereit halten wollte, ein Mensch mit Kenntnis von Buchstaben und Bienen; eine nicht seltene Kombination, wie Ralph Dutli in seiner Kulturgeschichte der Biene nachweist3; vielleicht hat auch Kling neben dem Schreiben das Handwerk der Imkerei betrieben. Beim Lorscher lässt sich Eigenwilligkeit gepaart mit einem Schuss Selbstzweifel im Umgang mit der poiesis erkennen: Wenn die eigenen Fertigkeiten einmal nicht gereicht haben mögen, ist er bereit, auch ungewöhnliche Mittel einzusetzen, wenn also dem Schwarmtrieb der Bienen nicht mit den Maßnahmen des Imkers Einhalt geboten werden konnte, so hätte er doch mit der Wortkunst noch einen Zauber zur Hand.
Ein Gedicht in manch verengter Vorstellung, was das denn sei, ist der Text aus dem zehnten Jahrhundert auch nicht. Das Original, ohne jede uns geläufige Interpunktion, verweigert eine klare Abgrenzung von Sinnabschnitten. Die damit einhergehende Mehrdeutigkeit erlaubt es nicht, die direkte Rede des Sprechers von der zitierten Rede Marias trennscharf zu unterscheiden. So ließe sich entweder nur der an die Bienen gerichtete Befehl sitz, sitz als Ausspruch der Gottesmutter interpretieren oder aber auch der ganze nachfolgende Teil des Textes. Im zweiten Fall läge eine Art Erzählnukleus vor, wie einmal Maria selbst einen Bienenschwarm einfing, und gäbe so dem Lorscher Segen Stoff für eine Geschichte ein, worin Meinolf Schumacher eine textstrategische Analogie zum Sprechakt der Wandlung sieht: «Während der Priester […] die Geschichte der Einsetzung erzählt […], spricht er als wörtliche Rede […] die Einsetzungsworte»; wie der Zelebrant im Erzählen zu wandeln imstande sei, so ließe sich «offenbar auch zaubern, indem man erzählt, wie früher einmal jemand [Maria] erfolgreich gezaubert hat».4
Der Lorscher Bienensegen ist ein Sommertext. Seinem außergewöhnlichen Reiz lässt sich in der atmosphärischen Spannung von dicken Klostermauern zu blühenden Wiesen nachgehen. Während der Lorscher im kühlen Gemäuer die Feder übers Pergament führt, sammeln die Bienen in der flirrenden Hitze die Tracht von den Besitzungen des Stiftes. Frei sind sie beide nicht, in der schattigen Frische des Waldes auszuruhen und so ist die Beschwörung der Bienen vielleicht auch eine Beschwichtigung des Schreibenden: sitz ganz stille, wirke gottes wille.