Obwohl ich einem evangelischen Pfarrhaus entstamme, ist es mir nicht an der Wiege gesungen worden, dereinst einmal, noch dazu in einer katholischen Akademie1, das Wort zur Verteidigung der Erbsünde zu ergreifen. Doch nicht für sie, die Ursünde selbst, will ich eine Lanze brechen, für jene Erstgestalt des Abfalls, welche laut offiziellem Bekenntnis beider christlicher Kirchen von Generation zu Generation, von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben wird, wohl aber für das Mahnende in der Lehre von ihr. Oder doch für beides? Man wird sehen. Ich habe keine festumrissene Position im vorhinein. Ich bin selber gespannt, wohin mich die Gedanken tragen werden.
Die Erbsünde, zugegeben, ist ein schwieriger und für viele auch befremdlicher Gedanke. In der Bibel, sagen die einen, ist von ihr nicht die Rede, jedenfalls nicht kategorial. Sehr wohl ist darin von ihr die Rede, nämlich dem Sinn nach, sagen die anderen. In Beichtgebeten kommt sie nicht vor, im Beichtspiegel auch nicht. Wie sollte sie auch. Man kann Sünden beichten, aber man kann nicht die Erbsünde beichten. Sie ist kein eigener Gottesfrevel der Lebenden, keine persönliche Übertretung, weder eine der Tat noch eine des Unterlassens. Sie ist eine überkommene Verfehlung, Erbe der Voreltern, allerdings eines, das man nicht ausschlagen kann.
Wenn man den Sinn dieser Erbschaft verstehen will, ihn aber nicht im Beten und nicht im Beichten greifen kann, sollte man es im Gesang versuchen. Ich denke da an Monsignore Jaroslav Kubóvec, den Priester des Spätkonvertiten Ernst Jünger, der zu seinem fast hundertjährigen Schützling sagte, einmal Singen sei besser als dreimal Beten.
Und ja, es gibt ein Lied, das von der mysteriösen Sache handelt, es steht zwar nicht im Gesangbuch, weder im katholischen noch im evangelischen, aber manchmal wird es doch gesungen, denn Bach und Buxtehude haben es vertont. Es heißt, horribile dictu, «Lied von der Erbsünde» und stammt von dem Nürnberger Ratsschreiber Lazarus Spengler, geboren 1479, gestorben 1534. Spengler war ein früher Förderer der Reformation und wurde 1520 zusammen mit Luther mit dem päpstlichem Bann belegt. Das jambische Lied ist recht lang, es hat neun Strophen zu jeweils acht Zeilen. Ich kann es nicht komplett vortragen, doch eine Kostprobe in Gestalt der ersten drei und der letzten zwei Strophen will ich geben.
Durch Adams Fall ist ganz verderbt
Menschlich Natur und Wesen,
Dasselb Gift ist auf uns ererbt,
Daß wir nicht mocht’n genesen
Ohn’ Gottes Trost, der uns erlost
Hat von dem großen Schaden,
Darein die Schlang Eva bezwang,
Gotts Zorn auf sich zu laden.
Weil denn die Schlang Eva hat bracht,
Daß sie ist abgefallen
Von Gottes Wort, welchs sie veracht,
Dadurch sie in uns allen
Bracht hat den Tod, so war je Not,
Daß uns auch Gott sollt geben
Sein lieben Sohn, der Gnaden Thron,
In dem wir möchten leben.
Wie uns nun hat ein fremde Schuld
In Adam all verhöhnet,
Also hat uns ein fremde Huld
In Christo all versöhnet;
Und wie wir all durch Adams Fall
Sind ewigs Tods gestorben,
Also hat Gott durch Christi Tod
Verneut, was war verdorben.
[…]
Ich bitt o Herr, aus Herzensgrund,
Du wollst nicht von mir nehmen
Dein heilges Wort aus meinem Mund,
So wird mich nicht beschämen
Mein Sünd und Schuld, denn in dein Huld,
Setz ich all mein Vertrauen;
Wer sich nur fest darauf verläßt,
Der wird den Tod nicht schauen.
Mein Füßen ist dein heilges Wort
Ein brennende Laterne,
Ein Licht, das mir den Weg weist fort;
So dieser Morgensterne
In uns aufgeht, so bald versteht
Der Mensch die hohen Gaben,
Die Gottes Geist den g’wiß verheißt,
Die Hoffnung darein haben.
Spengler war Theologe, er hat sich 1529 in einer Schrift mit Zwinglis Erbsünden- und Tauflehre auseinandergesetzt. In der kurzen Einleitung erklärt er, dass derjenige, der die verdammende Wirkung der Erbsünde verneint, die Heilstat Christi verleugnet. Diese Ansicht spiegelt sich auch im Text seines Liedes wider. Ich will jetzt nicht näher darauf eingehen. Soviel aber darf ich sagen, Spenglers Lied von der Erbsünde ist im Grunde nichts anderes als eine Versifikation des Erbsündendogmas. Das soll kein Einwand gegen das Lied und auch keiner gegen das Dogma sein. Apropos Dogma. Der Begriff hat schlechte Karten heutzutage. Man denkt an das Bonmot von Karl Rahner: «Dogmen sind wie Straßenlaternen. Sie wollen den Weg beleuchten, aber nur Betrunkene halten sich daran fest». Doch haben Dogmen, sachlich betrachtet, nichts Anrüchiges. Sie verkörpern eine durchaus anspruchsvolle Gattung religiösen Erkennens. Sobald der Glaube zur formgebenden Macht des Denkens aufsteigt, zielt er auf begriffliche Klärung und konzentrierte Wahrheit. Der Geist kristallisiert. Das ist der Sinn der Sache. Eine Zeit, die keine Dogmen, sprich keine verbindlichen Lehrsätze mehr hat, ist eine schwache Zeit.
Die Dogmengeschichte der Erbsünde ist lang. Ich kann hier nicht darauf eingehen, nicht auf Paulus, Ambrosius, Pelagius, Augustinus, nicht auf Luther. Nicht auf die vielen anderen. Auf wen ich aber eingehen kann und will, ist Ernst Bloch. Mit ihm möchte ich beginnen. Nicht weil ich eine besondere Schwäche hätte für Ketzer und Häretiker, sondern weil es für das Denken fruchtbar ist, sich nicht nur im eigenen Kreis zu bewegen. In Blochs spätem Buch «Atheismus im Christentum», erschienen 1968 – wann sonst, möchte man meinen – findet sich der Satz: «Die Paradiesschlange ist die Raupe der Göttin Vernunft.» Der contra deum gemeinte Gedanke ist gnostischen Ursprungs, und Bloch macht ihn sich, wie es von jeher seine Art war, mit philosophischem Schwung zu eigen. Dass die Schlange verhieß «ihr werdet sein wie Gott» und das Menschenpaar nicht widerstehen wollte – das wird ihm zur Chiffre für das innerweltliche Heil seiner atheistischen Utopie. In Blochs Auslegung des Paradiesgeschehens ist die Schlange eine Lichtbringerin, und die wirkliche Ursünde der ersten Menschenkinder wäre es gewesen, nicht sein zu wollen wie Gott. So gesehen ist die Schlangenverheißung keine Verführung zur Sünde, sondern der Lockruf zur Freiheit, zur Selbstermächtigung, ein Appell an den aufrechten Gang.
Das ist nun die entschiedenste Antithese zur christlichen Auffassung der Dinge. Man kann sagen, hier wird die Ursünde zur Urtugend gemacht und die Erbsünde zur Erbtugend. Es ist nicht jedem gegeben, auf so entschiedene Weise den Spieß umzudrehen. Was spräche dagegen jetzt auch zu sagen: Nicht Adam und Eva begingen die erste Sünde, sondern Gott selber hat sie begangen, denn er war es, der seinen Geschöpfen das Höchste und Edelste, was zu erlangen sie fähig sind, nämlich die Erkenntnis des Guten und Bösen, vorzuenthalten versucht hat.
Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Die Gedanken sind frei. Das gilt für alle, auch für Philosophen. Von Heidegger, der wie Bloch eine große Affinität zur Theologie besaß, stammen die Sätze: «Der Philosoph glaubt nicht.» und «Philosophie ist ein Handaufheben gegen Gott.» Soviel dazu. Der Atheismus ist alt und seine Geschichte lang. Gehört sie zur Erbsünde oder zur Erbtugend?
Erbtugend ist übrigens ein Wort von Goethe. Allerdings hat er es nicht in Anschlag gebracht, um die Gegenspielerin zu ersetzen, sondern um sie zu ergänzen. In den Schriften zur Literatur heißt es: «Wenn gewisse Erscheinungen an der menschlichen Natur, betrachtet vonseiten der Sittlichkeit, uns nötigen, ihr eine Art von radikalem Bösen, eine Erbsünde zuzuschreiben, so fordern andere Manifestationen derselben ihr gleichfalls eine Erbtugend, eine angeborene Güte, Rechtlichkeit und besonders eine Neigung zur Ehrfurcht zuzugestehen.» Eine ähnliche Position hat später auch Jaspers vertreten. In seinem Buch «Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung» von 1962 heißt es: «Die Chiffre der Erbsünde bedarf der Ergänzung durch die Chiffre des eingeborenen Adels.»
Zurück zu Bloch, jenem hoffnungsfrohen Denker des Noch-Nicht, der es liebte, die Bibel gegen die Theologie in Stellung zu bringen. Nicht nur das Hören auf die Schlangenverheißung «Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist» (Ex 3, 5) fasste er als Adelsprädikat des Menschen auf, sondern auch den Turmbau zu Babel. Auch hier, im kollektiven Tun, zeige sich bei den Erdenkindern ein Werdenwollen, Seinwollen und Schaffenwollen wie Gott, das ihnen höchste Ehre mache. Das sei keine Hybris, sondern ein Sinnbild des Prometheischen in uns. Da Religion und Kirche jedoch keinerlei Interesse bekundeten am «Freiheitsglanz der Sache», hätten Sündenfall und Turmbau zu Babel stets «die schlechteste klerikale Presse» gehabt.
Wohin ein vom Gottesgehorsam gänzlich freigestelltes Wissen von Gut und Böse führen kann, zeigt nun gerade die Geschichte der «Göttin Vernunft». In ihrem Namen und dem der durch sie begründeten Revolution exekutierten die Jakobiner das was sie Tugendterror nannten und die Bolschewiki das was sie Wahrheitsterror hätten nennen können, einen Terror, der sich gegen Gegner und Anhänger richtete. Er führte am Ende zu Zuständen, in denen nicht nur nicht mehr offen geredet, sondern nicht einmal mehr aufrichtig geschwiegen werden durfte. Das war der geistig gewalttätige Zug daran. Das eine lief auf Gewissensumkehr, das andere auf Gehirnwäsche hinaus. Doch es blieb nicht bei der Tyrannei der Ideen. Als es drauf ankam, schritt man zur Tat. Das manichäische Weltbild erlaubte den serienmäßigen Einsatz von Guillotine und Genickschuss. Bloch hat als Sozialist die entsprechenden historischen Praktiken zeitlebens als erzwungen verteidigt. In seinem Buch «Thomas Münzer als Theologe der Revolution» fällt der dafür zweckdienliche Begriff. Er heißt «Gewaltrecht des Guten».
Aber nicht nur der religiös nicht unmusikalische kommunistische Freigeist Bloch war anfällig für bizarre Umkehrungen, auch genuine Theologen waren es. Ich denke an eine Geschichte, die Fedor Stepun in seinem Aufsatz «Formen deutscher Sowjetophilie» von 1930 erzählt hat. Stepun gehörte zu den elf missliebigen Philosophen, die auf Anweisung Lenins 1922 ausgebürgert und per Schiff, dem nachmals berühmten «Philosophenschiff», gegen ihren Willen von Petrograd nach Stettin verbracht wurden. Darunter waren auch die Religionsphilosophen Nikolai Berdjajew und Walentin Bulgakow. 1926 wurde Stepun Professor an der Technischen Hochschule Dresden, wo er die Bekanntschaft eines renommierten protestantischen Theologen machte. Sie führten ausgiebige Gespräche untereinander. Meist ging es um den Bolschewismus. Stepun sah in der Russischen Revolution eine Fehlleitung religiöser Energien. Er verwies dabei auf Kierkegaard, der 1848 den Kommunismus als religiöse Bewegung der Zukunft gedeutet hatte.
Stepuns Gesprächspartner war religiöser Sozialist. Er verstand das Christentum vor allem als Glaubensaufruf zur sozialistischen Entscheidung, zum Aufbau einer von Grund auf neuen, anderen, gerechteren Gesellschaft. Dazu brauche es das enge Zusammengehen mit dem Proletariat. Stepun sah, wie die Beschämung der Protestanten über den Vorkriegsnationalismus ihrer Kirche sowie das Leiden am kraftlos gewordenen Glauben während der Weimarer Zeit in der Seele der linken Pastoren den Wunsch aufkeimen ließ, sich mit einer historisch aufstrebenden Gemeinschaftsbewegung zu verbinden. Religiosität war den religiösen Sozialisten nun wichtiger als Religion. Und so kam es, dass sie meinten, echte Religiosität hätte alle Formen des geschichtlich gewordenen Christentums abzulehnen, solange diese den Menschen daran hinderten, den Weg zu einer neuen Gesellschaft einzuschlagen. Von diesem Standpunkt aus war es nur noch ein Schritt bis hin zur religiösen Rechtfertigung des bolschewistischen Kampfes gegen die orthodoxe Kirche. Einige protestantische Theologen gingen sogar soweit, den Geschichtsmaterialismus von Marx als die zum Schutz des vermeintlich echten Christentums einzig mögliche Philosophie zu verteidigen.
Stepun, der die Revolution vom Oktober als Verrat an der Revolution vom Februar ansah, kam aus dem Staunen nicht heraus. Seine Begegnung mit besagtem evangelischen Theologen gipfelte schließlich in folgender Episode. In der Exilpresse war ein Aufsatz von Walentin Bulgakow erschienen. Er trug den Titel «Wie sie für den Glauben sterben». Stepun schreibt: «Ich erzählte den Inhalt und hielt mich besonders lange bei den von Rotarmisten erschossenen Bauern auf, die mit einem Gebet für ihre Peiniger starben. Und auf einmal wurde alles klar. Mit großer Aufrichtigkeit äußerte mein Gesprächspartner, sichtlich erschüttert von meinem Bericht, plötzlich den Gedanken, die exekutierenden Rotarmisten seien dennoch von einem lebendigen religiösen Gefühl erfüllt gewesen, wohingegen die Betenden ihren Tod mit den konventionellen Formen einer toten Religiosität abwehrten, einer, wie er sich ausdrückte, ‹dämonischen›, das heißt ihrem Wesen nach Götzen anbetenden Orthodoxie.» Der Gesprächspartner war Paul Tillich.
Ich will hierzu nichts weiter sagen. Die Geschichte spricht für sich. Wir können uns nun fragen, was das Ganze mit der Erbsünde zu tun hat. Sünde ist religiös verstandene Schuld, sie ist keine Schuld vor den Menschen, sondern eine Schuld vor Gott. Erbsünde ist religiös verstandene Erbschuld. Das Dogma der Erbsünde sieht ausnahmslos jeden Menschen in einer Erbschuld vor Gott. Der Sozialist hingegen sieht sich frei davon, er kennt in eigener Sache, sprich der guten Sache, weder Sünde noch Schuld, schon gar keine Erbschuld. Nicolás Gómez Dávila, einer der scharfsinnigsten katholischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, hat einmal gesagt, der Sozialismus ist die Philosophie von der Schuld der andern. Da der Sozialist davon überzeugt ist im moralischen Plus zu stehen und seine Gegner im Minus, werden sie nicht widerlegt, sondern gebrandmarkt.
Kommt uns das nicht bekannt vor? Ich spreche von der Hypermoral des linkslastigen Zeitgeistes, von der gesinnungsethischen Zurichtung des Politischen, von der Selbstgerechtigkeit der Medien und dem sich alternativlos gebenden Regierungshandeln, ich spreche von der Absolutheitsethik humanitaristischer Diesseitsreligionen. Die Lehre von der Erbsünde könnte hier ein Heilmittel sein, denn sie untergräbt das Fundament des Pharisäertums und damit den moralischen Betrug und Selbstbetrug. Sie ermöglicht den entschlossenen Gebrauch der praktischen Vernunft und eine realistische Sicht auf die Conditio humana.
In gewisser Weise war auch Hegel dieser Ansicht. An einer Stelle seiner Rechtsphilosophie heißt es: «Die christliche Lehre, daß der Mensch von Natur aus böse sei, steht höher wie die andere, die ihn für gut hält; ihrer philosophischen Auslegung zufolge ist sie also so zu fassen. Als Geist ist der Mensch ein freies Wesen, das die Stellung hat, sich nicht durch Naturimpulse bestimmen zu lassen. Der Mensch, als im unmittelbaren und ungebildetem Zustande, ist daher in einer Lage, in der er nicht sein soll und von der er sich befreien muß. Die Lehre von der Erbsünde, ohne welche das Christentum nicht die Religion der Freiheit wäre, hat diese Bedeutung.»
Wie bei Bloch geht es auch bei Hegel, wenn er auf das Paradies zu sprechen kommt, um die Schlange und ihre Verführungskunst. Doch liegt es ihm fern, den Sinn des biblischen Narrativs umzukehren. Im Geiste, im Erkennen vollziehe sich die Entzweiung zwischen Schöpfer und Geschöpf, im Erkennen werde der Mensch schuldig, heißt es in der «Philosophie der Weltgeschichte», das Tier habe keine Schuld. Allerdings werde in der Erzählung vom Sündenfall auch die Prophezeiung der Versöhnung ausgesprochen, und zwar in den Worten, mit denen Gott die Schlange verflucht: «Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen: der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihm in die Ferse stechen.» (Ex 3, 14–15) Der Sündenfall ist für Hegel «der ewige Mythus des Menschen, wodurch er eben Mensch wird». Es kam ihm nicht in den Sinn, in der Schlange «die Raupe der Göttin Vernunft» zu sehen.
Hegel war nicht der erste, der die Lehre von der Erbsünde mit dem Grundproblem der Anthropologie verknüpfte, nämlich der Frage, woher das Böse kommt, wie es zu erklären und ob der Mensch von Natur aus ihm verfallen ist. An dieser Frage scheiden sich bis heute die Geister. Die optimistische Anthropologie ist der Auffassung, dass der Homo sapiens von Natur aus gut ist und es allein von den gesellschaftlichen Einrichtungen herrührt, wenn er Böses tut. So gesehen gibt es keine Schranke der Menschenbesserung. Das Böse kann aus der Welt geschafft werden. Man muss nur entschlossen ins Werk setzen, was Karl Popper holistic social engineering nannte, nämlich den Neubau der Gesellschaft von Grund auf. Was ja auch in regelmäßigen Abständen versucht wird. Die pessimistische Anthropologie sieht die Sache allerdings anders. Hier gehört das Böse zum Wesensgrund des Menschen. Die Vorstellung, es könnte ausgemerzt werden, gilt ihr als Wahnidee. Und die Vorstellung, es könnte ein kollisionsfreies Wertesystem, es könnte ausschließlich gesegnete Verhältnisse geben, als Illusion.
Das Dogma der Erbsünde stützt die pessimistische Anthropologie. Es besagt nichts anderes, als dass dem Menschen eine Wurzel des Bösen innewohnt, dass er offen ist für das Böse, ja, dass er gefährlich ist. Der Kern des Bösen ist etwas Geistiges, eine Schwäche der Versuchung gegenüber. Erbsünder sein heißt kein angeborenes Immunsystem gegen den Virus der Versuchung haben, ideologische Versuchung inclusive. Versuchung ist immer Versuchung des Willens. Wer nicht widersteht, erliegt der Verführung zur Willensverkehrung. Gehorsam oder Ungehorsam gegen Gott entscheidet sich an dieser Stelle. In den Worten Jesu ist immer wieder die Rede davon. «Nicht mein, sondern dein Wille geschehe», heißt es im Lukasevangelium. «Und führe uns nicht in Versuchung», heißt es im Vaterunser. Das Böse nistet dort, wo der Mensch diese Stimme überhört oder taub für sie ist. Erbsünde meint dieses Fehlen der Gottesantenne, ein Fehlen im Tun und Lassen, im Denken und Fühlen, im Wissen und Erkennen. Einsichtig wird dergleichen nur im Glauben. Im Unglauben ist es unbegreiflich.
Die Erbsünde als ewige, unwandelbare Struktur der Versuchungsanfälligkeit des Menschen gehört nicht zur frohen Botschaft. Das ist einer der Gründe ihrer Unbeliebtheit im heutigen Christentum. Man denkt an Karl Barth, der in ähnlichem Zusammenhang einmal sagte: «Wer wollte nicht lieber theologus gloriae als theologus crucis sein? Schon aus Menschenfreundlichkeit, um von der Bequemlichkeit nicht zu reden.» Sobald wir uns die anfänglichen, auf Augustinus zurückgehenden reformatorischen Bescheide zur Erbsünde in Erinnerung rufen, sehen wir, dass die alten Religionslehrer sich es nicht bequem gemacht haben mit dem Menschen. So heißt es in der 1531 von Melanchthon verfassten Apologie der Confessio Augustana über unseren «größten Jammer»: «daß wir Menschen alle also von Art geboren werden, daß wir Gott oder Gottes Werk nicht kennen, nicht sehen noch merken, Gott verachten, Gott nicht ernstlich fürchten noch vertrauen, seinem Gericht oder Urteil feind sind. Item daß wir alle von Natur vor Gott als einem Tyrannen fliehen, wider seinen Willen zürnen und murren. Item uns auf Gottes Güte gar nicht lassen noch wagen, sondern allzeit mehr auf Geld, Gut, Freunde verlassen.» Das klingt nicht gerade nach lupenreiner Gottebenbildlichkeit. Die Imago Dei des Menschen hat durch Adams Fall einige Kratzer bekommen, so dass die Erbsünde – ganz unabhängig von der Frage der Übertragung, die ich hier beiseitelasse – als angeborene Gottesflucht, Unglaube, aversio a Deo, ja gleichsam als angeborener Atheismus aufgefasst werden kann.
Allerdings ist der anthropologische Pessimismus nicht das letzte Wort in der Lehre vom peccatum originale originatum. Sie eröffnet auch Wege heraus aus der Gottesferne, dem Unheil des in Adam vermaledeiten alten, und Wege hin zur Gottesnähe, zum Heil des in Christus gebenedeiten neuen Menschen. Aber das ist schon ein anderes Kapitel. Davon kann ich hier und jetzt nicht handeln. Die Überschriften wären Buße, innere Umkehr, Reinigung des Herzens, lauter Sachen, die vom gläubigen Menschen und dem aufrichtigen In-sich-Gehen ihren Ausgang nehmen. Gómez Dávila sagt: «Ich kenne keine Sünde, die für eine edle Seele nicht ihre eigene Strafe wäre.» Von Gnade und Erlösung, den schönsten Verheißungen des Christentums, will ich gar nicht reden. Sie kommen allein von Gott.
Ist die Vorstellung der Erbsünde eine religiöse Fesselung? Ist sie ein Fluch, eine Schmach, eine Schande gar, weil sie dem einzelnen Menschen qua Herkunft die Last einer schuldlosen Schuld aufbürdet? Man sollte an Jochen Kleppers «Trostlied am Abend» denken, an die an Gott gerichtete Schlussstrophe:
Hat meine Sünde mich verklagt,
Hast du den Freispruch schon verkündet.
Wo hat ein Richter je gesagt,
Er sei dem Schuldigen verbündet?
Was ich auch über mich gebracht,
Dein Wort hat stets mein Heil bedacht.
Natürlich, Sünde ist nicht gleich Erbsünde. Eine Sünde ist zeitlich begrenzt, sie kann bereut werden, sie wird vergeben, man kann sich von ihr reinigen und dann ist sie getilgt. Die Erbsünde ist überzeitlich, sie kann nicht bereut werden, man kann sich nicht von ihr reinigen, sie kann nicht gänzlich getilgt werden.
Aber durch das Sakrament der Taufe geschieht es, dass sie von Gott nicht mehr zugerechnet wird, dass das Schuldmoment in ihr vergeben wird. Luther hat in einer seiner Tischreden ein gutes Bild dafür gefunden: «Die Erbsünde nach der Taufe ist gleich wie eine Wunde, die zu heilen anfängt. Es ist zwar eine rechte Wunde, aber doch wird sie geheilt und ist im steten Fortgang des Heilens, ob sie wohl noch eitert und wehe tut. So bleibt zwar die Erbsünde in den Getauften bis zum Tode, dennoch wird sie ständig getötet; der Kopf ist ihr ab, dass sie uns nicht verdammen und anklagen kann.»
Das Dogma der Erbsünde mündet in das Gebot des Christenmenschen, sich ihren Wirkungen entgegenzustellen. «Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt», lautet ein Christuswort aus dem Markusevangelium. «Ich glaube», ruft der Vater des kranken Kindes zu Jesus hin, «ich glaube; hilf meinem Unglauben!» Wer indes resigniert, der kriegt von Luther den Bescheid: «Die aber nicht wider ihre Sünden streiten, sondern bewilligen darein, die fallen gar wiederum in die Erbsünde, und werden, wie sie vor der Taufe sind gewesen.»
Die Erbsünde, und mit ihr auch der Schmerz daran, gehört zur Grundausstattung des Menschen. In diesem wie in jedem Schmerz steckt eine Wahrheit, die ohne ihn nicht erfahrbar ist. Viktor von Weizsäcker, der Begründer der medizinischen Anthropologie, sagt: «Im Schmerz ist aber das enthalten, daß etwas nicht sein soll, was doch ist, und dieser Widerspruch von Sollen und Dasein ist die eigentliche Wirklichkeit des Menschen als Kreatur. Der Mensch als Kreatur hat nicht nur die kalte Existenz, sondern sein Dasein ist immer ein So-sein-Sollen: dies ist der richtige ontologische Begriff vom Menschen und seiner Wirklichkeit. Seine Ontologie ist daher eigentlich nicht eine Lehre vom Sein, sondern eine Lehre von Geboten.»
Theologie ist ein wesentlicher Teil solcher Lehre. Der Ursprung der Religion liegt nicht, wie die Aufklärung meint, in der durch Unwissenheit verursachten Angst der Erdenkinder vor der übermächtigen Natur, sondern sie liegt letztlich im Wissen und Ahnen der unauslotbar tiefen Zwiespältigkeit des Menschenwesens selbst. Einer Zwiespältigkeit, die, biblisch betrachtet, selber eine Folge der Erbsünde ist. Wer dies verkennt, wer dies abschaffen will, muss den Menschen selbst abschaffen.