Martin LutherHört den Ruf der Nachtigall!

Er hat die deutsche Sprache geprägt und die Entstehung des deutschen Nationalbewusstseins beschleunigt, doch die Theologen tun sich kurz vor dem 500. Reformationsjubiläum schwer mit ihm. Denn vieles an Martin Luther ist überholt. Dabei wäre Entscheidendes von ihm zu lernen.

Die evangelische Kirche hat ein Problem: Sie hat Martin Luther. Dessen Anschlag der 95 Thesen jährt sich 2017 zum 500. Mal. Und die Protestanten wissen nicht recht, was sie vom Reformator halten und was sie feiern sollen.

Die katholische Kirche hat ein doppeltes Problem: Sie hat keinen Luther - und zugleich leidet sie unter ihm. Für die Politik ist klar: Martin Luther ist einer der größten Deutschen. Er hat das Land religiös, politisch und kulturell geprägt wie kaum ein anderer. Fünfhundert Jahre nach dem angeblichen Anschlag der 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg hat man allen Grund, des Reformators ausgiebig zu gedenken. Der 31. Oktober 2017, der Reformationstag, wurde zum nationalen Feiertag erklärt. Rund 55 Millionen Euro wurden für die Festlichkeiten und eine ganze Lutherdekade mit Konzerten, Vorträgen, Sonderausstellungen, Pilgerreisen bereitgestellt, nicht zuletzt, damit noch mehr Touristen zu den Luther-Stätten pilgern, die hauptsächlich in den fünf neuen Bundesländern liegen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist bemüht, für das Ereignis kräftig zu trommeln. Marketingexperten scheinen die Hoheit über den Verkauf des Reformators gewonnen zu haben: 500?000 Exemplare einer Playmobilfigur Luther sollen bereits verkauft sein. Luther in Keksform, Luther als Lutscher, alberne Socken mit dem Aufdruck „Hier stehe ich …“ und Internetseiten mit der Domain 3xhammer.de - „was hier werbetechnisch passiert, ist der größte anzunehmende Ernstfall“, sagte jüngst der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann auf dem Deutschen Historikertag in Hamburg, bezogen auf die Hammersymbolik, und ärgerte sich über die „Hypostasierung des Thesenanschlags“. Im CIG-Fragebogen (CIG Nr. 6, S. 68) antwortete Kaufmann auf die Frage, worauf er sich besonders freue: „Auf das Ende des Reformationsjubiläums.“

Führende Theologen scheinen sich für das Reformationsjubiläum nicht sonderlich zu begeistern. Der Geschichtswissenschaftler Kaufmann zeigte sich entsetzt darüber, dass eine Luther-Biografie nach der anderen erscheint. Der Kult um Luther geht manchen kritischen Forschern „auf den Geist“. Statt sich an seiner Person abzuarbeiten, tendieren sie lieber dazu, ihn in größere politische und kulturelle Zusammenhänge einzubetten. Die Genervtheit ist möglicherweise gleichzeitig Ausdruck einer Ratlosigkeit. Anselm Schubert, der Erlanger Kollege Kaufmanns, sagte auf dem Historikertag: „Wir sollen etwas feiern und wissen nicht warum.“ Die großen Narrative (Erzählungen) gelten nicht mehr. Die Errungenschaften der Reformation hätten sich aufgelöst.

Wozu 2017?

Der Münchner systematische Theologe Friedrich Wilhelm Graf schloss sich auf einem hochkarätig besetzten Luther-Symposium in Wien dem Profanhistoriker Heinz Schilling an, der schon 1995 zum Schluss kam, die Reformation sei uns abhanden gekommen. „Wir feiern etwas, was uns abhanden gekommen ist?“, fragte Graf irritiert. Die Reformationsforschung der vergangenen vierzig Jahre habe es erschwert, sich ein eingängiges Bild von der Reformation zu machen. In einer modernen, pluralistischen Gesellschaft sei es allerdings eine Illusion, auf eine einheitliche Geschichtserzählung zu hoffen. Geschichtsdeutungen konkurrieren miteinander und relativieren sich. So müsse sich ein jeder fragen, welches Narrativ er bevorzuge: ob er wie Kurienkardinal Kurt Koch von einer Kirchenspaltung sprechen wolle - eine Sünde, die man nicht feiern könne - oder ob besser von einer konfes­sio­nellen Pluralisierung des Christentums zu sprechen ist. Wer die Einheit der Kirche als höchstes Gut ansehe, der habe 2017 nichts zu jubeln, für ihn sei 2017 eine Verlustgeschichte. Wer sich dagegen an der Vielfalt orientiere, könne feiern.

In der Luther-Forschung ist einiges in Bewegung, die Lage ist so uneinheitlich, wie die Bedeutung des Reformators heute umstritten ist. War Luther der Erneuerer des wahren Sinns des Christentums? War er der Zerstörer der Einheit der Kirche? Entzündete er das helle Licht der Neuzeit nach dem dunklen Mittelalter? Hat die Reformation nur noch einen historischen Erinnerungswert? Oder was ist im Denken Luthers von bleibendem Wert? Immerhin hat die Aufklärung das metaphysische und kosmologische Weltbild ebenso zerstört wie die Autorität der Bibel. Auf der Wiener Luthertagung wurden alte Fragen neu gestellt.

Es wurde darüber gestritten, ob sich die Konfessionen in der Reformationszeit aufgrund theologischer Grundsatzentscheidungen ausbildeten oder ob viel stärker die realpolitische, konfliktbeladene Situation das Glaubensbekenntnis der Menschen prägte. Es wurde gestritten, ob Luthers Wirken zu einem raschen Bruch in der Glaubenspraxis des Volkes führte oder ob lang anhaltende Prozesse zu einer allmählichen Konfessionsausbildung geführt haben. Der Wiener Systematiker Ulrich H. J. Körtner etwa sieht in der Reformation keine „kontinuierliche Weiterentwicklung von Gedanken der spätmittelalterlichen Theologie“. Vielmehr führe sie im Ergebnis „durchaus zum Abbruch bisheriger Prozesse und zum Beginn von qualitativ neuen Entwicklungen“.

Der Luther-Drewermann

Es wurde gefragt, worin die Identifikationskraft Luthers bestand. Der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin sprach von einem „Drewermann-Effekt“: Luther sei ein Erbauungsschriftsteller für die Innerlichkeit gewesen und gleichzeitig ein wortgewaltiger Polemiker nach außen. Als solcher habe er im Protest gegen Rom als „Hercules germanicus“ die nationalistische Karte gezogen. Der Kampf gegen die Welschen war zugleich ein Kampf für die deutsche Nation. In Worms sei Luther zum nationalen Herold geworden, weil sich die Reichsstände von ihm Hilfe erwarteten im Bemühen, Papst und Kaiser zu schwächen und von ihnen unabhängiger zu werden.

Es wurde gefragt, was die Reformation anfangs vorantrieb. Der Wiener Kirchengeschichtler Thomas Prügl sieht im Kampf gegen Rom ab 1519 ein wesentlicheres Motiv für die reformatorische Wende als in der Rechtfertigungslehre. Luther sei in seiner Schrift „Wider das Papsttum zu Rom vom Teufel gestiftet“ deutlich über die Papst- und Kurienkritik der mittelalterlichen Eliten hinausgegangen, die ihre Beschwerden in den Gravamina nationis germanicae immer wieder vorgebracht hatten, was für eine antipäpstliche Stimmung gesorgt und zur Bildung eines deutschen Nationalbewusstseins beigetragen hatte.

Scharf ins Gericht ging man in Wien mit dem Exegeten und Hermeneutiker Luther, für den die Bibel alleinige Grundlage und Maßstab theologischer und kirchlicher Aussagen war (sola scriptura). Der Wiener Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger führte die - vor allem durch die historisch-kritische Methode in der Aufklärung verschärfte - Krise des protestantischen Schriftprinzips bereits bei Luther vor Augen. Entgegen dessen Meinung, die Schrift sei in sich klar und lege sich selbst aus, verwies er auf die Widersprüche, die in ihr zu finden sind. Deren Auflösung und Interpretation müsse eine übergeordnete Instanz entscheiden. „Die Polyphonie und Polysemie (Mehrdeutigkeit) der Schrift erfordert eine Sinnfestlegung, zum Beispiel von Konzilien.“ Auch stehe die von Luther christologisch qualifizierte Einheit von Altem und Neuem Testament heute infrage.

Die schwarzen Löcher der Bibel

Der Erlanger Kirchenhistoriker Anselm Schubert hatte jüngst auf dem Deutschen Historikertag schon Luthers Schriftverständnis kritisiert. Steht der Papst über der Schrift oder die Schrift über dem Papst? In der Auseinandersetzung der Konfessionen - der Philosoph Odo Marquard sprach vom „konfessionellen Bürgerkrieg um den absoluten Text“ - sei Luther kompromisslos gewesen, mehr noch: Er habe seine Ansicht einfach postuliert und den Diskurs verweigert. Denn Diskussion, so Schubert, habe für ihn bedeutet: Unklarheit, Zweifel, Unglaube, Teufel - ein niederschmetterndes Urteil für die zentrale Figur einer Kirche, die heute Pluralität und das ständige Ringen um Positionen zum besonderen Eigenen ihres Religionsverständnisses macht.

Der Hallenser Kirchenhistoriker Ulrich Barth sah das reformatorische Schriftprinzip ebenso als gescheitert an. Die Unterscheidung zwischen Schrift und Tradition lasse sich schon deshalb nicht halten, sagte er in Wien, weil der alt- und neutestamentliche Kanon Produkt kirchlicher Entscheidung ist. Und der Münsteraner Kirchengeschichtler Albrecht Beutel zitierte einmal Theodor Fontane gegen Luther. Der Schriftsteller schrieb an seinen Freund Georg Friedländer: „An die Stelle bestimmter Dogmen, die Produkte der Kirche waren, hat Luther Dogmen gesetzt, die seiner persönlichen Bibelauslegung entsprachen.“

Luther war streitbar, ging dem Konflikt nicht aus dem Weg. Das immerhin scheint sich innerhalb der Theologenzunft vererbt zu haben. Ein kleines Beispiel gab Friedrich Wilhelm Graf, der sich nicht scheute, in seinem Festvortrag die eigene Zunft anzugreifen. In der Luther- und Reformationsforschung sei wenig Innovatives auszumachen. Die Kollegen verlören sich im Kleinklein, warf er ihnen vom Katheder des Festsaals im Hauptgebäude der Universität Wien herunter vor. Vor allem die Kirchenhistoriker hätten allen Grund, selbstkritisch darüber nachzudenken, warum die erfolgreichen Luther- und Reformationspublikationen von „Spiegel“-Redakteuren und freien Mitarbeitern der „Süddeutschen Zeitung“ geschrieben würden und nicht von ihnen.

Da fügte es sich, dass die zunftfremde Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff ihre Sicht auf „das Sprachereignis Luther“ vortrug und dabei ein paar grundsätzliche Überlegungen darüber anstellte, was einen guten Text ausmacht. Die Büchner-Preisträgerin lobte die Bibelübersetzung des Wittenbergers in den höchsten Tönen. „Sie ist würzig, ist manchmal derb, das haut rein, ist zuweilen auch zart und steht einem heutigen Leser auch deshalb als Faszinosum vor Augen, weil die Bibel in dem nicht mehr ganz und gar geläufigen Deutsch als eine etwas befremdliche Schönheit wie neu ersteht, mit deren Sinn er sich ganz frisch befassen muss, eben weil die Sprache nicht in der gewohnten Geläufigkeit dahergaloppiert.“

Luther habe sich „einen Sinn für die schwarzen Löcher bewahrt, die in der Bibel zwischen den einzelnen, knapp gehaltenen Sätzen gähnen“, aus denen man „mit neuen glanzvollen Schätzen der Interpretation … emportauchen“ könne. „Wehe, alles ist ausformuliert und gemeinverständlich, dann lässt sich ein bedeutender Text gar nicht tradieren, weil er bereits nach ein, zwei Generationen erloschen ist und kein Arkanum mehr birgt, das frische, auch umstürzlerische Kommentare hervorlocken kann.“

Wer die Bibel ausstopfe mit allzu gemütlichem Gemeinsinn und gut ausgeschilderten Wanderwegen, bereite ihrer Wirkmacht ein Ende. „Wenn sich die Bibelübersetzungen ganz und gar dem modernen Sprachgebrauch ausliefern und damit auf überaus kommode Weise verständlich werden, gehen sie der Möglichkeit der Interpretation mehr und mehr verlustig, was sich an den Reden der Priester unserer beider Konfessionen landauf landab zeigt.“ Die Zündkraft der Bibel bestehe in ihrer Fähigkeit, sich kurzzufassen. Mitunter gingen die Sätze wie Schlaghämmer nieder. Auf poetischen Firlefanz werde in aller Regel verzichtet. „Du musst dein Leben ändern!“, das sei der Befehl, der aus ihr hervorgeht.

Rechtfertigung light

Dem Lob, in Luthers Kategorien salopp gesagt: Lewitscharoffs Evangelium, folgte wieder Gesetz. Nach der geschilderten Dekonstruktion des für die Reformation zentralen Schriftprinzips folgte diejenige des theologischen Zentrums lutherschen Denkens: die der Rechtfertigungslehre. Körtner machte den Rechtfertigungsartikel noch einmal stark als - den Erlanger Kirchenhistoriker Berndt Hamm zitierend - die „impulsgebende Mitte“ für die Reformation insgesamt, bevor sein Wiener Kollege Christian Danz den so zentralen Artikel, „mit dem die Kirche steht und fällt“, auf den Scherbenhaufen der Geschichte warf.

„Rechtfertigung heißt die Anerkennung und Annahme des Sünders durch Gott“, führte Körtner aus. „Glauben heißt nichts anderes, als dass einem Menschen der Zuspruch der Vergebung zur persönlichen Gewissheit wird. Wo dies geschieht, ist sein Gottesverhältnis grundlegend erneuert und zurechtgebracht … Gottes Zuspruch der Vergebung aber wird als solcher nur verstanden, wo ein Mensch zugleich die eigene Vergebungsbedürftigkeit in ihrem vollen Ausmaß erkennt. Das Evangelium ist nicht verstehbar ohne das Gesetz, das die göttliche Forderung an den Menschen enthält, die er als Sünder jedoch nicht erfüllen kann.“

Das sind wohlbekannte Denkmuster, die heute einem religiös häufig analphabetischen Publikum allzu oft verwässert vermittelt werden. Etwa jüngst in der evangelischen Zeitschrift „Chrismon“, in der die von der EKD bestellte „Reformationsbotschafterin“ die Rechtfertigung auf pastoral-seichte, an Kitsch grenzende Weise - die ganze Dimension der Buße ausklammernd - erklärte, dass jeder von Gott angenommen sei unabhängig von der Leistung, die er in einer immer anspruchsvolleren Gesellschaft bringen müsse.

Freier Herr über alle Dinge

Ist die Rechtfertigungslehre überhaupt noch zu vermitteln? Der in Fribourg lehrende Historiker Volker Reinhardt hat in seinem gerade erschienenen Buch „Luther der Ketzer - Rom und die Reformation“ behauptet, die Rechtfertigungslehre sei schon zu Luthers Zeiten und danach vom Großteil des Volkes nicht verstanden worden. Um wieviel weniger wird sie heute wohl verstanden? In Wien erinnerte Danz an jene Transformation, die Ernst Troeltsch als Übergang vom Alt- zum Neuprotestantismus beschrieben hat: „Das Zeitalter der europäischen Aufklärung hat nahezu alle Voraussetzungen unwiederbringlich aufgelöst, die für Luthers Neudeutung der christlichen Religion geradezu konstitutiv sind.“

Das Weltbild wurde durch Galilei und Kopernikus revolutioniert, die Metaphysik von Kant zertrümmert und die Autorität der Bibel durch die historisch-kritische Forschung infrage gestellt. Im Zuge dieser Umwälzungen veränderte sich das Verständnis des Protestantismus grundlegend.

Die bestimmenden Paradigmen waren nach Troeltsch nun „die Freiheit des Geistes und des Gewissens, die persönliche Gefühlsreligion, die Unabhängigkeit von Dogma und Theologie, die Erprobung des Religiösen im Sittlichen, die ewige Gegenwart der religiösen Wahrheit und ihre Freiheit gegenüber allem Geschichtlichem“. Das neue Verständnis der christlichen Freiheit, so fasste Danz zusammen, „wird bei Gotthold Ephraim Lessing zur Unabhängigkeit der Religion von der Bibel, bei Johann Salomo Semler zur autonomen Vernunftreligion, die mit Jesus in die Geschichte eintritt, bei Immanuel Kant zum sittlichen Autonomiegedanken, der seinen Ort nicht mehr in Gott, sondern in der Vernunft hat, und bei Georg Friedrich Wilhelm Hegel schließlich avanciert der Protestantismus zur Religion der Freiheit“.

Danz fragte: „Was wird aber aus der reformatorischen Anschauung vom Menschen als gerechtfertigtem Sünder, wenn sie ihrer mittelalterlichen Elemente entkleidet wird?“ Die Antwort darauf fällt bei ihm geradezu mathematisch-abstrakt aus und ist sicher nicht einfacher zu verstehen als das Original: „Der Glaube ist als ein Refle­xions­akt zu fassen, der zugleich mit seinen Gehalten entsteht. Subjekt und Gehalt der Religion sind keine dem Geschehen der Religion vorgegebenen Größen. Sie entstehen beide zugleich in dem Vollzug des Glaubens, der sich selbst in seinen Gehalten als ein unableitbarer Vollzug darstellt (d. h., es ist ein prozesshaftes Geschehen und nicht herstellbar, d. Red.) und der allein als ein solcher wirklich ist.“

Dass die Theologie ein Problem mit Luther hat, das zeigen nicht zuletzt Kongresse wie in Wien. Der Mangel an ermittelter Bedeutsamkeit Luthers hat dabei einen inneren Grund. Es ist die Art, Theologie zu treiben. Experientia facit theologum, hatte Luther eingeschärft, die Erfahrung macht den Theo­logen. Entscheidend ist die existenzielle ­Dimension. Alle Wissenschaft, alle Bibelauslegung, alle Reflexion auf Gott und den Glauben sind nur dann von Belang, wenn sie für den Einzelnen eine positiv lebensverändernde und prägende Kraft haben. Dieser Voraussetzung, so scheint es, sieht sich der Großteil der Theologen heute nicht verpflichtet. Sie sind sehr gelehrt, in ihrem Abstraktionsvermögen geschult, mit umfangreichem empirischem Wissen - wie es Forschern zur Ehre gereicht -, doch traktieren sie den Stoff in einer Art, von der sich Luther gerade abgesetzt hatte. Detailverliebte, historische Faktenhuberei - nice to know. Spekulative Höhenflüge - schön und gut. Luther hätte es wohl genannt: Sophisterei!

Erschüttert bis zum Seelengrund

Zu den wenigen, die in ihrer Luther-Deutung in Wien eine wirklichkeitserschließende Kraft für den modernen Menschen entfalteten - und zwar ohne Abstriche beim wissenschaftlichen Anspruch -, gehörte der Berliner Theologe Notger Slenczka. Er sieht im Gefolge Luthers im Evangelium eine Neubestimmung der Wirklichkeit. Der theologische Neueinsatz sei nicht einfach nur ein theologisch neuer Ansatz neben anderen, sondern ein neues Verständnis der Wirklichkeit überhaupt. Wie der Gesang einer Nachtigall den Zuhörer ergreift, so gehe es Luther um das Ergriffenwerden. Und zwar durch den Laut, die Stimme, das Wort. Allein das Verstehen des Wortes des Evangeliums könne die Seele erfassen und verändern, nicht magisch bewirkte Einflüsse von Gnade auf den Seelengrund, wie sie die mittelalterliche und bis heute in Teilen die katholische Theologie vertritt.

Das biblische Wort dürfe nicht verstanden werden als Information über Ereignisse, sondern als Zuspruch, der auf die Änderung des Selbstverständnisses des Menschen zielt. Er soll sich frei wissen von allen bedrohlichen Mächten. Bezieht man das beispielsweise auf die Kreuzestheologie Luthers, so liegt die Pointe von Jesu Tod demnach nicht darin, dass Gott das Leiden auf sich nimmt und wir es los sind, sondern darin, dass zu verstehen gegeben wird: Gott ist da präsent, wo ein Mensch leidet. Nur durch diese existenzialistische Wendung erschließt sich einem die eigene - neu bestimmte - Lebenswirklichkeit. Insofern gilt: „Das Christentum ist eine Nachtigall.“ Denn es ist ein Laut, der den Menschen ergreift und zur Freiheit verwandelt.

Slenczka schloss seinen Vortrag: Wer das nicht sieht, hat die Reformation nicht verstanden. Zu ergänzen ist: Theologie, die nicht auf die Existenz des Menschen zielt, hat Luther nicht verstanden - sie hat ein Problem.

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