Das Gute am ChristentumWas hat das Christentum Gutes gebracht?

Zurzeit wird jede Art von Verfehlungen, die sich die Kirchen geleistet haben und leisten, öffentlich massiv angeprangert. Ein Blick in die Werke führender Geschichtswissenschaftler zeigt jedoch auch eine andere Seite des Christlichen.

Im Anfang war der Glaube

Seine „Geschichte des Westens“ eröffnet der Historiker Heinrich August Winkler geradezu biblisch klingend mit dem Satz: „Am Anfang war ein Glaube: der Glaube an einen Gott.“ Zur Entstehung des Westens sei mehr erforderlich gewesen als der Monotheismus. „Aber ohne ihn ist der Westen nicht zu erklären.“ Die kulturrevolutionäre Bedeutung sei offensichtlich: nämlich die Einsicht in Schuld und daraufhin die Hoffnung auf eine künftige überirdische Gerechtigkeit, sodann die Gottesebenbildlichkeit eines jeden Menschen als befreiende Kraft auch für die ­Sklaven, endlich „die spezifisch christliche Unterscheidung zwischen göttlicher und weltlicher Ordnung, in der die Säkularisierung der Welt und die Emanzipation des Menschen bereits angelegt sind“.

Ähnlich beschreibt der Berliner Mittelalterexperte Michael Borgolte Europa als den Raum, in dem sich, verglichen mit anderen Teilen der Welt, in einzigartiger Weise der Monotheismus durchgesetzt habe: „der Glaube an den einen Schöpfer und universal herrschenden Gott, freilich ausgeprägt in drei Religionen“. Dadurch unterscheide sich Europa von der vorchristlichen Antike ebenso wie von der Pluralität des Fernen Ostens. Der Monotheismus „hat in diesem Sinne Europa ‚gemacht‘“, schreibt Borgolte in „Christen, Juden, Muselmanen“. Europa ist im Monotheismus begründet.

Der christliche Gott der Liebe

Das biblische Hauptgebot verlangt, Gott und den Nächsten zu lieben (Mk 12,30f). Erst die monotheistischen Hochreligionen hätten - so neuerdings der Ägyptologe Jan Assmann - Gott zum Repräsentanten von Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Liebe erhoben. Dadurch sei eine psycho-historische Entfaltung ausgelöst worden: In Entsprechung zum gerechten, sittlichen und liebenden Gott habe der Mensch nun in sich selbst diese Eigenschaften herausgebildet, sei also zum gerechten, sittlichen und liebenden Subjekt geworden, so Assmann in dem Buch „Die Mosaische Unterscheidung oder ihr Preis des Monotheismus“.

Der französische Althistoriker Paul Veyne bestätigt diesen liebenden Gott gegenüber der antiken Religionswelt: „Was jedoch die heidnische Religion nicht zu bieten hatte, war die Liebe eines liebenden Gottes. Es gab kein emotionales Verhältnis zwischen den Menschen und diesen mächtigen fremden Wesen… Ihre Anhänger führen in ihrem Herzen keine Dialoge… In der christlichen Religion werden die Liebe und die Leidenschaft einen sehr viel größeren Raum einnehmen … durch ihre ethische Wärme“, heißt es in „Die griechisch-römische Religion, Kult, Frömmigkeit und Moral“. Die Herausbildung des inneren Menschen kommt aus dem Monotheismus mit dessen Vorstellung des liebenden Gottes.

Menschenliebe

Die biblisch zum höchsten Wert erhobene Liebe „lässt im anderen Menschen das Ebenbild Gottes erkennen“, schreibt der evangelische Neutestamentler Gerd Theißen in seinem Buch „Glaubenssätze“. Aller Gottesdienst ist immer auch Nächstendienst. Weder in Griechenland noch in Rom hatte die Antike eine allgemeine Armen-Fürsorge ausgebildet, ganz anders die Christen. Paul Veyne: „Die jüdische Pflicht der Almosen gelangt auch in die alte Kirche, die mit Hospitälern, Hospiz- und Armenhäusern die organisierte Wohltätigkeit erfand, welche in säkularisierter Form im heutigen Sozialstaat weiterlebt“. Derzeit gelten der heilige Franziskus und Mutter Teresa weltweit als Identifikationsfiguren. Der moderne Sozialstaat hat sich von der Bibel her durchgesetzt.

Die persönliche Berufung

Aus der Liebe Gottes zu jedem Menschen folgt das Phänomen der persönlichen Berufung, wie es die Bibel kennt, nicht aber die antiken Religionen kennen: Gott hat dich berufen, noch bevor du im Mutterschoß gebildet wurdest, also von jeher. Überdies hat Gott dir ein je eigenes Charisma zugedacht, eine persönliche Rolle im mitmenschlichen Zusammenspiel. Die eigene Berufung will den anderen dienen und sich einbinden in das größere Wir, freilich mit der Voraussetzung: Ich glaube, ich bereue, ich sage ja zum Dienst. Seit der Reformation säkularisierte sich die Berufung zur Selbstdisziplinierung. Für Max Weber, den Begründer der Religionssoziologie in Deutschland, hat erst das calvinistisch-protestantische Ethos jenen Typ hervorgebracht, der sich strikt dem Gemeinwohl verpflichtet weiß und gefeit ist gegen alle Korruption. Das war neu, so Weber in seinem Aufsatz „Die Protestantische Ethik“.

Dem Osten fehle jene Disziplinierung, die in Europa der „Geist des Protestantismus“ herbeigeführt hat, meint der russische Historiker Aaron Gurjewitsch in „Das Individuum im europäischen Mittelalter“. Heute gilt Korruption als die nach der Atombombe größte Weltgefahr, und selbst im kommunistischen China grassiert sie. Die Euro-Krise spiegelt die derzeitige Situation in Europa: katholische Anfälligkeit und calvinistische Widerständigkeit. Die Entwicklung persönlicher Identität und beruflicher Zuverlässigkeit ist Folge biblisch-christlicher Berufung.

Prinzip Verantwortung

Verantwortung gilt heute als säkularer Wert. Die ehemals religiöse Bedeutung, Gott im Gericht für das eigene Leben Rede und Antwort zu stehen, hat sich zum politischen Schlüsselbegriff gewandelt. Weil wir das Schicksal von Welt und Menschheit in die eigene Hand nehmen, weitet sich die Verantwortung aus. Verantwortlich sind wir nicht nur vor und für uns selbst, sondern „vor der Menschheit“, „vor der Geschichte“, „vor der Schöpfung“. Nie zuvor hat der Mensch die globale Dimension und die ferne Zukunft, schon gar nicht die Existenz der Gattung zu verantworten gehabt. „Für eine solche Treuhänderrolle hat keine frühere Ethik (außerhalb der Religion) uns vorbereitet und die herrschende wissenschaftliche Ansicht der Natur viel weniger“, schrieb der Philosoph Hans Jonas im „Prinzip Verantwortung“. Selbst erklärte Atheisten predigen heute „Ehrfurcht vor der Schöpfung“, vor dem von Gott Geschaffenen. Die ehemals vor Gott persönlich geforderte Verantwortung gilt heute für die Zukunft der Menschheit.

Universalismus

Wer Christ wurde, musste sich zur Gleichheit bekennen. Für die auf Christus Getauften „gibt es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau“ (Gal 3,27f). In Jesu Augen gelten als Mutter und Brüder, „wer den Willen des himmlischen Vaters erfüllt“ (Mt 12,50), und bei Gott ist aus jedem Volk „willkommen, wer ihn fürchtet und ehrt“ (Apg 10,35). Mit der Erschaffung des ersten und einzigen Menschenpaars überwindet der monotheistische Gott die Vielstämmigkeit und begründet die Einheit des Menschengeschlechts. Die stärksten Bindungen, die aus Blut und Verwandtschaft, müssen zugunsten universaler Offenheit gekappt werden: Kirche ist dort, wo sie sich aus vielen Völkern vereint - so eine altkirchliche Selbstbestimmung.

Das heutige Europa, das nie politisch geeint war, „ist im Kern das Ergebnis geistiger und kultureller Prozesse, die über nahezu zwei Jahrtausende hier ihr Zentrum überwiegend in der Religion besaßen; tonangebend war das Christentum“, meint der Geschichtswissenschaftler Heinz Schilling in „Die neue Zeit. Vom Christenheitseuropa zum Europa der Staaten“. Die modernen Nationalismen, hervorgegangen aus der Französischen Revolution, haben Millionen das Leben gekostet. Aber auch das: Die Europa-Idee nach 1945 war eine speziell „katholische Utopie“, vorangetrieben von katholischen Politikern wie Alcide de Gasperi, Robert Schuman und Konrad Adenauer, so Winkler im zweiten Band seines Werks „Der lange Weg nach Westen“. Der eine und einzige Gott begründet die Einheit der Menschheitsfamilie und damit die Gleichheit aller Menschen.

Menschenwürde

„Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27). Die Abbildlichkeit umkleidet den Menschen mit göttlicher Würde. Der Philosoph Jürgen Habermas unterstellt der Religion einen Glutkern, der neben aller Aufklärung normative Gehalte hervorgebracht habe, so die Idee der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, wovon sich eine säkulare Gesellschaft nicht abschneiden dürfe, mahnt er in „Glauben und Wissen“.

Der Religionssoziologe Hans Joas sieht in seinem Buch „Glaube als Option“ die Menschenrechte erst dort gesichert, wo man den Einzelnen mit transzendenter Heiligkeit umkleide und dadurch unantastbar mache. Zuvor schon hatte Hans Jonas in „Das Prinzip Verantwortung“ angesichts heutiger Eingriffsmöglichkeiten in die Substanz von Kosmos und Mensch die Wiederherstellung der von der Aufklärung zerstörten Kategorie des Heiligen, der Unantastbarkeit, gefordert. Tatsächlich kann sich der Kosmos, wenn er zu sehr malträtiert wird, rächen, zum Beispiel mit Klimaerwärmung. Aber erfahren wir die Verletzung der transzendenten Heiligkeit des Menschen als gerächt? Hier meldet sich das Theodizee-Problem, also die Frage, wie Gott das Böse zulassen kann. Dennoch: Die Menschenwürde zehrt von transzendenter Überhöhung.

Partnerschaftliche Ehe

Über Sexualität und Ehe wagen Kirchenleute kaum noch zu sprechen. Wir müssen uns zunächst längst vergessene, aber ehemals vorherrschende Sachzwänge bewusst machen. Die hohe Mütter- und Kindersterblichkeit führte dazu, dass geschlechtsreife Mädchen mit 14, 15 Jahren sofort verheiratet wurden. Dürers Mutter war im 15. Jahrhundert mit 15 Jahren verheiratet, gebar 17 Kinder, von denen drei sie überlebten. Uns ist eher bewusst, dass die Frau physisch schwächer und zugleich Objekt männlicher Begierde ist. Die aus Indien gemeldeten Vergewaltigungen sind nur ein Beispiel dafür. Ganz außerhalb unseres Bewusstseins liegt die ehemals in aller Welt vorherrschende Vorstellung, die Frau sei wegen ihrer Menstruation und ihres Gebärens unrein. Solche Sach- und Mentalitätszwänge führten zur Vorherrschaft des Mannes und machten die Frau zu einem minderwertigen Wesen.

Den Hebel für die Gleichberechtigung lieferte die Idee des Ehe-Konsenses, wie sie die antike Stoa und auch das Christentum propagierten: Beide Partner haben der Ehe zuzustimmen, auch die Frau. Wie wenig selbstverständlich dieser Konsens ist, zeigt der Blick auf Japan, China, Indien, die islamische Welt und große Teile Afrikas, wo weiterhin mindestens die Töchter von den Eltern verheiratet werden. Die vom Ehekonsens neu angestoßene Entwicklung ist welthistorisch und christlich, wie der Wiener Sozialhistoriker Michael Mitterauer in „Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs“ herausstellt: „Dieser Konsensgedanke ist ein wesentliches Grundprinzip der ‚gattenzentrierten Familie‘, in der … die Paarbeziehung im Mittelpunkt steht. Auf dem christlichen Konsensprinzip beruht … das Ideal der Liebesehe, ebenso aber auch seine Kehrseite, die besondere Anfälligkeit dieser auf persönlicher Zuneigung und auf freier Entscheidung beruhenden Beziehungsform.“ Das sich jetzt weltweit durchsetzende partnerschaftliche Eheverständnis ist also wesentlich vom Christentum herbeigeführt worden.

Das Kind

Kinder haben besonders vom Christentum profitiert. Die im Neuen Testament so leutselig dargestellte Segnung von Kindern durch Jesus (Mk 10,15ff; Lk 18,15ff) hatte unabsehbare Folgen. Nicht, dass es in der außerchristlichen Welt keine Kinderliebe gegeben hätte. Dennoch ist festzustellen, dass ehemals Kinder getötet, ausgesetzt, verkauft, verdingt und versklavt wurden, ja sogar als sexuelle Spielzeuge dienten. Einen Rechtsschutz hat es beispielsweise in der Antike für sie nicht gegeben. Entsprechend hätte der belgische Sexualstraftäter Marc Dutroux damals nicht belangt werden können. Entschieden anders die Christen: Bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert gebietet die „Zwölf-Apostel-Lehre“: keinen Knaben schänden, ein Kind nicht abtreiben und das geborene nicht töten. Man kann von diesem christlichen Neuansatz her eine Linie bis zu den modernen Kinderschutz-Erklärungen der Vereinten Nationen ziehen, wie der Kulturhistoriker Hubertus Lutterbach in „Kinder und Christentum“. Umso beschämender sind die Fälle sexuellen Missbrauchs in christlich-kirchlichen Einrichtungen. Den heutigen Kinderschutz hat das Christentum jedoch wesentlich bestärkt.

Die Sklaverei

Die Sklaverei, älter noch als die Pyramiden, ist vom Christentum beseitigt worden, nicht vom Judentum oder Islam. Die Aura des Gottessohnes, der selber bis zur Sklavenstufe herabgestiegen war (Phil 2,7), sollte auch die Allerniedrigsten zu Söhnen und Töchtern Gottes erheben. Nachdem der Sklave im Mittelalter bereits zur Person geworden und nicht mehr Sache war, erfolgte im 18. und 19. Jahrhundert die Abschaffung der Sklaverei. Eine effektive Befreiungsbewegung, so der Historiker Egon Flaig in der „Weltgeschichte der Sklaverei“, „entwickelte nur der Westen“.

Die Vorkämpfer kamen nicht aus der Aufklärung, auch nicht aus der Französischen Revolution, sondern „aus dem geistigen Raum protestantischer Minoritäten“. Die Aufhebung der Sklaverei sei, so stimmt Flaigs Kollege Jürgen Osterhammel zu, „religiös motiviert“ gewesen und „nicht in der Sprache der Menschen- und Bürgerrechte vorgetragen“ worden; tatsächlich hätten „im ‚Zeitalter der Vernunft‘ … nur wenige Europäer Anstoß an Sklavenhandel und Sklaverei genommen“, wie er in „Sklaverei und die Zivilisation des Westens“ schreibt.

Aber auch das: Die katholische Kirche, die doch im Mittelalter die Sklaverei ausgetrocknet hatte, hielt in Südamerika selber Sklaven. Heute hat das Verbot von Sklaverei weltweite Wirkung, festgeschrieben in den Menschenrechtserklärungen der Vereinten Nationen. Die Aufhebung der Sklaverei ist aus dem Christentum hervorgegangen, nicht allerdings aus den Großkirchen.

Die Ketzer- und Hexentötung

Die heißesten Eisen, welche Christen heute anzufassen haben, sind die Hinrichtungen von Ketzern und Hexen. Der christliche Grundansatz war und bleibt revolutionär: Während in aller Religionswelt der Gottesfrevel, die schwerwiegende Provokation gegen Gott, mit dem Tod bestraft wird, verfährt das Neue Testament anders: Das letzte Urteil über die Gottesfrevler ist - wie es das Gleichnis vom Weizen und vom Unkraut lehrt - allein Gott vorbehalten. Für die Menschen gilt: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte“ (Mt 13,24-30). Rainer Forst, Schüler von Habermas, sieht hier den Kern der christlichen Toleranz grundgelegt: „Auf Erden soll sich kein Mensch ein Urteil anmaßen, das allein Gott zusteht“, schreibt er in „Toleranz im Konflikt“. Sobald Menschen den Gottesfrevel und dabei auch das Verlassen der jeweiligen Religion nicht mehr mit Hinrichtung bestrafen müssen, wird ein Grundschritt zur modernen Toleranz vollzogen, nämlich zum „freien Austritt“.

Nun hat aber das Christentum im Laufe seiner Geschichte selber gravierend gegen die neutestamentliche Freiheit verstoßen. Thomas von Aquin billigte die Ketzer-Hinrichtungen, und Martin Luther verpflichtete das weltliche Schwert zur Niederstreckung der Gottesfrevler. Demgegenüber erkämpfte die Aufklärung die Religionsfreiheit, übrigens im Wissen um das „Reißt nicht aus“. Die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Religionsfreiheit beruft sich erneut auf das „Reißt nicht aus“.

Unüberwindlich ist der Vorwurf, die Kirche habe die Hexen-Verbrennung betrieben, sogar millionenfach. Der Spezialist auf diesem Gebiet Wolfgang Behringer dreht es andersherum: Ohne die Kirche wären es weit mehr Opfer geworden. Denn in aller vormodernen Welt waren und sind, wie heute noch in Afrika, Hexerei-Verfolgungen „normal“. Dementgegen hat die Kirche bis ins Spätmittelalter alles Hexerische als Wahnvorstellung abgetan. Tatsächlich haben die Päpste wie die Kirchengerichte und sogar die Inquisition - was uns nur schwer in die Köpfe geht - die Hexen-Tötung abgelehnt, gerade auch in den Verfolgungswellen der Frühmoderne. Die Todesurteile sprachen weltliche Gerichte aus, zumeist mit Billigung der juristischen Fakultäten, nicht der theologischen.

Die Auskunft im Katalog der 2009 in Speyer gezeigten Hexen-Ausstellung mag verblüffen: „Die Hexereiverfahren der Frühen Neuzeit sind in ihrer absoluten Mehrzahl von weltlichen Gerichten nach Maßgabe des zeitgenössischen Strafrechts als legale Prozesse geführt worden. Die Konfession der Gerichtsherren spielte … nur eine nachgeordnete Rolle“, so die Historikerin Rita Voltmer in „Hexen. Mythos und Wirklichkeit“. Entgegen unterstellter klerikaler Frauenfeindlichkeit wurden die Hexenprozesse laut dem Rechtshistoriker Wolfgang Schild „nicht von unter Sexualproblemen leidenden Klerikern geführt, sondern von weltlichen Behörden, also von verheirateten Bürgern“. Aber wiederum gehört ein bestürzendes Faktum dazu: Maßgebliche Kirchenleute haben zugestimmt, so der fanatische Dominikaner Heinrich Kramer mit seinem „Hexenhammer“, ebenso der Reformator Martin Luther in Wittenberg. Überdies haben die deutschen Fürstbischöfe, von denen man doch am ehesten den über tausendjährigen Widerstand gegen blutige Hexen-Verfolgung hätte erwarten wollen, die Höchstzahlen zu verantworten, freilich abgeurteilt von deren weltlichen Gerichten. Obwohl nun seit Jahren die - natürlich schreckliche - Zahl von 50000 Hingerichteten feststeht, wird weiter von Opfern „vermutlich in Millionenhöhe“ gesprochen, so etwa Frido Mann in „Das Versagen der Religion. Betrachtungen eines Gläubigen“.

Der entschiedenste Protest kam von einem Kirchenmann, dem Jesuiten Friedrich Spee, erneut mit dem Argument des „Reißt nicht aus“. Mit Rainer Forst bleibt festzuhalten: „Allein das Wort Gottes ist die Waffe des Menschen, nicht der Zwang und Gewalt.“ Die christliche Religionsfreiheit verzichtet auf Tötung der Gottesfrevler und ermöglicht den gewaltfreien Religionsaustritt.

Die Universität

Jesus gab dem biblischen Hauptgebot eine griechische Zutat, nämlich Gott nicht nur mit ganzem Herzen, sondern auch mit allem Verstand zu lieben. Daraus entstand die Theologie und im Mittelalter die Universität. Hiermit bildete sich Michael Borgolte zufolge eine Institution, die eine andere Form der Wissenschaft und einen neuen Menschentyp hervorbrachte: „Im Vergleich mit den Byzantinern, die an ihrem überkommenen Stoffkanon und ihren traditionellen Lehrmethoden festhielten, mit den Muslimen, die die Herausforderung der griechischen Hinterlassenschaft vom Kern ihres Schulwesens fernhielten, und auch mit den Juden, die sich wie eh und je auf die Auslegung von Bibel und Talmud konzentrierten, erscheinen die Innovationen des okzidentalen Bildungswesens geradezu revolutionär“, stellt der Historiker in „Christen, Juden, Muselmanen“ fest. Oder Jürgen Osterhammel in „Die Verwandlung der Welt“: In vergleichbaren Zivilisationen, so der chinesischen und der islamischen, „gab es vor dem Kontakt mit dem Westen nicht weniger leistungsfähige Einrichtungen für die Gewinnung und Tradierung von Wissen“. Die europäische Universität schon der mittelalterlichen Prägung zeichnete sich jedoch dadurch aus, „dass sie von äußeren Mächten relativ unabhängig und als Raum eigenen Rechts verfasst war“. Diese Universität wurde „europäischer Kulturexport“ und bildet heute „eine der Basisinstitutionen der modernen Welt“. Die aus dem christlichen Verstehen-Wollen entstandene Universität prägt heute die Welt.

Kunst und Religion

Natürlich hat es auch vor dem Christentum Kunst gegeben. Das Neue Testament setzt sogar das alttestamentliche Bilderverbot fort. Dennoch sah und sieht man beim Eintritt in eine christliche Kirche Bilder und Figuren. Im Bild des Gekreuzigten ist wie kaum sonst der Schmerz des Leidens und Sterbens zu sehen. Sofort kommt einem Matthias Grünewald (1475/1480-1528) in den Sinn. Auf dem Isenheimer Altar ist das Sterben Jesu die realste Bitterkeit und dadurch ohne Verzweiflung. Oder die Madonna als Frau mit dem Kind, entweder voller Mutterfreuden oder voller Mutterschmerzen.

Sodann die gotische Kathedrale als leuchtende Himmelsstadt: Wenn dereinst der Glanz Gottes über die Welt kommt, verwandelt sich alles in Herrlichkeit - diese Verheißung will die Kathedrale mittels Lichteffekten in ihren Glaswänden darstellen. Licht verbreitet ebenso der Barock, aber nun als Einblick in den Glanz des Himmels. „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,56). So hatte der erste Märtyrer Stephanus ausgerufen. Darum im Barock der Aufblick bis zur gleißenden Trinität. Europas Kunst ist religiös-christlich inspiriert und dadurch von besonderer Vielfalt.

Die christlichen Zutaten aus unserer Welt herauslösen zu wollen, führte zum Zusammenbruch.

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