Der zweite Blick

Der Wochenrückblick.

Stell dir vor, in Deutschland findet ein Weltereignis statt – und keiner berichtet darüber. Ganz so schlimm war es mit der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) zwar nicht. Aber es fiel schon auf, wie schwer sich die mediale Öffentlichkeit mehrheitlich mit dem Karlsruher Treffen tat. Anscheinend war es vielen zu unübersichtlich, zu wenig konkret ... Einem Christen in der Gegenwart steht es jedenfalls gut an, auch das wahrzunehmen, was sich erst auf den zweiten Blick erschließt.

1 | Karlsruhe I. Mehr als 4000 Christen aus 352 Kirchen, von allen Orten der Welt, waren im Badischen zusammengekommen. Ich bin dankbar, gleich bei der Eröffnung dabei gewesen zu sein. Eine vielfältige, internationale Atmosphäre war da zu erleben – und alle einte, dass sie Jesus, dem Christus, nachfolgen. Nicht zuletzt führte das Treffen eindrucksvoll vor Augen, was in anderen Kirchen schon jetzt möglich ist.

2 | Karlsruhe II. Der Krieg in der Ukraine war – auch wenn nicht alle Delegierten aus der südlichen Hemisphäre das gut fanden – ein beherrschendes Thema. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte die russisch-orthodoxe Kirche für ihren „schlimmen, ja geradezu glaubensfeindlichen und blasphemischen Irrweg“ kritisiert. Man verbitte sich solche „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“, tönte es umgehend aus Moskau zurück.

3 | Effretikon/Schweiz. Wo wir gerade bei scharfen Worten sind ... Als „liturgischen Missbrauch“ haben es konservative Stimmen gewertet, dass die ehemalige Gemeindeleiterin Monika Schmid bei der Eucharistiefeier zu ihrer Verabschiedung das Hochgebet zur Wandlung gesprochen hat. Abgesehen davon, dass diese Wortwahl („Missbrauch“) eigentlich nicht so leicht über die Lippen kommen sollte, wirft der „Fall“ grundsätzliche Fragen auf: Wird Gott hier nicht zu klein gedacht? Als einer, für den vor allem das Kirchenrecht zählt, laut dem es eine Straftat ist, die Eucharistie ohne Priesterweihe zu feiern? Oder ist tatsächlich zu befürchten, dass solche Alleingänge letztlich doch das römisch-katholische Konzept des sakramentalen Priestertums beschädigen?

4 | Köln. Weitere Zuspitzung auch im Erzbistum am Rhein, in dem ohnehin seit langem schon Krise herrscht. Eine Sitzung des Diözesanpastoralrats, des obersten Beratungsgremiums des Kölner Kardinals, kam nicht zustande, weil zahlreiche Mitglieder ihre Teilnahme aus Protest gegen Rainer Maria Woelki absagten. Viele Fragen und Vorwürfe seien nicht geklärt und die Situation verfahren, gaben sie an. Und: Sie wollten nicht dazu beitragen, mit ihrer Teilnahme den Eindruck einer „Fast-Normalität“ zu erwecken.

5 | Braunschweig. Der Theologe und Literaturwissenschaftler Jürgen Wehnert hat Angriffe auf Karl May und seine Werke als Rufmord bezeichnet. Zeit seines Lebens habe May antirassistische Ideale vertreten, sagte Wehnert dem Evangelischen Pressedienst (epd).

6 | Hamburg. Die um Karl May enstandene Debatte zeigt beispielhaft, wie es derzeit um die Gesprächskultur in Deutschland bestellt ist. Im Spiegel haben sich darüber zwei Redakteure gestritten. Absolut lesenswert! Und auch wir werden das Thema in einer der nächsten Ausgaben wieder aufgreifen.

7 | Eisenach. Auf der Wartburg, wo einst Martin Luther das Neue Testament ins Deutsche übersetzt hat, haben sich drei Schriftsteller für jeweils vier Wochen zum Schreiben niedergelassen. Die Texte, die in dieser inspirierenden Umgebung entstanden sind, stellen sie jetzt der Öffentlichkeit vor. Spannend!

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