„Segnet, denn dazu seid ihr berufen worden, dass ihr Segen erbt“ (1 Petr 3,9)Aktive Gewaltfreiheit in der Bibel

Über Gewalt in der Bibel wird zahlreich geschrieben. Über Gewaltfreiheit in der Bibel dagegen ist wenig zu lesen. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, dass nicht nur die Weisungen der Bergpredigt auf eine Haltung aktiven gewaltfreien Widerstands hinauslaufen, sondern dass diese Weisungen zugleich tief verankert sind in Erzählungen des Alten Testaments.

Wo er befiehlt, dem, der die linke Wange schlägt, die rechte hinzuhalten, was will er da anderes als dass man erlittenes Unrecht nicht vergelten dürfe“ (Erasmus v. Rotterdam). So wie Erasmus haben viele, fast alle Ausleger und Prediger gedacht: Was soll Jesus schon anderes gewollt haben in der Bergpredigt  (Mt  5,39ff.), als dass Christen Gewalt einfach hinnehmen sollen? Nun, Jesus hat ganz anderes gewollt. Das kann jeder Bibelleser, jede Bibelleserin selbst sehr einfach erkennen. Nämlich dann, wenn man probehalber (und sanft!) einmal ausprobiert, was es bedeutet auf die linke Wange eines anderen Menschen zu schlagen. Die Verblüffung ist groß: Das geht für Rechtshänder nur, wenn man mit dem Handrücken schlägt, nicht mit der Faust. Der Schlag mit dem Handrücken ist aber der Schlag, der den anderen erniedrigen, entehren soll. Es ist der Schlag des Herren gegen den Knecht. Jesus spricht in der Bergpredigt demnach zu Menschen, die unten standen, die unterdrückt wurden. Ihnen rät er zu mutigem Widerstand: haltet die rechte Wange hin, zeigt dem Unterdrücker, dass ihr Menschen mit gleichem Wert seid, fordert den Unterdrücker auf, euch zu schlagen, wie er gleichrangige Menschen schlagen würde, stellt ihn vor ein Dilemma, bringt ihn in Verwirrung. Auch die anderen Beispiele in Mt  5,40f. sind genauso angelegt, wie der US-amerikanische Theologe Walter Wink überzeugend herausgearbeitet hat; Jesus skizziert witzige, kreative und sehr mutige Handlungsweisen eines Widerstands ohne Gewalt.

Der Bogen der Helden wird zerbrochen

Kann diese Auslegung stimmen? Die Bergpredigt eine Lektion in aktiver Gewaltfreiheit? Gandhi hat sie genau so verstanden – und Gandhi verstand etwas von aktiver Gewaltfreiheit. Aber wo könnte Jesus gelernt haben, was gewaltfreier aktiver Widerstand bedeutet? Er könnte es gelernt haben im Hören auf seine Bibel, im Hören auf die Geschichten in unserem Alten Testament.
Im Alten Testament ist nicht nur von Kriegen Israels die Rede, und nicht nur von einem endzeitlichen Schalom. Immer wieder finden sich, oft mitten in Kriegserzählungen (!), Geschichten, in denen Konflikte ohne Gewalt, mit Großmut, und oft sehr kreativ und listig gelöst werden: „Der Bogen der Helden wird zerbrochen, die Wankenden aber gürten sich mit Kraft“, mit diesen Worten besingt Hannah solche Wunder gewaltfreien Widerstehens (1 Sam 2,4). Diese Frau, Hannah, in der jüdischen Tradition eine Prophetin, gestaltet mit ihrer Geschichte und ihrem Gesang die Eröffnung des Samuelbuches, jenes Buches, in dem von der Entstehung des Königtums in Israel erzählt wird. Ein Buch voll mit Geschichten über männliche Gewalt wird eröffnet und theologisch eingeleitet durch eine Frau.

Ein König lernt Wege der Menschlichkeit

So ungewöhnlich wie der Anfang, so ungewöhnlich ist auch der Schluss der Samuelbücher. Wiederum wird eine Frauengeschichte erzählt (2 Sam 21). Es ist eine düstere Geschichte. Hungersnot herrscht in Israel und König David will wissen, warum diese Not über Israel gekommen ist. Im Orakel erfährt er, dass Saul Blutschuld auf sich geladen hat, „weil er die Gibeoniter getötet hat“ (2 Sam 21,1). Der Fluch einer Gewalttat lastet auf dem Land. Wie nun soll diese Schuld getilgt werden? Dazu gibt es keinen göttlichen Rat. David lässt Männer aus dem Stamm kommen, an dem Saul schuldig geworden ist. „Womit kann ich Versöhnung erwirken“ (2 Sam 21,3), ist die königliche Frage und die barbarische Antwort der Männer lautet: „Wir wollen weder Silber noch Gold von Saul und seinem Haus" (2 Sam  21,4). Was sie wollen ist Rache an Saul: „von dessen Söhnen soll man uns sieben Männer geben. Wir wollen sie […] hinrichten“ (2 Sam 21,6).
Es ist also nicht göttliche Anordnung, Blutschuld durch Blut zu sühnen, es ist nicht göttliches Gesetz, so zu verfahren, es gab auch damals schon die Möglichkeiten, mit Gold und Silber Blutschuld zu „bedecken“. Doch David willigt in den Wunsch ein. Die Prinzen werden getötet, aufgehängt und hängengelassen; preisgegeben den Vögeln des Himmels und den Tieren des Feldes. Doch zu dieser Preisgabe kommt es nicht. Eine Frau schreitet ein: „Rizpa, die Tochter Ajas […] ließ nicht zu, dass bei Tag die Vögel des Himmels und bei Nacht die Tiere des Feldes an sie herankamen“ (2 Sam 21,10).
Eine Frau stört die von Männern ausgedachte mörderische Sühnelogik. Bei Tag wie bei Nacht war sie Schutz für die Toten, groß ist Rizpas Mut und ihre Ausdauer: vom Anfang der Ernte an, einen langen Sommer lang. Diese Tat des Totengedenkens, dieser gewaltfreie Widerstand gegen die Logik des Todes hat Erfolg. Der König lässt die sieben Männer aus dem Geschlecht Sauls begraben. Danach „ließ sich Gott um des Landes willen erbitten“ (2 Sam 21,14), so erzählt der biblische Erzähler und es wirkt wie eine schlichte berichtende Schilderung. Doch es ist kein einfacher Bericht, es ist Botschaft: Erst nachdem David von Rizpa gelernt hatte, erst nachdem David in Rizpas Sinne handelt, lässt Gott sich erbitten. Das ist ein theologisches Statement: Gott steht erst auf der Seite des Königs, nachdem dieser König von einer Frau Wege der Menschlichkeit gelernt hat und den unmenschlichen Weg der Rache und Gewalt aufgibt. Wenn schon David von einer Frau lernen kann, dann sollen dies auch die Leser und Leserinnen tun.

Eine Frau führt David auf Gottes Wege

Die Leser und Leserinnen sollen aber nicht erst am Ende der Samuelbücher lernen, welche Handlungslogik wirklich Gottes Logik ist. Deswegen sind drei sehr spezielle Geschichten bereits im ersten Buch Samuel zu finden: 1 Sam 24, 1 Sam 25 und 1 Sam 26. Wie ein dreiflügeliges Altarbild muss man diese Geschichten sehen, ein Zentrum (1Sam 25) wird umrahmt von zwei Erzählungen, die im Grunde dieselbe Geschichte erzählen. Wer 1 Sam 26 liest, soll sich an 1 Sam 24 erinnern und dabei über 1 Sam 25 nachdenken. Denn dort findet sich die zweite große Lerngeschichte der Samuelbücher. Wieder lernt David von einer Frau. 1 Sam 25 ist eine Männergeschichte, eine Geschichte von dummer Überheblichkeit und verletztem Stolz, eine Geschichte von maßlosem Zorn und von brutalen Gewaltphantasien. Doch eine Frau, Abigajil, tritt dem Gewalttäter David im wörtlichen wie übertragenen Sinn in den Weg und interpretiert nicht nur das geplante Morden um in „Blutschuld“, sondern gleich auch noch ihr eigenes Dazwischentreten als Gottes Dazwischentreten; anstatt „Ich habe dich gehindert“ formuliert sie: „Hat dich der HERR davor bewahrt“ (1 Sam 25,26). Nicht die Geschenke sind entscheidend, nicht Abigajils Schönheit, nicht ihre Demutsgesten und auch nicht, dass sie von Davids glänzender königlicher Zukunft redet. Das alles ist Taktik, Rhetorik, psychologisch geschickte Verpackung ihres zentralen theologischen Arguments: Wer sich mit eigener Hand hilft, statt auf Gottes Hand zu vertrauen, gerät in Blutschuld. Das gewalttätige Handeln eines Mannes wird durch eine Frau als religiös nicht tragbar beurteilt, Blutschuld wird als eines späteren Königs unwürdiges Vergehen angesehen.
Was David von dieser Frau gelernt hat in Sachen gewaltloses, friedliches Handeln, kann man dann in 1 Sam 24 und 1 Sam 26 nachlesen. In diesen Geschichten ist es David, der, im Widerspruch zu seinen eigenen Leuten, die Theologie der Abigajil vertritt! Das wird besonders deutlich zu Beginn von 1 Sam  24: David hat sich auf der Flucht vor Saul in eine Höhle gerettet; der ihn verfolgende Saul tritt in das Dunkel der Höhle. Die Gefährten des David sind begeistert und interpretieren die Situation als eine göttliche Fügung: „Das ist der Tag, von dem der HERR zu dir gesagt hat: Sieh her, ich gebe deinen Feind in deine Hand und du kannst mit ihm machen, was dir richtig erscheint“ (1 Sam 24,5). Der Gott Israels wird hier gedacht als ein Gott, der am menschlichen (männlichen) Überlebenskampf Anteil nimmt und der Gelegenheiten für tötende Gewalt schafft. „Gott mit uns“, hieß das noch auf den Koppelschlössern der Wehrmacht. David aber weigert sich, Saul zu töten. Lediglich einen Zipfel des königlichen Mantels schneidet er ab und versucht dann mit dem Mantelzipfel in der Hand als Beweis des Verschonens noch einmal eine kommunikative, gewaltfreie Lösung.

Die gewaltfreie Rettung des Retters Mose

Auch die Befreiung aus Ägypten beginnt nicht mit Mose. In den Kapiteln Ex 1 und 2 sind es Frauen, die das Volk retten, angefangen bei den Hebammen Schifra und Pua, die in Ex 1,15–21 ganz ohne Gewalt, nur mit listiger Tücke, man könnte auch sagen mit dreister Lüge, dafür sorgen, dass die kleinen Hebräer überleben; eine Listigkeit, die Gott offenkundig sehr gefällt, wie der Erzähler ausdrücklich festhält: „Gott verhalf den Hebammen zu Glück“, so heißt es Ex 1,20. Auch der kleine Moses wäre nie zu einem großen Propheten geworden, wenn nicht seine Schwester, die Tochter des Pharao und seine Mutter in verschwiegen listiger Eintracht miteinander kooperiert hätten (Ex 2,1–10).

Frieden und Versöhnung als Botschaft des ersten Buches der Bibel

Die Leserinnen und Leser der Bibel hätten schon im Buch Genesis lernen können, welche Konfliktlösungen Gott gefallen. So wird in Gen  13,1–18 ein klassisches Konfliktszenario entfaltet. Zu wenig Land und Wasser für zu viel Vieh. Abraham hat alle theologischen Argumente auf seiner Seite, denn in 12,7 bekommt er von Gott selbst dieses Land zugewiesen für seine Nachkommen. Nun aber, als ein Konflikt zwischen seinen Hirten und den Hirten von Lot ausbricht, hat Abraham nicht diese Verheißung im Blick, er denkt an anderes: „Zwischen mir und dir […] soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder“ (13,8). Abraham denkt an Frieden und an Ausgleich. Land gegen Frieden, so könnte man aktualisierend das Prinzip nennen, mit dem Abraham den Konflikt löst. Abraham, der Landverschenker, ist auf dem richtigen Weg, denn nach dieser Tat empfängt er noch einmal Gottes Verheißung. Gott belohnt den auf Ausgleich und Frieden bedachten Abraham. Gen 13 ist für die Welt der Genesis eine Modellgeschichte, so soll man handeln, wie der Urahn so die Nachfahren. Die Brisanz dieser Erzählungen der Genesis wird verkannt, wenn man hier nur Familiengeschichten sieht. Der gesamte Völkerkosmos, in dem das historische Israel politisch gelebt hat, ist im Genesisbuch bereits sichtbar. Abraham und Isaak regeln Konflikte mit Philistern ohne Gewalt; Hagar in Gen 16 und 21 ist eine ägyptische Magd und empfängt Verheißungen wie sonst nur Abraham; Esau, der Bruder Jakobs, wird von Anfang an als Edom bezeichnet (25,30). Edom aber war ein Nachbarkönigreich von Israel und zwischen Edom und Israel gab es tiefe Feindschaft. Erst wenn man sich den Hass auf Edom in all seinen obszönen Ausprägungen anschaut, begreift man die Sprengkraft der Jakoberzählungen (vor allem Gen 32/33), in der Esau/ Edom in manchen Passagen als sehr sympathische Figur gezeichnet wird (vgl. nur Gen 33,4).
Lernen soll man natürlich auch von den Propheten und das Umschmieden der Schwerter (vgl. Jes  2,1–5//Mi 4,1–5) ist keineswegs erst für den Himmel vorgesehen: „so gehen wir schon jetzt im Namen des HERRN, unseres Gottes, für immer und ewig“ (Mi  4,5). In 2 Kön 6,8–23 wird deutlich, was dies heißen kann: Die kleine Erzählung ist inmitten von blutigen Kriegserzählungen eine wohl direkt vom Himmel dort hineingefallene Friedensutopie, in der die himmlischen Heerscharen nicht zum Gegenkrieg benötigt werden, sondern nur zur Tröstung eines sehr ängstlichen Prophetendieners, in dem ein Prophet mit feiner Listigkeit eine feindliche Armee mitten in die Hände des Königs von Israel führt und in der dieser König den Propheten höflich fragt, was mit den gefangenen Feinden zu tun sei: „Soll ich sie totschlagen, mein Vater?“ (2 Kön 6,21). Der Prophet Elischa aber lehnt Totschlag ab und schlägt ein gemeinsames Mahl vor. „Seitdem kamen keine aramäischen Streifscharen mehr in das Land Israel“ (2 Kön 6,23), so endet diese Erzählung.
Aktive Gewaltfreiheit, so könnte man zusammenfassen, ist der Traum, den der Gott Israels vom Handeln des Menschen hat. So zumindest muss es Jesus verstanden haben, so hat es aber auch Paulus gesehen, wenn er in Röm 12 formuliert: „Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,20–21).

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