Eine Option franziskanischer SpiritualitätSchöpfung bewahren und gestalten

Vor einigen Jahren war ich in Wien. Was mich dort am meisten beeindruckt hat, war nicht der Stephansdom, auch nicht das Schloss Schönbrunn, sondern das Hundertwasserhaus. Friedensreich Hundertwasser war ein eigensinniger, exotischer Künstler. Er wollte das Werk des Menschen mit dem Werk der Natur verbinden. Seine Häuser kennen keine geraden Linien. Nichts ist ganz eben, überall sind Rundungen. Hundertwasser war der Auffassung: „Die gerade Linie ist gottlos und unmoralisch. Die gerade Linie ist keine schöpferische, sondern eine reproduktive Linie. In ihr wohnt weniger Gott und menschlicher Geist als vielmehr die bequemheitslüsterne, gehirnlose Massenameise.“
Hier ist nicht der Ort, um über Friedensreich Hundertwasser zu schreiben, hier geht es um die franziskanische Schöpfungsspiritualität. Diese unterscheidet sich in vielem von den Vorstellungen des Wiener Künstlers und doch sehe ich manche Ähnlichkeiten. Ich vermute, dass auch Franziskus die geraden Linien nicht mochte. Als die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist sie das Symbol für das Schnelle und Machbare, für den Erfolg und die Karriere.
Gewiss: Die Jugendjahre des Franziskus waren genau von solchen Zielen geprägt: reich sein, Erfolg haben, den Luxus genießen, Ansehen haben, mit Macht spielen. Seine Biographen schildern jedoch sehr eindringlich, wie ihm diese „gerade Lebenslinie“ durchkreuzt und zerbrochen wurde. Es beginnt 1204, als er mit anderen jungen Bürgerlichen in den Krieg gegen die Nachbarstadt Perugia zieht. Das Ergebnis für Franz: die Schmach einer militärischen Schlappe, ein Jahr in Gefangenschaft, Krankheit, Depression, Sinnkrise. In seinem Testament überschreibt Franziskus diese Lebensphase so: „Als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen“. Sünde ist für ihn Ausdruck seiner Isolation vom Schöpfer und den Geschöpfen, sein eigensinniger Glaube an die Machbarkeit seines Lebens.

„… seufzt und liegt in Wehen …“ – Leiden der Schöpfung

Die Natur kennt wohl die gerade Linie (man denke an den freien Fall eines Körpers infolge der Gravitation oder auch an die Form von Kristallen u. Ä.). Viel häufiger präsentiert sie das Krumme und Wilde. Was immer wächst und sich entwickelt, tut es unberechenbar, passt sich der Umwelt an, durchleidet Krankheiten und Krisen. Ist nicht unser ganzes Dasein krumm, unberechenbar, windschief und geradezu chaotisch?
Ich vermute hier den eigentlichen Zugang des Franziskus zur Natur: Im „Trotzdem“ des Lebens sieht er das wirkliche Wunder, das Zerbrechliche wird ihm zum Gleichnis, das Wachsende wird Ausdruck der Sehnsucht. Sehnsucht nach was? Im Letzten nach Gott.
Wir sehen in Franziskus so gerne den Naturverliebten, den jedes Blümchen fasziniert und der die Schöpfung als „heile Welt“ besingt. Es ist wahr: sein Sonnengesang klingt heiter und entspannt. Er ist bis heute einer der schönsten und am meisten gelesenen Texte europäischer Lyrik. Dabei wird oft vergessen, dass Franziskus dieses Lied in einer Zeit großer Schwermut und existentieller Zweifel geschrieben hat. Als er diesen Text im Jahr 1224 verfasste, war er nicht gerade in Hochstimmung wie nach einem wunderbaren Spaziergang am Meeresstrand. Er war vielmehr in einer ziemlich tiefen Krise. Mit seinen 42 Jahren ist er ein kranker, hinfälliger Mann. Bei einer Reise in den Orient hatte er sich eine Augenkrankheit zugezogen und seine Augen schmerzten bei Tageslicht. Schlimmer noch: Er hatte das Gefühl, sein Leben sei verwirkt. Zurückgezogen in einer dunklen Strohhütte rang er mit sich und Gott. Und ausgerechnet da schrieb er sein Lied auf den Schöpfer und die Schöpfung.
Das macht verständlich, dass in diesem Lied auch die dunklen Farben der Schöpfung sichtbar werden: Einsamkeit, Verwundung und Tod. Franziskus leidet in und mit der Schöpfung. Er erfährt am eigenen Leib, was Paulus im Römerbrief schreibt: „Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,22). Er weiß, dass es gerade die Verletzungen und Brüche der Natur sind, die zu Gott schreien. Mit der leidenden Schöpfung solidarisiert er sich. Sie hat es ihm so sehr angetan, dass er mitunter einen Wurm von der Straße aufhebt. Und die leidende Schöpfung wird für ihn zum Symbol des leidenden Christus. So erinnert ihn der Wurm im Staub an den Messias, der in der Heiligen Schrift mit einem Wurm verglichen wird (Psalm 22). Das Leiden der Schöpfung ist für Franziskus der Durst nach Gott. Nicht nur der Mensch ist erlösungsbedürftig, die ganze Schöpfung ist es.

„… von dir, Höchster, ein Sinnbild“ – Transparenz der Schöpfung für den Schöpfer

Nach der Sonne ist der große Lobgesang des Franziskus benannt. Und doch erscheint das große, Licht und Leben schaffende Geschöpf erst in der zweiten Strophe des Liedes.

„Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.
Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne;
welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
von dir, Höchster, ein Sinnbild.“

Es ist für Franziskus selbstverständlich, dass er sich vor allem lobend und anbetend an Gott wendet. Das Geschöpf kann ihn nicht ablenken oder entfernen vom Schöpfer. Die hoch am Himmel stehende Sonne ist nicht mehr und nicht weniger als ein Sinnbild des Höchsten. Der Sonnengesang ist weitab von jeder Naturromantik, er ist ein Glaubenslied. Gestirne, Pflanzen, Tiere und Menschen sind nicht Selbstzweck, sondern transparent für den, der sie ins Dasein gerufen hat. Und eben dies ist auch ihre Würde: Sie verdienen Achtung und Schutz nicht nur, weil sie nützlich und schön, sondern weil sie göttlichen Ursprungs sind.
Hier darf eine Brücke geschlagen werden zu den modernen Naturwissenschaften: Genau besehen ist die Schöpfung durch sie nicht entzaubert, im Gegenteil: was Astrophysik, Molekularbiologie, Neurologie und andere Bereich der Forschung in den letzten 200 Jahren entdeckt haben, macht keine Aussagen über den Schöpfer, aber es zeigt: Die Natur ist in Wirklichkeit um ein Vielfaches komplexer, genialer und wundersamer als es sich Menschen jemals ausdenken konnten. Das Wissen vom Urknall, durch den das Universum vor fast 14 Milliarden Jahren aus einem winzigen Energiepunkt hervorging, die Kenntnis von den Quanten und Quarks, von der Gravitation und der Krümmung des Weltraums, von der Evolution und von der Entwicklung des Lebens bis hin zum menschlichen Geist zeigen, wie geheimnisvoll die Welt ist. Für jeden Menschen ist die Schöpfung Grund zum Staunen, für glaubende Menschen ist sie nach wie vor, wie Franziskus es sagt: „von dir, Höchster, ein Sinnbild“.

„Genügsamkeit und Fürsorge“ – konkretes Schöpfungsengagement

Wenn Franziskus, wie es in seinen Biographien heißt, vor jedem Blümchen entzückt stehen blieb, wenn er Lämmer vor dem Schlachten rettete und sogar kleine Würmer von der Straße aufhob, dann ist das weit weg von harmloser Naturverliebtheit. Es ist Provokation: Sogar der Wurm auf der Straße ist für ihn ein Wunder des Lebens. Und das Lamm ist nicht zuerst für die Gaumenfreude der Gourmets bestimmt, das Tier hat eine eigene Würde. Es geht ihm darum, die Geschöpfe zu schützen vor der Achtlosigkeit und Gier des Menschen.
Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika Laudato si’ die Grundgedanken des Sonnengesang und der franziskanischen Option aufgenommen und ins Heute übersetzt. Er macht deutlich, dass eine grundlegende Änderung der Haltungen und des Verhaltens sowohl jedes einzelnen Menschen als auch der Politik und der Wirtschaft angesagt ist. In seinem spirituellen Ansatz bezieht sich Papst Franziskus ausdrücklich auf den Heiligen aus Assisi:
„Sein Zeugnis zeigt uns auch, dass eine ganzheitliche Ökologie eine Offenheit gegenüber Kategorien verlangt, die über die Sprache der Mathematik oder der Biologie hinausgehen und uns mit dem Eigentlichen des Menschen verbinden. (…) Seine Reaktion war weit mehr als eine intellektuelle Bewertung oder ein wirtschaftliches Kalkül, denn für ihn war jedes Geschöpf eine Schwester oder ein Bruder, ihm verbunden durch die Bande zärtlicher Liebe. Deshalb fühlte er sich berufen, alles zu hüten, was existiert. (…) Diese Überzeugung darf nicht als irrationaler Romantizismus herabgewürdigt werden, denn sie hat Konsequenzen für die Optionen, die unser Verhalten bestimmen. Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen. Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen. Die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus waren keine bloß äußerliche Askese, sondern etwas viel Radikaleres: ein Verzicht darauf, die Wirklichkeit in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln.“ (LS 11)
Verändertes Verhalten beginnt mit veränderter Haltung. Was wir heute besser wissen als Franziskus: Die Natur ist nicht heil und vollendet, die Evolution hat eine schmerzhafte Dynamik. Kometeneinschläge, Erdbeben, Grausamkeiten im Tierreich, Missbildungen am menschlichen Körper sind nur ein paar wenige Stichworte. Wenn Franziskus auch die Schöpfung in die Nähe der Passion bringt, dann weiß er, wovon er spricht. Wichtig ist ihm in diesem Zusammenhang die Haltung des Mitleidens, der Compassion. Sie steht im Gegensatz zur Gleichgültigkeit der Menschen. Und sie weiß von den Schmerzen, die wir Menschen der Schöpfung zufügen. Wir wissen längst, dass diese Erde unser einziger Planet ist und weder ausgetauscht noch wie eine Maschine repariert werden kann, aber es scheint, als wäre unsere Gier stärker als unsere Vernunft.

„…deinen Geschöpfen den Unterhalt“ – Sorge für das ökologische Gleichgewicht

Wie aktuell die franziskanische Schöpfungsspiritualität ist, zeigt die „Klimastrophe“ des Sonnengesangs:

„Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind
und durch Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen
den Unterhalt gibst.“

Wind und Wetter sind schon für Franziskus mehr als günstige oder widrige Umstände. Sie sind es, durch die die anderen Geschöpfe ihren „Unterhalt“ bekommen. Heute würden wir vielleicht sagen: sie tragen ihren Teil zum ökologischen Gleichgewicht bei. Der Grundgedanke ist schon bei Franziskus da: Die Natur ist kein „Warenlager“, in dem sich der Mensch rücksichtslos bedienen darf. Es ist seine Pflicht, die Schöpfung zu bewahren, und zwar nicht nur, weil er Wasser, Luft, Pflanzen und Tiere zum Überleben braucht, sondern aus Ehrfurcht vor dem Schöpfer. Gott ist der Vater aller Geschöpfe, diese sind einander Schwestern und Brüder. So nennt sie Franziskus zärtlich im Sonnengesang. Die Achtsamkeit für die Schöpfung entspringt bei Franziskus nicht dem Nützlichkeitsdenken, sondern der Verehrung für den Schöpfer. Umgekehrt ist seine Schöpfungsfrömmigkeit nicht Selbstzweck, sie führt konsequent zu einem sorgfältigen Umgang mit der Natur. Die Verehrung des Schöpfers und die Achtung der Geschöpfe gehören für Franziskus zusammen. Frömmigkeit und ökologisches Verhalten, contemplatio und actio bilden in der franziskanischen Spiritualität eine Einheit. Dies kommt unter anderem auch in der folgenden Geschichte, die uns in der so genannten Sammlung von Perugia überliefert ist, zum Ausdruck:
„Dem Bruder, der den Garten besorgte, sagte er, er solle nicht die ganze Gartenerde nur für den Anbau von essbaren Kräutern verwenden, sondern auf einer Seite ein Stück Erdreich freilassen, damit es grüne Kräuter hervorbringe, die zu ihrer Zeit die Schwestern Blumen sprießen ließen. Er sagte überdies, der Bruder Gärtner müsse in einem Teil des Gartens ein schönes Beet anlegen und dort duftende Kräuter setzen und lauter solche anpflanzen, die schöne Blumen hervorbringen, damit sie zu ihrer Zeit all ihre Betrachter zum Lobe Gottes einladen würden.“ (Andreas Berg)

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