Rezensionen: Philosophie & Ethik

Kather, Regine: Die Verheißung gesteigerter Lebensqualität. Philosophische Hintergründe von Künstlicher Intelligenz und Transhumanismus.
Ostfildern: Grünewald 2022. 256 S. Gb. 28,–.

Technik ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Als Hilfsmittel ist sie wünschenswert, weil sie Tätigkeiten erleichtert, globale Vernetzung ermöglicht und uns in lebenspraktischer Hinsicht bereichert. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie zeigte in beeindruckendem Ausmaß auf, wie sehr wir bereits auf die Technologisierung und Digitalisierung der Gesellschaft angewiesen sind (lebenserhaltende Maßnahmen, Home-Office und Home-Schooling). Hingegen demonstriert der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die daraus resultierende Energiekrise die Ambivalenzen und die Fragilität einer derartigen technologischen Abhängigkeit.

Diesem Zwiespalt aus Chancen und Risiken wendet sich Regine Kather in ihrem aktuellen Buch zu und fokussiert sich besonders auf eine Auseinandersetzung mit Formen begrenzter Künstlicher Intelligenz, welche bereits alltagsrelevant ist, mit den Visionen einer starken KI und mit der technophilen Bewegung des Transhumanismus, die nach einer technologischen Aufwertung des Menschen strebt. Bei diesen hochkomplexen thematischen Schwerpunkten beleuchtet Kather die philosophischen und anthropologischen Hintergründe und diskutiert ihre lebenspraktischen Auswirkungen. Anhand von verschiedenen Beispielen werden diese Gedankengänge veranschaulicht. Allerdings geht die thematische Bandbreite zu Lasten einer Tiefenanalyse, welche von der Verfasserin allerdings nicht angestrebt wird, da sie sich aus einem aufklärerischen Zweck den geistesgeschichtlichen und anthropologischen Hintergründen verschreibt. So bietet das Buch neben Einführungen in künstlich-intelligente Systeme und ihre Anwendungsbereiche ebenso eine historische Einordnung in das menschheitsgeschichtliche Streben nach KI, die Erörterung der Unterscheidungsmerkmale von künstlicher und menschlicher Intelligenz oder eine Diskussion der Auswirkungen der Digitalisierung auf den Bildungs-, Medizin-, und Arbeitssektor.

Kather ist hierbei in ihrer Motivation deutlich und betont den Eigenwert und die Sonderstellung des Menschen gegenüber Technik und KI. Dabei ist sie erfreulich ausgeglichen in ihrer (Technik-)Kritik und benennt Chancen und Risiken gleichermaßen. In ihrer Auseinandersetzung gelingt ihr der spannende Spagat zwischen dem aufklärerischen Zweck, der Hintergrundanalyse und der Frage nach dem Sinnhorizont einer derartigen rasanten technologischen Entwicklung bis hin zum Bestreben einer technischen Aufwertung des Menschen.

Caroline Helmus

Boehm, Omri: Radikaler Universalismus jenseits von Identität. Berlin:
Propyläen 2022. 176 S. Gb. 22,–.

„Der Ursprung des Universalismus im Monotheismus ist mit dem Blick auf Freuds Verhältnis zu Mose nicht zu verstehen. Er muss über Kants Verhältnis zu Abraham untersucht werden“ (22). Omri Boehm, Philosoph an der New School for social Research in New York, israelischer und deutscher Staatsbürger sowie bekannter Autor in diversen Zeitschriften, nähert sich der These vom Ursprung des ethischen Universalismus im Monotheismus über die Lektüre von drei Schlüsseltexten: Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, Kants Essay „Was ist Aufklärung?“ und die „Opferung“, besser: die „Bindung“ Isaacs.

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung geht von einer „selbstverständlich“ vorgegebenen, nicht durch Konsensverfahren oder Mehrheiten, sondern durch „Berufung“ (Martin Luther King) vermittelten, allgemeingültigen Wahrheit über den Menschen aus, die im Fall der Fälle das Recht auf Revolution begründet. Von diesem „radikalen Universalismus“ hat sich der moderne Liberalismus, der „Unionismus“, nach dem Bürgerkrieg gelöst. Die Sklaverei blieb erhalten trotz Ablehnung der Sklaverei. Das Recht wurde auf gesellschaftlichem Konsens aufgebaut. Auf antirevolutionären Einspruch aus diesem Geist erwiderte 1963 King, nicht die Rassisten vom Ku-Klux-Klan seien das tiefere Problem, „sondern der gemäßigte Weiße, dem Ordnung mehr bedeutet als Gerechtigkeit“ (65).

Kant wiederum definierte den Menschheitsbegriff moralisch, nicht biologisch. Sein Plädoyer für die „Würde“ der menschlichen Person ist keineswegs – anti-theologisch – als Aufkündigung jeglichen Gehorsams gegenüber einer nicht-menschlichen Autorität zu verstehen: „Paradoxerweise ist Selbstdenken, die Zurückweisung der Autorität anderer, nur möglich, indem man einem höheren Gesetz folgt, das nicht menschengemacht ist“ (20). Diese Einsicht führt schließlich zur prophetischen Tradition zurück, zu Abraham, und somit zu einer ethischen Begründung des Monotheismus: Im Streitgespräch mit Gott über Sodom (Gen 18) „unterwirft“ (21) Abraham die eine, exklusiv wahre Gottheit dem Anspruch der Gerechtigkeit. Die Wahrheit des Monotheismus ist durch Abraham mit dem Anspruch des ethischen Universalismus verschweißt. Die „Opferung“ bzw. die „Bindung“ Isaaks (Gen 20) deutet Boehm in der kritischen Intention Kants und zusammen mit Maimonides in diesem Sinne: Abraham tötet Isaac gerade nicht, sondern er verweigert sich dem Befehl „Gottes“ im Namen des HERRN (135-146).

Boehms Text ist ein leidenschaftliches, kluges, tiefere Zusammenhänge sichtbar machendes Plädoyer für den ethischen Universalismus. Mehr als auf die platten und andere Personen plattmachenden identitären Lautsprecher von Rechts und Links richtet er seinen kritischen Blick auf die Gebildeten unter den Verächtern des Universalismus (von Spinoza über Nietzsche bis zu Rorty und Assmann). Der ethische Zugang zum Monotheismus ermöglicht ihm eine substantielle Kritik des identitätspolitischen Missbrauchs von Religion im Namen der biblischen Religion. Den Relativisten hingegen bleibt nur das Entsetzen über die Exzesse von radikalen Identitären, an deren Zeugung sie ja mitbeteiligt sind. Als christlicher Rezensent gestatte ich mir, die Geschichte von Abrahams „Unterwerfung“ Gottes unter das Gesetz des ethischen Universalismus auf Jesus hin weiterzuerzählen: Sein endgültig vollzogenes Ja zu Abrahams Unterwerfung Gottes unter das Gesetz aus seinem eigenen göttlichem Willen. Vielleicht würde Boehm da sogar mitgehen können. In jedem Fall: Sehr lesenswert.

Klaus Mertes SJ

Schrage, Marco: Friedens- und Konfliktethik. Ein Grundriss.
Leverkusen / Stuttgart: Barbara Budrich / UTB 2022. 252 S. Kt. 24,–.

„Der Krieg ist mehr für den Verteidiger als für den Eroberer da“, schreibt der preußische Heeresreformer und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz. „Denn der Einbruch hat erst die Verteidigung herbeigeführt, und mit ihr erst den Krieg. Der Eroberer ist immer friedliebend (wie Bonaparte auch stets behauptet hat), er zöge gern ruhig in unseren Staat ein.“ Der Satz ist grundlegend, um den Mechanismus der Täter-Opfer-Umkehr zu verstehen. Für den Aggressor beginnt der Krieg, wenn sich die angegriffene Seite gegen die Aggression zur Wehr setzt. So absurd das erscheinen mag, so schnell verfängt diese Aggressor-Perspektive doch. Man kann das nicht zuletzt an den aktuellen Debatten um die Unterstützung der Ukraine gegen Russlands Aggression verfolgen.

Der Autor Marco Schrage legt – mit Unterstützung von Beiträgen seiner Kollegen Daniel Peters, Heins-Gerhard Justenhoven und Bernhard Koch vom Hamburger Institut für Theologie und Frieden – ein kompaktes Lehrbuch zur Friedens- und Konfliktethik vor. Er verortet sie einerseits in der Ethik internationaler Beziehungen, die insgesamt um drei Hauptthemen kreist:

1. Bewaffnete Konflikte und Friedensordnung, 2. Elendsbekämpfung und Entwicklungsförderung sowie 3. Flucht und geordnete Migration. Andererseits setzt er sie in Beziehung zur politischen Ethik, die innerstaatliche Ordnungen und Institutionen zum Gegenstand hat. Der Band beginnt mit den ethischen Grundlagenfragen (11-56), schließt an mit einem Durchgang durch die Geschichte des Nachdenkens über Krieg und Frieden (57-104) und seine Entwicklung bis heute, um im dritten Hauptteil den Ertrag zu sammeln für eine Friedens- und Konflikt-Ethik, die den heutigen Verhältnissen angemessen ist (105-165). Der Band schließt mit „exemplarischen Herausforderungen“ und aktuellen Fallbeispielen (166-226): Nukleare Abschreckung, Responsibiliy to protect, Theorie des gerechten Krieges heute, autonome Waffensysteme etc.

„Ein Fehler, den wir stets vermeiden sollten, ist zu meinen, wir seien die ersten denkenden Menschen auf dieser Welt“ (9). Das harte Aufwachen im Westen nach Russlands Überfall auf die Ukraine am 24.2.2022 macht uns demütiger, falls wir gemeint haben sollten, die komplexen Fragen der Konflikt- und Friedensethik seien mit dem „Ende der Geschichte“ nach 1989 abgeräumt oder in einer platten Gegenüberstellung von Pazifismus und Bellizismus zu greifen. Mit Blick auf die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen im Balkan, im Mittleren Osten, im globalen Süden und an anderen Orten stimmte diese Vorstellung ohnehin nie.

Das Nachdenken über eine Friedens- und Konfliktethik ist nun auch wieder in Europa neu angekommen. Es ist ein Betrag zum Frieden, sich den komplexen Fragen zu stellen, wie sie dieser Band aufwirft und behandelt.

 Klaus Mertes SJ

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