Weltkirche synodalZur diözesanen Phase des weltkirchlichen synodalen Wegs

Der synodale Weg der Kirche Deutschlands ist in aller Munde. Hingegen hört man von dem von Papst Franziskus angeregten und vor einem Jahr begonnenen synodalen Weg der Weltkirche wenig. Igna Kramp CJ, Leiterin der geistlichen Prozessbegleitung im Bistum Fulda, gibt Einblicke in den weltweiten synodalen Weg und berichtet vom diözesanen Prozess in Fulda.

In diesem Jahr wäre es wieder an der Zeit gewesen für die seit 1967 alle drei Jahre stattfindende weltweite Bischofssynode. Aber Papst Franziskus hatte etwas anderes im Sinn: einen weltweiten Synodalen Prozess der ganzen Kirche von Oktober 2021 bis Oktober 2023. Eine Konsultation also nicht allein der Bischöfe, sondern des gesamten Volkes Gottes in weltweit 2945 Diözesen. Der Papst hat die ganze Kirche eingeladen, sich über ein für ihr Leben und ihre Sendung entscheidendes Thema Gedanken zu machen: „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe, Sendung“ – so der Titel. Es geht aber nicht nur darum, über die Weggemeinschaft der Kirche nachzudenken und sich auszutauschen, sondern vor allem auch darum, diese Weggemeinschaft zu erfahren. Der Papst formuliert seine Überzeugung: „Genau dieser Weg der Synodalität ist das, was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet“ (VD 1).1

Die Weltsynode wurde im Herbst 2021 erst in Rom und dann in den einzelnen Diözesen feierlich eröffnet. Von Oktober 2021 bis April 2022 sollte in den Ortskirchen Zeit sein, sich zu beteiligen. Weil rückgemeldet wurde, diese Zeit sei zu kurz, verlängerte man diese Phase um fünf Monate. Die eingegangenen Beiträge wurden in den einzelnen Diözesen zu je einem Dokument zusammengefasst und an die Bischofskonferenzen geschickt. Diese wiederum gaben Zusammenfassungen nach Rom, aus denen aktuell ein Arbeitspapier für die nächste Beratungsphase auf kontinentaler Ebene erstellt wird. Eine zweite Fassung dieses Papiers mit den Rückmeldungen aus den verschiedenen Kontinenten wird dann die Grundlage für die Beratungen der Bischofssynode im Oktober 2023 sein. Im Juni 2023 soll es veröffentlicht werden. Nach der Bischofssynode ist eine Phase der Umsetzung der Ergebnisse geplant, an der wiederum die Diözesen weltweit beteiligt werden.

Der Ablauf der Weltsynode ist komplex und muss es auch sein, weil in allen Diözesen der Welt möglichst alle Gläubigen zu Wort kommen sollen, was eine ungezählte Schar Mitwirkender und ungeheure Mengen von Beiträgen bedeutet. Zusammenfassungen der Zusammenfassungen sind nötig und zugleich schwierig: Was bleibt von den Beiträgen nach so viel Redaktion übrig? Wieviel Gewicht liegt auf den inhaltlichen Rückmeldungen und wieviel auf der Erfahrung der Weggemeinschaft? Das Vorbereitungsdokument formuliert mit einem Zitat des Papstes von der Jugendsynode eine klare Priorität der Erfahrung: „Wir erinnern daran, dass es nicht Zweck dieser Synode und daher auch nicht der Konsultation ist, Dokumente zu produzieren, sondern Träume aufkeimen zu lassen, Prophetien und Visionen zu wecken, Hoffnungen erblühen zu lassen, Vertrauen zu wecken, Wunden zu verbinden, Beziehungen zu knüpfen, eine Morgenröte der Hoffnung aufleben zu lassen, voneinander zu lernen und eine positive Vorstellungswelt zu schaffen, die den Verstand erleuchtet, das Herz erwärmt, neue Kraft zum Anpacken gibt“ (VD 32). Die gemeinsame Erfahrung steht im Mittelpunkt. Und doch gehört zu einer geglückten Erfahrung von Weggemeinschaft auch, in seinen Beiträgen gehört und ernst genommen zu werden. So sind die Ergebnisse des Nachdenkens über die Weggemeinschaft der Kirche von der Erfahrung derselben nicht zu trennen. Zugleich ist die Selbstbescheidung, dass der eigene inhaltliche Beitrag in der weltweiten Weggemeinschaft im Promillebereich liegt, ein wichtiger Teil der synodalen Erfahrung. Wenn sich die gesamte Weltkirche auf einen gemeinsamen Weg macht, ist jeder, der mitmacht, eben einer von unzähligen Beteiligten, selbst jede Diözese nur eine von Tausenden. Es gilt zu akzeptieren, dass, wenn jede Stimme wichtig ist, dies nicht nur für mich und meine Teilkirche, sondern für alle gilt. Vielleicht ist das für die Kirche in Deutschland und in Europa eine gute Erfahrung, steckt uns doch die lange hegemoniale Rolle unseres Kontinents unbewusst in den Knochen.

Ekklesiologische Implikationen

Die Entscheidung von Papst Franziskus, anstelle der regulären Bischofssynode einen weltweiten Synodalen Prozess anzustoßen, hat tiefgreifende ekklesiologische Implikationen. So heißt es im Vorbereitungsdokument: „Synodalität ist der spezifische modus vivendi et operandi der Kirche als Gottesvolk, das seine Existenz als Gemeinschaft und Weggemeinschaft manifestiert und konkretisiert, indem es in der Versammlung zusammenkommt und indem alle seine Mitglieder aktiv an seinem Auftrag der Evangelisierung teilnehmen“ (VD 10). Synodalität gehört zum Wesen der Kirche, was im Dokument auf die Weggemeinschaft der Jünger mit Jesus und auf die altkirchliche Praxis zurückgeführt wird: „In diesem kirchlichen Horizont, der vom Prinzip der Teilnahme aller am kirchlichen Leben inspiriert ist, konnte der hl. Johannes Chrysostomos sagen: ‚Kirche und Synode sind Synonyme‘“ (VD 11). Angesichts dessen braucht es die Präsenz aller, weil die Kirche nur von allen im Vollsinn repräsentiert werden kann. Die Rolle des Bischofs ist dann weniger, an Stelle des Volkes Gottes zu sprechen als vielmehr zusammen mit dem Gottesvolk seiner Diözese. Der Dienst der Einheit, der dem Bischof aufgetragen ist, könnte in diesem Verständnis heißen, im Blick zu behalten, dass möglichst alle Gläubigen beteiligt sind und niemand einfach übergangen wird, vor allem die Schwächsten nicht. Das ist wichtig für das Sein der Kirche, aber auch für ihr Tun und ihre Entscheidungen auf dem Weg. Im Vorbereitungsdokument wird in diesem Zusammenhang das Zweite Vatikanische Konzil (LG 12) zitiert: „Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1 Joh 2,20.27), kann im Glauben nicht irren. Und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie durch den übernatürlichen Glaubenssinn des ganzen Volkes dann kund, wenn sie ‚von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien‘ ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert.“ Wenn eine solche Übereinstimmung nicht theoretisch bleiben soll, bleibt nur eine Weltsynode.

Geistliche Dimension

Werden hier einfach demokratische Prinzipien in die Kirche übernommen? So einfach ist es nicht, auch wenn die Kirche gut daran tut, sich nicht leichtfertig von solchen Werten zu distanzieren. Gerade angesichts von heute wieder zunehmenden totalitären Tendenzen in der Weltpolitik sollten wir als Kirche hochhalten, wie wertvoll eine demokratische Verfassung ist. Dennoch: Die Gleichung Vox populi, vox Dei („Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes“) geht ebenfalls nicht einfach auf. In einem geistlichen Prozess geht es nämlich gerade nicht darum, dass jeder seinen Willen einbringt und seine Interessen vertritt und die Mehrheit sich durchsetzt, sondern darum, gemeinsam den Willen Gottes zu suchen und zu tun. Das verlangt vom Einzelnen die innere Freiheit und die Bereitschaft, die eigenen Ideen und Überzeugungen zu prüfen und loszulassen, wenn sie sich als hinderlich auf Gott hin erweisen oder wenn etwas anderes auf diesem Weg mehr hilft. Vielleicht ist aber der Unterschied zu einer demokratischen Entscheidungsfindung gar nicht so groß, wie manchmal behauptet wird, wenn man nämlich annimmt, dass auch in säkularen demokratischen Prozessen gemeinsam die beste Entscheidung auf das Wohl aller hin gesucht wird. Auch hier müssen die Beteiligten eine gewisse innere Freiheit haben und eigene Interessen zurückstellen können. Lobbyismus schadet nicht nur einem geistlichen Prozess, sondern auch einem demokratischen. Und wer behauptet, der Heilige Geist arbeite nicht mit Mehrheiten, wird von der kirchlichen Tradition eines Besseren belehrt: Wenn dem so wäre, wo wäre dann der Geist bei den Voten auf den Ökumenischen Konzilien, bei der Wahl von Äbten und Äbtissinnen, Generaloberen und Generaloberinnen, und nicht zuletzt bei der Wahl des Papstes? Der Heilige Geist arbeitet also sehr wohl mit Mehrheiten, aber eine Mehrheit an sich lässt noch nicht automatisch das Wirken des Geistes erkennen. Ebenso wenig garantiert eine hierarchische Struktur das Wirken des Geistes oder schließt es aus. Es braucht in jeder Verfassungsform geistliche Unterscheidung, weil nicht alles, was wir so wollen, schon gut oder gottgewollt ist. Das wäre eine große Naivität in Bezug auf die Abgründe des menschlichen Herzens. Jede Verfassungsform ist genau so offen für einen geistlichen Prozess, wie es alle daran beteiligten Personen sind. Denn gemeinsame geistliche Unterscheidung beruht auf der persönlichen geistlichen Unterscheidung, die ohne Gebetspraxis und Ausrichtung des eigenen Lebens auf Gott nicht zu denken ist. Je hierarchischer allerdings eine Verfassung strukturiert ist, desto wichtiger ist diese Offenheit bei den Leitungspersonen – wenn sie diese Offenheit nicht haben, können sie den Prozess verhindern oder abbrechen.

Bei der Weltsynode haben wir es strukturell mit einer Konsultation des Gottesvolkes zu tun, die in diesem Umfang neu ist. Es handelt sich um eine Veränderung im Leitungsstil, nicht in der Leitungsstruktur. Deshalb braucht es viel Vertrauen in die Leitung, dass sie sich mit vollem Ernst und großer innerer Freiheit auf einen gemeinsamen geistlichen Suchprozess einlässt. Tut sie dies, kann auch eine solche Veränderung im Leitungsstil einen echten Paradigmenwechsel bedeuten. Im Vorbereitungsdokument ist von einer „synodalen Bekehrung“ die Rede (VD 2). Wenn Gott durch alle Gläubigen spricht, kann die Leitung gar nicht anders als zuhören, will sie seine Stimme nicht überhören. So heißt es dort auch: „Der Hl. Benedikt unterstreicht, wie ‚der Herr oft die beste Entscheidung‘ dem offenbart, der in der Gemeinschaft keine herausragende Position hat (in diesem Fall dem Jüngsten); daher sollen die Bischöfe darum bemüht sein, alle zu erreichen, damit sich im geordneten Ablauf des synodalen Weges das verwirklicht, was der Apostel Paulus den Gemeinden empfiehlt: ‚Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute‘ (1 Thess 5,19-21)“ (VD 14). Es braucht eine Bekehrung zum gemeinsamen Hören, weil die geistliche Unterscheidung der ganzen Kirche ohne die der Einzelnen unvollständig ist. Die Kirche ist in diesem Verständnis darauf angewiesen, dass alle Gläubigen ein intensives Gebetsleben pflegen und in der geistlichen Unterscheidung stetig wachsen. Zugleich setzt umgekehrt eine intensive Bindung auch einen hohen Grad an Partizipation voraus. Wer sich gibt, möchte berechtigterweise auch gesehen und gehört werden und den Weg der Gemeinschaft mit den anderen Gläubigen zusammen prägen.2

Die Weltsynode erhebt den Anspruch, mit einem umfassenden gemeinsamen und gesamtkirchlichen Prozess des Hörens auf die Stimme Gottes Ernst zu machen. Das gab es vermutlich seit altkirchlichen Zeiten nicht mehr. Entsprechend liegt die Frage auf der Hand: Lässt sich ein solches Großprojekt überhaupt verwirklichen? Die Antwort darauf kann sicher nicht einfach Ja oder Nein sein. Es wird Aspekte geben, wo das Projekt gut gelingt und Aspekte, wo dies weniger der Fall ist. Über solchen Details gilt es aber nicht zu vergessen, dass hier auf jeden Fall ein viel höheres Maß an Beteiligung gegeben ist, als wenn nur die Bischöfe gefragt wären, auch wenn sich kaum weltweit alle Gläubigen tatsächlich einbringen werden. Ich möchte im Folgenden ein paar Eindrücke aus dem Bistum Fulda formulieren, wo ich mit einem Team für die diözesane Dimension der Weltsynode verantwortlich bin.

Und die Wirklichkeit?
Eindrücke aus dem Bistum Fulda

Aus unserer Sicht war es nicht leicht, Menschen zur Mitwirkung an der Weltsynode zu gewinnen. Der weltweite synodale Prozess kam als ein weiterer zu einer Reihe laufender Prozesse dazu, angefangen vom nationalen Synodalen Weg über den Bistumsprozess bis hin zu Fusionsprozessen von Großpfarreien. Zudem war die zunächst für die Konsultation auf diözesaner Ebene vorgesehene Zeit gerade mal zwei Monate, was uns vor die Schwierigkeit stellte, wer in einer so kurzen Zeit überhaupt erreicht werden könnte. Die Idee des Papstes, gerade Menschen an der Weltsynode zu beteiligen, mit denen die Kirche wenig oder gar nicht in Kontakt ist, war angesichts der zeitlichen Begrenzung kaum zu verwirklichen. Es spricht für den Prozesscharakter der Weltsynode, dass auf die Rückmeldungen zu dieser Beschränkung mit einer Verlängerung reagiert wurde. Das erlaubte einen zweiten Anlauf, um mehr Personengruppen zu erreichen, als es in der ersten Phase möglich war.

Ein Problem stellte die Sprache der römischen Dokumente zur Weltsynode dar, was durch das schlechte Deutsch der Übersetzung noch verstärkt wurde. Wer alle beteiligen möchte, muss so sprechen, dass alle verstehen, worum es geht. Das war kaum der Fall, was dazu führte, dass diejenigen, die sich beteiligt haben, berechtigterweise häufig die unverständliche Sprache der Weltsynode kritisierten. Manchmal wurden Fragen nicht beantwortet mit dem Hinweis, man könne damit nichts anfangen. Wir reagierten nach den ersten zwei Monaten darauf, indem wir eine Version in leichter Sprache erstellten. Ob das die Beteiligung gesteigert hat, ist aber fraglich.

Vielen Gläubigen und selbst manchen Bischöfen in Deutschland war es wenig plausibel, neben dem nationalen Synodalen Weg einen weltkirchlichen Synodalen Weg zu beginnen. Zudem führte die Namensgleichheit dazu, dass man beide Prozesse miteinander verwechselte oder der von Rom angestoßene Prozess gar nicht als eigener Prozess wahrgenommen wurde. Hinzu kamen Zweifel unter den Mitwirkenden, was mit den eingereichten Ergebnissen geschehen werde, zumal am Ende eine „klassische“ Bischofssynode steht. Insbesondere kritisch eingestellte Katholiken erhofften sich meist mehr vom nationalen Synodalen Weg und fürchteten die Weltsynode eher als Konkurrenz dazu.

Im Bistum Fulda wurde die diözesane Phase der Weltsynode von Anfang an mit den Räten des Bistums zusammen geplant. Das war an sich eine Erfahrung von Synodalität, zumal zu Beginn des Prozesses außer dem Titel der Weltsynode noch kaum etwas bekannt war. Diözesane Veranstaltungen mussten schon geplant werden, ehe auch nur das Vorbereitungsdokument und das Vademecum vorlagen. Das führte dazu, dass beim ersten Treffen nach etwa fünf Minuten der Wissensvorsprung der Leitung ausgeglichen war und die gemeinsame Suche begann. Papst Franziskus hat uns alle gleichermaßen mit seinem Vorhaben überrascht. Die ganze Planung hatte dadurch etwas Prozesshaftes.

Generell war es uns wichtig, dass nicht einfach Ergebnisse abgefragt werden, sondern dass Erfahrungen des geistlichen Gesprächs und der Weggemeinschaft aus dem Glauben heraus angestoßen werden. Aus diesem Grund haben wir angeregt, dass sich kleinere oder größere Gruppen zum Gespräch treffen und daraus Rückmeldungen geben. Vom Anspruch der Weltsynode her war klar, dass die Erfahrung von Synodalität einen wichtigen Stellenwert haben sollte, und dass der Konsultationsprozess ein gemeinsamer geistlicher Hör- und Unterscheidungsprozess sein soll. Diese zentrale Dimension der Weltsynode ist in den deutschen Diözesen unterschiedlich stark aufgenommen worden. Manche Diözesen haben solche Gesprächsprozesse in den Mittelpunkt gestellt, andere haben mehr mit Umfragen oder digitalen Rückmeldemöglichkeiten gearbeitet. Wir haben alle Arten von Rückmeldungen angenommen, aber nur gemeinschaftliche Formen der Beteiligung gefördert, und wir haben dazu auch Anregungen für das geistliche Gespräch gegeben.

Bis zum ursprünglichen Abgabetermin beteiligten sich im Bistum Fulda gerade einmal dreizehn Gruppen und siebzehn Einzelpersonen. Die Möglichkeit, sich in einer kleineren oder größeren Gruppe zusammenzutun und über die Homepage „Synodale Kirche“ des Bistums die Inhalte des Gesprächs rückzumelden, wurde offenbar als relativ hochschwellig erfahren. Gut angenommen wurden hingegen zwei digitale Angebote, in denen man miteinander und mit dem Bischof zu den Themen der Weltsynode in geistlichen Austausch treten konnte. Die Gesprächspartner in diesen Formaten charakterisieren die Begegnung als wertvolle Erfahrung von kirchlicher Weggemeinschaft. Für manche war diese Erfahrung als neue Annäherung an die Kirche wichtig, andere entdeckten eine neue Qualität des Austauschs, für wieder andere war die Gesprächsmöglichkeit angesichts des wegbrechenden kirchlichen Lebens vor Ort wichtig. Nicht zuletzt ermöglichte der digitale Raum in seiner Entgrenzung eine synodale Erfahrung als Ortskirche, weil am selben Abend Personen aus verschiedenen Regionen des Bistums mit dem Bischof zum geistlichen Gespräch zusammenkamen. Nach dieser Erfahrung war klar: Solche Gesprächsräume soll es im Bistum weiterhin geben. Die Weltsynode hat uns eine neue Sozialform von Kirche im digitalen Raum entdecken lassen.

Nach zwei Monaten reflektierten wir im Team Weltsynode die bis dahin erfolgte Beteiligung: Die Rückmeldungen waren überschaubar und viele Personengruppen und Regionen im Bistum überhaupt nicht repräsentiert. Wir beschlossen, persönlich Menschen anzusprechen, die mit diesen Gruppen zu tun haben oder in diesen Regionen leben. Erst durch diese persönliche Ansprache kam ein Großteil der Beiträge zustande. Am Ende haben sich insgesamt 43 Gruppen und 44 Einzelpersonen beteiligt, die aus dem gesamten Spektrum des Katholizismus kamen und insgesamt sowohl verschiedene Personenkreise als auch Regionen des Bistums gut repräsentierten. Nun kann man diese Bitte um Beteiligung kritisch sehen. Sollte man nicht meinen, das sei eine Beteiligung, die wir erst hervorgebracht haben? Unsere Erfahrung war anders: Die persönliche Ansprache war wichtig, weil eine „anonyme“ Einladung des Papstes „an alle“ damit auf einmal zu einer persönlichen Einladung wurde. Wir erhielten berührende Rückmeldungen, etwa von Gefangenen aus der JVA Kassel, die schon in der Kirchenzeitung von der Weltsynode gelesen hatten und voll Freude waren, als der Gefängnisseelsorger sie zur Beteiligung einlud. In dieser Phase machten wir eine weitere synodale Lernerfahrung: Es ist wichtig, einander persönlich mit auf den Weg zu nehmen. Die synodale Erfahrung speist sich aus persönlicher Ansprache.

Wie haben die Personen die Gespräche zur Weltsynode erlebt?

Wie haben die Personen die Gespräche zur Weltsynode erlebt? Im Zuge der zweiten Phase, in der wir Gruppen um Beteiligung baten, fragten wir nach verschiedenen Aspekten ihrer Erfahrung. Die höchsten Werte erzielte hier der Aspekt „Erfahrung von Kirchesein in der Gruppe“; ebenfalls hohe Werte erzielten „Verbundenheit miteinander“, „Augenhöhe“, „Angstfreiheit“ und „wertschätzender Umgang“. Ausdrücklich geistliche Aspekte wie „Gebet“, „erfülltes Schweigen“, „spirituelle Erfahrung“ wurden auch benannt, aber weniger häufig.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte hatten die Rückmeldungen?3 Sehr viele Menschen äußerten ihre Sehnsucht, eine inklusivere und beziehungsfähigere Kirche zu werden. Die meisten Rückmeldungen kamen zum Hauptthema der Weltsynode, der Frage nach den „Weggefährten“ der Kirche. Die Wahrnehmung, dass Menschen ausgeschlossen und aktuell nicht Teil der Weggemeinschaft sind, ist quer durch die kirchenpolitischen Lager hindurch konsensfähig; weit auseinander gehen freilich manche Einschätzungen darüber, wer außen vor sei.4 Es wäre wichtig für die Kirche, die beschriebenen Exklusionsprozesse noch besser zu verstehen, um sie zu Inklusionsprozessen hin verändern zu können. In jedem Fall beschränken sie sich in der Wahrnehmung der Teilnehmer an der Weltsynode nicht auf die Gruppen, die aktuell, auch im Zuge des nationalen Synodalen Weges, im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, wie etwa Frauen und LGBTQ. Es sind noch andere Gruppen „außen vor“, weil sie in der faktischen Weggemeinschaft der Kirche kaum vertreten sind; oder sie sind eher Empfänger caritativer Dienste und nicht wirkliche Weggefährten, beispielsweise Menschen mit Migrationshintergrund, sozial und finanziell Benachteiligte, Menschen mit Behinderung. Nicht zufällig betonen gerade Rückmeldungen aus der Caritas, dass alle Menschen zur Kirche gehören und es keine Exklusion geben darf.

Viele Rückmeldungen kamen auch zum Thema „Zuhören“ und „das Wort ergreifen“ sowie – damit in enger Verbindung – „Autorität und Teilhabe“. Nicht oder zu wenig gehört zu werden und an Entscheidungen zu wenig beteiligt zu sein, ist ein großer Schmerzpunkt. Umgekehrt drückt sich in den Beiträgen eine Sehnsucht nach Teilhabe und gemeinsamer Verantwortung aus. Daneben wird auch eine stärkere geistliche Ausrichtung der Kirche gefordert. Die Frage der Teilhabe wird nicht nur auf zwischenmenschlicher und struktureller Ebene gestellt, sondern auch auf Gott hin: Welchen Raum haben Gott und der Heilige Geist in seiner Kirche?

Setzt man die Rückmeldungen zur Qualität der synodalen Erfahrung mit den inhaltlichen Schwerpunkten der Beiträge in Relation, so kann man sagen: Die Sehnsucht nach einer beziehungsfähigeren und inklusiveren Kirche wurde im Geschehen der Weltsynode selbst, in den Gesprächen zur Weggemeinschaft der Kirche, ansatzhaft erfahren. In den Gesprächen zur Weltsynode wurde tatsächlich nicht nur darüber nachgedacht und gesprochen, wie Kirche sein sollte, sondern schon etwas davon anfanghaft praktiziert und erfahren. Auch die Rückmeldungen zur geistlichen Qualität der Gespräche entsprechen inhaltlichen Beiträgen, die eine Sehnsucht nach einer größeren geistlichen Tiefe in kirchlichen Prozessen formulieren. Im Kleinen der diözesanen Phase ist also gelungen, dass in der Weltsynode nicht nur Visionen einer Kirche der Zukunft formuliert, sondern auch im Keim erfahren wurden. Unter den deutschen Diözesen konnten in Fulda relativ viele Menschen zur Beteiligung gewonnen werden – vor dem Anspruch des Papstes, alle zu beteiligen, ist es aber noch eine sehr kleine Zahl. Unsere „synodale Bekehrung“ hin zu einer inklusiveren, beziehungsfähigeren und geistgeführten Kirche gleicht noch dem Herzschlag eines Kükens im Ei. Sie hat gerade erst begonnen. Wie ernsthaft sie sich auf lange Sicht vollzieht, hängt wesentlich davon ab, wie sehr sie in den Ortskirchen gewollt ist und gefördert wird. Das ist Aufgabe der Leitung, aber auch Aufgabe aller.

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