Rezensionen: Philosophie & Ethik

Schmidt, Josef / Schöndorf, Harald / Joosten, Guido (Hgg.): Was glaubt ein Christ? Zentrale Fragen des Christentums einfach beantwortet.
Sankt Augustin: Academia 2022. 209 S. Gb. 22,–.

„Philosophie in Hausschuhen“ ist der Boden, aus dem das Büchlein Was glaubt ein Christ? erwachsen ist. Seit einigen Jahren veranstaltet Guido Joosten Vortragsabende zu philosophischen Themen in der ausgebauten Scheune seines Bauernhauses im Chiemgau, wo zur Schonung der Dielen Hausschuhe zu tragen sind. Zu den Redner*innen gehörten von Anfang an die Religionsphilosophen Josef Schmidt SJ und Harald Schöndorf SJ von der Hochschule für Philosophie in München. Es konnte daher nicht ausbleiben, dass die Reflexion auch theologische Fragen aufwarf, etwa wenn es um die Gottesbeweise ging.

Das Buch vereint katholische, evangelische und orthodoxe Stimmen und umfasst 13 Beiträge zu zentralen Aussagen des Credos sowie zu Maria und den Sakramenten. Jedem Artikel steht eine Zusammenfassung des Inhalts voran. Die Autor*innen verzichten weitestgehend auf philosophische und theologische Fachbegriffe oder erklären diese auf verständliche Weise.

Zwei rote Fäden ziehen sich durch alle Artikel: die Liebe und Zuwendung Gottes zu seinen Menschen sowie die Botschaft von der Auferweckung Jesu als konstitutiv für den christlichen Glauben. Zum Gottesglauben der Christenheit hebt der erste Beitrag das Personsein Gottes hervor. „Der Gott des Christentums ist nicht nur Geist […], sondern auch und vor allem reine, vollkommene Liebe. Diese Liebe aber, die der personale Gott des Christentums in sich selbst ist, will er mit anderen Personen und daher auch und ganz besonders mit uns Menschen teilen“ (17). Aus dieser Liebe ruft Gott die Schöpfung ins Leben. Interessant ist in diesem Artikel, dass der Autor den Himmel als „Inspirationen Gottes“ bezeichnet, für die die Erde empfänglich ist. So kann er mit Bezug auf den Mathematiker und Philosophen Alfred North Whitehead sagen, dass Gott jedem Ereignis die Möglichkeit eröffnet, Neues zu verwirklichen.

Die insbesondere für Muslim*innen problematische Lehre von der Dreifaltigkeit des einen Gottes in drei Personen erläutert der Jesuit Johannes Stoffers unter anderem mit dem Verweis auf das vielfältige Selbst mit seinen inneren Dialogen. Es folgen Beiträge zum Leiden Jesu und zu seiner Botschaft vom Reich Gottes.

Zwei Themen, die zwar nicht dem Glaubensbekenntnis entstammen, aber in den interkonfessionellen Diskussionen der Philosophie-Abende immer wieder „auf den Tisch“ kamen, sind Maria und die Sakramente. Zu beiden bietet das Buch jeweils einen Artikel in evangelischer, katholischer und orthodoxer Perspektive. Hier treten die unterschiedlichen (dogmatischen) Auffassungen der christlichen Konfessionen besonders hervor. Während die evangelische Sicht allein die Bibel als Maßstab gelten lässt, tritt in der katholischen Lehrentwicklung die kirchliche Tradition gleichwertig neben das biblische Zeugnis und in der Orthodoxie prägen apokryphe Schriften sowie Liturgie und Ikonenfrömmigkeit das Marienbild. Statt von Sakramenten spricht die orthodoxe Theologie von sieben Mysterien und drückt damit aus, was für alle Konfessionen gilt, dass nämlich die Art und Weise der Gegenwart Christi in diesen Zeichenhandlungen geheimnisvoll bleibt.

Das Buch gipfelt in zwei Artikeln zur Auferstehung Jesu von den Toten. Der eine ist eine orthodoxe Stellungnahme, aus der man beispielsweise die Bedeutung der Osternachtfeier erfährt. Der andere ist der „Versuch eines philosophisch-theologischen Zugangs zum Glauben an Gott und an die Auferstehung“ des Mitherausgebers Josef Schmidt SJ. Hier kommt das Buch zu seinem philosophischen Ausgangspunkt zurück, sodass neben den theologisch interessierten Leser*innen auch die philosophisch motivierten auf ihre Kosten kommen.

Barbara Schellhammer

Negel, Joachim: Das Virus und der liebe Gott. Unzeitgemäße Betrachtungen.
Freiburg: Herder 2022. 277 S. Gb. 28,–.

Joachim Negel, Fundamentaltheologe in Fribourg und jüngst durch ein wichtiges Buch zum Thema der Freundschaft hervorgetreten, legt hier aus Anlass der Corona-Pandemie einen Band mit „Betrachtungen“ vor, die man übrigens durchaus als zeitgemäß empfinden mag.

Nach einer Anamnese oder „Gemengelage der Stimmungen und Gefühle“, die breit die Situation beschreibt und auch die Sprachlosigkeit der Kirchen angesichts des Virus erwähnt, kommt Negel über ein Intermezzo, das sechs literarische Verarbeitungen von Seuchenerfahrungen vorstellt, in einer Diagnose zu einigen grundsätzlichen fundamentaltheologischen Erwägungen: etwa der Angst vor dem Tod, der Dunkelheit Gottes und der Fragwürdigkeit des modernen Wissenschaftspositivismus. Im sechsten diagnostischen Kapitel beschreibt er beeindruckend die Weite und Tiefe des Kosmos und führt darüber zum Gottesgedanken hin. Die Theodizeefrage hält er für falsch gestellt und nicht weiterführend. In einer recht umfassenden Fundamentaltheologie begründet er den hoffnungsfrohen Gottesglauben neu, angesichts der Erschütterungen der Pandemie. Die Unbegreiflichkeit und Ferne Gottes werden mit seiner Nähe verbunden, insbesondere in der Gestalt Christi, dem man sich – Negel belebt oft alte Worte neu – „ergeben“ kann: Wer sich ergibt, dem widerfährt etwas, das er sich zu eigen macht, dem er aber auch das Seine hinzufügt (124f.). Gottesgeschichten müssen erzählt werden: Die Frage, wie man heute theologisch erkennen und sprechen kann, wird immer wieder hilfreich aufgegriffen. In einem weiteren Intermezzo bezeichnet Negel die „Theologie als verbindliche Dichtung, erprobt im Gebet und in der gemeinschaftsstiftenden Tat“ (145). Im letzten Teil des Buches gibt Negel Therapeutische Ratschläge – warum eigentlich „Schläge“, reicht nicht „Rat“? Diese „Sammlung geistlicher Hausmittel“ greift Schlüsselworte der Pandemie wie „Social Distancing“, „Ansteckung“, „Maske“, „Lockdown“, „Impfung“ und „Corona“ auf und deutet diese theologisch aus, oft mit sprachgeschichtlichem Hintergrund und erstaunlich witzig, mit Anregungen zum tieferen Verstehen und zur spirituellen Praxis.

Wichtige Autoren für Negel sind neben vielen großen Philosophen Friedrich Nietzsche und Albert Camus, aber auch etwa Fulbert Steffensky und Gottfried Bachl – die Auswahl zeigt die Präferenz von kritischem Denken und großer theologischer Sprache. Negel ist ungemein belesen und zitatfreudig; bisweilen hätte dem Buch etwas Reduktion und genauere sprachliche Durcharbeitung (auch Lektorat) gutgetan – angesichts der Schnelllebigkeit der Pandemie hat wohl der Zeit- und Produktionsdruck gewirkt. Dennoch: Das Werk ist, im Gegensatz zu der ansonsten meist schwachen theologischen Pandemie-Literatur, gut lesbar und sehr erhellend. Es bietet eine enorme Fülle von Anregungen. Als Leser fühlt man sich auch in den existentiellen Fragen ernst genommen und behutsam ins theologische Nachdenken geführt. Ohne irgendetwas schönzufärben, ist das Buch im guten Sinn tröstlich und aufbauend.

Stefan Kiechle SJ

Wolbert, Werner: Schmutzige Hände und weiße Westen. Schuld und Unschuld in moralischen Extremsituationen (Studien zur Theologischen Ethik 158).
Basel: Schwabe 2022. 200 S. Kt. 42,–.

Der Band enthält acht Beiträge, von denen außer dem fünften „Banquos Geist – Unschuldige Opfer“ (95-108) die übrigen sieben jeweils an anderen Orten erschienen sind. Wolbert hat sich der Mühe unterzogen, diese Beiträge zu überarbeiten und sie inhaltlich wie auch in den Literaturangaben auf den neuesten Stand zu bringen. Der Titel des Buches knüpft an einen Abschnitt in dem umfangreichen Band (760 S.) von Eberhard Schockenhoff „Keine Ende der Gewalt? Friedensethik für eine globalisierte Welt“ (Freiburg 2018) an, der die Überschrift „Moral der schmutzigen Hände?“ (ebd. 706-709) trägt. Es geht um die Frage, ob ein Staat angesichts terroristischer Bedrohung gegen eigene moralische Prinzipien verstoßen dürfe, um ein Höchstmaß an Gefahren für die eigene Bevölkerung abzuwenden. Allgemein wird das Problem so formuliert: Rechtfertigen gute Ziele schlechte (i.S. von moralisch schlechte) Mittel? (Vom Rez. sei angemerkt, dass schlechte Mittel im deskriptiven Sinne nicht immer auch als moralisch schlecht zu bewerten sind.) Schockenhoff lehnt in diesem Abschnitt die gezielte Tötung von Terroristen ab. Demgegenüber weist Wolbert auf Situationen hin, in denen es „geradezu als Ausdruck echten Engagements, wahrer oder gar heroischer Moralität“ (9) gilt, sich schmutzige Hände zu machen. Er zitiert in diesem Kontext Johann B. Metz, der in einem Spiegel-Interview (1979) sagte: „Es gibt keine Moral der reinen Hände“. Metz formulierte diesen Satz im Zusammenhang mit einer Forderung von Papst Johannes Paul II., Bischöfe und Priester sollten „totale politische Abstinenz“ üben.

Mit diesen wenigen Hinweisen ist eine Problematik angesprochen, der Wolbert in verschiedenen Kontexten (z.B. gezielte Tötungen, „Korruption und Lüge – weiße Westen und schmutzige Geschäfte“, „Barmherzigkeitsfallen oder vom Weißwaschen schmutziger Hände“) differenziert nachgeht, um u.a. auch die Probe aufs Exempel dafür zu liefern, ob und wie eine teleologische Normtheorie theologischer Prägung, die die moralische Richtigkeit von Handlungen nach ihren guten und schlechten Folgen für die jeweils von ihnen Betroffenen bewertet, begründete Antworten dazu bieten kann. Jedenfalls ist es unter moralischer Rücksicht eigentlich unstrittig, dass man durch Nichteinmischen die Hände nicht rein halten kann. In der Gegenüberstellung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik, der Max Weber einen bedeutenden Beitrag gewidmet hat (11-16), wird die Position der Gesinnungsethik mit dem Slogan charakterisiert: „Tu das Rechte, und stell die Folgen Gott anheim“. Im 8. und letzten Kapitel (161-182) plädiert Wolbert dafür, dass wir unter bestimmten Bedingungen für die absehbaren Folgen unseres Handelns Verantwortung tragen, was allerdings allein noch kein Unterscheidungsmerkmal zu einer Ethik deontologischen Typs ist, denn auch für diese Normtheorie sind die guten und schlechten Folgen einer Handlung für die moralische Bewertung normativ ( die mildere Variante) – aber eben nicht nur. In praktischen Urteilen unterscheiden sich deshalb deontologische Theorien dieses Typs von teleologischen kaum. Doch auch teleologische Theorien sind pluralistisch. So unterscheidet sich die christliche Variante sehr wohl von utilitaristischen Ansätzen, wenn diese etwa einen „monistische[n] Hedonismus“ vertreten (163).

Wolbert bietet in seinen Beiträgen eine Fülle von Material und entsprechenden Belegen, die auch zur Nach- und Weiterarbeit anregen. Das Buch sei der aufmerksamen Lektüre empfohlen, zumal der Autor darin auch unter der Hand einen wichtigen Beitrag zu Theorien normativer Ethik bietet.

Josef Schuster SJ

Wüthrich, Matthias D. / Höfner, Markus/ Amesbury, Richard (Hgg): Ehre. Interdisziplinäre Zugänge zu einem prekären Phänomen.
Tübingen: Mohr Siebeck 2021. 287 S. Kt. 79,–.

Weshalb die Ehre heute als ein prekäres Phänomen zu beschreiben ist, zeigen Matthias D. Wüthrich und Markus Höfer in ihrer einleitenden „Problemexploration“ (1-21) auf und begründen zugleich die Motivation des vorliegenden Sammelbandes, die im „Zusammentreffen von unterstellter Phänomenrelevanz und theoretischer Unterbestimmtheit“ (14) besteht. Dabei machen sie auf die gegenwärtige Diskussion des Themas im englischsprachigen Bereich aufmerksam und grenzen sich von dieser durch eine Verortung im deutschsprachigen Raum zugleich ab.

Wie ambivalent die Tradition der Ehre ist, zeigen die Beiträge der „historischen Zugänge“. Winfried Speitkamp zeigt in seiner Darstellung der „Transformationen der Ehre“ (59-74) im Deutschland des 20. Jahrhunderts die anhaltende Bedeutung eines Ehrkonzepts in der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Vorläufer auf. Diese Beschreibung lässt sich komplementieren durch die Beiträge von Ahmet Toprak zur Bedeutung der Ehre in der Jugendkultur (223-235) und Tanja Bührers Untersuchung zu den „Militärkulturen und Ehrkonzeptionen im kolonialen Kontext Deutsch Afrikas“ (237-254).

Den Schwerpunkt bilden die philosophischen und theologischen Aufsätze. Aus philosophischer Perspektive ist Hilge Landweers Bestimmung von „Ehre zwischen Scham und Zorn“ (77-93) hervorzuheben, da es ihr gelingt, das Phänomen der Ehre durch die Berücksichtigung historischer und kultureller Prägung von Ehrenwelten zu beschreiben, in der sich „Rechtsgefühle“ ausbilden. Mit Hilfe einer „phänomenologischen Theologie“ nähert sich Notger Slenczka dem Phänomen der Ehre an (173-198). Zwar sind die Schnittmengen mit anderen Ausführungen des Bandes hoch, Slenczka systematisiert die Überlegungen jedoch am stärksten und ordnet Begriffe und Konzepte ein. Für ihn selbst ist die Kategorie des Selbstverhältnisses von entscheidender Bedeutung, das immer auch extern konstituiert ist, weshalb der Begriff Ehre den Punkt bezeichne, „an dem der wertschätzende Blick der Gemeinschaft dem Individuum nicht gleichgültig ist und nicht gleichgültig sein kann“ (195). Daher kommt der Anerkennung eine wichtige Rolle zu, die im Glauben jedoch als eine Anerkennung durch Gott erfahren werden kann. Hierin gründet die Ehre des Menschen.

Dass die Ehre in der Spätmoderne ein gewisses Unbehagen auslöst, konstatiert Stephanie Klein. In ihren „Überlegungen zur theologischen Bedeutung der Ehre Gottes“ (199-219) erschließt sie die Ehre dennoch als eine „spirituelle und lebensweltliche Ressource“ (214). Diese beruht gerade auf ihrer Ungleichzeitigkeit, weshalb sich die Ehre in jüdisch-christlicher Tradition als eine „paradoxe Ehre“ beschreiben lässt, „die menschlichen Wertmaßstäbe transzendiert und Dimensionen eines neuen Zusammenlebens erschließt“ (214).

Dem Band, dem ein „heuristisch-explorativer Charakter“ (14) zu eigen ist, gelingt es, das Thema der Ehre von unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Die anklingenden Dissonanzen sind mögliche Ansatzpunkte einer weiteren Vertiefung. Die Beschäftigung mit der Ehre zeigt sich so als ein lohnendes Unternehmen, gerade für diejenigen die sich mit dem Wahlspruch des Jesuitenordens „Alles zur größeren Ehre Gottes“ identifizieren.

Jörg Nies SJ

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