Theologie von der Grenzerfahrung herZum 200. Geburtstag von Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Im Werk Dostojewskis spielen seine persönlichen existentiellen Erfahrungen eine entscheidende Rolle. Stephan Lipke SJ betrachtet vor allem den Roman „Der Idiot“ und findet spirituelle und christologische Motive im Zwischenmenschlichen der tragischen Figuren. Lipke leitet das St.-Thomas-Institut in Moskau.

Wohl wenige Menschen haben so intensiv das unruhige 19. Jahrhundert miterlebt wie Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881), und bei kaum jemandem haben intensives Erleben seiner Epoche, ein persönliches Leben voller Schicksalsschläge und die künstlerische Verarbeitung des Erlebten einander so tief durchdrungen wie bei ihm.

Die Karriere des jungen Bergbauingenieurs, dem mit seinem von der Kritik begeistert aufgenommenen Roman in Briefen „Arme Leute“ (1846) ein Durchbruch als erfolgreicher Schriftsteller bevorzustehen schien, wurde jäh unterbrochen, als er im Jahr 1849 wegen Mitgliedschaft in einem Lesekreis verhaftet und als Hochverräter zum Tode verurteilt, dann aber im Dezember 1849 buchstäblich in letzter Minute zu Lagerhaft begnadigt wurde.1 Er selbst erzählt im Roman „Der Idiot“ (1868) die Geschichte eines Menschen, den Fürst Myschkin kannte. „Dieser Mensch wurde einmal heraufgeführt, zusammen mit anderen, aufs Schafott, und ihm wurde verlesen die Verurteilung zum Tod durch Erschießen, wegen eines politischen Verbrechens. Nach etwa zwanzig Minuten wurde ihm auch die Begnadigung verlesen und eine andere Stufe der Bestrafung verhängt; trotzdem aber, in der Zwischenzeit zwischen beiden Urteilen, für zwanzig Minuten oder wenigstens eine Viertelstunde, lebte er in der zweifellosen Überzeugung, dass er in ein paar Minuten plötzlich stirbt“2.

Die folgenden fünf Jahre Lagerhaft in Omsk, die ihn ebenfalls tief geprägt haben, beschreibt Dostojewski in seinen „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, die allerdings nicht eindeutig autobiografisch sind, sondern eher fiktionale Prosa mit autobiografischem Hintergrund. Es folgen fünf weitere Jahre in der sibirischen Verbannung, während derer er die Witwe Maria Isajewa heiratet. Erst 1859, nach der endgültigen Begnadigung Dostojewskis durch den Reformkaiser Alexander II., kehrt das Ehepaar in den europäischen Teil Russlands zurück. Die folgenden Jahre sind gekennzeichnet von Reisen nach Mittel- und Westeuropa (auf das er zunehmend negativ blickt), einer Liebesaffäre mit der jungen, emanzipierten Apollinaria Suslowa, dem Tod seiner Frau Maria und Dostojewskis ruinöser Spielsucht. Diese Erfahrungen verarbeitet Dostojewski vor allem im Roman „Der Spieler“. Eine Wende bringt die Heirat mit Anna Snitkina, mit der er vier Jahre lang in Italien, der Schweiz und Deutschland lebt, vier Kinder hat, schließlich nach einem letzten Bankrott 1871 das Roulettespielen aufgibt und die letzten zehn Jahre seines Lebens recht geordnet in Russland verbringt.

Insbesondere in seinen fünf großen Romanen „Verbrechen und Strafe“ („Schuld und Sühne“), „Der Idiot“, „Böse Geister“ („Die Dämonen“), „Ein grüner Junge“ („Der Jüngling“) sowie „Die Brüder Karamasow“ erörtert Dostojewski sowohl die wesentlichen Ereignisse seiner Zeit als auch die wichtigen Fragen der Menschheit: die Freiheit der Persönlichkeit und die Rolle von außerordentlichen Gestalten wie Napoleon, den Kampf um die Macht zwischen dem Papst und den Staaten, die Befreiung der Balkanvölker, das Aufkommen des Sozialismus, das Verhältnis zwischen Russland und Europa, die Konkurrenz zwischen Vätern und Söhnen und vieles mehr. Insofern ist das, was sonst in der russischen Literatur auf mehrere Autoren verteilt ist, besonders auf Dostojewskis Zeitgenossen Nikolai Gogol (1809-1852), Iwan Turgenjew (1818-1883) und Lew Tolstoi (1828-1910), bei Dostojewski wie in einem Fokus gebündelt.

Für die Theologie ist dabei nicht zuletzt wichtig, wie sehr sich bei Dostojewski Denken und Leben überkreuzen: Von der Erfahrung der Todesnähe bei der in letzter Minute abgesagten Hinrichtung und von der Erfahrung der Haft war bereits die Rede. Aber auch die tiefen Reflexionen über Gut und Böse und über die Reue in „Verbrechen und Strafe“ sowie in „Die Brüder Karamasow“ gewinnen eine besondere Ernsthaftigkeit, wenn man bedenkt, wie viel Böses Dostojewski selbst vor allem seiner zweiten Frau Anna in Folge seiner Spielsucht angetan hat.

Besonders wichtig ist aber der Zusammenhang zwischen Dostojewskis Kunst, seinem Denken und seiner Epilepsie: Im Roman „Der Idiot“ beschreibt Dostojewski, wie die Hauptfigur, Fürst Myschkin, die letzten Momente vor einem epileptischen Anfall empfindet: als eine „verzehnfachte“ Empfindung der Wirklichkeit, als krankhaft und doch als „Schönheit und Gebet“ sowie als „höchste Synthese des Lebens“ (Idiot, 326-327). Insofern liegt es nahe, die prophetische Gabe, das existenzielle Gespür dafür, was vor sich geht, welches Nikolai Berdjajew Dostojewski zuschreibt,3 mit seiner Epilepsie in Verbindung zu bringen – ähnlich wie die außergewöhnliche Gotteserfahrung des Bileam (Num 24, 4) oder des Paulus (Apg 9,3-4; 22,6-7).4

Die Macht des Todes

Auch sonst lohnt es sich für gläubige oder suchende Menschen, immer wieder zum Roman „Der Idiot“ zu greifen. Nicht umsonst bezieht sich Kardinal Martini in seinem Hirtenbrief zum Jahrtausendwechsel auf die berühmte Frage: „Welche Schönheit rettet die Welt?“ (Idiot, 554). Und nicht zufällig zitiert die Enzyklika „Lumen fidei“ (16) die Worte des Fürsten Myschkin, dass beim Anblick des Bildes „Der Leichnam Christi im Grabe“ von Hans Holbein d. J. „dem einen oder anderen noch der Glaube verloren gehen kann“ (Idiot, 316). Nach den beiden Weltkriegen, den Genoziden des 20. Jahrhunderts, v.a. aber nach dem Holocaust können wir wohl noch besser nachvollziehen, was Fürst Myschkin, besonders aber der junge, tuberkulosekranke Ippolit, empfinden, während sie das Bild des zu Tode gequälten Christus betrachten. Ippolit drückt es so aus: „Man stellt sich die Natur beim Anblick dieses Bildes wie eine gigantische, unerbittliche und stumme Bestie vor, oder (…) wie irgendeine gigantische Maschine neuester Bauart, die es sinnlos in sich ergriffen, zerbrochen und verschlungen hat, taub und gefühllos, das großartige und unschätzbare Wesen – ein solches Wesen, welches alleine so viel wert war wie die ganze Natur und alle ihre Gesetze, die ganze Erde, welche nur geschaffen wurde, möglicherweise, nur mit dem Ziel des Erscheinens dieses Wesens!“ Die Natur ist hier dargestellt als gewaltige, todbringende „Maschine“, die sogar Christus, dieses „unschätzbare Wesen“, zerstört hat – wobei man, wenn überhaupt, wohl eher von der menschlichen Natur als von der Natur als solcher sprechen muss, denn Christus ist ja nicht einer heimtückischen Krankheit, sondern der Gewalt seiner Mitmenschen zum Opfer gefallen, wie auch Ippolit selbst betont (Idiot, 591 f.).

Die Macht des Todes zeigt sich im Roman vor allem an Nastasja Filippowna Baraschkowa. Bereits als Fürst Myschkin ihr Porträtfoto sieht (übrigens ein weiterer Hinweis, wie sehr Dostojewski auf der Höhe seiner Zeit war!), bewundert er ihre Schönheit (Idiot, 45). Er sieht aber auch an ihren Augen, dass sie wohl „furchtbar gelitten“ hat, und bringt sowohl Sorge um sie als auch Hoffnung zum Ausdruck, denn was er sieht, ist „ein stolzes Gesicht, ein furchtbar stolzes, und, schau, ich weiß nicht, ist sie gut? Ach, wenn doch gut! Alles wäre gerettet!“ (Idiot, 53)5.

Doch es stellt sich heraus, dass Nastasja Filippowna nicht „gut“ im moralischen Sinne ist, und genau deshalb nimmt sie ein böses Ende: Mehrmals verlässt sie den Fürsten, der sie gerne retten möchte, für den leidenschaftlichen Rogozhin, das letzte Mal, während der Fürst schon vor dem Traualtar auf sie wartet (Idiot, 246-249, 303, 853). Das tut sie nicht obwohl, sondern vielmehr weil sie weiß, dass sie bei Rogozhin „das Messer erwartet“, mit dem er sie letzten Endes ersticht (Idiot, 312, 881). Damit erfüllt sich, was der Fürst bereits gefürchtet haben mag, als er noch auf ihre Rettung hoffte: Von Anfang an war Nastasja Filippowna gleichsam zum Tode verurteilt. Und es ist sicher kein Zufall, dass das Haus, in dem sie ermordet wird, ganz in der Nähe des Semjonow-Platzes liegt, wo einst Dostojewski hingerichtet werden sollte (Idiot, 872-874).6

Der Grund für ihre innere Verlorenheit ist, dass sie als Jugendliche sexuell missbraucht wurde: Nachdem ihre Eltern verarmt und früh verstorben waren, kam sie in die Obhut eines reichen, dreißig Jahre älteren Nachbarn namens
Totski. Dieser brachte sie auf einem Landgut unter, erkannte ihre Schönheit, als sie zwölf Jahre alt war, ließ ihr eine exquisite Erziehung zukommen und trat vier Jahre später in sexuellen Kontakt mit ihr (Idiot, 59-61). Nun sind die sexuellen Kontakte seit einiger Zeit beendet. Totski möchte eine „gute Partie“ machen und deshalb Nastasja Filippowna mit einer beachtlichen Mitgift verheiraten, damit die Erinnerung an seine sexuellen Kontakte mit ihr seiner Reputation und damit seinen Heiratsplänen nicht schadet (Idiot, 58 f., 74 f.).

Nastasja Filippowna ist stark genug, um sich gegen diesen Plan zur Wehr zu setzen (Idiot, 224-225). Sie kann aber insofern die Folgen der sexuellen Gewalt nicht hinter sich lassen, als sie sich schuldig und schmutzig fühlt und den zwar gleichaltrigen, aber lebensunerfahrenen Fürsten verlässt, weil sie – im Unterschied zu Totski – kein „kleines Kind verderben“ möchte (Idiot, 238, 246). Ihrem Tod gehen dann sexuell konnotierte Erniedrigungen voraus, denn auf dem Weg zu ihrer Trauung hört sie Schreie von Schaulustigen, dass sie „nicht die Erste und nicht die Letzte“ sei, die nicht als Jungfrau in die Ehe geht, und Vergleiche mit Kleopatra, die in den Worten einer Ballade von Puschkin als männermordender Vamp beschrieben wird (Idiot, 858). Ebendiese Schreie bringen sie dazu, nicht zur Kirche zu Myschkin zu fahren, sondern zu Rogozhin, ihrem baldigen Mörder. Sogar noch der Mord selbst lässt an sexuellen Missbrauch denken, denn die Wunde, die Rogozhin Nastasja Filiippowna zufügt, ist tief, das Messer geht direkt bis ins Herz, aber man kann die Wunde fast nicht bemerken, denn es fließt kaum Blut (Idiot, 881) – ähnlich, wie es manchen Menschen nach sexuellem Missbrauch ergeht, deren Wunde tief ist, aber von anderen (fast) nicht bemerkt wird. Insofern zerstört so, wie die Todesmaschine den Holbein’schen Christus vernichtet hat, der Tod, nicht zuletzt mit der Macht sexueller Gewalt, auch Nastasja Filippowna.

Auch Fürst Myschkin mit seinem Wohlwollen kann sie nicht retten, denn er ist schon bald nicht mehr der arme und naive „Idiot“, als der er von seiner wegen Geldmangels abgebrochenen Therapie aus der Schweiz zurückkehrt und dem Nastasja bedingungslos vertraut (Idiot, 8-10, 225). Er erbt nämlich ein Vermögen und gehört damit in gewisser Weise zum Establishment, und Nastasja scheinen seine tröstenden Worte leer zu sein – wie „aus Romanen“ (Idiot, 238-240). Deshalb ist es berechtigt, mit Michael Holquist die Rolle Myschkins als Retter infrage zu stellen und im Roman „Lücken in der Christologie“ auszumachen.7

Eine Wende?

Allerdings ist nicht ausgemacht, dass Nastasja Filippowna endgültig vernichtet ist. Denn es lohnt sich, mit Tatjana Kasatkina ein Detail zu beachten: Als darüber gesprochen wird, dass Nastasja Filippowna noch am selben Abend auf ihrer Geburtstagsfeier verkünden will, ob sie Totskis Vorschlag annimmt, Ganja zu heiraten, den Sekretär seines Freundes General Jepantschin, von dessen Töchtern Totski selbst eine heiraten möchte, fragt die Generalin Jepantschina nach dem Datum. Auf die Auskunft, dass es der 27. November ist, reagiert sie: „Das ist gut, nach einer gewissen Berechnung“ (Idiot, 121). Dieses Datum ist deshalb wichtig, weil am 27. November (gemäß dem Julianischen Kalander) die orthodoxe Kirche das Fest der Ikone „Muttergottes des Zeichens“ feiert. Von ihr wird erzählt, dass der Nowgoroder Bischof sie während eines Krieges in einer Prozession vorantrug und dass sie sich plötzlich umdrehte, ihm auf die Gewänder weinte und damit den Sieg versprach, der dann tatsächlich eintrat.8 Genauso wird von Nastasja Filippowna gesagt, dass man mit einer solchen Schönheit wie ihrer, einer Schönheit, die von „furchtbarem Leiden“ zeugt, „die Welt umdrehen“ kann (Idiot, 119).9

Tatsächlich kommt es auf Nastasja Filippownas Geburtstagsfeier zu einer Wende, als sie es ablehnt, Ganja zu heiraten. Damit scheitern Totskis Heiratspläne. Er ist gezwungen, anzuerkennen, dass Nastasja Filippowna wie ein „ungeschliffener Diamant“ ist und dass seine Bemühungen, sie durch Bildung umzuformen, gescheitert sind (Idiot, 256). Der übermächtige Afanasij Iwanowitsch Totski verschwindet für immer aus dem Roman, denn von ihm, der lange Nastasja Filippowna wie eine Gefangene gehalten hat, hört man, dass er „sich gefangen nehmen ließ von einer zugereisten Französin aus der höchsten Gesellschaft (…), dass die Ehe zustande kommt und dass sie Afanasij Iwanowitsch wegbringen nach Paris, und danach irgendwohin in die Bretagne“ (Idiot, 268).

Hier können wir, trotz des offensichtlichen Untergangs von Nastasja Filippowna, zumindest die Frage stellen, ob ihr Name nicht ebenfalls auf eine Wende hinweist: Denn „Baraschek“ bedeutet übersetzt „Lamm“, während der Name „Nastasja“ („Anastasia“) auf die „Anastasis“ (griech. Auferstehung) hinweist. Auf diese Weise bleibt zumindest die Möglichkeit offen, dass Nastasja Filippowna Baraschkowa, das geschlachtete „Lamm“ und Opfer der (sexuellen) Gewalt, vielleicht doch auferstandene Siegerin bleibt und den übermächtigen, „unsterblichen“ Afanasij Totski überwindet. Insofern ist im Roman zumindest die Ahnung vorhanden, dass wahr sein könnte, was Maria im Lukasevangelium bekennt: Gott „stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ (Lk 1,52).

Der „russische Gott und Christus“

Die Frage nach Tod und Auferstehung lässt sich noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. „Der Leichnam Christi im Grabe“, das Bild, vor dem man sogar den Glauben verlieren kann, weil es von der Übermacht des Todes zeugt, hängt in Basel und ist ein Werk der westeuropäischen Kunst. Ihm stellt Dostojewski eine (inszenierte) orthodoxe Ikone der Grablegung gegenüber: Nachdem Fürst Myschkin die ermordete Nastasja Filippowna gesehen hat, verliert er den Verstand. Er wird wieder in die Schweiz gebracht, wo er in völliger Umnachtung daliegt, umgeben von einigen Männern und Frauen, wie Jesus von Josef und Nikodemus, Maria, Maria Magdalena und Johannes (Idiot, 886-889).10 So kontrastiert mit dem toten Christus des Westens, in dem der Leichnam allein dargestellt ist und vom Sieg des Todes zeugt, eine „Grablegung“, in welcher der tote Christus von einer Gemeinschaft mit lebendigem Glauben umgeben ist. Tatsächlich drückt genau in diesem Moment die Generalin Jepantschina ihre Überzeugung aus, dass der Westen „eine einzige Fantasie“ ist, auf die es sich nicht lohnt zu hoffen (Idiot, 890).

Fürst Myschkin selbst meint, dass Russland sich nicht „den Jesuiten an den Angelhaken“ begeben sollte, sondern dass „im Widerstand zum Westen unser Christus aufleuchte, den wir bewahrt haben und den sie noch nicht einmal kannten“. Tatsächlich liegt der Verdacht nahe, dass nach Meinung Dostojewskis – wobei der Fürst betont, dass das keineswegs für jeden einzelnen Christen gilt – das westliche Christentum als solches nur (mehr) einen toten Christus hat (Idiot, 788). Der Protestantismus hat seiner Meinung nach Christus durch trockenen Moralismus ersetzt, was man daran erkennen kann, dass die junge Marie, die der Fürst während seines ersten Aufenthalts in der Schweiz kennen lernt und die von einem Handelsreisenden sexuell ausgenutzt und dann verlassen wird, vom protestantischen Pastor des Dorfes und dem Lehrer als schamlos und verdorben beschimpft wird (Idiot, 100-105). Der Katholizismus hingegen ersetzt Christus durch die Allmacht des Papstes, kann aber seinen Betrug nicht verbergen und wird damit zur Ursache des Atheismus (Idiot, 785-787). Eben deshalb gibt es eine künftige „Erneuerung der ganzen Menschheit und ihre Auferstehung, kann sein, nur durch den russischen Gedanken, durch den russischen Gott und Christus“ (Idiot, 790).

Der Fürst, der ja, wie wir gesehen haben, keineswegs ein erfolgreicher Retter ist, macht jedoch einen hilflosen Versuch, den „russischen Gott und Christus“ anzubieten, wo der „Leichnam Christi im Grabe“ die Herrschaft angetreten hat: Als Rogozhin ihm seine Kopie des Holbein-Bildes gezeigt und erzählt hat, dass er sie gerne anschaut, reagiert Myschkin nach dem ersten Schrecken, indem er Rogozhin zwei Geschichten vom Glauben des russischen Volkes erzählt: Zunächst erzählt er von einem Bauern, der zu zweit mit einem Freund in einer Herbergskammer übernachtet. Dieser Bauer entdeckt auf einmal bei seinem Freund eine silberne Uhr und wird von dem Verlangen überwältigt, diese Uhr haben zu müssen. Deshalb „nahm er ein Messer und, als der Freund sich wegdrehte, schlich er sich vorsichtig von hinten an ihn heran, holte aus, erhob die Augen zum Himmel, bekreuzigte sich und, nachdem er mit bitterem Gebet für sich ausgesprochen hatte: ‚Herr, verzeih um Christi willen!‘ erstach er seinen Freund mit einem Mal, wie einen Widder (baran, das Wort hat dieselbe Wurzel wie Baraschkowa), und nahm ihm die Uhr weg“ (Idiot, 316-318). Hier ist interessant, dass der Bauer, der einen besonders grausamen Mord begeht, zugleich wie ein Priester beim Opfer, wie ein Opfer seiner Leidenschaft und wie ein trotz allem auf Gottes Barmherzigkeit hoffender Mensch dargestellt wird.

Weiter erzählt der Fürst von einem Soldaten, den er am liebsten verurteilen würde (sich dann aber doch zurückhält), weil dieser ihm sein (Tauf-) Kreuz verkauft, um Alkohol kaufen zu können, dann aber auch von einer jungen Mutter, die sich bekreuzigt, als sie ihr kleines Kind zum ersten Mal lächeln sieht. Das tut sie nach ihren eigenen Worten aus folgendem Beweggrund: „Genauso, wie eine Mutter Freude empfindet, wenn sie das erste Lächeln bei ihrem Baby bemerkt, genau eine solche Freude herrscht bei Gott jedes Mal, wenn er vom Himmel erblickt, dass ein Sünder vor ihm aus ganzem Herzen anfängt zu beten“. Daraus folgert Myschkin, dass man „am ehesten am russischen Herzen“ bemerken kann, dass „das ganze Wesen des Christentums“ und „das Wesen des religiösen Gefühls“ nicht an „Überlegungen“, „Fehltritten und Verbrechen“ oder „Atheismen“ hängt, sondern an der väterlichen Liebe Gottes zu seinen Kindern (Idiot, 319 f.).

Vor dem Hintergrund der Biografie Dostojewskis lädt „Der Idiot“ dazu ein, sich der Gottesfrage nicht von der „Mitte“ des (vermeintlichen oder tatsächlichen) protestantisch-bürgerlichen Moralismus oder des römischen Zentralismus zu nähern, sondern von der Grenzerfahrung der russischen volkstümlichen Frömmigkeit sowie der Krankheit, in Dostojewskis eigenem Fall: der Epilepsie her. Das kann nach dem Zeugnis des Romans zu einem intensiven Erlebnis des Bösen, aber gerade deshalb auch der Heiligkeit und der Vergebung führen. Es konfrontiert den gläubigen oder suchenden Menschen mit der Macht des Todes, gerade auch wenn hinter ihm die (sexuelle) Gewalt steht; zugleich aber erlaubt es diese Grenzerfahrung, trotz allem auf die Auferstehung zu hoffen.

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