Rezensionen: Philosophie & Ethik

Taylor, Bron: Dunkelgrüne Religion. Naturspiritualität und die Zukunft des Planeten.
Aus dem Engl. und mit einer Nachbemerkung von Kocku von Stuckrad. Paderborn: Wilhelm Fink 2020. 403 S. Gb. 34,90.

„Wir Menschen und die anderen Tiere“ so steht es mehrfach in dem Buch von Bron Taylor über die „Dunkelgrüne Religion“. Zwar werden neben Spinoza, Rousseau, Darwin, Thoreau, Aldo Leopold, Paul Watson auch Teilhard de Chardin SJ und Thomas Berry CP unter den Vordenkern einer dunkelgrünen Religion genannt, aber im Wesentlichen ist das Buch ein Angriff auf den Anthropozentrismus, im Text auch oft gegen den deutschen Sprachgebrauch „Humanismus“ genannt, den das Judentum, das Christentum und der Islam hervorgebracht haben.

Das Christentum kennt der Autor, der zugleich der Herausgeber der „Encyclopedia of Religion and Nature“ (London und New York 2005) ist, vorwiegend in seiner nordamerikanischen, evangelikalen Ausprägung. Max Weber (Die Ethik des Protestantismus und der Geist des Kapitalismus, 1908) kennt er ebenso wenig wie Peter Hersche (Muße und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter, 2006). Taylor schreibt (12): „Es ist … wichtig grüne Religion (umweltfreundliches Verhalten ist eine religiöse Pflicht) von dunkelgrüner Religion (die Natur ist heilig und hat intrinsische Werte, deshalb gebührt ihr ehrender Schutz) zu unterscheiden“. Dunkelgrüne Religion verehrt die Erde als Göttin Gaia. In Taylors „flexibler Definition von Religion“ (299) finden viele Phänomene Platz, z.B. das Surfen als religiöses Erleben des Ozeans, aktiver Umweltschutz, der bis zum Terrorismus reicht, und die Vorstellung, die Zahl der Menschen auf der Erde auf weniger als eine Milliarde zu beschränken. „Am Ende wird Gaia wie immer die Keulungen vornehmen und die eliminieren, die ihre Regeln brechen“ (54, Zit. aus James Lovelock: Revenge of Gaia. New York 2006). Im Vergleich zur Keulung von sieben Milliarden Menschen sind die apokalyptischen Reiter Sonntagsausflügler.

 „Wenn wir überleben wollen, brauchen wir eine neue Geschichte, einen neuen Mythos und eine neue Religion. Wir müssen den Anthropozentrismus durch Biozentrismus ersetzen. Wir müssen eine Religion entwerfen, die alle Arten einbezieht und die Natur respektiert und als heilig betrachtet“ (132, Zit. aus Paul Watson: Biocentric Religion, a Call for. In: Encyclopedia of Religion and Nature 2005).

Im Licht der grünen und dunkelgrünen Bewegungen und Publikationen müssen die Kirchen ihre Position(en) zur Ökologie überdenken. Die Berufung auf Gen 1,28: „Macht euch die Erde untertan … herrscht über alles Getier“ genügt nicht mehr, um unsere Verantwortung für die Ausplünderung des Planeten zu rechtfertigen. Das Wort stammt aus einer Zeit, als die Erde noch als Scheibe unter dem Himmel angesehen wurde, Viehzucht und Ackerbau im Vorderen Orient zur Bildung von Staaten und Religionen anregten. Wir müssen es in unsere Kosmologie übersetzen, in Wort und Tat. Das ist nicht nur eine Aufgabe für Exegeten, sondern für alle Gemeinden und Religionsgemeinschaften dieser Erde. „Weltethos“ und „Verantwortungsethik“ sind Begriffe für das Handeln nach dem Evangelium: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan oder nicht getan habt… (Mt 25,40). In der Klimakrise sitzen unsere Schwestern und Brüder auch in Afrika und Ozeanien. Da alle Menschen von Luft, Wasser und Erde, Pflanzen und Tieren leben, ist globaler Umweltschutz Christenpflicht, auch wenn wir nicht die Schöpfung als Heilig verehren, sondern den Schöpfer.

                Peter B. Steiner

 

Herzberg, Stephan: Ethischer Realismus. Zum Ethik-Konzept Josef Piepers.
Münster: Aschendorff 2020. 53 S. Kt. 7,80.

Therapien, so wissen wir heute, sind vor allem dann erfolgreich, wenn sie sich an den Möglichkeiten des Menschen orientieren. Ressourcenorientierung ist ein Begriff, der erst erfunden werden musste. Dabei würde er sehr gut beschreiben, was Josef Pieper als grundlegendes Konzept der aristotelischen Ethik erhebt. Ethik ist für Piper engstens mit dem Bild vom Menschen verbunden, genauer mit der Möglichkeit des Menschen zum Guten. Das Gute vom Möglichen zum Wirklichen zu führen ist für Piper sittliches Handeln.

Der Satz, „Werde was du bist!“, bekommt seine ganze Dynamik für Pieper erst aus der Erkenntnis, dass es mich als Menschen deswegen gibt, weil ich vom Schöpfer in Liebe gewollt bin. Diesem liebenden Ur-Wollen des Schöpfers entspricht ein grundlegendes Gespür dafür, dass das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen ist. Pieper nennt dies das „Ur-Gewissen“, noch vor jeder inhaltlichen Bestimmung.

Das Verdienst von Herzberg ist es, den Grundansatz von Pieper in der ursprünglichen Klarheit zu referieren und mit grundlegenden Anfragen aus der modernen Philosophie zu konfrontieren. Dazu lohnt es, die Fußnoten im Blick zu behalten. Herzberg braucht nur 53 Seiten. An der knappen Klarheit von Pieper geschult, vermag er deutlich zu machen, dass und wie der naturalistische Fehlschluss ebenso wie ein moralistischer Fehlschluss vermieden werden kann, wenn statt einer dogmatischen Naturrechtsethik eine dynamische, die Möglichkeiten der Schöpfung des Menschen immer neu entdeckende Seins-Ethik entgegengestellt wird. Pieper selbst wird in seiner Tugendethik die Fruchtbarkeit dieses Ansatzes entfalten.

Weder Pieper noch Herzberg sagen dies ausdrücklich, aber natürlich ist diese existenzielle Ethik in ihrer Dringlichkeit nicht zu verstehen ohne den Blick auf das Blutbad des entfesselten autonomen Willens in den großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Nicht zufällig ist Pieper ursprünglich Soziologe und Philosoph. Es ist immer noch erhellend zu sehen, wie es ihm 1934 gelungen ist, durch eine Zusammenstellung weniger Zitate von Thomas von Aquin dem pathetisch-hohlen nationalsozialistischen Begriff der „Tapferkeit“ einen Ausblick auf die Möglichkeit des sittlichen Seins des Menschen entgegenzustellen. Nicht zufällig, so sei am Rande vermerkt, entspricht die Freiheit, die Ignatius von Loyola als Ziel der Exerzitien sieht, sehr dem Tugendbegriff, wie ihn Pieper philosophisch referiert.

Ignatius hat einen wachen Blick auf die unsachlichen Motive (das Streben nach Ansehen, Reichtum, Macht und Gesundheit…), die den Blick auf das je Gesollte trüben.
Wer diesen schmalen Band des Frankfurter Philosophen Herzberg gelesen hat, wird nach dem Original bei Pieper greifen. Dabei verweist Herzberg weniger auf dessen bekannten Traktate zu den Kardinaltugenden, sondern mehr auf die kleinen Schriften „Die Wirklichkeit und das Gute“ (1935 als Überarbeitung seiner Dissertation von 1928) sowie „Glück und Kontemplation“ (1957). Doch egal, ob man Pieper schon zuvor entdeckt hat oder über Herzberg einen Zugang zu ihm sucht, ist diese kleine Schrift mit Gewinn zu lesen. Josef Pieper, so wird deutlich, ist nach wie vor ein zukunftsweisender philosophischer Denker.

                Martin Löwenstein SJ

 

Goldstein, Jürgen: Hans Blumenberg. Ein philosophisches Porträt.
Berlin: Matthes & Seitz 2020. 620 S. Gb. 34,–.

„Die Anstrengungen, die von Menschen unternommen werden, Menschen zu trösten, sind immens, aber selten erfolgreich.“ So resignierend lässt Sybille Lewitscharoff ihren Protagonisten Blumenberg im gleichnamigen Roman eine Vorlesung an der Universität Münster beginnen. Obgleich das Zitat allenfalls eine Annäherung an originale Äußerungen des wahren Hans Blumenberg darstellt, steckt doch viel Einsicht über den Philosophen darin. So viel Erkenntnis gibt es, dass sich gleich zwei umfangreiche Biografien anlässlich des hundertsten Geburtstages (2020) Hans Blumenberg widmen: eine eher literarisch orientiert (Suhrkamp), die andere von Jürgen Goldstein, einem ausgewiesenen Kenner Blumenbergs und Professor für Philosophie an der Universität Koblenz-Landau. Goldstein skizziert einen unermüdlich Suchenden, dessen katholische Herkunft und philosophische Auseinandersetzung mit der Metaphysik weitaus bedeutender ist, als es die bloße literarische Rezeption seines Werkes vermuten lässt.

Hans Blumenberg entstammte der lübschen Diaspora, ein Umstand, der nicht zu vernachlässigen ist. Katholiken hatten es seit der Reformation schwer im protestantischen Norden, doch wächst er in einer Familie auf, die vonseiten des Vaters sehr enge Beziehungen zur Kirche besaß. So will er Theologie studieren, geht zu den Jesuiten nach Sankt Georgen in Frankfurt am Main, muss das Studium aber schon bald aufgrund der jüdischen Herkunft der Mutter abbrechen. Er überlebt, teils im Versteck, in seiner Heimatstadt. Nach dem Krieg geht er zum Studium nach Hamburg und Kiel und wendet sich der Philosophie zu.

Mitte der 60er-Jahre wendet sich Blumenberg vom tradierten und sozialisierten Glauben ab und der phänomenologischen Anthropologie zu. „Fluchtlinie“ seines gesamten Werkes, so Goldstein, sei die Anthropologie. Galt seine Habilitation in Kiel noch der Allmacht Gottes, geht es ihm jetzt um die Möglichkeiten des Menschen. Bezeichnenderweise kulminiert diese Fluchtlinie seines Denkens in einem Werk, das erst postum herausgebracht wird. Die Erkenntnis der Wirklichkeit lässt schaudern. Gott ist in der Sicht Blumenbergs in seinem Handeln und vor allem in seinem Willen frei, und fast möchte man sagen: willkürlich. „Alle deutenden Zugriffe“, so Blumenberg, „ihn zu rationalisieren und motivieren, müssen an [der] absoluten Willentlichkeit scheitern.“ Wie aber kann der Mensch mit diesem Gott umgehen, der absoluter Wille, gar absolute Spontaneität ist?

Des Menschen Leben changiert zwischen der Unbegreiflichkeit des Daseins und der Bewältigung dieser Leere durch die Kreativität des Mythos, der Erzählung und ja, auch der Religion. Notwendig ist dafür ein gewisser Abstand, etwas, das wir im umfassenden Sinn eine Kultur nennen können. Der Trost, so Blumenberg, ist „eine Form der Distanzierung von Wirklichkeit“ und mag ein Weiterleben ermöglichen. Gleichwohl sind Untröstlichkeit und Verzweiflung immer möglich. Blumenberg führt diese für das Subjekt entsetzliche Lücke und das daraus resultierende „Schaudern“ aus, beschreibt aber gleichzeitig in seinem gesamten Werk Möglichkeiten der Kontingenzbewältigung. Dazu gehören für ihn u.a. technische Errungenschaften, Erfindergeist als Aufbegehren gegen göttliche Willkür, Vernunft als Weg, „mit der Welt fertig werden zu können“. Goldstein nennt das „Selbsterhaltung“ (231). Der Mensch mag zwar zaudern, nicht aber, weil er unvernünftig ist. Ganz im Gegenteil erlaubt seine Vernunft die ganze Zauderei. Diese wiederum ist eine notwendige Bedingung für die Reflexion als Grundlage jeglicher Erzählung zur Kontingenzbewältigung.

Aktuell sind diese Gedanken allemal, greift doch die Erkenntnis der naturgegebenen Kontingenz in einer von digitalem Fortschritt und Heilsversprechen (bis hin zum Transhumanismus) ebenso getriebenen Welt wie dem Anspruch, alle Probleme des menschlichen Lebens wissenschaftlich lösen zu können, immer weiter Raum. „Eine der größten Herausforderungen für eine moderne Christologie ist eben der Mangel an Erlösungsbedürftigkeit der durch sie Angesprochenen“ (473). Die Theologie Blumenbergs sei, so Goldstein, eben „keine Deutung eines Offenbarungsgeschehens, sondern […] eine philosophische Spekulation über den Bedeutsamkeitskern des mythischen Dramas zwischen Gott und Mensch“ (482). Das sind Gedanken, die der Postmoderne – wenn wir uns denn darin befinden – entsprechen. Aufgabe der Theologie wäre es nun, die passende Narration zu finden.

Jürgen Goldstein hat das alles hervorragend und umfassend aufgearbeitet und zudem in einem auch für Laien lesbaren Band zusammengefasst. Er leistet, was eine gute Biografie leisten muss: Nach erfolgter Lektüre geht es zu den Quellen. Jetzt müsste erst recht begonnen werden, Blumenberg neu zu lesen. Und der Philosoph selbst? Er betrieb offensichtlich Philosophie zur Kontingenzbewältigung. Wir dürfen uns Hans Blumenberg als einen Getrösteten vorstellen.

Martin Lätzel

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